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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Hinterm Deich: Leo
Eingestellt am 13. 02. 2003 22:48


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Hannes Nygaard
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Sep 2002

Werke: 7
Kommentare: 28
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Der Deich war hoch. So hoch, dass er uns besch├╝tzte, uns eine unbeschwerte Kindheit bot. Damals. Dort, hinter dem Deich.
Wir waren eine muntere Schar, blond, schlaksig, die durch das kleine Dorf tollte, das sich mit seinen reetgedeckten H├Ąusern hinter den Deich duckte. Nur Leo war anders. Kleiner, mit dunklem Kraushaar, etwas rundlich, dazu den Ansatz einer Hakennase.
Trotzdem geh├Ârte er zu uns. Irgendwie.
Wer in unserem Dorf nicht Hansen hie├č, h├Ârte wenigstens auf Christensen, S├Ârensen oder Jensen. Nur Leo nicht. Er trug den Zunamen Goldstein. Auch war sein Vater kein Landwirt, Schmied, Lehrer oder Pastor wie unsere V├Ąter, sondern Maler. Bunte Farbkleckse, die sich zu keiner sinnvollen f├╝r uns erkennbaren Komposition vereinigten, waren auf seinen Bildern zu sehen.
Unsere Welt war begrenzt durch den Horizont, der irgendwo in der Ferne die unendliche Weite der gr├╝nen Landschaft mit dem Himmel zusammenflie├čen lie├č, und durch den Deich.
Was uns auch immer an sensationellen Nachrichten aus unserer kleinen Welt erreichte, die Kinderschar war stets als erstes am Ort des Geschehens. Nur Leo war immer der Letzte, der eintraf. Er war immer zu sp├Ąt.
Wenn wir Jungen auf der Krone des Deiches unsere Kr├Ąfte im Wettlauf ma├čen, geh├Ârte Leo stets zu den Verlierern. Er hatte keine Kondition.
Mit dem Hereinbrechen der ersten Herbstst├╝rme versammelte sich die Kinderschar in jeder freien Minute am Siel, das der Entw├Ąsserung des Kooges diente, um fasziniert den donnernd anrollenden Wellen zuzuschauen, die sich dort an den Buhnen brachen. Die sch├Ąumende Gischt st├╝rzte in einer geschlossener Wasserwand ├╝ber den schmalen Steg herein, der den Deichdurchlass kr├Ânte. Kurz bevor die Front unseren Standort erreichte, sprangen wir mit dem kindlichen Gl├╝cksgef├╝hl zur Seite, dem ├╝ber uns hereinbrechenden Nass entkommen zu sein und nur den Hauch Feuchtigkeit zu sp├╝ren, der bei diesen Spielen unvermeidlich ist.
Nur Leo stand oft am falschen Platz. Regelm├Ą├čig st├╝rzte der Wellenberg ├╝ber ihn herein, so dass er wie ein begossener Pudel heimw├Ąrts zog.
Das war Leo, der Verlierer. Ohne Kondition, immer zu sp├Ąt, stets am falschen Platz.
Selbst unser Lehrer hat einmal in einer schwachen Stunde verk├╝ndet, dass aus Leo nie etwas wird.
Auch seine Familie war einmal zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen...
Wie gerne h├Ątten wir jenen wundervollen Zustand bewahrt, dort hinter dem Deich, die unbeschwerte Zeit der Kindheit konserviert. Wir h├Ątten viel daf├╝r gegeben, wenn wir den Uhrzeiger am Turm unserer kleinen Backsteinkirche h├Ątten anhalten k├Ânnen.
Jedes Jahr wurden wir ein wenig gr├Â├čer. Es drohte der Zeitpunkt zu kommen, an dem wir ├╝ber den Deich blicken konnten.
Auch Leo wuchs, nur immer etwas langsamer als wir anderen.
Es war eine kr├Ąftige Sturmb├Â, unverhofft und unerwartet, die mitten in die einst fr├Âhliche Kinderschar hineinfuhr und die einzelnen von uns wie wehrlos dem Wind ausgesetzte Bl├Ątter ├╝ber das Land verteilte. Jeder verlor sich an einem anderen fremden Ort, folgte der Spur des eigenen Lebens.
Und mit der ersten Brille kam im Laufe der Jahre auch eine andere Sicht der Dinge. Man sah herab auf die eigenen Kinder, sah diese gro├č werden, einen irgendwann selbst ├╝berragen und verfolgte mit nie endendwollender elterlicher Sorge deren Lebensweg.
Und diesen Lebensweg des motorradbegeisterten Sohnes kreuzte unverhofft eine ├ľlspur. Es ist kritisch hatte die Stimme aus dem Krankenhaus gesagt.
Seit mehreren Stunden bem├╝hten sich die ├ärzte hinter der unscheinbaren T├╝r. Kein Laut drang heraus, niemand betrat oder verlie├č jene verschlossene Welt, die noch eine andere Pforte hatte. Jene, von der ich mir nicht vorstellen m├Âchte, dass mein Sohn sie betrat.
Bei meiner Wanderung ├╝ber den kalt gefliessten Flur begegnete ich immer wieder der Wanduhr. Sie starrte mich an. Fast h├Âhnisch. Sie hatte nichts gemein mit ihrer Schwester auf dem Kirchturm, die fast fr├Âhlich mit ihrem d├╝nnen Schlag den Fortschritt der Menschheit verk├╝ndete.
Ich hatte aufgeh├Ârt, die Runden zu z├Ąhlen, die der gro├če Zeiger in der Zwischenzeit zur├╝ckgelegt hatte, die Stunden zu erfassen, die durch seine Bewegung zur Geschichte geworden waren, als sich die T├╝r am Ende des Flures ├Âffnete.
Mit m├╝den Schritten kam der leitende Chirurg auf mich zu, gezeichnet von den Strapazen seines mehrst├╝ndigen Kampfes. Er l├Ąchelte mir ermutigend zu, ber├╝hrte wortlos meinen Arm.
Ich sah auf den kleinen, rundlichen Mann herab, auf sein schwarzes Kraushaar.
Leo, Du warst zur rechten Zeit der richtige Mann am richtigen Ort.

__________________
Hannes Nygaard

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kaffeehausintellektuelle
Guest
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Lieber Hannes

Also zur Einleitung. Die Geschichte fand ich sehr gut, sowohl inhaltlich als auch sprachlich absolut gelungen.Ich wollte jetzt eigentlich schon ins Bett, aber ich konnte nicht aufh├Âren, zu lesen und jetzt auch zu arbeiten.

An manchen Stellen hatte ich das Gef├╝hl, da waren ein bisschen zu viele Adjektive, die dann andere nicht mehr so wirken lie├čen durch die F├╝lle.




Der Deich war hoch. So hoch, dass er uns besch├╝tzte, uns eine unbeschwerte Kindheit bot. Damals. Dort, hinter dem Deich.
Wir waren eine muntere Schar, blond, schlaksig, die durch das kleine Dorf tollte,

(das w├╝rd ich von der Satzstellung her umdrehen. .....muntere schar, die durch das dorf tollte, wir waren blond und schlaksig ....

das sich mit seinen reetgedeckten .... Reet gedeckt, oder?


Bunte Farbkleckse, die sich zu keiner sinnvollen f├╝r uns erkennbaren Komposition vereinigten, waren auf seinen Bildern zu sehen. .... Auch hier irritiert mich die Satzstellung. Bunte farbkleckse, die sich f├╝r uns zu keiner sinnvollen komposition vereinigten ....

Was uns auch immer an sensationellen Nachrichten aus unserer kleinen Welt erreichte, die Kinderschar war stets als erstes am Ort des Geschehens ...... da geht jetzt nicht klar hervor, ob du zur kinderschar geh├Ârtest oder nicht.


Mit dem Hereinbrechen der ersten Herbstst├╝rme versammelte sich die Kinderschar ... hast du oben schon! .....

in jeder freien Minute am Siel, das der Entw├Ąsserung des Kooges diente,
.... ja, da h├Ątte ich binnenl├Ąnderin auch gern gewusst, was siel und koog ist.

Die sch├Ąumende Gischt st├╝rzte in einer geschlosseneN Wasserwand ├╝ber den schmalen Steg herein,


Kurz bevor die Front unseren Standort erreichte, sprangen wir mit dem kindlichen Gl├╝cksgef├╝hl zur Seite, dem ├╝ber uns hereinbrechenden Nass entkommen zu sein und nur den Hauch Feuchtigkeit zu sp├╝ren, der bei diesen Spielen unvermeidlich ist. .... das ist ein bisschen ein satzunget├╝m, ich glaub, da kannst du zwei s├Ątze daraus basteln.


Ohne Kondition, immer zu sp├Ąt, stets am falschen Platz. (da w├╝rde mir ÔÇ×ortÔÇť besser gefallen)

Selbst unser Lehrer hat einmal in einer schwachen Stunde verk├╝ndet, dass aus Leo nie etwas wird. .... zeiten..... hatte und w├╝rde

Auch seine Familie war einmal zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. (den satz fand ich unheimlich gut)

Es war eine kr├Ąftige Sturmb├Â, (unverhofft und) unerwartet, die mitten in die einst fr├Âhliche Kinderschar hineinfuhr und die einzelnen von uns wie wehrlos dem Wind ausgesetzte Bl├Ątter ├╝ber das Land verteilte. Jeder verlor sich an einem anderen fremden Ort, folgte der Spur des eigenen Lebens.
(auch das bild fand ich hinrei├čend sch├Ân)



Und mit der ersten Brille kam im Laufe der Jahre auch eine andere Sicht der Dinge. (Wunderbar)
Man sah herab auf die eigenen Kinder, sah diese (besser: sie) gro├č werden, einen irgendwann selbst ├╝berragen und verfolgte mit (nie enden(d)wollender) elterlicher Sorge deren Lebensweg.

Und diesen Lebensweg des motorradbegeisterten Sohnes kreuzte (unverhofft) eine ├ľlspur.
Es ist kritisch (komma) hatte die Stimme aus dem Krankenhaus gesagt. (das klingt ein bisschen zu vage, das mit der stimme, wer hat das gesagt. Der arzt am telefon? Oder im krankenhaus?)

Seit mehreren Stunden bem├╝hten sich die ├ärzte hinter der unscheinbaren T├╝r. Kein Laut drang heraus, niemand betrat oder verlie├č jene (verschlossene) Welt, die noch eine andere Pforte hatte. Jene, von der ich mir nicht vorstellen m├Âchte, dass mein Sohn sie betrat. (betreten w├╝rde)

Bei meiner Wanderung ├╝ber den kalt gefliessten (gefliesten) Flur begegnete ich immer wieder der Wanduhr. Sie starrte mich an. Fast h├Âhnisch. (Das gef├Ąllt mir nicht so gut. Lass sie bitte nicht starren, lass sie nur dort h├Ąngen)

Mit m├╝den Schritten kam der leitende Chirurg (ohne leitend) auf mich zu ....

gut gemacht!

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Hannes Nygaard
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Liebe Barbara,
erst einmal ein herzliches Dankesch├Ân f├╝r Deine wohlmeinende Kritik, gefolgt von einem gro├čen Dank f├╝r Deine vielen gutgemeinten und interessanten Anmerkungen und Vorschl├Ąge, insbesondere f├╝r die gro├če M├╝he, die mit Deiner komplexen Antwort verbunden war.
Da sitzt ein armer Tor, der sich eine Geschichte ausgedacht hat, bem├╝ht, eigene Fehler und Unzul├Ąnglichkeiten in seinem Werk zu entdecken, um letztlich doch fest zu stellen, dass die (eigene) Brille wieder einmal nicht richtig geputzt war. Umso hilfreicher ist an dieser Stelle der kollegiale Rat, den ich auch gerne annehme.
Gerne f├╝ge ich auch die Erl├Ąuterung der beiden verwandten Begriffe an:
Ein "Koog" ist eine gegen ├ťberflutung eingedeichte Niederung an der K├╝ste, ein Areal, das dem Meer abgerungen wurde und nach Entw├Ąsserung (hoffentlich) irgendwann einmal landwirtschaftlich (f├╝r die Viehwirtschaft) genutzt werden kann. Ein bekannter Koog ist z.B. der Hauke-Haien-Koog (nach Theodor Storm: der Schimmelreiter). Der Koog unterscheidet sich "vom Land hinter dem Deich" dadurch, dass er - sehr bildhaft ausgedr├╝ckt - vor dem eigentlichen Deich entstanden ist und somit ein "hinten und vorne" eingedeichtes Gebiet ist (sozusagen mit einem "rund-um-Deich".
Ein "Siel" ist ein Durchlass im Deich, um einen Wasserlauf (bei ge├Âffneten Siel) von innen nach au├čen laufen zu lassen, w├Ąhrend es bei "dr├╝ckendem Wasser" (Hochwasser, Flut) geschlossen wird. Es ist - popul├Ąr ausgedr├╝ckt - eine Art "Wasserventil" (raus - ja; rein - nein).
Mit einem lieben Gru├č aus M├╝nster
Hannes




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Hannes Nygaard

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