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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Himmelstrauer
Eingestellt am 29. 08. 2003 12:26


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wondering
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Himmelstrauer

Er drehte die Muschel in seiner Hand. Auf seinem Spaziergang am Strand war er auf sie getreten, hatte sie nicht gesehen. Erst der kurze Stich unter seinem Fu├č hatte ihn auf sie aufmerksam gemacht. Er hob sie auf und betrachtete sie. Sorgf├Ąltig entfernte er den Sand und fuhr mit dem Finger die Kanten nach. Dann schloss er seine Hand fest um die Muschel und ging weiter.
J├╝rgens Blick schweifte ├╝ber das Wasser. Das Glitzern der Sonne lie├č ihn blinzeln. Er schaute in die Weite, doch seine Gedanken waren ganz bei ihm selbst.

Am Himmelsantlitz wandelt ein Gedanke,
die d├╝stre Wolke dort, so bang so schwer;
wie auf dem Lager sich der Seelenkranke
wirft sich die Flut im Winde hin und her.


Ein stechender Kopfschmerz lie├č ihn stehen bleiben. Er schloss die Augen und klammerte sich an die Muschel in seiner Hosentasche. Es war dieses Gef├╝hl, als wollte es ihm den Sch├Ądel zerrei├čen. Doch er wusste, es w├╝rde gleich wieder aufh├Âren. Er hatte sich nach all den Wochen und Monaten der Qual schon fast an den Schmerz gew├Âhnt. Er lie├č sich niedersinken und legte sich f├╝r einen Moment in den Sand. Mit einem Arm verdunkelte er den sonnigen Tag. Es brachte ihm etwas Linderung. Er konnte wieder denken und er dachte an Carolin. Seine Frau. Er kannte sie jetzt schon mehr als zwanzig Jahre.
Sie hatten sich an der Uni kennen gelernt. Sport und Erdkunde waren ihre gemeinsamen F├Ącher. Im Sportseminar waren sie sich zum ersten Mal begegnet. Sie war immer sehr ehrgeizig gewesen. So kam es ihm jedenfalls vor. Darum sprach er sie oft als „Fr├Ąulein Doktor“ an, was sie m├Ąchtig ├Ąrgerte. Ein kleines L├Ącheln huschte ├╝ber sein Gesicht. Er setzte sich auf und vergrub mit schabenden Bewegungen seine blo├čen F├╝├če in den Sand. Er f├╝hlte, wie der Sand k├╝hler und feuchter wurde und verharrte so. Carolin. Sie war die h├╝bscheste Studentin an der ganzen Uni. Langes, braunes und unheimlich dichtes Haar. Er erinnerte sich an die bunten Gummib├Ąnder, mit denen sie sich st├Ąndig einen Pferdeschwanz band, um ihn kurz danach wieder zu l├Âsen. Binden, l├Âsen, binden, l├Âsen. Er liebte es, ihr dabei zuzusehen. Dem missbilligenden Blick des Seminarleiters war sie einfach ausgewichen. Carolin hatte dann zu ihm hin├╝ber gesehen und J├╝rgen angel├Ąchelt. L├Ąngst hatte sie bemerkt, dass er ein Auge auf sie geworfen hatte. Und es war ihr nicht unrecht. Immer ├Âfter verbrachten sie auch ihre Freizeit zusammen. In ihrem ersten gemeinsamen Urlaub machten sie ihren Tauchgrundschein in der N├Ąhe von Marseille. Ihr Seminarleiter hatte ihnen das Programm angeboten. Henry war leidenschaftlicher Taucher und verbrachte all seine Ferien als Tauchlehrer in diesem kleinen Taucherdorf, in Niolon an der Mittelmeerk├╝ste. J├╝rgen l├Ąchelte wieder bei dem Gedanken an den kauzigen Seminarleiter und Carolins und seine ersten Erlebnissen unter Wasser. In diesem Urlaub wurden sie ein Paar. Was vorher „komilitonenhaft“, kameradschaftlich begonnen hatte, entwickelte sich allm├Ąhlich zu einer von purer Leidenschaft und gegenseitigem Verst├Ąndnis gepr├Ągten Liebe.
Der stechende Schmerz und die Gedanken an Carolin pressten J├╝rgen ein paar Tr├Ąnen aus den Augen. Er sa├č im Sand, hielt sich den Kopf, und sein Inneres stemmte sich mit aller Macht gegen das Unget├╝m in seinem Sch├Ądel und den neuerlichen Anfall von grausamen Schmerzen. Verdammt, dachte er, warum ich? Warum wir?

Vom Himmel t├Ânt ein schwermutmattes Grollen,
Die dunkle Wimper blinzelt manches Mal,
- So blinzen Augen, wenn sie weinen wollen-,
Und aus der Wimper zuckt ein schwacher Strahl.


Der Schmerzanfall war f├╝r diesmal vorbei. Er sog die Seeluft tief in seine Lungen. Wenigstens wusste er endlich, was ihm diese Pein einbrachte. Er war bei einigen ├ärzten gewesen, nachdem diese st├Ąndig auftretenden Kopfschmerzen nicht mehr auf einen Kater oder ├ťberarbeitung zur├╝ckzuf├╝hren waren. Sein Hausarzt hatte ihn zum Hals-Nasen-Ohrenarzt geschickt: „Lassen Sie sich mal die Stirn und die Nasennebenh├Âhlen r├Ântgen. Ich vermute eine Sinusitis maxillaris, eine Entz├╝ndung der Nasennebenh├Âhlen.“ Ja, das klang annehmbar. Schlie├člich gingen Carolin und er noch immer regelm├Ą├čig zum Tauchen. Also hatte er sich dem n├Ąchsten Arzt, immerhin einem Facharzt, vorgestellt. Doch auch dieser konnte nichts finden, was J├╝rgens Kopfschmerz erkl├Ąrte. Ultraschall, R├Ântgenaufnahmen von den Stirnh├Âhlen, alles ohne Befund. Vorsichtshalber wurde J├╝rgen ein Antibiotikum verabreicht, das er auch brav einnahm. „Wenn man auch noch nichts sieht, so wollen wir doch eine Superinfektion abwenden“, hatte der Facharzt ihm erkl├Ąrt. Doch geholfen hatte es nicht. Mittlerweile bekam er seine Schmerzattacken, mindestens dreimal t├Ąglich. Manchmal mitten im Unterricht. Unf├Ąhig, sich zu bewegen, entschuldigte er sich stammelnd bei seinen Sch├╝lern, die teilweise kichernd, teilweise mitleidig das Ende seiner Anf├Ąlle abwarteten.
Aber er w├Ąre nicht J├╝rgen, ein z├Ąher und willensstarker Bursche von immerhin 42 Jahren, wenn er nicht diesen Erscheinungen auf den Grund gegangen w├Ąre. Es ging nicht nur um sein Leben. Er und Carolin hatten inzwischen drei Kinder.

Er erhob sich ersch├Âpft vom Schmerz und wanderte weiter den Strand entlang.
Der Tag an dem er den Grund seiner Schmerzen erfuhr, war sicher der schwerste seines Lebens. Ein aggressiver Hirntumor, der am Rande des Bewegungszentrums lag. Gro├č, raumgreifend, wachsend, f├╝r immer einschr├Ąnkend. Diese Diagnose, auch wenn er sie manchmal erahnt hatte, war wahrscheinlich sein Todesurteil. Um das aufkl├Ąrende CT hatte er betteln m├╝ssen. Keiner der ├ärzte hatte seine Kopfschmerzen ernst genommen: „Burn-out-Syndrom“, „vegetative Dystonie“ und “ Zustand nach Tieftauchens” stand in seinen Karteikarten. Ein befreundeter Sportmediziner hatte sich seiner dann intensiv angenommen und eine Computer Tomografie angeordnet. Danach stand fest: er w├╝rde sterben. Fr├╝her als geplant, gewollt, geahnt.
Carolin. Sie war so tapfer, als er ihr davon berichtete. Vielleicht wollte sie auch einfach nicht wahrhaben, was er ihr an diesem Abend offenbarte. Jedenfalls war sie ihm seitdem nicht einmal schwach erschienen. Sie bem├╝hte sich, J├╝rgen aufzumuntern, ihm Hoffnung zu geben und den Alltag aufrecht zu erhalten, so gut es nur ging. Sie verf├╝hrte ihn sogar und hatte Verst├Ąndnis, wenn der Tumor seine Mannhaftigkeit t├Âtete. Oft sch├Ąmte er sich vor ihr. Dann wieder lie├č er sich in das Zuhause fallen, das sie ihm bereitete.

Mit jedem Schritt durch den feuchten Sand am Auslauf der Gischt f├╝hlte er bewusst das Kitzeln des Sandes und die K├╝hle des Wassers. Fast genoss er das Gef├╝hl, es sp├╝ren zu k├Ânnen. Ab und zu blieb er stehen und schnippte mit den Zehen ein wenig Sand nach vorn. Wieder huschte ein kleines L├Ącheln ├╝ber sein Gesicht. Er war ein gl├Ąnzender Fu├čballer gewesen. Damals zu Studentenzeiten. In der Hochschulmannschaft war er der King. Und es hatte ihm viel Freude gemacht, die Knirpse aus der F-Jugend seines Ortsvereins zu trainieren. Ehrenamtlich, versteht sich. Die Kurzen liebten seine freundschaftlich, strenge Art, sie ├╝ber den Platz zu scheuchen. Die ehrgeizigen Eltern hielten gro├če St├╝cke auf den Trainer. So manchen Samstag hatte er auf den Spielpl├Ątzen bei Turnieren verbracht, Carolin deswegen warten lassen und die anbetungsvollen Blicke mancher F-Jugend-M├╝tter genossen.
Wer war er heute?

Man hatte ihm den Sch├Ądel aufgeschnitten und das Unget├╝m, so gut es ging ausger├Ąumt. Es hatte die Gr├Â├če eines Tennisballs. Zehn Zentimeter mussten die Operateure stehen lassen, sonst k├Ânnte er heute nicht mehr gehen. Es war eine Gratwanderung. Doch er war seinen ├ärzten dankbar, dass sie ihm die letzten Schritte auf den eigenen F├╝├čen gelassen hatten.
Wie sonst h├Ątte er diese Muschel finden k├Ânnen?

Nun schleichen aus dem Meere k├╝hle Schauer
Und leise Nebel ├╝bers Hinterland;
Der Himmel lie├č, nachsinnend seiner Trauer,
die Sonne l├Ąssig fallen aus der Hand.


Er holte die Muschel aus seiner Hosentasche und betrachtete sie so ausgiebig, wie er vielleicht noch nie etwas betrachtet hatte. Er sah die feinen Linien, die sich ├╝ber ihre Kalkhaut zogen. Er besann sich, dass er mal gelesen hatte, dass man oft Schnecken f├Ąlschlicherweise als Muscheln bezeichnet, nur weil man sie am Strand findet. Er bedachte, dass, ob Schnecke oder Muschel, das Geh├Ąuse einem anderen Lebewesen, zum Beispiel dem Krebs, ein neues Zuhause bot. Er empfand, wie genial die Natur manches eingerichtet hatte und verfluchte im selben Moment, dass er wohl nicht zu den Auserw├Ąhlten z├Ąhlte. Und wieder blinzelte er in die langsam untergehende Sonne, um ihrem grellen Licht seine Tr├Ąnen zuzuschieben.
Er musste noch heute zur├╝ck nach Hause fahren. Morgen w├╝rde er wieder in die onkologische Tagesklinik fahren, um sich dort erneut zur Chemotherapie einzufinden. Auch dort hatte er mit seinem sonnigen Gem├╝t einen besonderen Stand. Die Schwestern bevorzugten ihn, wo immer es ihnen m├Âglich war. Und sie bewunderten ihn. J├╝rgen zeterte nie. Charmant und humorvoll erreichte er, was er in dieser Klinik begehrte. Es war eigentlich nur, m├Âglichst schnell wieder nach Hause zu d├╝rfen.

Ihren Kindern hatten Carolin und er nicht viel gesagt. Sie waren f├╝nf, sieben und zehn Jahre alt. Die Kids fragten auch nichts, stellten nur mit einem „Tsch├╝├č Papa“, fest, dass er wieder f├╝r einige Zeit au├čer Haus war. Der J├╝ngste hatte sich einmal ├╝ber die Narbe quer ├╝ber J├╝rgens kahlen Sch├Ądel am├╝siert: „ Du siehst aus, wie Frankenstein, Papi“, hatte er gesagt, und J├╝rgen schnitt zur Best├Ątigung f├╝rchterliche Grimassen. Die Kinder erschraken und Carolin lief ins Bad.
Inzwischen war seit den sieben Monaten der Diagnosestellung fast eine Routine eingekehrt. Freitags ging J├╝rgen zur Chemotherapie, dann und wann zur Bestrahlung und ansonsten war Alltag. Heimlich freute sich J├╝rgen, als Carolin sich einmal ├╝ber die unverschlossene Zahnpastatube aufregte. Er liebte sie f├╝r ihre St├Ąrke und er verfluchte so oft, dass die Wirklichkeit ihr dies abverlangte.
Abends, wenn die Kinder l├Ąngst schliefen, sa├čen er und Carolin oft vor dem sich hinlaufenden Fernseher. Dicht aneinander gekuschelt, die H├Ąnde ineinander verschlungen, wagten sie selten, sich anzusehen. Die Sehnsucht nach dem anderen war gro├č. Sie waren sich n├Ąher, als jemals zuvor. Und dennoch war ihre N├Ąhe eine andere.

J├╝rgen machte sich langsam zum R├╝ckweg auf. Er kehrte einfach um und lief den Weg zur├╝ck, den er gekommen war. Von Weitem sah er Carolin mit den Kindern am Strand spielen. Das Auto war f├╝r die Heimfahrt gepackt und gleich w├╝rden sie nach Hause fahren. Andere Badeg├Ąste winkten der netten Familie mit den drei Kindern zu, die so gl├╝cklich miteinander schienen. Sie waren es auch. Vom einen Moment zu den Momenten, die ihnen noch gemeinsam blieben.

„Himmelstrauer“, Eingeschobenes frei nach Nikolaus Lenau 1802-1850


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strumpfkuh
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Hallo Wondering,
das ist eine sehr sch├Âne, ganz besondere Erz├Ąhlung, die du da geschrieben hast. Ganz behutsam f├╝hrte sie mich zu dem totkranken Mann am Strand, der nur wenige Meter entfernt von seiner Familie ├╝ber seine Krankheit, sein Leben und seinen Tod nachdenkt. Seine Gedanken haben mich teilnehmen lassen an dem Schmerz, der Angst und der Traurigkeit. Aber auch so viel Liebe und Dankbarkeit habe ich mitempfunden.
Es ist ein Text, der mich wieder einmal daran erinnert hat, wie gl├╝cklich ich bin, gesund zu sein.

Eines klang f├╝r mich unglaubw├╝rdig. Warum haben die Kinder keine Fragen gestellt? Selbst der F├╝nfj├Ąhrige w├╝rde da vieles sp├╝ren und mitbekommen. Und Kinder fragen, fragen, fragen.
LG
Doro

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wondering
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Hi Doro,

danke f├╝r die Darstellung und das Lob.
Ja, i.d.R. fragen Kinder ohne Ende. Aber in diesem Fall, und das erlebe ich nicht zum ersten Mal, verdr├Ąngen Kinder und fragen nicht. Die Geschichte ist nicht erfunden und daher wei├č ich, dass die Drei tats├Ąchlich einfach "Alltag spielen". Sie sch├╝tzen sich so.

Liebe Gr├╝├če
wondering
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strumpfkuh
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Aber ist es nicht eher so, dass Kinder zuerst fragen und dann sehr schnell damit aufh├Âren, wenn sie keine Antworten bekommen, weil es keine Antworten gibt?
LG
Doro

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