Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87728
Momentan online:
501 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
Heute keine Kreuzigung
Eingestellt am 08. 01. 2003 21:36


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
teuker
AutorenanwÀrter
Registriert: Jan 2003

Werke: 2
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um teuker eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

5. Mai 2002
Alt war er eigentlich noch nicht. Zu jung zum Sterben jedenfalls, hÀtte er nicht den Tod herbei gesehnt wie ein Ertrinkender die WasseroberflÀche.
Die WasseroberflĂ€che, das war fĂŒr ihn die Erlösung, die seiner Gefangenschaft ein Ende machen wĂŒrde.

Schauspieler weiterhin im Koma

Der Schauspieler Abner Wishart, bekannt als Darsteller des „Jesus“ im „Holy Land“-Park, liegt immer noch im Koma, wie Pressesprecher John Hadley unserer Zeitung mitteilte. Wishart hatte wĂ€hrend der Kreuzigungsszene einen Schlaganfall erlitten (der Orlando Courier berichtete). Laut Aussage der behandelnden Ärzte bestehe nur wenig Hoffnung auf eine Genesung des 33-JĂ€hrigen.


Melissa besuchte ihn jeden Tag.
Seine sĂŒĂŸe Melissa. Wenn sie das Krankenzimmer betrat, konnte er TrĂ€nen in ihren Augen sehen, aber sie blieb tapfer. Sie sprach mit ihm, erzĂ€hlte ihm von den Kindern, brachte GrĂŒĂŸe von Freunden und plapperte betont fröhlich vor sich hin.

Er spĂŒrte, wieviel Kraft es sie kostete, so zu tun, als sei Nichts geschehen, als wĂŒrde er gleich aufwachen und sich munter an dem GesprĂ€ch beteiligen, sie von diesem endlosen Monolog erlösen.

Wie gern hĂ€tte er ihr geantwortet, ihr wenigstens ein Zeichen gegeben, das ihr sagte: „Ich bin noch da. Ich höre Dir zu!“ Er hasste diesen Körper, der ihm den Dienst versagte.Keinen Finger konnte er rĂŒhren, selbst seine Augenlider schienen nicht zu ihm zu gehören. So sehr er sich auch anstrengte, kein noch so leiser Ton kam ĂŒber seine Lippen.

Sie brachte die Kinder nie mit und das war auch gut so. Sie sollten ihren Vater in guter Erinnerung behalten.
Er wollte nicht, dass die Kleinen mit ansehen mussten, wie der Mensch, der einmal ihr bester Freund gewesen war, ihr Spielkamerad, ihr unbezwingbarer Held und liebster MĂ€rchenerzĂ€hler, in diesem Bett lag, an Maschinen angeschlossen, die Sauerstoff in seine Lungen pumpten, sein Herz kĂŒnstlich zum Schlagen zwangen.

20. August 2002

Melissa besuchte ihn jetzt seltener. Das Leben sei schwieriger geworden, sagte sie. Sicher hatte sie Recht damit. Er durfte nicht vergessen, dass seine nicht unbetrÀchtliche Gage weg fiel, seit er hier lag.

FĂŒr eine Weile hatten seine Arbeitgeber sich kulant gezeigt und Melissa regelmĂ€ĂŸig Schecks geschickt. Sie hatte es ihm erzĂ€hlt. Aber jetzt war das vorbei. Melissa hatte ihren alten Job annehmen mĂŒssen.
Ein GlĂŒck, dass ihre Eltern in der NĂ€he wohnten und sich um die Kleinen kĂŒmmern konnten, wĂ€hrend Melissa sich Tag fĂŒr Tag durch Aktenberge wĂŒhlte.

Wenn sie ihn doch endlich sterben lassen wĂŒrden. Als sie damals geheiratet hatten, gerade rechtzeitig, damit Jackie als eheliches Kind das Licht der Welt erblickte, hatte er eine Lebensversicherung abgeschlossen.

Noch vor ein paar Jahren hĂ€tte er ĂŒber die Vorstellung gelacht, sein Leben zu versichern. Nein, eine Lebensversicherung brauchte er damals nicht. Er war ein Hallodri gewesen, hatte in den Tag hinein gelebt. Seinen Lebensunterhalt hatte er in heruntergekommenen Theatern verdient, als Statist oder Nebenakteur in drittklassigen Theaterinszenierungen. Nur sich selbst war er verantwortlich gewesen und diesen Zustand hatte er genossen.

Doch dann hatte er Melissa getroffen. Wie ein Orkan war sie in sein Leben gebraust, hatte ihm gezeigt, was es bedeutete Liebe, Vertrauen und Geborgenheit zu empfangen und zu schenken. Als die morgendliche Übelkeit Jackies Ankunft ankĂŒndigte, da wusste er, er war bereit, Verantwortung zu ĂŒbernehmen.

Die Lebensversicherung war ein Zeichen dafĂŒr gewesen. Zum ersten Mal im Leben hatte er vorgesorgt.

Wenn sie ihn doch nur sterben ließen. Dann wĂ€ren Melissa und die Kleinen versorgt. Sie wĂŒrde nicht mehr Tag fĂŒr Tag zur Arbeit gehen mĂŒssen und könnte endlich wieder das sein, was sie sich immer gewĂŒnscht hatte: Vollzeitmutter.

Zustand unverÀndert

Auch Monate nach dem erlittenen Schlaganfall (der Orlando Courier berichtete), gibt es fĂŒr den Schauspieler Abner Wishart nahezu keine Hoffnung mehr. „Er kann nur mit Hilfe der Maschinen ĂŒberleben“, Ă€ußerte sich seine Frau Melissa gegenĂŒber der Presse. Ob sie dem Abschalten der GerĂ€te zustimmen werde, könne sie zum augenblicklichen Zeitpunkt noch nicht sagen. „Ich, das heißt WIR, hoffen immer noch auf ein Wunder.“


15. September 2002

Melissa war seit zwei Tagen nicht bei ihm gewesen. Er machte sich Sorgen um sie. Bei ihren letzten Besuchen hatte sie stiller gewirkt, bedrĂŒckt, zerbrechlich. Kein Wunder – es musste ja alles zu viel fĂŒr sie sein.

Sie war immer so stark gewesen. Damals, als er fast verzweifelte, weil er kein Engagement mehr bekam, als er sich und seine kleine Familie mit Gelegenheitsjobs ĂŒber Wasser hielt, damals war sie es gewesen, die an ihn geglaubt hatte, die nie klagte und sich bemĂŒhte, die Hoffnung auf besser Zeiten zu bewahren. Und bessere Zeiten, die hatte sie wirklich verdient.

Und dann, ja, dann war ihm, war ihnen, der Zufall zu Hilfe gekommen.

Im Supermarkt.
Abner hatte gerade zwei Flaschen Milch aus dem KĂŒhlregal genommen, als er ihn sah.
Ein Mann starrte ihn unverhohlen an. Das war Abner noch nie passiert und er fĂŒhlte sich unbehaglich. Die Blicke des Fremden brannten in seinem Nacken, als er sich umwandte und anschickte, zur Kasse zu gehen.

„Hey Mann, genau Dich habe ich gesucht“, rief der Fremde und erreichte damit, dass Abner sich erstaunt zu ihm umdrehte. Geradezu euphorisch hatte diese Stimme geklungen.
Abner kramte in seinem GedĂ€chtnis. Hatte er den Mann schon einmal irgendwo gesehen? War er vielleicht ein MitschĂŒler gewesen, den er jetzt nicht wieder erkannte? Nein, er kannte diesen Mann nicht. Nach kurzem Überlegen war sich Abner sicher.
Noch wĂ€hrend Abner grĂŒbelte, kam sein GegenĂŒber zur Sache: „Du bist unser Jesus! Du lĂ€sst einfach Deine Haare wachsen – nein, besser: wir lassen Dir eine PerĂŒcke machen. Ein BĂ€rtchen kriegst du allein hin, oder?“ grinste er breit, wĂ€hrend Abner ihn noch immer verstĂ€ndnislos anstarrte.

Dieser Typ musste verrĂŒckt sein, oder Mitglied einer völlig abgedrehten Sekte. Er wĂŒrde ihn einfach stehen lassen. Der Fremde musste jedoch selbst bemerkt haben, dass sein Verhalten nicht gerade dazu angetan gewesen war, ernstgemeintes Interesse bei seinem GegenĂŒber zu erregen. Er schĂŒttete sich schier aus vor Lachen ĂŒber diese Situation, was den Eindruck von einem Irren nicht unbedingt milderte.

„Kumpel, komm mit auf ein Bier. Ich bin nur halb so verrĂŒckt, wie Du denkst. Ich will Dir erklĂ€ren, was ich meine. Und ĂŒbrigens: mein Name ist Mike. Mike Poindexter.

Zu seiner eigenen Überraschung hatte Abner eingewilligt und sich kurz darauf in einer Kneipe vorgefunden, in der Hand ein Glas Bier, vor sich Mike Poindexter.

„Hast du jemals von „Holy Land“ gehört?“ NatĂŒrlich hatte Abner davon gehört. Das war ein millionenschweres Projekt, das in Florida fĂŒr heftige politische und religiöse Kontroversen gesorgt hatte. Eine Art biblisches Museum.

„Du weißt, dass Holy Land in genau zwei Monaten eröffnet wird?“, hatte Mike gefragt. Nein, das hatte Abner nicht gewusst. In der letzten Zeit war er damit beschĂ€ftigt gewesen, den Unterhalt fĂŒr seine Familie zu verdienen. Da er noch nie sonderlich religiös gewesen war, hatte er das Thema „Holy Land“ in die Schublade „Ideen, die die Welt nicht braucht“ irgendwo in der hinteren Ecke seines Verstandes abgelegt.

„Also, pass mal auf, mein Junge. Ich will Dir mal erklĂ€ren, was ich eigentlich von Dir will. Du siehst aus, wie der perfekte Jesus. Deine Augen, Dein Gesicht – so und nicht anders muss er ausgesehen haben.
Und stell Dir vor: genau diesen Jesus brauchen wir noch fĂŒr unsere Show. Du musst nichts weiter tun, als in weiten GewĂ€ndern und antiquierten Badelatschen durch den Park zu spazieren. Ein bisschen Text wirst Du Dir doch merken können, oder?“ fragte Mike und gab Abner einen freundschaftlichen Klaps auf den Hinterkopf. Mikes Begeisterung kannte keine Grenzen mehr, als er von Abners schauspielerischer Ausbildung erfuhr. „Junge, Dich schickt der Himmel!“ rief er aus.

Ja, so war das gewesen vor nunmehr drei Jahren. Vom Tag der Eröffnung an hatte Abner die Hauptrolle gespielt und wurde zweimal tÀglich ans Kreuz genagelt.

Die Zuschauer waren jedesmal ergriffen von der Szenerie, schienen völlig zu vergessen, dass dies alles nur Theater war. Manchmal, wenn sein Kopf im Tod zur Seite sank hörte Abner sie sogar schluchzen. Die Menschen litten. So wie sie beim echten Tod des echten Jesus gelitten haben mussten.

Und Abner fĂŒhlte sich schuldig. Es war ihm unbehaglich bei dem Gedanken, was wohl der echte Jesus tun und sagen wĂŒrde, könnte er sein Ebenbild dort am Kreuz hĂ€ngen sehen, umringt von einer mit jeder Vorstellung grĂ¶ĂŸer werdenden Zahl Schaulustiger.

Seine Gage entschĂ€digte ihn jedes Mal fĂŒr diese Unbehaglichkeit und regelmĂ€ĂŸig musste Abner alle Kraft aufbieten, um nicht zu lĂ€cheln, wenn er an seine Familie dachte, an Melissa, Jackie und den kleinen Josh, der seit ein paar Monaten das GlĂŒck der Familie bereicherte. Ein lĂ€chelnder Jesus am Kreuz, das hĂ€tten ihm die Zuschauer sicher ĂŒbel genommen.

29. September 2002

Maschinen werden abgeschaltet

Nach monatelangem Koma hat der Schauspieler Abner Wishart am gestrigen Sonntag den endgĂŒltigen Hirntod erlitten, wie uns ein Sprecher des Old-Saints-Krankenhauses mitteilte. Die Ehefrau, Melissa Wishart, habe dem Abschalten der GerĂ€te fĂŒr den heutigen Tag zugestimmt. Unser MitgefĂŒhl gilt ihr und den gemeinsamen Kindern Jacqueline und Josh.


30. September 2002

Trauernde legen Blumen nieder

Seit der Nachricht vom Tod des Schauspielers Abner Wishart legten im Jesus‘ Land unzĂ€hlige Besucher Blumen nieder. Das Kreuz, an dem Wishart fast drei Jahre lang den Christus verkörperte um dort „stellvertretend fĂŒr Jesus“ zu sterben, wie Wishart zu Lebzeiten bemerkte und an dem der 33-JĂ€hrige wĂ€hrend der Schlussszene den folgenschweren Schlaganfall erlitt, wird von Blumen und Trauerkarten gesĂ€umt.


1. Oktober 2002

Leichnam verschwunden

Der Leichnam des am Montag verstorbenen Jesus-Darstellers Abner Wishart ist spurlos verschwunden. Pressesprecher John Hadley teilte in einer Pressekonferenz mit, dass die Ehefrau des Verstorbenen den Sarg leer vorfand, als sie vor Beginn der offiziellen Trauerfeier noch einmal allein Abschied von ihrem geliebten Mann nehmen wollte.
Die Polizei sei bisher auf keinerlei Hinweise gestoßen, die auf einen Einbruch hindeuten.
Das mysteriöse Verschwinden der Leiche könne jedoch, so der Pressesprecher weiter, nur auf einen ĂŒblen Scherz zurĂŒck zu fĂŒhren sein.


An diesem Tag und vielen weiteren Tagen fand sich neben der Kasse des „Holy Land“ ein Schild: „Heute keine Kreuzigung“.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!