Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87720
Momentan online:
570 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Hinter der Grenze
Eingestellt am 19. 08. 2006 11:58


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
petrageige
Bl├╝mchendichter
Registriert: Aug 2006

Werke: 1
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um petrageige eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hinter der Grenze

Er war falsch abgebogen. Gleich hinter der Grenze war er falsch abgebogen. Dabei hatten ihn seine Kollegen in der Bank noch gewarnt: Stuttgart, N├╝rnberg, Amberg, R├Âtz, Waldm├╝nchen - die ideale Route. Der Grenz├╝bergang Waldm├╝nchen ist f├╝r LKWs gesperrt und viele kennen ihn gar nicht. Da kommen Sie ganz schnell r├╝ber. Aber passen Sie hinter der Grenze auf. Viele Baustellen und schlecht ausgeschildert. Immer geradeaus halten. Dann sind Sie in einer Stunde in Pilzen und eine gute Stunden sp├Ąter in Prag. Die beste Route, haben wir schon mehrmals ausprobiert.

Und jetzt war er falsch abgebogen. Aber das war ja auch kein Wunder. ├ťberall Schilder und blinkende Markierungsleuchten. Eine Umleitung nach der anderen. Und gleich hinter der Grenze hatte es zu regnen begonnen. Dicke schwere Tropfen schlugen gegen die Scheibe. Die Wischer schafften es kaum. Und seine Lichter reichten kaum ├╝ber die K├╝hlerhaube hinaus. Bummm! Ein Schlagloch so gro├č, da├č die Drei Ten├Âre f├╝r einen Moment pausierten. LÔÇÖarte nel suo mistero le diverse bellezze insiem conf Die CD hatte einen Moment ausgesetzt. Bummm, bummm, bummm...

Die Stra├če war eng und kurvig. Dann kam ein kleines Waldst├╝ck. Hohe Tannen begrenzten den Asphalt wie verbrannte, schwarze Knochen. Eine scharfe Kurve und der Wald war zu Ende. Der Regen lie├č nach, ein schmaler gekr├╝mmter Mond stand pl├Âtzlich am Himmel. In der Ferne gl├Ąnzte etwas. War da nicht ein Haus, vielleicht sogar ein Dorf? Doch das Gl├Ąnzen kam von einer hellen, ebenen Fl├Ąche. Wahrscheinlich ein kleiner See. Dann pl├Âtzlich ein paar H├Ąuser rechts und links der Stra├če. Keine Stra├čenbeleuchtung. Nichts. Nur ein wei├čes Schild mit einem Namen. Er verstand nicht, was das hie├č. Wahrscheinlich der Namen der Ortschaft. Er konnte mit dieser Sprache nichts anfangen. Wenn sie in der Bank einige Gesch├Ąftspartner zu Besuch hatten unterhielten sich diese manchmal in ihrer Muttersprache. Er verstand kein Wort. All diese Laute waren ihm v├Âllig fremd. Einmal hatte er einen Brief gesehen, den die Dolmetscherin gerade ├╝bersetzte. Geschrieben war diese Sprache f├╝r ihn noch seltsamer als gesprochen. Konnte man diese Sprache lernen? War es m├Âglich, sich in ihr zu unterhalten? Die Scheinwerfer beleuchteten ein gro├čes Geh├Âft. Das verfallene Mauerwerk und die verbla├čte Farbe lie├čen noch etwas von dem alten Wohlstand ahnen. Er hielt an. Eine hohe zweifl├╝gelige Stahlt├╝r versperrte den Zugang. Keine Klingel. Er klopfte. Nichts. Nicht einmal ein Hund bellte. Er versuchte es noch einmal. Keine Reaktion. Er ging weiter zu einem kleinen H├Ąuschen, das an das Geh├Âft anschlo├č. Es war ebenfalls verfallen, windschief und krumm, so als habe es sich vor Wind und Wetter hingeduckt. Auch hier keine Klingel, kein Name am Tor. Er klopfte. Er rief. Nichts. Da war niemand. Er stieg ein und fuhr weiter.

Am Ende der Ortschaft sah er wieder eine gl├Ąnzende Fl├Ąche. Ein kleiner See. Aber weit und breit keine H├╝tte, kein Haus. Er gab Gas. Er fuhr so schnell, wie es die Stra├če eben erlaubte. Pl├Âtzlich rumpelte es. Sein Wagen mu├čte irgend etwas ├╝berfahren haben. Er hielt an, untersuchte die Sto├čstange, den K├╝hler, die Motorhaube. Gott sein Dank nichts besch├Ądigt! In den Stra├čengraben sah er nicht. Was ging das ihn an! Er fuhr weiter. Und dann pl├Âtzlich direkt neben der Stra├če ein Licht. Es kam immer n├Ąher. Eine Stra├čenlaterne beleuchtete ein schiefes, rostiges Blechh├Ąuschen. Daneben ein Pfosten. Auch rostig und krumm. An ihm war eine kleine Tafel befestigt. Wohl eine Haltestelle. Aber wenn es hier eine Haltestelle gab...? Er folgte einfach der Stra├če. Dann ein Schild, H├Ąuser, Lichter.

In der Mitte des Ortes hielt er, hier war ein Geb├Ąude hell erleuchtet. Als er ausstieg roch es nach Farbe. Die rechte Seite des Geb├Ąudes war frisch gestrichen und zwar in einem sch├Ânen kr├Ąftigen Maisgelb. Der T├╝rrahmen, die Fenster und die Dachtraufe waren wei├č. Direkt unter einer gro├čen Lampe ein Bild: eine junge, sch├Âne Slawin setzte einen von hellem Bier sch├Ąumenden Glaskrug an ihre Lippen. Darunter ein gro├čes Schild: Hospoda. Hier mu├čte wohl eine Kneipe sein. Na also. Die andere Seite des Geb├Ąudes lag im Dunkeln. Sie war von einem Rohrger├╝st umgeben. Er stieg verfallene, schiefe Stufen hinauf und wollte die T├╝r ├Âffnen. Da trat ein alter Mann heraus. Sehr gro├č und hager. Ein kahler, faltiger Kopf. Er hob den Kopf und murmelte etwas. Dabei war f├╝r einen Moment sein Gesicht zu sehen. ├ťber dem rechten Auge hatte er eine tiefe, sternf├Ârmige Narbe, die in alle Richtungen lief. Der Alte machte die T├╝r wieder zu und ging die Stufen hinab, dicht an ihm vorbei.

Aus reiner Gewohnheit r├╝ckte er die Krawatte zurecht, dann ├Âffnete er die kleine schiefe Holzt├╝r und trat ein. Ein dunkler Vorraum in dem es durchdringend nach Urin roch. Kein Wunder. Denn genau gegen├╝ber vom Eingang befand sich die Toilette. Die T├╝r war offen. An ihr hing ein zerfledderter Zettel, auf dem ein paar Worte dick unterstrichen waren. Das Ganze war mit drei Ausrufezeichen versehen. Er ging ans Waschbecken und lie├č kaltes Wasser ├╝ber seine H├Ąnde laufen. Dann wusch er sein Gesicht. Als er aufblickte sah er im Spiegel schr├Ąg hinter sich einen Schuh, der in einem der drei Pissoirbecken lag, die an der wei├čgekachelten Wand befestigt waren. Dar├╝ber hing ein nach unten abgespreizter Fu├č. Er dreht den Kopf leicht zur Seite, und der Spiegel zeigte ihm auch den anderen Fu├č, der in einem eleganten italienischen Modell steckte. Etwa einen Meter ├╝ber dem Boden. Er drehte sich um, er wollte das Gesicht nicht sehen. Zuerst wollte er gleich loslaufen. Doch dann k├╝hlte er erst einmal seine Stirn. Dem war ohnehin nicht mehr zu helfen. Das Handtuch, das an der Wand hing, war total verdreckt. Er zog ein wei├čes Taschentuch aus der Hose und trocknete sich ab. Dann ging er in den Schankraum.

Auch hier roch es nach Farbe. Der Boden war mit einem schmierigen Kunststoff belegt, doch Decke und W├Ąnde waren frisch gestrichen. In dem rauchigen Raum sa├čen an drei, vier Tischen einige Arbeiter und Bauern. Die meisten trugen verschmierte Latzhosen. Einer hatte eine speckige M├╝tze auf. Ein gro├čer, fast wei├čblonder Mann sang. Er trug ein d├╝nnes, wei├čes Hemd, das er bis zum Bauch aufgekn├Âpft hatte. Dazu eine wei├č-schwarz-karrierte B├Ąckerhose. Er hatte wohl einmal eine sch├Âne Stimme gehabt, selbst heute klang sie noch recht gut. Doch man h├Ârte das Rauchen und den Alkohol heraus.
Guten Abend!
Alle schauten auf, doch niemand gr├╝├čte. Sie wandten sich sofort wieder dem Kartenspiel oder ihren lauten Gespr├Ąchen zu. In der Ecke lief ein Fernseher. Aber niemand schaute hin.
Da drau├čen...
Doch niemand beachtete ihn.
Da drau├čen...
Niemand blickte auf.
Aber h├Âren Sie...
Er setzte sich an einen gro├čen Holztisch in der Ecke. Die Tischdecke, ein schief zugeschnittenes St├╝ck Kunststoff, war klebrig vom Bier und Schnaps. Am Rand stand eine ovale, helle Lache, die wohl, bevor sie weggewischt wurde, eingetrocknet war. In der Mitte ein Aschenbecher, dessen Glas schon lange schwarz und grau geworden war. Ein paar Stummel dampften noch kalt vor sich hin. Auf der Bank lag ein schmales, abgenutztes St├╝ck Teppichboden. Die Bedienung kam langsam angeschlurft. Eine junge Frau mit h├╝bschen, kastanienroten Locken. Ihr Gesicht war m├╝rrisch, zumindest war es gleichg├╝ltig. Die engen Stretchleggins spannten sich ├╝ber einer breiten H├╝fte. Der Nagellack an ihren Fingern bestand nur noch aus einzelnen Splittern Hellrosa.
Pros├şm?
Ich...also da drau├čen h├Ąngt einer, hat sich einer erh├Ąngt. Er machte eine entsprechende Handbewegung.
No, no...Pros├şm?
Da drau├čen...ach was, der h├Ąngt da gut, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen.
Er versuchte gar nicht erst, Wein zu bestellen. Bittesch├Ân, haben Sie Pils?
Plzensky?
Pils! Einfach ein frisch gezapftes Pils!
No, no, no.
Sie schlurfte davon. Betont langsam. Dann lie├č sie das Bier ein. In eine gro├čes, zylindrisches Glas, das sie vorher kurz in ein Wasserbecken getaucht hatte. Den Schaum streifte sie mehrmals mit einem kleinen, flachen Schaber in ein anderes Glas und go├č dann nach.
Er blickte auf die Uhr, die an der Wand neben dem Zapfhahn hing. So fr├╝h noch? Kurz nach sechs hatte er die Grenze passiert, und die Uhr zeigte erst halb sieben. Ihr Glas war innen feucht angelaufen und gesprungen. Der Zapfhahn tropfte. Und oben an der Wand leckte das Heizungsrohr. Immer wieder fielen kleine eisenbraune Tropfen an der hellgekalkten Wand mit ihrem frischen, goldroten Blumenmuster herab. Unten stand eine alte Blechdose, die sie auffing.
Dann brachte sie das Bier.
Pros├şm.
Entschuldigen Sie, haben Sie auch etwas zu essen?
Nemám!
Zu essen? Er deutete mit der rechten Hand in den ge├Âffneten Mund.
Nemám!
Sie schlurfte einfach wieder davon. Der Zapfhahn tropfte noch immer.
Das Bier war gut, aber Pils war es mit Sicherheit nicht. Es war sch├Ân kalt und schmeckte leicht s├╝├člich nach Malz.
Als die Bedienung vorbeikam, machte er noch einen Versuch.
Bitte, haben Sie nicht etwas zu essen?
Das hat keinen Sinn!
Ein Mann war an seinen Tisch getreten. Er kam von drau├čen. Er war gro├č, hielt sich ganz gerade und trug einen sehr d├╝nnen, scharf ausgeschnittenen Oberlippenbart. Seine graumelierten Haare waren ganz kurz geschnitten und frisch gef├Ânt. Die elegante, schmale Kunststoffbrille stand ihm gut. Er sprach gepflegtes Hochdeutsch. Er trug einen wei├čen Rollkragenpullover und eine wei├če Latzhose. Seine kleine Holzleiter und einen ovalen Farbeimer mit Walzen und Pinseln stellte er neben dem Tisch an die Wand und setzte sich dann.
Das hat keinen Sinn. Sie versteht alles. Sie hat Deutsch bis zum Abitur gelernt. Oder zumindest bis kurz davor. Denn die Pr├╝fung hat sie nicht abgelegt. Statt dessen bedient sie jetzt in der Kneipe ihres Vaters. Aber heute ist sie einfach nicht gut drauf. Doch warten Sie mal.
Petro, máme hlad. Udelàs nám gulás?
Sie nickte, obwohl es ihr nicht pa├čte, das konnte man sehen.
Er r├Ąusperte sich. Sie macht uns ein Gulasch. Das ist das einzige, was sie hier machen kann. Eine gro├če K├╝che d├╝rfen Sie nicht erwarten. Aber es schmeckt gut. ├ťbrigens, das sollten Sie wissen: Hier, im Grenzland, verstehen fast alle deutsch. Wenn sie wollen. Aber meistens wollen sie nicht.
Er hatte sein Bier noch nicht ganz ausgetrunken, da stand schon das n├Ąchste auf dem Tisch.
Trinken Sie, trinken Sie, so ein Bier bekommen Sie in Deutschland nicht!
Sie sprechen aber sehr gut deutsch...
Kein Wunder, ich bin ja Deutscher. Ich komme aus Frankfurt.
Und ich aus Stuttgart.
Da fiel ihm der Tote wieder ein.
Drau├čen in der Toilette h├Ąngt einer.
Ich wei├č.
Ich habe mir, bevor ich hier hereinkam, die H├Ąnde gewaschen.
Sie wissen?
Das ist schon der dritte in diesem Monat. Auch so ein Erfolgstyp. Die schnelle Mark...├Ąh Krone. Einer von diesen jungen dynamischen. Fr├╝her hingen Sie immer direkt neben dem Waschbecken. Man mu├čte sie jedesmal zur Seite schieben, wenn man auf die Toilette wollte. Doch jetzt haben sie ein Schild angebracht, jetzt h├Ąngen sie sich in der Ecke neben dem Pissoir am Heizungsrohr auf. Das st├Ârt dann weniger. Die meisten halten sich dran. Eigentlich alle. Bis auf einen. Aber das war ein ehemaliger Apparatschik, die waren ja fr├╝her auch immer im Weg.
Aber sollte man ihn nicht...
Lassen Sie ihn h├Ąngen, er h├Ąngt da gut.
Ja aber...
Die Putzfrau wird sich morgen um ihn k├╝mmern.
Die Uhr zeigte immer noch halb sieben. Der Zapfhahn tropfte. Und oben an der Wand leckte das Heizungsrohr. Immer wieder fielen kleine eisenbraune Tropfen an der hellgekalten Wand mit ihrem goldroten Blumenmuster herab. Unten stand eine alte Blechdose, die sie auffing.
Ich habe mich verfahren. Gleich hinter der Grenze. Ich mu├č irgendwie falsch abgebogen sein.
Ja, ja, das passiert hier vielen.
Die Bedienung brachte das Gulasch. Zwei dampfende Teller mit einer dunklen, braunen So├če. Am Rand lagen vier flache, helle Scheiben.
Das sind Serviettenkn├Âdel. Bessere finden Sie auf der ganzen Welt nicht. Aber man mu├č sich erst an sie gew├Âhnen. Sie schmecken zun├Ąchst etwas trocken. Nehmen Sie immer etwas So├če dazu. Und gleich danach einen gro├čen Schluck Bier.
Sein Gegen├╝ber hatte sein Glas schon fast geleert. Sofort standen zwei frischgezapfte Gl├Ąser auf dem Tisch.
Ich mu├č nach Prag. Beruflich. Unsere Bank plant...
Banken planen immer. Ich habe fr├╝her auch geplant. Jetzt streiche ich Fassaden, Decken und W├Ąnde. Eine sch├Âne Arbeit. Am Schlu├č ist alles so frisch und neu. Es riecht wieder
gut.
Und fr├╝her, was haben Sie fr├╝her gemacht.
Fr├╝her war ich sozusagen ein Kollege von Ihnen. Ich war bei einer gro├čen Bank in Frankfurt und habe auch geplant. Im Vorstand. Als V4, als Vorstandsmitglied Vertrieb.
Und jetzt, was machen Sie dann hier? Haben Sie hier ein Ferienhaus?
Ein Ferienhaus...? Na ja, das ist eine l├Ąngere Geschichte...Es...h├Ąngt mit meinem besten Freund zusammen. Aber warum soll ich sie Ihnen eigentlich nicht erz├Ąhlen...? Wir haben ja Zeit.
Er r├Ąusperte sich und nahm einen gro├čen Schluck Bier.
Ich war bei der Bank sehr erfolgreich! Das war es also nicht. Es hing, wie schon gesagt, mit meinem besten Freund zusammen. Wir kannten uns seit der Grundschule, machten gemeinsam Abitur. Auch im Studium blieben wir eng befreundet. Er Mathematik, ich Wirtschaftswissenschaften. Beide an der Uni Frankfurt. Wir promovierten zur gleichen Zeit. Ich ging dann zur Bank, zun├Ąchst als Berater f├╝r Gro├čkunden. Er r├Ąusperte sich mehrmals. Mein Freund fing bei der Konkurrenz an. Analysen, Statistiken und so. Er r├Ąusperte sich wieder. Als ich aufstieg, holte ich ihn zu uns. Ein brillanter Kopf. Er arbeitet immer v├Âllig verbissen, nahm jedes Problem pers├Ânlich. Gab keine Ruhe, bis er es gel├Âst hatte. Dann wurde es ihm bei uns zu langweilig. Er ging an die Uni zur├╝ck. Habilitierte sich, erregte einiges Aufsehen. Der j├╝ngste Professor f├╝r theoretische Mathematik in Deutschland. Er bekam viele Angebote von Universit├Ąten. Auch aus Amerika und Japan. Aber das interessierte ihn alles nicht. Er wollte nur forschen. Von fr├╝hmorgens bis tief in die Nacht. Er l├Âste ein schwieriges Problem nach dem anderen. Alles andere war ihm egal. Selbst als er den Nobelpreis erhielt, wollte er erst nicht fahren. Seine Kollegen konnten ihn nur mit M├╝he ├╝berreden.
Die Bedienung brachte noch zwei Bier.
Und heute, was macht ihr Freund heute?
Heute hat er eine Imbi├čbude.
Eine Imbi├čbude?
Ja, eine Imbi├čbude. Die habe ich ihm eingerichtet. Denn in gewisser Weise war ich damals f├╝r ihn verantwortlich. Weil ich ihn abgeschnitten habe. L├Ąuft recht gut. Er macht eine Menge Umsatz. Ideale Lage, direkt neben einer Berufsschule im Zentrum von Frankfurt. Obwohl er am Anfang etwas M├╝he mit dem Rechnen hatte. Ich meinte schon, er w├╝rde es nicht schaffen. Aber dann habe ich ihm eine automatische Kasse gekauft. Mulitfunktional. Da braucht er nur noch auf die Symbole zu tippen und hat gleich alles in einer Summe.
Sie haben ihn abgeschnitten...
Ja, heute lasse ich alle h├Ąngen. Sie h├Ąngen dort recht gut. Au├čerdem ist ohnehin nichts mehr zu machen. Sie haben hier sehr viel Routine im Aufh├Ąngen entwickelt. Echter tschechischer Perfektionismus, fast schon eine Manie.
Er r├Ąusperte sich und nahm einen Schluck Bier.
Kennen Sie Lessings Gedicht ├╝ber einen Erh├Ąngten?
Nein, eigentlich nicht.
Es ist ganz kurz: Hier ruht er, wenn der Wind nicht weht.
Aber warum...
Er r├Ąusperte sich und nahm einen Schluck Bier..
Warum...? Meine Stimme macht mir noch manchmal...h├Ąngt mit meiner Zeit als Gro├čkundenberater zusammen. Das viele Reden. Warum, warum? Das wei├č niemadn so genau. Es gibt nur Vermutungen... Kurz nach dem Nobelpreis jedenfalls fiel er in ein Loch. Wurde v├Âllig passiv. Sa├č tagelang einfach nur da. Dachte oder dachte auch nicht, starrte vor sich hin, wurde immer depressiver. Er wollte, wie er es nannte, die letzten R├Ątsel der Mathematik l├Âsen. Er sprach jetzt viel vor sich hin. Unverst├Ąndliches, nur einzelne W├Ârter ohne Sinn und Zusammenhang. Murmelte, fl├╝sterte: Die letze mathematische Grenz├╝berschreitung...die Weltformel...Dann brach er wieder in hektische Euphorie aus. Lebte v├Âllig isoliert. Er arbeitete tagelang. Fast rund um die Uhr. Er belegte mehrere Computer auf einmal, wollte den Zugang zum Gro├črechner f├╝r alle anderen sperren lassen, aber das ging nicht.
Eine Schaffenskrise? Und deshalb wollte er sich erh├Ąngen?
Nein, nein...das lag tiefer. Man vermutete eine ungl├╝ckliche Liebe. Aber wie gesagt, so genau wei├č das niemand. Nur Vermutungen und Ger├╝chte. Er selbst hat niemals dar├╝ber gesprochen. Er soll eine Lehrerin kennengelernt haben. Handarbeit, Religion und Rechnen f├╝r die Grundschule. Er selbst hat nie dar├╝ber gesprochen. In den ersten Wochen mit ihr war er ganz locker und gel├Âst. Sein Kollegen erz├Ąhlten, er habe mit ihr Mengenlehre ge├╝bt. Sie soll das bei ihm zum ersten Mal richtig begriffen haben. Wie alle Genies war er auch ein geborener Didaktiker. Au├čerdem gingen sie viel in Konzerte. Vor allem geistliche und klassische Musik. Und sie musizierten. Blockfl├Âtenduette. Er spielte ja auch hervorragend Viola und Klavier. Aber sie konnte, so sagte man, nur Blockfl├Âte.
Aber warum kam es dann...?
Sie m├╝ssen sich zerstritten haben.
Wegen der Musik?
Nein, nein, da war er wohl sehr anpassungsf├Ąhig.
Wegen der Mathematik?
Indirekt. Eigentlich wegen der Religion. Sie war streng katholisch. Es ging um ein Dogma, um die Dreieinigkeit.
Um die Dreieinigkeit?
Die Bedienung brachte noch zwei Bier.
Ja, genau! Da kam es wohl, so erz├Ąhlte man jedenfalls, zum Zerw├╝rfnis. Er wollte sie ihr logisch exakt widerlegen. Er hat alles versucht: Identit├Ątslogik, Induktion, Deduktion, aber sie konnte das alles nicht akzeptieren. Das mu├č sie schlie├člich auseinandergebracht haben. Zu Ostern machten sie dann noch eine Reise nach Rom. Busfahrt inklusive Papstaudienz. Aber er war nicht zu ├╝berzeugen. Er war zu dieser Zeit mit seiner Arbeit an der Weltformel schon sehr weit fortgeschritten, aber die Dreieinigkeit konnte er, obwohl er es wirklich ernsthaft versucht haben soll, nicht unterbringen. Sie war wohl bem├╝ht, so sagte man mir, ihn zu einer Fahrt nach Lourdes oder Tschenstochau ├╝berreden. Aber es half wohl nichts mehr. Und so kam es zum gro├čen Bruch.
Wegen eines kirchlichen Dogmas...?
Exakt. Und diesen Bruch hat nie ganz ├╝berwunden.
Die Bedienung brachte noch zwei Bier.
In einem unseren letzten Gespr├Ąche hat er mir sein Problem erz├Ąhlt. Schau, sagte er, wir rechnen immer mit Zahlen und Buchstaben. Sie sind die Grundlage der Mathematik, ja der gesamten Logik. Aber was sind Zahlen und Buchstaben ├╝berhaupt? Existieren sie wirklich? Sind eins und eins wirklich zwei? Ergibt zwei und zwei immer vier? Was ist, wenn mir das Auto stehenbleibt und ich vier Kilometer zur n├Ąchsten Ortschaft laufen mu├č? Am Anfang macht es mir vielleicht noch Spa├č. Aber nach zwei, drei Kilometern bekomme ich Durst, friere oder schwitze und am Ende bin ich total m├╝de und kaputt. Oder wie ist es, wenn ich von zwei Menschen ausgehe? Jeder f├╝r sich allein ist vielleicht halbwegs zufrieden. Aber dann verlieben sie sich ineinander. Und was passiert. Sie halten sich f├╝r gl├╝cklich. Doch nach ein paar Monaten gibt es den ersten ├ärger. Sie streiten sich, dann vers├Âhnen sie sich wieder. Doch bald geht das Ganze von vorn los. Und am Ende wissen sie selbst nicht mehr, wer sie eigentlich sind und trennen sich. Kann die Mathematik so etwas ├╝berhaupt erfassen? Vielleicht durch eine schlichte Addition, die einfachste mathematische Operation? Oder durch eine Subtraktion, eine Multiplikation oder Division? Oder kann sie es in einem Bruch ausdr├╝cken? Was aber hei├čt dann eins und eins wirklich? Oder a plus b, n plus n? Ich wei├č es nicht. Ich bin von v├Âllig falschen Voraussetzungen ausgegangen.
Er r├Ąusperte sich und nahm einen Schluck Bier.
Kurz danach, als er aus dem Krankenhaus, einer psychiatrischen Anstalt, entlassen wurde, sahen wir uns Imbi├čbuden an. Gleich die erste gefiel ihm am besten. Sie war gro├č und ger├Ąumig und lag etwas abseits von der Durchgangsstra├če. Wir renovierten sie dann gemeinsam. Ich nahm mir ein paar Tage Urlaub, und von morgens bis abends, Tag f├╝r Tag, auch am Wochenende, haben wir geh├Ąmmert und ges├Ągt, tapeziert und gewei├čelt. Es machte mir richtig Spa├č. Das Streichen gefiel mir am besten. Das Alte einfach zustreichen. Lage f├╝r Lage, Bahn f├╝r Bahn einfach neu machen. Es roch dann immer so gut. Und ich sah am Abend gleich, was ich an diesem Tag geschafft hatte. Wie eine Wand nach der anderen hell wurde.
Und danach?
Er fand schnell rein. Wie gesagt bis auf das Rechnen. Doch seit er die neue Kasse hat, ist auch das kein Problem mehr. Ein Bekannter sagte mir k├╝rzlich, er sei wieder ganz ausgeglichen, er habe inzwischen sogar ein Kruzifix aufgeh├Ąngt. Das f├╝hrte wohl vor├╝bergehend zu einem R├╝ckgang seiner t├╝rkischen Kunden. Daf├╝r kamen dann aber um so mehr Italiener.
Er r├Ąusperte sich und nahm einen Schluck Bier.
Und wie kommen Sie hier her? Haben Sie hier ein Ferienhaus gekauft? Unser Immobilienmakler sagte mir k├╝rzlich, das sei noch recht g├╝nstig.
In der Tat, ich habe mir hier ein kleines Haus gekauft, und es war g├╝nstig. Aber ich mu├čte alles komplett renovieren. Zuerst habe ich die Heizung erneuert.
Dann kommen Sie auch im Winter her?
Ich lebe hier. Das ganz Jahr ├╝ber, vielleicht f├╝r immer.
Und die Bank?
Die Bank...? Na ja, die Bank...Also, das ist auch so eine Geschichte...
Er trank sein Glas aus.
Die Bedienung brachte noch zwei Bier.
Er schwieg.
Sind Sie auch ausgestiegen?
Er schwieg und r├Ąusperte sich. Dann nahm er einen gro├čen Schluck. Das Thema lag ihm wohl nicht.
Kommen Sie eigentlich aus dem Raum Hannover?
Wieso Hannover?
Ihr Hochdeutsch...
Reine ├ťbung. Ich stamme aus Hessen, aus Kaiserslautern. Am Anfang meines Studiums wurde mir klar, da├č Hochdeutsch f├╝r eine Karriere in der Bank sehr wichtig ist. Ich ├╝bte jeden Tag zwei Stunden. Jeweils eine Stunde morgens und eine abends. Am Anfang nahm ich sogar Unterricht bei einem Schauspieler. Nach genau einem Jahr hatte ich es geschafft.
Er schaute auf die Uhr an der Wand. Sie zeigte immer noch halb sieben.
Die Uhr ist kaputt. Sie h├Ąngt da schon, seit ich herkam, aber niemand repariert sie. Warum auch, wer hier sitzt, hat es nicht eilig. Und die, die sich hier nur aufh├Ąngen wollen, haben pl├Âtzlich auch alle Zeit der Welt. Fr├╝her, in der Bank stellte ich alle meine Uhren immer f├╝nf Minuten vor. Auch die im Auto. Ich legte gr├Â├čten Wert auf P├╝nktlichkeit, auch bei meinen Mitarbeitern. Doch ich trage schon lang keine Uhr mehr.
Sie sind also auch ausgestiegen?
Na ja...also...das ist ja auch so ein Modewort...ich wei├č nicht...
Eine Frau?
Bei mir? Eine Frau? Nein, nein, das nicht! Ich wei├č bis heute nicht, was alle so an der Liebe finden. Sicher, ich stand auch schon einmal kurz vor der Verlobung. Ich wollte damals Vorstandsvorsitzender werden. Und da macht sich ein Junggeselle nicht besonders gut. Ein Ehemann und vor allem ein Vater gilt als verl├Ą├člicher. Man h├Ąlt ihn f├╝r ausgeglichener und eher kalkulierbar. Aber als dann die Sache mit meinem Freund begann, da lie├č ichÔÇÖs doch wieder sein. Au├čerdem war ich mir mit der Bank dann nicht mehr so sicher.
Ja aber warum denn?
Nun ja...das h├Ąngt auch mit der Imbi├čbude zusammen. Au├čerdem hatte ich zu Malen angefangen. Als ich meinen Freund einmal in der Klinik...in der Psychiatrie besuchte, war er gerade bei der Besch├Ąftigungstherapie. Er sa├č mit einer Gruppe im Park der Anstalt und malte ein Bild. Einen Fr├╝hlingstag mit Sonnenuntergang. Nicht sehr ├╝berzeugend. Es war eher eine geometrische Skizze. Aber ich lie├č mich von ihm, zugegeben am Anfang recht widerstrebend, dazu ├╝berreden, auch mit einem Bild anzufangen. Es gefiel mir zun├Ąchst gar nicht. Aber dann kam ich auf den Geschmack. Ich kaufte mir ein komplette Ausr├╝stung und malte in jeder freien Minute. Im Urlaub fuhr ich zu einem Kurs in die Toskana. Meine Bilder wurden immer besser. Fand ich. Aber dann besuchte ich in T├╝bingen die gro├če Renoir-Ausstellung. Von diesem Tag an hatte ich Skrupel. Weil ich einige Wochen darauf in der Bank eine Ausstellung hatte, malte ich noch zwei, drei Bilder zu Ende. Dann h├Ârte ich auf.
Der Zapfhahn tropfte. Und oben an der Wand leckte das Heizungsrohr. Immer wieder fielen kleine eisenbraune Tropfen an der hellgekalten Wand mit ihrem goldroten Blumenmuster herab. Unten stand eine alte Blechdose, die sie auffing.
Die Bedienung brachte noch zwei Bier.
Nach der Ausstellung hatte ich eine Woche frei f├╝r die Renovierung der Imbi├čbude. Da kam es mir langsam...Malen, also das Auftragen von Farben liegt mir wirklich. Aber nicht auf eine Leinwand, sondern auf W├Ąnde und Decken. Ohne gro├če Muster. Hierdrin freilich, er sah sich um, haben sie auf goldroten Rosen bestanden. Aber das ist reine Handarbeit, das geht mit einer Schablone.
Er r├Ąusperte sich und nahm einen Schluck Bier.
Das mit Ihrem Freund...na ja, das ist so eine Sache. Aber mit Ihnen...War es wirklich nur das Malen?
Nein, das nicht. Wie schon gesagt, das h├Ąngt auch mit der Imbi├čbude zusammen. Indirekt. Aber da war noch etwas anderes. Bei uns in der Bank hatten wir einen Ma├«tre de cuisine der Spitzenklasse. Er hatte lange auf einem Luxusliner gearbeitet. Bei ihm gab es nur das Beste: Medaillons, marinierten R├Ąucherlachs, Entrecote... Jede Woche stand unter einem anderen Motto: Erlesenes aus der Provence, Frisches aus der Toscana und so. Wir vom Vorstand hatten selbstverst├Ąndlich einen eigenen Tisch. Unser Casino lag im 23. Stock. Ein Penthouse hoch ├╝ber Frankfurt mit einem herrlichen Blick ├╝ber den Main. Alles war wei├č eingedeckt, die Gl├Ąser nur aus bestem Kristall und das Geschirr aus Italien. Die ersten Jahre geno├č ich das. Doch dann rebellierte mein K├Ârper. Ich suchte einen Spezialisten nach dem anderen auf. Ohne Erfolg. Man fand absolut nichts. In der Bank wurde es l├Ąstig, immer diese...diese G├Ąnge, fast den ganzen Tag auf die...auf die Toilette. Selbst den Gesch├Ąftsbericht habe ich zum gr├Â├čten Teil dort vorbereitet. Mit dem handy ist das ja heutzutage kein so gro├čes Problem mehr, aber immerhin...Meine Sitzungen...├Ąh...Konferenzen habe mu├čte ich von da ab immer ganz kurz halten. L├Ąngere Tagungen vermied ich nach M├Âglichkeit, meldete mich krank, schickte meine Mitarbeiter und so...
Er stand auf: Bitte entschuldigen Sie mich einen Moment.
Als er zur├╝ckkam, fuhr er fort.
Manchmal, wenn ich abends mit Kollegen ausging, starrte ich, das war mir zu dieser Zeit wohl noch gar nicht bewu├čt, in die Imbi├čbuden am Bahnhof. Kleine, schmierige Spelunken, die meine Kollegen nicht einmal bemerkten. Drinnen sa├čen elende Gestalten. J├Ąmmerlich verkommene Trinker, verh├Ąrmte Frauen, Standgut einfach.
Er r├Ąusperte sich und nahm einen sehr gro├čen Schluck Bier.
Als wir dann die Imbi├čbude meines Freundes renoviert hatten, gab er einen kleinen Einstand. Ich war auch dabei. Und da schmeckte es mir zum ersten Mal wieder richtig. Pommes mit Ketchup, Currywurst, Gulasch aus dem Pappteller und Dosenbier. Am n├Ąchsten Morgen waren meine Beschwerden wie weggeblasen. Ich hielt das zun├Ąchst f├╝r Zufall. Doch dann begriff ich: Mein K├Ârper rebellierte gegen das feine Essen. Von dieser Zeit an zog es mich abends immer in diese lauten, schmierigen Kneipen in der Bahnhofsgegend. Allerdings ging ich nur inkognito, immer auf der Hut, niemand zu begegnen, der mich kannte.
Er r├Ąusperte sich und trank das halbvoll Glas mit einem gro├čen Schluck aus.
Einige Monate danach mu├čten einige Mitarbeiter f├╝r die Bank nach Prag. Als sie zur├╝ckkamen, beklagten sich alle vehement ├╝ber das Essen und die Lokale. Die guten Restaurants waren Wochen im voraus ausgebucht, und was ├╝brigblieb, war f├╝r sie v├Âllig indiskutabel. Keine Tischdecken, keine internationalen Gerichte, kein guter Wein und schon gar kein franz├Âsischer Cognac. Nur einfache, b├Âhmische Hausk├╝che und dann immer dieses leicht s├╝├čliche Fa├čbier. Da stand mein Entschlu├č fest: Ich ging f├╝r die Bank nach Prag. Die Stelle war nicht ganz so gut dotiert wie die im Vorstand, doch ├╝ber die H├Âhe des Gehalts konnte ich noch verhandeln. Die anderen dachten, ich w├╝rde den Sprung ins internationale Gesch├Ąft suchen, denn eigentlich lag die Stelle nicht so unmittelbar im Bereich meiner Karriere.
Die Bedienung brachte zwei Bier.
Nun ging ich jeden Abend in diese einfachen, etwas schmuddelingen tschechischen Kneipen. Etwa in der Mitte vom Wenzelsplatz gab es ein Lokal, das ich fast t├Ąglich aufsuchte. Wenn man hereinkam, ging man ├╝ber einen schmierigen, klebrigen Fu├čboden. Einmal bin ich sogar auf einer gro├čen Bierlache ausgerutscht. Ganz vorn an einem langen, an der Wand befestigten Tisch standen die Kampftrinker. Neben einer gro├čen Batterie leerer Bier- und Schnapsgl├Ąser. Weiter hinten, wo ich immer a├č und trank, gab es dann drei, vier warme Speisen. Nichts Aufregendes. B├Âhmische Hausmannskost. Gulasch, Schweinebraten, Kraut, Kn├Âdel und so...Dazu Bier und Schnaps. Einmal fragte ich nach Wein. Zu dieser Zeit konnte ich schon etwas Tsechisch. Doch niemand verstand mich. Wein, das war hier einfach nicht vorstellbar. Doch dann kam dieses Fieber nach Prag. Zuerst das deutsche, dann das amerikanische. Als ich eines Abends in die Kneipe wollte, war sie geschlossen. Drinnen standen staubige Arbeiter und rissen alles ab. Das war zun├Ąchst nicht so schlimm, ich konnte anfangs noch ausweichen. In den Seitenstra├čen gab es noch gen├╝gend andere Kneipen. Doch dann wurde es langsam schwierig. ├ťberall entstanden diese amerikanischen Fast-food-L├Ąden. Ich habe es auch dort ein paarmal probiert. Aber sofort erhob mein K├Ârper Einspruch. ├ťberall in der Innenstadt wuchsen neue und exklusive Gesch├Ąfte aus dem Boden. Gro├če Messingschilder an den Geb├Ąuden und B├╝ros. Visitenkarten, die vor Wichtigkeit nur so strotzten. Ich wechselte nach Pilzen. Auch noch f├╝r die Bank. Die Stadt ist um einiges kleiner und ruhiger. Aber das klappte auch nicht. Hier war das Fieber auch schon. Und jetzt...ich wei├č nicht, wie lange es hier geht. Aber vielleicht...Er r├Ąusperte sich. Vielleicht funktioniert es ja hier...weil diese kleinen D├Ârfer sind zu unbedeutend...sie bieten keine gro├čen M├Âglichkeiten f├╝r Gesch├Ąfte. Ich warte einfach ab.
Aber soll das alles sein? Sind Sie damit wirklich zufrieden?
Das Leben hier macht mir einfach Spa├č. Ich f├╝hle mich recht wohl dabei.
Der Zapfhahn tropfte. Und oben an der Wand leckte das Heizungsrohr. Immer wieder fielen kleine eisenbraune Tropfen an der hellgekalten Wand mit ihrem goldroten Blumenmuster herab.
Die Bedienung brachte noch zwei Bier.
Ein Mann trat ein. Vielleicht Mitte vierzig. Gro├č und hager. ├ťber dem rechten Augen hatte er eine tiefe, sternf├Ârmige Narbe, die in alle Richtungen lief.
Er zupfte an seiner Krawatte und starrte ihn an.
Sie haben den Alten gesehen?
Er kam heraus, als ich gerade in die Kneipe kam.
Das ist sein Sohn. Die Narben sind wie Muttermale. Genau an der gleichen Stelle. Absolut identisch. Als h├Ątten sich die Nazis und die Kommunisten abgesprochen. Fast k├Ânnte man sagen Ma├čarbeit.
Er r├Ąusperte sich und nahm einen Schluck Bier. Dann g├Ąhnte er.
Sie werden heute Nacht kein Zimmer mehr finden. Ich lade Sie ein, Sie k├Ânnen bei mir ├╝bernachten. Es ist weder luxuri├Âs noch elegant, aber ruhig und bequem.
Die Bedienung brachte noch zwei Bier.
Sie tranken die Gl├Ąser aus und bezahlten.
Also gehen wir, es ist schon sp├Ąt geworden.
Beide erhoben sich.

Er stand am n├Ąchsten Morgen fr├╝h auf. Aus dem Nebenzimmer h├Ârte er tiefes, gleichm├Ą├čiges Atmen. An den vielen Farbeimern vorbei fand er den Weg ins Bad. Er wusch sich kurz die H├Ąnde und das Gesicht. Dann zog er sich an. In der K├╝che fand einen halben Brotlaib. Er schnitt sich eine dicke, krumme Scheibe ab. Im K├╝hlschrank lagen Butter und K├Ąse. Der K├Ąse war ger├Ąuchert und das Brot schmeckte nach K├╝mmel. Zu Trinken fand er nichts. Dann ging er. Drau├čen fuhr ein Traktor vorbei. Auf dem Anh├Ąnger sa├čen einige unrasiert Arbeiter, die lustlos dreinblickten. Durch den d├╝nnen Fr├╝hnebel kamen schon die ersten Sonnenstrahlen. Dennoch war es kalt. Der See gl├Ąnzte ruhig und frisch. Einige Fische sprangen aus dem Wasser. Ein paar V├Âgel zwitscherten. In der Kneipe stand die T├╝r offen. Drinnen h├Ârte man jemand rumoren. Wahrscheinlich die Putzfrau.

Er schaute kurz ├╝ber den Lack. Alles in Ordnung. Der Wagen sprang sofort an. Das leise, gleichm├Ą├čige Summen des Motors beruhigte ihn. Er dreht die Heizung hoch, bald w├╝rde ihm warm werden. Er dr├╝ckte auf einen Knopf und die Drei Ten├Âre erklangen. Dilegua, o notte! Tramontate, stelle! Tramontate, stelle! AllÔÇÖalba vincer├▓! Vincer├▓! Vincer├▓! Dann fuhr er los. Auf der rechten Seite des Dorfes, das sah er jetzt, war alles frisch renoviert. Alles in Maisgelb und Wei├č. Links waren die Fassaden noch alt und verfallen. Sein Gastgeber hatte ihm den Weg beschrieben, in ein, zwei Stunden w├╝rde er in Prag sein. Bummm! Die Drei Ten├Âre setzten kurz aus. Dann waren sie wieder da. Vincer├▓! Vincer├▓! Am Ortsende lag ein toter Hase am Stra├čenrand. Er umfuhr ein gro├čes Schlagloch. Aus dem ausgefransten Rand schaute ein italienischer Modellschuh hervor. Er schaltete zur├╝ck und gab Gas.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!