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Leselupe.de > Erzählungen
Höhlenleben
Eingestellt am 01. 08. 2011 16:19


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Die Langsamkeit will ich noch gar nicht entdecken. Aber sie lässt nicht locker. Drängt sich auf. Nein, schleicht sich ein. Selbst mein Nacktschnecken gleiches kaum aufgerichtetes Mannesglied zeichnet nur noch gelegentlich Schleimspuren auf Mariannes faltigen Bauch.
In den letzten Jahren wurde ich kaum merklich, aber stetig zum Höhlenmenschen, einem, der keinen Ausweg mehr sah und deswegen nur noch in sich ging.
Marianne beschäftigte sich immer mehr mit sich selbst. Ihre Stimme klang meistens hart und bestimmt, so, als erwartete sie keine Antworten von mir, als akzeptierte sie ohnehin nur noch ihre eigenen Antworten. Fragen stellte sie ohnehin kaum noch. Jedenfalls nicht an mich.
Vielleicht werden Frauen im Alter so. Oder Männer bilden sich im Alter ein, dass ihre Frauen so sind.
Ich weiß es nicht so genau und halte deswegen Ausschau nach Auswegen und Begegnungen, entdecke keine und verkrieche mich von Tag zu Tag mehr und mehr. Mein Weg führt in Sackgassen, die zugleich Einbahnstraßen sind. Und ich wundere mich stets, wenn ich trotz meiner Gewohnheit, Verkehrsregeln eher strikt zu folgen, wieder zufällig auf zweispurige Haupt- und Nebenstraßen oder gar eine grüne Prachtallee gelange.
Vor allem in Stunden, in denen ich sehr viel lieber schlafen würde, verfolgen mich diese unerklärlichen Ängste. Und meine Schlafbedürfnis wächst von Tag zu Tag. Manchmal liege ich im Bett und weiß nicht, ob ich schlafe oder wach liege.
Meine Verfolgerinnen warten geduldig vor der Höhle. Unsichtbar und dennoch spürbar.
Neulich kicherte eine und flüsterte gehässig: „Angenommen, nur angenommen, du wärst ein Irrtum, nichts weiter als ein elender, kaum lebensfähiger, bedauerlicher Irrtum. Was würdest du machen? Auftrumpfen? Herumirren? Abhauen?
Angenommen, nur angenommen, unbändige Lebenslust würde dich plötzlich ins Freie locken. Und würdest du glauben, das Leben sei es wert, weiter darin herumzuirren. Nur angenommen.“
Sie solle mich endlich in Ruhe lassen und abhauen, knurrte ich. Am besten für immer. Marianne wurde wach und stellte tatsächlich einmal wieder eine Frage an mich. „Wer soll abhauen? Ich?“
„Nein, nein, ich habe geträumt. Schlaf weiter. Es ist nichts.“
Vielleicht war es wirklich das Nichts. Denn wer soll mich, diesen Irrtum, gezeugt und geboren haben? Wer? Wie sollte ich mir diese Frage glaubhaft beantworten, ich, der bedauerliche Irrtum?
Natürlich hoffe ich, über Irrtümer zur Wahrheit zu finden. Aber zu welcher Wahrheit?
Wahrheiten sind Wahrscheinlichkeiten, denen ich mit meiner eingeschränkten menschlichen Erkenntnisfähigkeit auf die Spur kommen könnte. Bin offenbar nur ein mäßig guter Fährtenfinder. Allein gelegentliche Schneckenspuren führen mich aus der Wärme über warmes Fleisch ins Warme.
Zumeist komme ich mir nachts auf die Schliche„ wie ich heimlich Verfolger und Verfolgerinnen auf mich ansetze, um ihnen knapp zu entkommen.
Tagsüber verstand ich es lange Zeit, mich gekonnt abzulenken. Von allem und besonders von mir. Und wenn ich nur stundenlang vor dem Fernseher lag und mir sentimentale Seifenopern anschaute, die mich nicht wirklich interessietren und doch irgendwie rührten.
Kurz vor dem Einschlafen und ebenso kurz vor dem Aufwachen, in jener Zeit zwischen Traum und Wirklichkeit, finde ich mich und mein Leben immer einmal wieder und schon deswegen für kurze Zeit lebenswert.
Die tief durchgelegene Hälfte unseres Ehebettes, diese meine mit dem Federsteppoberbett abgedeckte Halbhöhle, die mir Schutz gewährt, wenn ich mich in mir oder mit mir und selten einmal mit Marianne zurückziehen will. Hier in der warmen Enge irre ich kaum. Hier finde ich allerbeste, zumeist komplizierte Erklärungen, die nur ich allein verstehe. Hier fühle ich mich wie vor meiner Geburt, die meine Mutter und ich am liebsten verhindert hätten. Ich wurde in den Krieg geboren als Kind einer nicht unattraktiven Soldatenbraut, die sicherlich, wenn überhaupt, lieber zu Friedenszeiten geboren hätte.
Wenn ich bei Tag mit solchen Erklärungen ins Leben zurückkehren will, sehe ich weder Weg noch Ausweg. Dann gehe ich in mich und nehme mich erst einmal mit jenen scheinbar äußerst logischen Erklärungen gefangen.
Die Freiheit liegt natürlich draußen. Weit draußen, dort wo Unvernunft und Paradoxie vorherrschen. Wo es besser ohne vernünftige Erklärungen geht.
Dort lebe ich in einem Käfig, in einem voller Narren. Und keiner meiner Mit-Narren glaubt, in jenem Käfig gefangen zu sein. Nur ich. Ich bin sicher, Gefangener zu sein. Streng bewacht und stets auf der Suche nach einer Sicherheitslücke, die ich nicht entdecken will, aber immer wieder zufällig finde.
Mit List versuche ich, meinen Ängsten auszuweichen und stelle mir nicht vor, von einem Hochhaus zu springen, wie ich es bereits in Gedanken mehr als einmal tat. Springen und fliegen. Einfach so. Ins Nichts.
Werde ich Aufprall und Schmerz noch spüren? Wohl kaum. Vielleicht im allerletzten Moment. Ein Risiko bleibt. Der Tod kommt erst, wenn er will.
Nachts im Schlaf sprang ich häufiger, um am Morgen doch wieder lebendig neben Marianne aufzuwachen. Dann lag ich mit geschlossenen Augen da und konnte und wollte ihr nichts von meinen Sprüngen erzählen.
Und wenn sie mich anstieß, verschlafen ansah und fragte, wie die Nacht gewesen wäre, war meine Antwort stets: „Ach, ganz gut. Hab geträumt. Weiß aber nicht mehr was. War ab und zu wach, aber sonst…“
„In unserem Alter ist der Schlafbedarf geringer“, war ihre stereotype Antwort. Und danach klärte sie mich lachend auf, dass ich wohl schon an seniler Bettflucht litte. Immer hin wäre ich ja über zehn Jahre älter als sie.
Ich nickte und lachte auch, obwohl ich lieber in meiner Höhle weitergeschlafen hätte. Meine ebenfalls stereotype, wenigstens um etwas Tiefsinn bemühte Antwort lautete: „Nichts ist, wie es war und nichts war, wie es ist.“
Schnell öffnete ich die Augen, um sie sofort wieder zu schließen. Und dann sah ich hinter meinen rosa durchscheinenden Lidern meine Schnecke auf der Schleimspur über Mariannes Falten kriechen.
Selbstverständlich haben wir bereits über Viagra gesprochen, wurden uns aber schnell einig, das wäre wohl irgendwie unnatürlich, nahmen uns danach sehr fest in die Arme, bis ich mich daraus befreien musste.
Und dann wollte sie mich schon wieder umarmen.
Ich stieß ihr mein Knie in den faltigen Bauch. Schlug ihr mit der Faust ins lächelnde Gesicht. Marianne versuchte weiter, mich zu umarmen. Es kostete viel Kraft, um mich aus ihren schlingenden Armen zu befreien. Noch einmal schlug ich zu. Sie stöhnte auf.
Danach muss ich eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, lag Marianne nicht mehr neben mir.

Das Telefon klingelte. Eine Kollegin aus ihrem Büro. Wo Marianne denn bleibe?
„Ist sie denn noch nicht angekommen?“ fragte ich zurück.

Eine halbe Stunde später bekam ich den Anruf aus dem Agnes-Krankenhaus.
Meine Frau habe einen schweren Unfall gehabt. Ich solle sofort in die Intensiv-Station kommen.
Angeschlossen an Schläuche, umgeben von Kontrollämpchen lag sie da und rührte sich nicht. Ihr Gesicht war entstellt. Beide Augen blutunterlaufen. Der Stirnverband glich dem Handtuch, dass sie nach der Haarwäsche immer um den Kopf trug.
Neben ihrem Bett saß eine Krankenschwester. Die sah kurz auf, nickte, zuckte mit den Schultern und schob mir einen Stuhl an das Krankenbett. „Ich lass Sie mal allein. Wenn Sie was brauchen, melden Sie sich bei der Stationsschwester.“
Zögernd setzte ich mich, starrte Marianne ins ansonsten blasse Gesicht und wartete, wie ich immer wartete, wenn Marianne schwieg, um mir nach langer Pause etwas zu sagen.
Wie gewohnt schloss ich die Augen und hörte sie murmeln: „Nichts. Nichts weiter als ein bedauerlicher Irrtum ….“


__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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