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Leselupe.de > Erzählungen
Helenas Geschichte
Eingestellt am 04. 04. 2003 14:52


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Silke_Honert
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2003

Werke: 8
Kommentare: 1
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„Es tut mir leid, Kleines, aber ich habe keine Ahnung, wie wir in diesem Durcheinander finden sollen, was Du suchst…was auch immer das sein mag“, kam es dumpf aus der großen Seemannskiste, in die Jack seinen Kopf gesteckt hatte.
   „Das habe ich Dir doch gesagt“, erwiderte Kelly schnaufend, die sich damit abmühte, einen alten Kleiderschrank wenigstens ein paar Zentimeter zur Seite zu bewegen, damit sie dahinter sehen konnte.
   „Ja…klar, irgendetwas, das mit Deiner Ur-Ur-Ur-Großtante zu tun hat“, meinte Jack und hielt ratlos ein vergilbtes Korsett in die Höhe, dass vermutlich noch aus dem 19. Jahrhundert stammte.
   „Richtig. Tagebücher, Fotos, was auch immer.“
   „Und was hat es mit besagter Tante so auf sich?“, erkundigte er sich mäßig interessiert, „ist die Gute vielleicht eine Nymphomanin gewesen? Oder womöglich eine Serienmörderin, die ihre Ehemänner allesamt um die Ecke gebracht hat, um an ihr Vermögen zu kommen? Oder…“
   „Das ist nicht witzig, Jack“, schnitt ihm Kelly verärgert das Wort ab, „Helena Whitmore war eine bekannte Bildhauerin, was für ihre Zeit ziemlich ungewöhnlich war. Und außerdem wird sie dafür sorgen, dass ich meine Geschichtsnote aufbessern werde. Wenn ich schon über eine bekannte Persönlichkeit ein Referat halten soll, warum dann nicht über jemanden aus meiner Familie?“
   „Aber Du weißt so gut wie nichts über sie. Und Du musst schon in zwei Tagen fertig sein…Kelly?“
   „Aha! Sieh Dir das an, ich habe das Familienstammbuch gefunden!“
Sie arbeitete sich hinter dem alten Kleiderschrank hervor und hielt ihm begeistert ein riesiges in honigfarbenes Leder gebundene Buch unter die Nase.
   „Die letzte Eintragung stammt von 1939, kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges“, erwiderte Jack und strich ehrfürchtig über die pergamentartigen Seiten.
   „Ja, und hier ist sie, Helena Whitmore“, sagte Kelly und tippte auf den Stammbaum auf der zweiten Seite, „geboren am 11. Dezember 1826 und gestorben am… komisch, hier steht nicht, wann sie gestorben ist!“
   „Vielleicht lebt sie ja noch und das ist Euer dunkelstes Familiengeheimnis“, witzelte Jack.
   „Sehr komisch“, erwiderte Kelly, „Sieh mal, es handelt sich wohl gleichzeitig um eine Art Tagebuch. Das älteste Familienmitglied hat jedes Jahr eine Zusammenfassung über die Ereignisse in den vorangegangenen Monaten eingetragen.“
   Sie blätterte die vergilbten Seiten durch.
   „1834 muss ein ziemlich schlimmes Jahr gewesen sein“, meinte sie gedankenverloren. „Zwei Kinder bei der Geburt gestorben, Ein Unwetter hat die Ernte ruiniert und die Sklavensiedlung in Brand gesetzt…“
   „Wow, ihr hattet Sklaven?“, fragte Jack fasziniert.
   „Was glaubst Du wohl, wer die Arbeit auf so einer großen Plantage, wie Highgrove gemacht hat?“, antwortete Kelly gleichgültig und durchforstete die Seiten weiter nach Helena Whitmore.
   „Es ist kaum zu glauben, hier ist die dritte Meldung darüber, dass Helena geheiratet hat!“, sagte sie aufgeregt.
   „Also doch eine Nymphomanin?“
   „Halt die Klappe, Jack. Sie war tatsächlich als Bildhauerin erfolgreich, was für die Familie einer Schande gleichkam. Hier steht, sie habe mit unaussprechlichen Menschen verkehrt und sich in Kreisen bewegt, die weit unter ihrer Würde waren. Was ihre Männer angeht…zwei sind gestorben und einer hat sich tatsächlich scheiden lassen! Weißt Du, wie unglaublich das ist? Ich meine, wir sprechen hier vom 19. Jahrhundert und den Südstaaten!“
   „Toll, und was weiter?“
    Ich werde erst mal mit dem Material anfangen, dass das Buch hergibt und dann werde ich versuchen, jemanden in der Familie zu finden, der mir weiterhelfen kann. Vielleicht meine Grandma, wenn sie mal einen klaren Augenblick hat.“
   Aufgeregt rannte Kelly zur Luke, die vom Dachboden führte und wäre beinahe über eine alte Staffelei gestolpert, die lieblos, wie auch alle anderen Gegenstände, einfach auf den Boden geworfen worden war. Ruckartig blieb sie stehen und hob vorsichtig das Bild, das auf der Staffelei gestanden hatte, auf.
   Jack pfiff anerkennend, als er einen Blick auf die bildschöne, rothaarige Frau warf, die auf dem Gemälde abgebildet war.
   „Die sieht Dir ziemlich ähnlich, hm? Ist das auch eine Vorfahrin von dir?“, fragte er neugierig.
   „Keine Ahnung“, meinte Kelly gedankenverloren und strich fasziniert über die staubige Leinwand, „ich habe diese Frau noch nie gesehen. Sie ist jedenfalls auf keinem der anderen Gemälde im Haus zu sehen. Ich kann die Signatur nicht entziffern.“
   Sie hielt Jack auffordernd das Bild unter die Nase.
   „Cin…nein, Cynthia Whitmore-Garrison, würde ich sagen“, erwiderte er.
   „Der Name sagt mir was! Das muss eine Großkusine meiner Ur-Ur-Großmutter gewesen sein.
   „Das verrät uns die Malerin, aber nicht, wer die Frau auf dem Bild ist“, meinte Jack, dem es wie immer völlig unbegreiflich war, dass seine Freundin bei den unzähligen Mitgliedern ihrer alteingesessenen Familie nicht den Überblick verlor. Typische Südstaaten-Mentalität vermutete er.
   „Womit wir wieder bei meiner Grandma wären“, stellte Kelly fest.
   „Nimm´s mir nicht übel, aber ich muss auch noch was an meinem Referat tun.“
   „Ja…sicher. Geh ruhig“, antwortete sie abwesend.
   Kopfschüttelnd ließ Jack seine Freundin, die immer noch fasziniert auf das Bild starrte, auf dem Dachboden zurück.

„Justine, meine Liebe!“
   Clarissa Whitmore hatte offenbar nicht gerade einen ihrer besten Tage, denn sie hielt Kelly für deren Mutter.
   „Nein, Grandma, ich bin es, Deine Enkelin, Kelly!“
   „Kelly? Wo ist Justine?“, fragte die alte Frau verwirrt und ihre faltigen Hände fuhren unruhig über ihren Schoß.
   „Mum ist in Atlanta, weißt Du das denn nicht mehr? Sie kommt in drei Tagen zurück“, beruhigte Kelly sie.
    Oh…gut. Und wer sind Sie?“
Kelly seufzte. Ihre Großmutter war fast neunzig Jahre alt. Körperlich ging es ihr recht gut, auch wenn sie ihre Tage im Rollstuhl verbrachte, weil sie sehr unsicher auf den Beinen war, doch geistig hatte sie in den letzten Jahren stark abgebaut. Seit einigen Monaten erkannte sie nicht einmal mehr die eigenen Familienmitglieder. Es war zweifelhaft, ob sie ihr in der Sache Helena Whitmore weiterhelfen konnte. Kelly versuchte es trotzdem.
   „Grandma, Du hast Dich doch bis vor einigen Jahren so gern mit unserem Stammbaum beschäftigt, erinnerst Du Dich? Bist Du eigentlich jemals fertig geworden?“
   Die alte Frau lachte.
   „Ach, Stammbäume, man wird nie mit ihnen fertig, das ist ja das Schöne!“
   „Darf ich denn Deine Unterlagen einmal einsehen?“, erkundigte sich Kelly.
   Ihre Großmutter deutete zu dem riesigen Buffet aus Teakholz und ihre blass blauen Augen, die noch immer so klar, wie in ihrer Jugend waren, blitzten vor Begeisterung.
   „Schau da unten rein, hinter der zweiten Tür!“
   Kelly ging zum Buffet und öffnete die Tür. Ein angenehmer Duft nach Lavendel schlug ihr entgegen. Tatsächlich stapelten sich dort unzählige Papiere, Bücher und Pläne, die alle in irgendeiner Form mit der Familie Whitmore zu tun hatten. Sie seufzte. Sie konnte doch unmöglich dieses ganze Material durchgehen. Ihr Referat musste in zwei Tagen fertig sein. Sie drehte sich zu ihrer Großmutter um.
    „Grandma, was weißt Du über Helena Whitmore?“, wagte sie einen Direktangriff.
   Ein strahlendes Lächeln erhellte das faltige und trotzdem immer noch schöne Gesicht ihrer Großmutter.
   „Ah….die schöne Helena. Eine der schillerndsten Persönlichkeiten unserer Familie, weißt Du das, Justine?“
   „Erzählst Du mir etwas über sie?“
   „Setz Dich zu mir, meine Kleine“, erwiderte ihre Großmutter, „möchtest Du auch einen Tee? Ach, wir haben ja gar keinen Tee…“
   „Kein Problem“, sagte Kelly schnell, „wir können später Tee trinken. Also, was weißt Du über Helena?“
   Die alte Frau sah gedankenverloren aus dem Fenster.
   „Sie war ein Skandal, musst Du wissen. Eine Künstlerin! Frauen waren damals Ehefrauen und Mütter, aber doch keine Künstlerinnen! Und dann ihre Männergeschichten. Sie war dreimal verheiratet…kannst Du Dir das vorstellen?“
   „Ja, ja“, erwiderte Kelly ungeduldig, „lass uns ganz von vorne anfangen. Wann fiel zum Beispiel zum ersten Mal auf, dass Helena anders war?“
   Clarissa Whitmore überlegte kurz und sagte dann: „Nach den Aufzeichnungen ihres Vaters, als sie nicht von ihrer „Grande Tour“ zurückgekommen ist…“
   „Grande Tour?“
   „Damals war es so üblich, dass alle Töchter aus höherem Hause eine Reise durch Europa gemacht haben. Du weißt schon, London, Paris, Rom, Venedig… Helena war wohl schon immer eine eigenwillige Persönlichkeit gewesen, aber als sie einfach in Paris blieb und sich weigerte zurückzukommen, um die Ehe mit Jefferson Molloy einzugehen, das war eine Aufregung! Stattdessen hat sie sich doch tatsächlich einen englischen Grafen zum Mann genommen und sich von einem bekannten französischen Bildhauer Unterricht geben lassen. Als sie drei Jahre später nach Hause kam, war sie bereits Witwe.“
   Kelly hatte zu Papier und Stift gegriffen und kritzelte eilig mit.
   „Wer war ihr Ehemann?“, erkundigte sie sich.
   „Richard Ashbury, der dritte Earl of Cunningham. Ein schneidiger Mann, das kann ich Dir sagen! Ich habe sogar ein Foto von ihm aufgetan!“, antwortete ihre Großmutter eifrig und deutete wieder auf den Wust aus Unterlagen im Schrank.
   „Hm, sehr schön. Aber was passierte dann?“
   „Sie kam wieder zurück. So als ob nichts geschehen wäre und nicht drei Jahre vergangen wären. Und knapp zwei Monate nach ihrer Ankunft, heiratete sie Marcus Winston-Leverell. Wieder ein Skandal, der Mann war immerhin ein Yankee. Und dann noch die Gerüchte, sie hätte heiraten müssen, weil sie schwanger gewesen sei…“
   „Ehrlich?“, fragte Kelley fasziniert.
   „Ehrlich“, bestätigte ihre Großmutter trocken. „Die Ehe stand allerdings unter keinem guten Stern. Helena verlor das Kind und hatte zwei weitere Fehlgeburten. Deshalb und weil sie gegen den Willen ihres Mannes eine Ausstellung eröffnet hatte, auf der sie ihre eigenen Werke der Öffentlichkeit vorgestellt hat, fasste er sich wohl den Entschluss, sich von ihr scheiden lassen. Danach war eine Weile Ruhe um Helena. Die Austellung war ein Misserfolg. Niemand wollte es einer Südstaaten-Dame aus gutem Hause durchgehen lassen, dass sie sich auf diese beschämende Weise in der Öffentlichkeit produziert hat. Doch im Laufe der Jahre fanden sich immer mehr Bewunderer von ihren Skulpturen und Helena wurde zum festen Bestandteil der Kunstszene von New Orleans. Sie kam jedoch erst wieder ins Gespräch, als man ihr eine…nun ja, eine Beziehung mit ihrer eigenen Groß-Cousine nachgesagt hat…“
   „Cynthia Whitmore-Garrison!“, rief Kelly aufgeregt. „Sie hat das Portrait von Helena gemalt, das auf dem Dachboden liegt!“
   „Portrait? Oh, ja…Cynthia war eine recht gute Malerin und wurde in mancherlei Hinsicht von Helena inspiriert. Natürlich weiß ich nicht, ob Helena tatsächlich ein besonderes Faible für Frauen hatte“, sagte Clarissa Whitmore und wurde dabei tatsächlich ein wenig rot, „aber die Gerüchteküche brodelte. Sehr zum Verdruss von Cynthias Ehemann, Peter Garrison. Weißt Du, damals hat man sich duelliert, wenn man einen Rivalen loswerden wollte. Wenn der Rivale jedoch eine Frau war, hatte man ein Problem.“
   Die alte Frau gluckste leise und Kelly musste ebenfalls grinsen.
   „Und was geschah dann?“
   „Nun, Helena wäre nicht Helena gewesen, wenn sie nicht auf vielerlei Arten von sich reden gemacht hätte. Sie ruinierte sich ihren Ruf endgültig, als sie anfing, sich in die Politik einzumischen, die zu jener Zeit natürlich ausschließlich Männern vorbehalten war. Das war im Jahr 1861. Im gleichen Jahr ist ihre Mutter, Melissa Whitmore gestorben. Vermutlich ist sie nicht darüber hinweggekommen, dass ihre Tochter gleich mehrfach in verschiedenen Zeitungen genannt worden. Du kennst ja die alte Benimm-Regel für vornehme Damen: Der Name einer Frau sollte nur zweimal in einer Zeitung erwähnt werden – bei ihrer Geburt und an ihrem Todestag. Ich schätze, davon war Helena weit entfernt!“, lachte Clarissa Whitmore. „Schließlich heiratete sie am 1. Mai 1862, den Zeitungsverleger Jackson Browne, der in seinem Blatt recht extreme, politische Ansichten vertrat. Er war einer der größten Gegner der Sklaverei und das Feindbild eines jeden, anständigen Südstaatlers.“
   „Ich hoffe, dieser Ehe hat ihr mehr Glück gebracht?“, fragte Kelly neugierig.
   „Ich glaube, sie hatte den Mann ihres Lebens gefunden“, antwortete die alte Frau gedankenverloren, „Die beiden hatten drei Kinder – alles Söhne. Helena hatte auch weitere Ausstellungen. Allerdings nie mehr in New Orleans. Da war eine in New York, das war...1870, glaube ich. Und im Jahre 1875 in Paris. Die war so weit ich weiß sehr erfolgreich und Helena machte sich international einen echten Namen.“
   Kelly kritzelte eifrig mit.
   „Ein Jahr danach, ist sie spurlos verschwunden“, sagte die alte Frau leise.
   Fassungslos sah ihre Enkelin sie an.
   „Und ist nie wieder aufgetaucht?“
   „Nie wieder“, bestätigte ihre Großmutter. „Natürlich kursierten allerhand Gerüchte. Helena sei ihrem Mann davon gelaufen, um ganz in der Künstlerszene aufzugehen. Sie habe sich in einen anderen – oder eine andere – verliebt und ihr Mann habe sie umgebracht.“
   „Aber es muss doch irgendwelche Hinweise gegeben haben“, erwiderte Kelly betroffen, „Was glaubst denn Du?“
   „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich es irgendwann aufgegeben habe, nach möglichen Hinweisen zu suchen. Und danach hatte ich keine Lust mehr, weiter am Stammbaum der Whitmores zu arbeiten.“
   „Ohne Helena war er nicht vollständig, richtig?“
   „Ja… Aber ich muss sagen, dass sie auf meine alten Tage meine Gedanken beflügelt hat. Manchmal glaube ich, ich wäre gern wie sie gewesen, so furchtlos und selbstbewusst. Sie hat immer nur getan, was sie wollte.“
   Das konnte ihre Enkelin nachvollziehen. Gedankenverloren sah sie auf ihre Notizen. Sie würde das Geschriebene noch mit einigen Fakten aus den gesammelten Unterlagen ihrer Großmutter ergänzen und daraus ein hervorragendes Referat machen, daran hatte sie keine Zweifel. Und dennoch…
   Clarissa Whitmore schien ihre Gedanken zu ahnen.
   „Sie lässt einen nicht so schnell los, nicht wahr? Du würdest auch gern wissen, was mit ihr geschah, habe ich Recht?“
   Kelly seufzte.
   „Ja. Aber da haben wir wohl schlechte Karten, oder?“
   „Vielleicht. Vielleicht braucht es aber auch nur jemanden, der mutiger ist als ich…“, sagte ihre Großmutter geheimnisvoll.
   „Was meinst Du?“
   Die alte Frau zögerte.
   „Eines der Gerüchte, die damals kursierten, lautete, dass Jason Whitmore, Helenas Vater, die Schande, die ihm seine Tochter bereitete, nicht mehr ertragen konnte und sie getötet hat. Er war ein äußerst konservativer und herrischer Mann, der keinen Widerspruch duldete. Es muss eine Schmach für ihn gewesen sein, dass er keinerlei Kontrolle über seine widerspenstige Tochter hatte. Jedenfalls hat er einen Monat nach Helenas Verschwinden, Selbstmord begangen.“
   „Wow“, meinte Kelly beeindruckt, „und Du meinst, das könnte ein Hinweis darauf sein, dass an dem Gerücht etwas dran war?“
   Ihre Großmutter beugte sich nach vorn um ihr direkt in die Augen zu sehen.
   „Ich werde Dir etwas verraten, Justine“, sagte sie leise.
   „Kelly, Grandma“, korrigierte ihre Enkelin sie automatisch, doch die Frau achtete nicht darauf.
   „Ich habe den Abschiedsbrief von Jason Whitmore gefunden. Er bestand ausdrücklich darauf, an einer ganz bestimmten Stelle im Garten begraben zu werden, nämlich unter der alten Eiche neben dem Brunnen in der ehemaligen Sklavensiedlung.“
   „Ich habe mich schon gewundert, warum einer unserer Vorfahren ausgerechnet dort begraben wurde“, erwiderte Kelly.
   „Nicht nur Du, Kleines. Weißt Du denn nichts von unserem Familiengeheimnis?“
   „Was meinst Du?“
   „Es heißt, dass unter dem Jasmin-Busch neben Jason´s Grab, eine Whitmore begraben liegen soll. Nicht mal der Brand in der Sklaven-Siedlung konnte dem Strauch etwas anhaben, er wächst und gedeiht und man kann ihn an manchen Tagen bis zum Haus riechen!“
   Kelly sah die alte Frau skeptisch an.
   „Und Du meinst, dort liegt Helena Whitmore? Hat denn nie jemand nachgesehen?“
   Ihre Großmutter lächelte.
   „Wozu denn, Kind? Wer auch immer dort liegt, er ist tot. Wo die schöne, skandalöse Helena abgeblieben ist, wollte über ein Jahrhundert lang, niemand aus der Familie wirklich wissen und so ein gruseliges Geheimnis hat ja auch einen gewissen Charme…“
   „Charme?“, rief Kelly ungläubig und strich sich das rote Haar aus dem hübschen Gesicht, das so sehr an Helena Whitmore erinnerte. „Das ist ja mal wieder typisch, dass so eine Geschichte einfach unter den Teppich gekehrt wird. Aber weißt Du was? Ich will es wissen! Ich will wissen, wer unter diesem Busch begraben liegt – immer vorausgesetzt, das es überhaupt stimmt, dass dort eine Leiche vergraben wurde!“
   Clarissa Whitmore lächelte.
   „Ich wusste, dass Du so denken würdest. Du bist Helena sehr ähnlich, Kleines. Dasselbe rote Haar und diese grünen Augen… Niemand sonst aus der Familie hatte jemals grüne Augen. Schau nach, wenn Du willst. Als ich jung war, hatte ich nicht den Mut dazu. Und heute, fehlt mir die Energie.“
   Tatsächlich sah die alte Frau plötzlich sehr müde aus. Kelly streichelte ihr liebevoll über die Wange.
   „Ich werde nachschauen, Grandma. Darauf kannst du Dich verlassen. Danke, dass Du mir die Geschichte erzählt hast.“
   „Vielleicht bringst Du sie nun endlich auch zu einem Abschluss, Kind. Ich finde, Helena Whitmore war eine Frau, die es nicht verdient hat, im Nirgendwo zu verschwinden, nicht wahr?“
   „Nein“, stimmte ihr Kelly zu, „das hat sie nicht verdient.

Am nächsten Morgen, stand Kelly Whitmore kurz nach Sonnenaufgang vor dem wunderschönen Jasminbusch und strich gedankenverloren über die winzigen Blütenblätter, die einen süßen Duft verströmten.
   „Also ehrlich, das ist so ziemlich das Verrückteste, dass Du jemals vorhattest“, sagte Jack, den sie gebeten hatte mit zu kommen, kopfschüttelnd und legte einen Arm um sie.
   „Vielleicht. Aber ich möchte es einfach wissen.“
   „Und wenn Du tatsächlich eine Leiche findest? Was willst Du dann tun? Und woher willst Du wissen, dass es ihre ist?“, fragte er.
   Das hatte sie sich auch schon gefragt und keine befriedigende Antwort darauf gefunden. Nichts desto trotz, würde sie sich nicht davon abhalten lassen, nach Helena zu suchen. Sie drückte Jack eine der beiden Schaufeln in die Hand, die sie mitgebracht hatte.
   „Grab erst mal. Dann sehen wir weiter“, erwiderte sie.
   „Du weißt es nicht, oder?“, meinte er und sah sie forschend an.
   Sie antwortete nicht und stieß stattdessen den Spaten in die dunkle, feuchte Erde. Vorsichtig hoben sie um den Jasminbusch herum die Erde aus.
   „Pass auf, dass Du die Wurzeln nicht beschädigst“, wies Kelly ihren Freund an. „Dieser Strauch ist fast hundertundfünfzig Jahre alt!“
   Im selben Augenblick fiel ihr ein ungewöhnlicher Stein ins Auge. Sie bückte sich und hob den vermeintlichen Stein auf, doch sie erkannte sofort, dass es sich gar nicht um einen solchen handelte.
   „Oh, Gott, ist das ein Fingerknochen?“, fragte Jack angewidert.
   „Sieht fast so aus“, antwortete Kelly gedankenverloren.
   Mit bloßen Händen grub sie weiter und arbeitete sich vorsichtig durch das Gestrüpp aus Wurzeln.
   „Die Erde ist viel zu feucht, als dass wir hier noch brauchbare Überreste von Knochen finden könnten“, meinte er pessimistisch.
   Derweil stieß Kelly auf weitere Knochenstücke, die jedoch kaum noch als solche zu erkennen waren, da sie nicht mehr weiß, sondern dunkelbraun waren und buchstäblich unter ihren Fingern zerbröselten. Sie konnte nicht einmal sagen, ob es sich überhaupt um die Knochen eines Menschen handelte, oder vielleicht nur um die eines Tieres, die zu Zeiten der Sklaverei überall unter der Siedlung vergraben worden waren. Nach einer weiteren Stunde akribischer Suche, beschloss sie frustriert aufzugeben.
   Vorsichtig bedeckte sie die Wurzeln des Jasmins wieder mit Erde, als sie etwas Metallisches unter ihren Fingern spürte. Aufgeregt versuchte sie das Fundstück von der Erde zu befreien und hielt es in die Sonne.
   „Was ist das?“, erkundigte sich Jack.
   „Wir haben Helena gefunden“, flüsterte Kelly.
   „Häh?“
   „Erinnerst Du Dich denn nicht mehr an das Gemälde? Auf diesem Bild trug Helena ein goldenes Armband mit kleinen, rechteckig geschliffenen Granaten!“
   Sie hielt ihm das Armband hin, das kaum mehr als solches zu erkennen war. Doch es handelte sich eindeutig um rechteckige, rote Steine und das Metall schimmerte tatsächlich an einigen Stellen golden.
   „Ich würde sagen, Du hältst es gerade in der Hand“, erwiderte Jack lächelnd.
   „Verstehst Du, was das bedeutet? Helena wurde tatsächlich hier begraben!“
   „Vermutlich. Jedenfalls, ist es wohl kaum ein Zufall, dass sich das Armband hier findet.“
   Er klopfte auf Jason Whitmores moosbedeckten Grabstein.
   „Das siehst Du es, alter Mann, nichts bleibt für immer verborgen. Nicht einmal Dein schmutziges, kleines Geheimnis.“
   „Darüber macht man keine Witze“, wies ihn Kelly gedankenverloren zurecht, während sie immer noch fasziniert das Armband betrachtete. „Jetzt hat sich endlich der Kreis geschlossen. Und Grandma kann ihre Arbeiten an unserem Stammbaum beenden.“
   Sie legte das Armband vorsichtig zurück unter die Wurzeln des Jasmins.
   „Was tust Du?“
   „Es könnte doch sein, dass der Jasmin zu blühen aufhört, oder sogar eingeht, wenn ich das Armband mitnehme“, sagte sie leise. „Nein, es gehört Helena. Lassen wir sie in Frieden ruhen.“
   „Und wozu dann der ganze Aufwand? Sollen wir jetzt etwa wieder alles zuschaufeln?“, fragte er entgeistert.
   „Du hast es erfasst. Also grab schon!“
   „Du hast Nerven“, grummelte er, begann jedoch gehorsam, das Loch, das sie gegraben hatten, wieder mit Erde aufzufüllen.

Eine halbe Stunde später, stattete Kelly ihrer Großmutter erneut einen Besuch ab.
   „Du hattest Recht, Grandma. Helena wurde von ihrem eigenen Vater ermordet und im Garten vergraben!“
   Irritiert sah die alte Frau auf.
   „Wer sind sie? Und wer ist Helena Whitmore?“
   „Du kannst doch Helena nicht vergessen haben!“, rief Kelly ungläubig, „Du hast Dich monatelang mit ihr beschäftigt und wir haben gestern Abend eine Stunde lang über sie gesprochen!“
   „Ich glaube nicht, dass sie hier sein sollten. Ich habe keinen Besuch erwartet und ich kenne keine Helena. Bitte gehen sie!“
   Traurig sah Kelly ihre Großmutter an, doch da war kein Erkennen in den gütigen, blauen Augen.
   „Ist schon in Ordnung“, beruhigte sie die alte Frau. „Helena war eine Deiner und meiner Vorfahren. Sie war eine bemerkenswerte Frau mit einer aufregenden Lebensgeschichte. Sie war spurlos verschwunden, doch ich habe sie wieder gefunden, Grandma!“
   „Das ist ja schön! Bemerkenswerte Persönlichkeiten haben es nicht verdient einfach im Nirgendwo zu verschwinden, nicht wahr?“
   „Nein“, erwiderte Kelly lächelnd und sah hinaus in den Garten, aus dem der süße Duft des Jasmins zu ihnen herüber wehte.



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