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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Herbsthymne
Eingestellt am 15. 11. 2000 08:50


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Herbsthymne


Der Herbst klemmt mir bunte Geschenke hinter die Sonnenblende.
Ich versp├╝re Lust, selbst ein Herbst zu sein. Mich unentschlossen umzukleiden, immer wieder andere Farben anzuprobieren. Bis sie mir nicht mehr passen. Bis ich farblich so vollgesogen und bunt ermattet bin, da├č ich all die Farbenf├╝lle abstreife, um an ihr nicht zu ersticken.
St├╝rmisch um die H├Ąuser will ich reiten. Schreiend und jauchzend. In der Geschwindigkeit enttauchen und ertrinken und wieder erleben und aufsteigen, um sogleich alles Weltlich ├╝ber mich herschwappen zu lassen, und von mir schleudernd zu verachten.
Ach, Herbst. Warum l├Ą├čt das Volk dich zwischen Kalt und Warm verhungern? Die Menschheit freut sich nicht auf dich. Sie geifert nach den geschenkenden Weihnachten, wo sie Kauftempel st├╝rmen kann - so schnell und so stre├čfrei wie m├Âglich. Sie freut sich auf die Miseror-Spendent├╝ten, die man stopfen oder ├╝bersehen kann, auf stra├čenru├čige Schneem├Ąnner und auf die tr├╝be leuchtenden Augen ihrer smog-hustende Kinder, die man dann versorgen kann. Dunkelh├Ąutige Nikol├Ąuse grinsen auf den Gru├čkarten mit dem j├╝ngsten Familienspro├č im Arm. Mit Gr├╝├čen an die ganze restliche Sippschaft, deren Abwesenheit man hoffendlich so herbeif├╝hrt.
Sie giert nach Krokussen, die durch wei├č erdr├╝ckte Bachquellen auf bunten Agfacolorfotos hervorbrechen wie eben geschl├╝pfte K├╝ken. Sie h├Ąngt k├╝nstliche Bl├╝tenb├Ąume und Plastikkarnickel in alle Ecken der Wohnung und seufzt sich warm an der im Stadtpark gekappten Blumenpracht, die kl├Ągliche Wurzeln in die heimischen Vasen reckt. Sie leidet den kirchlichen Festen entgegen. L├Ą├čt trotzdem nichts "S├╝ndiges" aus. Stopft sich mit Eiern aus, bis ihr Cholesterinspiegel in bedrohliche Bereiche schwindelt und schw├Ârt, danach nun wirklich mit den guten Vors├Ątzen vom Jahresbeginn anzufangen.
Sonnige, warme und hoffendlich br├Ąunende Ferieninseln rei├čen die Menschenmassen an sich. F├╝llen sich mit ├╝berf├╝llten Abf├╝lltheken. Das Wetter hat sich - wie gewohnt - artig nach den W├╝nschen der Menschheit gerichtet. Diese verflucht sie - wie gewohnt - ebenso artig. "Mu├č das denn wieder so hei├č sein?" So bleibt alles beim Alten. Jeder ist zufrieden. Weg vom heimischen Fenster (wo seltsamerweise nie Unterhosen an W├Ąscheleinen h├Ąngen) und doch irgendwie zu Hause. Vor allem hat man die Dunkelbr├Ąune erreicht, um glaubhaft beweisen zu k├Ânnen, wie viel man doch von Land und Leuten gesehen hat. Was der Diavortrag 'made in Spain' noch zus├Ątzlich unterst├╝tzt.
Ach, mein Herbst. Unter den Jahreszeiten bist du das Aschenputtel, das Schmuddelchen, das nur zu Hochzeiten hinter einem warmen Ofen hervorkommt und sich im goldenen Kleid den Blicken der Menschheit zeigt. F├╝r mich bist du die Jeansjacke unter den Jahreszeiten.
Dem Frost bist du zu d├╝nn und der W├Ąrme bist du zu dick. Du erscheinst trist und unfein. Man zieht dich in Gesellschaft nun mal nicht an. Also genie├čt man dich mit Freuden und allein. Und doch - erst wenn man dich einige Male er-tragen hat, bist du warm und gem├╝tlich, schleifst und zerrst nicht mehr, sondern l├Ą├čt dich genie├čen und vers├Âhnend stimmen. Schmiegst dich - wie ein 'enfant terrible', das Streicheleinheiten ben├Âtigt - windig und st├╝rmisch an die Schultern derer, die dich liebgewonnen haben.
Du bist der brave Diener, der der Welt die Tafel deckt, um sie, wenn sie leergegessen ist, wieder abzur├Ąumen. Man bedankt sich zwar, doch flucht man auf dich. Die Rechnung bringt jemand anderes und sie l├Ą├čt uns kalt erschauern. Das Trinkgeld bekommt noch ein anderer. Der l├Ąchelt jedoch nur sch├Ân und dekoriert f├╝r die n├Ąchsten G├Ąste.
Doch trotz allem Unbenehmen liebst du deine Geschwister.
Brav nimmst du das Zepter der Zeit entgegen und nur widerwillig gibst du es wieder ab, weil du wei├čt, was folgt. Wir tr├╝gerisch sie ist, die kalte Weisheit. Deine Weisheit ist die Warnung.
"Nehmt, was ich euch gebe!" rufen deine Winde. "Nehmt, rafft zusammen, bevor es um euch herum zerklirrt." Doch wer h├Ârt? Wer mu├č denn noch h├Âren? Die Winter sind warm geworden und die Menschen freuen sich auf K├Ąlte, weil mit ihr die Feste und Geschenke kommen. Du hast keine Feste. Dich nimmt nicht einmal die richtige K├Ąlte wahr. Du bist f├╝r sie nur die Ungem├╝tlichkeit.
Der junge Spund Fr├╝hling. Er ist froh, da├č er dich loswird. Nicht nur das: Er ist gl├╝cklich, ├╝berhaupt nichts mit dir zu tun haben zu m├╝ssen. Weit weg von dir und dir doch so nahe, liegt er schl├Ąfrig als dein Gegenteil zwischen K├Ąlte und W├Ąrme, freut sich an sich selbst und l├Ą├čt sich an sich selbst erfreuen, weil w├Ąhrend ihm all die wieder lebendig werden, denen du den erholsamen Schlaf gebracht hast.
Und der Sommer? Er verachtet dich. Du machst seine Arbeit zunichte. All die Freude, die Parties, die Flirts und Versprechen, die Erinnerungen und die Urlaubfotos, - alles l├Ą├čt du unwirklich erscheinen. So, als sei all dies nie gewesen und k├Ânne auf diesem Globus auch nie mehr m├Âglich sein. Dein erster Raureif macht den Gedanken, an jenen Stellen im Gras auch mal in der Sonnenw├Ąrme geschwitzt zu haben, vollkommen unglaubhaft.
Zumindest der Winter sollte dich m├Âgen; wo du ihm doch eigentlich so ├Ąhnlich bist. Mit kalten Fingern Hand in Hand k├Ânnte er mit dir gehen. Doch ist er wohl zu weise. Mit seinem hachn├Ąsigen, naseweisen Wei├č sieht er dich als einen Vorarbeiter, einen Wegbereiter der wahren K├Ąlte, als Vortrupp, der ihm den Weg ebnet. Du bist f├╝r seine Exellenz nur ein Sch├╝ler, den er machen l├Ą├čt, um ihm anschlie├čend zu zeigen was wahre K├Ąlte, was echtes Wintertum bedeutet. Zumindest nicht dein Sp├Ątsommer-Matsch-Gemisch. Du bist der Lehrling, der es nach all der Zeit immer noch nicht gelernt hat.
Aber mu├čt du es lernen? Willst du es lernen?
Dir reicht die Liebe der kleinen Gemeinde, die dich erwartet. Deren Begeisterung du in den windroten, l├Ąchelnden Gesichtern und den dunklen, braunen oder gr├╝nen Augen siehst. Unsere kalten Nasen halten wir trotz des Schnupfens tief in dich hinein und inhalieren den Duft von bunt-feuchtem Laub. Wir sind die ersten, die dicke Pullover und Handschuhe anziehen, um sie in den Sonnenstrahlen deiner Nachmittage wieder von sich zu legen. Die das vom Windsto├č gef├Ąllte Laub wie deine weichen Schauer auf sich niederregnen lassen. Du zerrst uns an den mit Freuden zausenden Haaren. Du willst uns mit deiner rauhen Stimme berauschen und singst uns die Ohren rot.
Mit meinem Herbst will ich Liebesgedichte an den Fr├╝hling schreiben, an das Gef├╝hl, jemanden nie erreichen zu d├╝rfen. In wei├čen Aphorismen mit ihm ├╝ber den Winter dikutieren und mit ihm in den warmen Erinnerungen der Sommern├Ąchte schwelgen.
Mit ihm will ich das langweilig blaue Himmelseinerlei wolkig schmauchen. Sch├Ąfchen auf die gro├če Weide treiben, die bis zum irdischen Horizont reicht, und beobachten, wie sie vom Wind geschoren werden und sich zu Wattefetzen ziehen lassen.
Ich will mir seine Fr├╝chte sammeln - Kastanien, Hagebutten, Bucheckern, K├╝rbisse -, um Tee und Brei aus ihnen zu kochen und im Satz zu lesen, was das N├Ąchste mir bringt. Alles will ich von ihm lernen.
Und einst will ich mich zur Ruhe legen, in meinen Herbst, in der Hoffnung, den Winter zu verschlafen. Und wenn ich im Fr├╝hjahr erkranke, so wei├č ich, da├č ich auf den Herbst warten darf, um in ihm sterben zu d├╝rfen.
Und dann, wenn ich einst tot sein werde, - dann will ich selbst ein Herbst sein.
Und ich werde ein guter Herbst sein.

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Juni
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2000

Werke: 8
Kommentare: 117
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Hach...

*Nehmt, was ich Euch gebe, rufen Deine Winde*...

...und ich dachte schon, ich bin die Einzige , die das h├Ârt.

Wundersch├Ân Markus.
Der Herbst war schon immer meine liebste Jahreszeit, lange bevor ich anfing den grellen lauten Fr├╝hling zu m├Âgen.

Juni

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Guest
Registriert: Not Yet

Ich habe den Fr├╝hling lieber, weil ich mein Geburtstag im Fr├╝hling habe. Aber so sch├Ân, wie Du den Herbst beschreibst!

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