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Leselupe.de > Erzählungen
Hinter dem Horizont
Eingestellt am 18. 10. 2011 19:35


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Raya
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Registriert: Jan 2003

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Die Ampel an der Kreuzung schaltete auf Grün. Sie saß am Steuer des alten Chevys und starrte geradeaus. Vor ihr lag die Weite des Farmlandes. Nur der Horizont schien dessen natürliche Grenze zu bilden. Natürlich wußte sie wie sie zum Highway kam.
Hatte eine Ahnung davon, wo die großen, aufregenden Städte lagen. Da wartete tatsächlich ein Leben auf sie.
Alles was tun mußte war den Fuß aufs Gaspedal zu setzen und sich einfach hinein zu stürzen. Doch sie zögerte...,

Zur Zeit versuchte sie sich im Geschichten schreiben.
Es fiel ihr nie schwer, sich in eine Person hinein zu träumen, sie in eine dramatische Situation zu bringen, doch dann steckte Justine jedes Mal in der Zwickmühle. Sie verlor jegliches Selbstvertrauen. Träumen war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Und mancher hatte ihr schon bestätigt, daß sie leidliches Talent zum Spinnen von Situationen und Charakteren hatte. Doch wenn es um ihr eigenes Leben ging, dann fehlte ihr der Durchblick. Denn das Leben ließ sich nicht so einfach erträumen wie ihre Geschichten.
Wie es wohl war eine Sache zu Ende zu führen? Das fragte sie sich frustriert. Sie hatte so etwas noch nie getan, deshalb würde wohl auch nie eine richtige Schriftstellerin aus ihr werden, denn leider fehlte Justines Geschichten immer der Schluß.

Jeden Tag fuhr sie auf dem Weg zur Arbeit durch die Lincoln Avenue, dort befand sich direkt rechts neben der alten abbruchreifen Seifenfabrik eine überdimensionale Plakatwand. Wind und Wetter hatten ihr schon stark zugesetzt. Eigentlich handelte es sich um eine Autowerbung für eine 77iger Corvette, damals hatte man es wohl für eine tolle Idee gehalten mit dem etwas abgedroschenen Slogan „ The American Way of Life.“ dafür zu werben.
Mittlerweile war der schicke Sportwagen nicht mehr zu erkennen, nur der amerikanische Lebensweg war noch übrig und schien jeden zu mahnen das Beste aus sich heraus zu holen.

In einer Gesellschaft in der man an seinen persönlichen Erfolgen gemessen wurde, hatte sie wirklich nicht viel vorzuweisen. Und das wurmte sie oft gewaltig. Das war wohl bezeichnend in ihrem Leben, sie fühlte sich nicht nur als Loser, nein sie war tatsächlich einer.

Alles was sie wollte war, Erfolg zu haben. Und so gab es viele Sachen an denen sie sich versuchte, die sie wieder fallen ließ, wenn sie bemerkte das es die Mühe nicht wert war. Sie war erst 21, doch sie konnte schon auf eine erstaunliche Liste von Fehlschlägen zurück blicken. Was hatte sie nicht alles ausprobiert. Fechten, Eislaufen, Reiten, Violine spielen, Schach, Judo, Zeichnen. Keine dieser Beschäftigungen hatte es geschafft die innere Leere in ihrem Herzen zu füllen.

Es war ganz schön, daß ihre Eltern sie nie zu etwas ermutigt hatten, nie wirkliche Leistung von ihr gefordert hatten.
Justines Eltern waren ehrbare Vertreter der Mittelschicht, in der es reichte mittelmäßig zu sein. Sie gingen jeden Sonntag zur Kirche, wählten alle paar Jahre die Republikaner, denn sie waren Patrioten.
Da paßte es eigentlich nicht ins Bild, als Justines Mutter eines Tages eine Überdosis Schlaftabletten schluckte. Einen mehrseitigen Abschiedsbrief hinterließ, in dem sie genau ihre Beerdigung geplante hatte und noch bestimmte das Justine fortan von ihrer Tante aufgezogen werden sollte.
Nein, Justines Mutter starb nicht. Das Mädchen fand sie noch rechtzeitig, als sie am Morgen gerade zur Schule gehen wollte und rief noch rechtzeitig den Krankenwagen.

Das war der Tag, an dem ihre Kindheit vorbei war. Unwiderruflich, an diesem Tag war sie gerade erst 11.
Ihre Eltern ließen sich 2 Jahre später scheiden. Und sie wuchs bei ihren Großeltern auf.
Sie überlebte, doch auch nicht mehr.
In der Schule hatte sie sich auch nie durch besonderen Fleiß ausgezeichnet. Sie tat immer gerade genug, daß sie nicht durchfiel. Es tat gut sich im Mittelfeld zu verstecken, denn sie war nicht gerade beliebt bei ihren Mitschülern. Als sie ihren Abschluß machte, fiel sie einigen ihrer Klassenkameraden, das erste Mal auf, als diese das Jahrbuch zur Hand nahmen.

Diese kratzten sich verwundert den Kopf und fragten sich wer dieses dunkelhaarige, nicht sehr große, nicht sehr schlanke Mädchen mit den trotzigen, blauen Augen eigentlich war. Dann dämmerte es ihnen, das Justine Soundso doch in Chemie und Physik hinter ihnen jahrelang die Bank gedrückt hatte.
Einige konnten sich noch daran erinnern, daß sie immer aus dem Fenster gestarrt hatte. Als wäre sie nur rein körperlich anwesend. Doch ab und zu erwachte sie aus ihre Starre und überraschte alle mit provokanten Gedankengängen und rhetorisch ausgefeilten Antworten.

Doch gegen das Lob der anderen schien sie immun zu sein, vielleicht hörte sie es auch gar nicht. Ihre beste Freundin Diane warf ihr einmal vor, sie habe das Unglücklichsein zu einer Kunst erhoben.
Sie hatten sich wieder einmal in ihrem Lieblingscafé am in dem Einkaufszentrum getroffen, in dem sie beide arbeiteten.

„Nein.“ antwortete Justine darauf. „Vielleicht sind nur die anderen permanent unzufrieden und ich bin nur der einzige glückliche Mensch auf diesem Planeten. Könnte doch sein, oder?
Wer hat eigentlich definiert was Glück und was Unglück ist. Vielleicht will ich manchmal gar keinen Menschen um mich haben, der mich beim Denken stört.“
„Soll ich lieber gehen?“ fragte Diane.
Justine stöhnte gequält auf: “Nein Di, so habe ich es doch gar nicht gemeint. Nimm doch nicht immer alles so wörtlich was ich so daher rede.“
Diane zuckte mit den Achseln und erhob sich, dabei strich sie ihrer Freundin liebevoll übers Haar.
„Tue ich auch nicht, Tinchen. Wir kennen uns schließlich seit der Junior High, wenn dich jemand kennt, dann wohl ich. Ich muß jetzt zurück an die Arbeit. Du solltest dich jetzt auch sputen, sonst macht dir dein Boss wieder die Hölle heiß.“
„Und wenn schon.“ stöhnte Justine. „Ist ja nicht so, als das ich nicht wieder einen anderen miesen Job bekommen könnte.“ Dann schaute sie auf, doch ihre Freundin war schon unterwegs zu der kleinen Modeboutique in der Nähe der Rolltreppe. Sie hatte Justines Protest überhaupt nicht mehr mitbekommen.
Warum auch, Diane überhörte die meisten Dinge, die ihr unangenehm oder zu schmerzhaft waren. Sie war ein richtiger Sonnenschein, schon seit sie ein kleines Mädchen war. Groß, blond, immer ein Lächeln auf den Lippen war sie das ganze Gegenteil von Justine, der jedoch nie in den Sinn kam, die Freundin zu beneiden.

Wofür denn auch? Das sie Ballkönigin des Abschlußballs wurde, den Quaderback des Footballteams der Highschool geheiratet hatte? Früh schwanger, und jetzt ein krankes, behindertes Kind zu Hause hatte, von dem keiner wußte ob es je laufen und sprechen lernen würde.
Diane hatte nie mit diesem Schicksal gehadert, nie geklagt. Doch ab und zu entfloh sie ihrem Leben, in dem sie mit Justine los zog und sich betrank. Nur wenn sie betrunken war, konnte Diane weinen. Das war ein befreihendes Gefühl, doch selbst diese kleinen Fluchten gestattete sie sich nur selten. Das alles war Gottes Wille, sagte sie immer. Und diesen mußte man annehmen.
Justine liebte ihre Freundin und widersprach ihr nur selten, doch sie konnte beim besten Willen nicht begreifen wie das alles Gottes Wille sein sollte. Was hatte Jesus davon den Menschen solche Steine in den Weg zu legen. Warum hatte er Dianes Leben so derart versaut. Dafür hatte Justine nur eine Erklärung. Vorausgesetzt der Mensch hatte einen freien Willen, dann war Diane selbst an ihrem Leben schuld und Gott kümmerte sich einen Scheiß um seine Schäfchen auf Erden. Oder, gesetzt dem Fall Jesus war tatsächlich für alles verantwortlich, dann war er wohl ein Sadist.

Wie so oft beschäftigte sie diese Problematik den ganzen Tag. Für Justine war es durchaus möglich mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Während sie eine quengelnde, äußerst anstrengende Kundin bediente, gelang es ihr besonders gut auf Autopilot zu schalten.
So nannte sie den Zustand, wenn ihr Hirn abschaltete, das Verkaufsprogramm einschaltete und nur noch auf die Floskeln der Frau vor ihr, mit genauso nichtssagenden Worthülsen antwortete.
„Die Farbe gefällt ihnen nicht? Ja das kann ich gut verstehen, sie sollten lieber diesen schönen blauen Pullover nehmen, der hat genau dieselbe intensive Farbe wie ihre Augen.“
Dafür wurde sie prompt mit einem löblichen Lächeln bedacht.
Es war so einfach. Menschen waren doch so berechenbar. Man brauchte nur genau zu beobachten, um genau zu wissen was das Gegenüber erwartete.
Es war fast wie beim Tennis. Aufschlag - Gegenschlag. Freies Feld, Punkt.
Spiel, Satz und Sieg.
Ja, sie konnte mit Worten umgehen, auch eine Sache für die sie sich noch nie hatte anstrengen müssen.
Ihre Gedanken kehrten zu Diane zurück.
Sie hatte ihrer Freundin immer ein besseres Leben gewünscht. Doch wie das zu bewerkstelligen war, wußte Justine auch nicht. Wenn sie eine Antwort darauf gewußt hätte, dann wäre es ihr wohl auch gelungen ihr eigenes verkorkstes Dasein in den Griff zu kriegen.
Sie spürte wie die Sehnsucht in ihr aufstieg alles zu vergessen. Vielleicht sollte sie Diane nach der Arbeit noch in die Bar unten an der Straße einladen.
Ja, Justine hatte in diesem Moment wirklich große Lust sich zu betrinken.

Das taten sie dann auch. Nachdem Diane den Kleinen bei ihrem Mann gut untergebracht wußte.
Das war ihre Art aus dem Alltag auszubrechen. Erst gingen sie in die Bar, bestellten sich ein paar Drinks, um auf Touren zu kommen. Dann gings zur alten Juke Box in der Ecke, sie drückten einen der vielen abschliffenen Knöpfe, die auf Befehl seit Jahr und Tag dieselben Lieder spielten.
Sie kannten alle auswendig und es war ein wunderbares Gefühl, wenn sie die Texte laut mitsangen. Sie und der Rest der Leute in der Bar, die wohl auch seit Jahr und Tag dieselben waren.
So verging der Abend wie im Flug. Sie gingen erst kurz vor der Sperrstunde und auch dann hatten die beiden noch keine Lust nach Hause zu gehen.
Larry, der Wirt, schenkte „seinen Lieblingsmädchen“ noch eine Flasche Wein. Damit fuhren sie zu ihrem Lieblingsplatz, einen Hügel von dem sie über die ganze Stadt blicken konnten. Da war nichts weiter als Natur, die kleine Stadt unter und der große Himmel über ihnen.

„Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen?“ fragte Diane gedankenverloren.
„Hmm, ich glaube da würde ein Wunsch gar nicht ausreichen.“ Meinte Justine. „Und du?“
„Was glaubst du wohl?“ fragte Diane, mit einem ironischen Seitenblick.
„Das der Kleine in Ordnung ist.“ erwiderte Justine schnell.
„Ja, das auch. Vielleicht hätte ich nicht so früh heiraten und schwanger werden sollen. Obwohl ich es andererseits auch nicht bereue.“
„Geheiratet zu haben oder schwanger geworden zu sein?“ hakte Justine nach.
„Keines von beiden.“ stellte Diane fest.
„Das glaubst du doch selber nicht.“
„Weißt du, was dein Problem ist?“ ,brüllte Diane „Du hast eine Scheißangst vor dem Leben. Was zu wagen, jemanden zu lieben. Klar du bist superintelligent, hältst hochtrabende Vorträge doch im Grunde genommen, bist du einfach nur feige.“
„Schön, das wir das jetzt geklärt haben.“ meinte Justine gekränkt. „Eigentlich wollte ich dir nur helfen.“
„Du mir helfen. Lieber Gott, Mädchen wach auf. Wie willst du mir helfen?“
„Naja, ich dachte...“
„Wie willst du wissen wie ich mich fühle? Weißt du wie es ist, wenn das Bündel Mensch, was man geboren hat, nie etwas anderes können wird, als essen, schlafen und scheißen?“
Diane wischte sich eine Wutträne aus dem Augenwinkel, ergriff die Flasche und nahm einen weiteren tüchtigen Schluck. Dann fuhr sie fort:
„Nein, Mädchen deine Träume von Freiheit waren nie die meinen. Was ist so schlimm daran auf Wunder zu hoffen?“
„Weil in dieser Welt keine geschehen.“ brüllte Justine zurück.
Von Diane erntete sie darauf nichts weiter als einen mitleidigen Blick.
„In deiner Welt vielleicht nicht, doch in meiner schon.“ sagte sie.
„Weißt du was, ich verstehe nicht weshalb gerade du hier auf allwissend machst. Hattest du etwa schon ein persönliches Date mit Jesus?“
Diane erschien das so widersinnig, vielleicht lag es auch an dem billigen Wein, jedenfalls begann sie wie hysterisch zu lachen.
Sie lachte und lachte. Ihr flossen die Tränen aus den Augen und das hübsch geschminkte Gesicht zerfloss zu einer grotesken Maske. Sie benutzte eins ihrer makellos weißen Baumwolltaschentücher, die es bei Wool Worth im Zehnerpack zu 3,50$ gab, um sich ganz ladylike das Gesicht zu betupfen. Es dauerte lange bevor sie ihre Fassung wieder gefunden hatte. Justine wartete geduldig
„Erklär mir doch bitte, was daran so witzig war?“ fragte sie leise kopfschüttelnd.
Inzwischen hatte sich Diane auf die Motorhaube des Pickups gesetzt und starrte versonnen in den sternenübersäten Himmel, als stünde da oben die Antwort geschrieben.
„Wenn ich mit Jesus ein Date haben könnte, dann gäbe es so manches Hühnchen, welches ich mit ihm zu rupfen hätte.“ antwortete sie so leise, daß es Justine kaum verstehen konnte.
„Wegen Johny?“
„Ja, wegen Johny.“
„Hast du dich schon mal gefragt, weshalb gerade dir das passiert ist?“
Diane seufzte: „Ja, tausend Mal. Doch Gott hat mir nie eine Antwort gegeben. Deshalb denke ich, Gott hat damit nichts zu tun. Vielleicht liegt es ja auch daran, das Johny nie gelernt hat, was kämpfen heißt, wie soll er da den Willen haben etwas Neues zu lernen. Ich glaube, ich werde ihm vom Leben erzählen. Ja, das ist es. Er soll Blumen und Schmetterlinge sehen. Das kann ich ihm alles zeigen. Was machts denn schon, wenn er´s nicht versteht. Er kann sehen, daß haben mir die Ärzte versichert.“
Diane lachte glücklich auf. Ja, sie hatte wieder Hoffnung. Das alles ergab einen Sinn. Sie konnte etwas tun.
Justine wagte nicht etwas einzuwenden, sie hatten sich für diesen einen Abend schon genug gestritten.

Sie hatte sich den Lottoschein ohne große Hintergedanken gekauft. Es war nichts Besonderes dabei. Das war einfach eine Sache, die sie ab und zu tat. Auf dem Weg zur Arbeit kam sie sowieso immer an dem Geschäft vorbei, oft kaufte sie sich dort eine Zeitschrift und ab und zu fühlte sie zum Spaß einen Lottoschein aus. Dann kreuzte sie einfach wahllos ein paar Zahlen an und während der Arbeit machte es ihr Spaß „Was wäre wenn?“ zu spielen. Was würde sie sich von dem Millionengewinn leisten, was für ein Leben würde sie führen?
Die Welt würde ihr dann offen stehen, sie könnte reisen, überall leben. Alles würde sich verändern.
Natürlich hatte sie auch diesmal nicht gewonnen. Aber dieses Spielchen hatte etwas Reizvolles. Für ein, zwei Tage konnte man sich in der Hoffnung wägen, daß sich vielleicht bald etwas ändern würde, ohne wirklich ein Risiko ein zu gehen.
Sie wußte, daß es wahrscheinlich viel wahrscheinlicher war, einen Ochsenfrosch in einen Prinzen zu verwandeln, als Lottomillionärin zu werden. Doch Träumen schien nun einmal das einzige zu sein, in dem sie wirklich gut zu sein schien.
Das war wohl der gravierende Unterschied zwischen Diane und ihr. Ihre Freundin konnte sich diesen Luxus wirklich nicht leisten, dafür hatte sie viel zu wenig Zeit. Das Absurde war, wenn Justine ihre Betrachtungen fortsetzte schien Diane eigentlich die Glücklichere von ihnen beiden zu sein, denn sie stand mit beiden Beinen im Leben.
Hey, was lief da eigentlich schief?
Wieso war es für Diane so leicht jeden Tag mit soviel Enthusiasmus zu beginnen, obwohl eigentlich immer sie diejenige war die ihre Freundin für ihr grausames Schicksal bemitleidet hatte.

Diane rührte nachdenklich in ihrem Kaffee und starrte wie hypnotisiert in die Tasse, nur um die faszinierende Beobachtung zu machen, wie sich die Sahne mit dem samtenen Braun zu dem was man üblicherweise als Milchkaffee bezeichnete, verband.
Gerade eben hatte ihr Justine ihr neustes Dilemma geschildert. Manchmal war sie es so leid. Manchmal hasste sie sie sogar für ihre Egomanie.
Deine Probleme möchte ich haben, dachte sie resignierend. Wiederum war ihr klar, daß Justine nicht im Geringsten wissen konnte, wie es war ihr Leben zu führen. Ihre Zerissenheit, zwischen der alles überstrahlenden Mutterliebe und dem gleichzeitigen Hass auf Johny mit dem sie wohl nun für den Rest ihres Lebens auf Gedeih und Verderb verbunden sein würde. Lautlos atmete sie tief und langsam aus, daß reichte um ihre Balance für den Augenblick wieder zu finden.
„Weißt du, was wäre schon dabei wenn du morgen nicht zur Arbeit kommen würdest. Die Welt würde sich weiter drehen.“ Mit einem wehmütigen Lächeln runzelte sie die Stirn, so wie Justine es wohl schon tausendmal an ihr beobachtet hatte. Das war dieser Mama-Ausdruck, dabei waren sie doch im gleichen Alter.
„Was zum Teufel meinst du damit.“ sprudelte es aus ihr heraus, denn solche Töne hatte sie von Justine noch nie gehört.
„Ok, wir kennen uns schon ´ne halbe Ewigkeit. Laß uns also Klartext reden. Ich werde hier wohl niemals weggehen, doch das ist nicht der Punkt. Im Gegensatz zu dir habe ich das akzeptiert und bin auch ganz zufrieden damit. Allerdings bin ich es leid mit an zu sehen, wie du deine Perlen vor die Säue wirftst. Denn Mädchen, wann hast du das letzte Mal gelebt. Wann hattest du deinen letzten Lover?“
Justine schluckte, das war genau ihr wunder Punkt: „Verdammt nochmal, das weißt du doch. Sean war mein einziger Freund und das war in der High School.“
Diane lächelte: „Klar weiß ich das, doch ich wollte das du es nochmal aussprichst. Und weshalb war er der einzige?“
„Ich hab einfach keinen mehr gefunden in den ich mich verliebt habe.“
„Konnest oder wolltest du nicht? Warum hattest du nicht mal ein One Night Stand?“
„Das ist nicht meine Art.“
„Quatsch, du lügst dir doch in die Tasche.“
„Das sagst gerade du, die brave Ehefrau.“
Diane lächelte wieder, diesmal ein wenig überlegen: „Glaub mir, ich hab meine Erfahrungen gemacht und wer sagt denn, daß ich meinem Mann immer treu war.“
Justine blieb der Mund offen stehen: „Du hast Dan betrogen.“ fragte sie entsetzt.
„Ich enthalte mich in diesen Dingen der Stimme, denn das ist meine Sache und hier auch nicht der Punkt. Was ich dir sagen will ist: Wenn du hier so unglücklich bist, warum gehst du dann nicht. Laß am besten alles stehen und liegen. Du mußt keinem was sagen, so ist es am einfachsten. Ich werde dann hier sitzen und du wirst nicht kommen, später wirst du mir nur eine Ansichtskarte schicken auf der steht: „Habs geschafft, bin noch mal davon gekommen...“
Das wünsche ich mir für dich.“
Justine war sprachlos: „Du willst das ich gehe?“
Diane fuhr sich frustriert durchs Haar: „ Das versuche ich dir doch die ganze Zeit zu sagen. Hey, fang jetzt bloß nicht an zu schmollen. Wer soll es dir denn sonst sagen. Du meidest andere Leute doch wie die Pest, weil du dich viel zu sehr vor einer Ablehnung fürchtest.“
Justine schüttelte nur verwundert mit dem Kopf, dann sah sie einen Vorwand suchend, auf ihre Uhr.
„Ich muß zurück in den Laden.“ erklärte sie hastig.
Diane hielt sie am Arm zurück: „Nein Kleine, du gehst nicht solange ich nicht fertig bin.“
„Verdammt du bist nicht meine Mutter, Di.“ fauchte Justine in die Enge getrieben.
„Nein, wenn es deine Mutter nicht interessiert, dass du dein Leben verschwendest, dann ist das traurig genug. Doch ich liebe dich und mir ist es nicht egal.
Hör zu, du bist frei. Kannst jederzeit gehen wohin du willst.“
„Und wenn ich nun nicht will?“
„Komm mir doch nicht damit. Du redest von nichts anderem, wenn du betrunken bist.“
„Ich hab keine Ahnung was ich quatsche, wenn ich besoffen bin.“
Justine mußte unwillkürlich lachen.
„Du hörst deine eigene Stimme nicht mehr, weil du Angst hast.“
„Angst, ach das sagt die Richtige. Du willst doch immer alles hinschmeißen.“
Diane schüttelte mit dem Kopf und sagte ernst: „Ich hab meine Wahl getroffen und kann damit leben. Es stimmt schon, es kostet viel Kraft, doch für mich gibt es nun mal kein Zurück.“

Aus dem Autoradio plärrte: „If you going to San Francisco.“
Was für eine romantische Vorstellung.
Die Ampel an der Kreuzung schaltete auf Grün. Sie saß am Steuer des alten Chevys und starrte geradeaus. Vor ihr lag die Weite des Farmlandes. Nur der Horizont schien dessen natürliche Grenze zu bilden. Natürlich wußte sie wie sie zum Highway kam.
Hatte eine Ahnung davon wo die großen aufregenden Städte lagen. Da wartete tatsächlich ein Leben auf sie. Alles was tun mußte war den Fuß aufs Gaspedal zu setzen und sich einfach hinein zu stürzen. Doch sie zögerte...,
Etwas schien sie, schwer wie Blei zurück zu halten. Das Gewicht der Gefühle schien sie fast zu überwaltigen. Es war das Gewicht des Lebens, daß sie zurück ließ.

Plötzlich sah sie die alte Seifenfabrik vor sich, etwas hatte sich verändert.
Man hatte die Plakatwand neu beklebt:
„Hinter dem Horizont, fangen die Träume an.“
Stand in großen, frischen Lettern darauf geschrieben.


Da nahm sie den Fuß von der Bremse und trat entschlossen auf das Gaspedal. Der Wagen machte ein überraschten Satz nach vorn und holperte los.

Keiner wußte wohin sie verschwunden war. Diane wartete viele Male vergeblich in ihrem Stammcafé, bis sie die Postkarte in ihrem Briefkasten fand, auf der die Golden Gate Bridge abgebildet war.
„Ich habs geschafft. Bin nochmal davongekommen.“
stand darauf.
Und Diane wischte sich, mit einem Lächeln, verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel.
„Na endlich…“ murmelte sie.

...ENDE...


Anmerkung: Inspiriert von dem Film „The Good Girl“. Der Name der Heldin sind ihm entliehen. Die übrige Handlung hat allerdings nichts mit dem Film gemein.

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