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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Hohe Nase
Eingestellt am 12. 09. 2002 05:42


Autor
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Rolf-Peter Wille
???
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Hohe Nase

von Rolf-Peter Wille


Ist es nicht merkw├╝rdig, da├č wir von Sch├Ânheit reden, wenn wir von lauter H├Ą├člichkeiten umgeben sind? Ist es nicht vielmehr die starke H├Ą├člichkeit, die unsere besondere Neugierde erregt? Ist nicht manch sch├Ânes Gesicht so langweilig ebenm├Ą├čig, da├č es sich unserer Erinnerung nicht einpr├Ągen kann? Ein auffallend h├Ą├čliches Gesicht dagegen kann man nicht so leicht vergessen, und oft genug verfolgt es uns als Vision noch in unseren Alptr├Ąumen.

Im Jahr 19.. sah ich einen Mann fl├╝chtig auf der Stra├če; einen Mann, dessen Gesicht so unmenschlich absto├čend war, da├č ich es noch bis zu meinem letzten Tag erinnern kann. Der ungl├╝ckselige Besitzer dieses Gesichts war offensichtlich ein Auss├Ątziger, und die Lepra hatte ihm bereits das gesamte Gesicht zerfressen, so da├č von der Nase nur noch zwei dunkle h├Âhlengleiche L├Âcher ├╝briggeblieben waren. Der Gesichtsausdruck dieses Mannes war so grauenvoll entstellt, da├č man nicht mehr den Eindruck hatte, ein menschliches Antlitz zu sehen.

Ein einziger fl├╝chtiger Blick auf dieses Gesicht lie├č mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich war unf├Ąhig, meinen Gang fortzusetzen. Unwillk├╝rlich folgte ich der entsetzlichen Erscheinung, um mich noch einmal zu vergewissern, da├č mich meine Sinne nicht get├Ąuscht hatten. Ich schien ├╝brigens nicht der einzige zu sein, der von dieser Monstrosit├Ąt angezogen wurde. Viele Personen hatten bereits einen Auflauf gebildet und starrten ganz hemmungslos in Richtung jenes armen Menschen.

Doch dann machte ich eine eigenartige Entdeckung: Die Leute starrten gar nicht auf den Leprakranken - sie starrten vielmehr auf mein eigenes Gesicht.

Seit jenem Tag wei├č ich, da├č es in China viel schlimmer ist, eine hohe Nase zu haben als gar keine.

Man kennt Gogols Geschichte vom Kollegien-Assessor Kowalow, der eines Morgens ohne Nase erwachte. Mir war es nun genau umgekehrt ergangen. Ich erwachte eines Tages auf der anderen Seite der Welt, und meine Nase war zu hoch. Oder, um genauer zu sein, meine Nase war eigentlich weder zu gro├č noch zu klein. Sie war auch weder krumm noch nach oben gebogen und auch nicht kartoffelartig. Ich war vielmehr der gl├╝ckliche Besitzer einer ganz ebenm├Ą├čigen Nase von geradezu klassisch griechischen Proportionen. Da jedoch all meine Mitmenschen viel zu kleine Nasen von ganz ordin├Ąrer Plattheit besa├čen, erschien es selbstverst├Ąndlich, da├č meine eigene Nase zu hoch war.

Diese Erkenntnis meiner eigenen Hochn├Ąsigkeit ver├Ąnderte meine Haltung in bedauernswerter Weise. W├Ąhrend die Spitze meiner Nase fr├╝her stolz zum Himmel gezeigt hatte, so senkte ich nun den Kopf betr├╝bt nach unten, als wenn ich die Stra├če nach verlorenen Geldst├╝cken absuchte. W├Ąre ich eine Moslemfrau gewesen, so w├Ąre ich besimmt nur noch mit verschleiertem Gesicht aufgetreten.

Der allgegenw├Ąrtige Ruf 'hohe Nase' verfolgte mich nun ├╝berall, wo ich ging oder stand, und ich f├╝hlte mich stets auf der Flucht.

Ich entwickelte auch einen nerv├Âsen Tick. Viele Leute kratzen sich st├Ąndig am Kopf, andere streichen sich ├╝ber die Haare oder bohren in den Ohren. Ich jedoch schlug mir alle drei Sekunden mit der Hand an die Nase.

Es mag sein, da├č meine Nase durch dieses st├Ąndige Schlagen zu neuem Wachstum angereizt wurde. Wie viele Eltern meinen ja auch, sie br├Ąuchten ihre Kinder nur t├╝chtig zu schlagen, damit sie gro├č und stark w├╝rden. So bildeten sich an meiner Nase zuerst einige Pickel, dann ein paar gro├če Furunkeln und Eiterbeulen, und endlich hatte ich es so weit gebracht, da├č auf meiner Nase ein riesiges Geschwulst als eine Art zweite Nase wucherte. Dieses phantastische Gebilde war mit einem dichten Gewebe r├Âtlich bl├Ąulicher Adern ├╝berzogen, haarige Warzen bedeckten das ganze, und ich glaube sogar, da├č es im Dunkeln leuchtete.

Meine doppelte Nase wuchs schlie├člich so sehr ins Unerme├čliche, da├č ich sogar schielen mu├čte, damit meine Augen ├╝berhaupt daran vorbeigucken konnten. Man kann sich leicht vorstellen, da├č ich nun als eine Art zweiter Pinocchio eine wahre Zirkusattraktion geworden war. W├Ąhrend mir fr├╝her die Kinder auf der Stra├če nachliefen, dr├Ąngten sie sich nun schon vor meiner Haust├╝r und belagerten meine Fenster, nur um einen zuf├Ąlligen Blick auf meine Nase zu erhaschen. Aus den Nachbard├Ârfern erschienen die Neugierigen in Youlan-Ches (klimatisierte Touristenbusse) , und wenn ich gar den Mut hatte, auf die Stra├če zu gehen - was selten genug geschah - , so schien der Puls des gesch├Ąftigen Lebens selbst zum Stillstand zu kommen. Die Arbeiter h├Ârten auf zu h├Ąmmern, Babys verga├čen zu weinen und der 'Chou-Doufu' (stinkender Tofu) Verk├Ąufer schrie nur noch "Stink - ... ", w├Ąhrend ihm der 'Tofu' im Halse stecken blieb.

Ich erhielt auch einige zweifelhafte Angebote von Zauberk├╝nstlern, Pressereporter meldeten sich, und ein Apotheker bot mir sogar eine recht hohe Summe f├╝r meine Nase, welche er in Mijiou (Reisschnaps) einlegen und seinen m├Ąnnlichen Kunden als Aphrodisiak verkaufen wollte. Auch sonst hatte meine hohe Nase noch einige unangenehme Begleiterscheinungen: Des nachts konnte ich nur mehr auf dem R├╝cken schlafen. Wollte ich mich auf den Bauch drehen, so mu├čte ich meinen Kopf so weit nach vorn bewegen, da├č meine Nase ├╝ber die Bettkante hinaus nach unten hing. Da sie jedoch schon den Fu├čboden ber├╝hrte, krochen nur die Ameisen daran hinauf. Das Trinken war auch ungemein schwierig geworden. Schlie├člich lernte ich jedoch, die Fl├╝ssigkeit wie ein Elefant durch die Nase einzusaugen und dann von dort elegant in den Mund zu spritzen. Ich traute mich auch nicht mehr, in den Fahrstuhl zu gehen, da ich Angst hatte, da├č sich meine Nase in den T├╝ren einklemmen w├╝rde. Mein Geruchssinn hingegen war jedoch ph├Ąnomenal entwickelt und mochte wohl dem eines Hundes gleichen. Der entsetzliche Gestank der Abf├Ąlle auf den Stra├čen, der schon f├╝r normale Nasen recht unertr├Ąglich ist, brachte mich fast einer Ohnmacht nahe.

Mein Erfindungsreichtum hatte ├╝brigens mit der Entwicklung meiner Nase Schritt gehalten. Ich malte mir stets zwei schwarze Striche ├╝ber die Wangen, so da├č es von weitem aussah, als h├Ątte ich nur aus Albernheit eine Pappnase aufgesetzt.

Doch konnte ich meinen Zustand schlie├člich nicht l├Ąnger ertragen und suchte einen Arzt auf. Dieser, nachdem er eine Stunde lang vor Lachen kaum reden konnte, empfahl mir, es wie beim Z├Ąhneziehen zu machen. Ich solle eine Schnur fest um meine Nase binden und das andere Ende an der T├╝rklinke der offenen T├╝r anbinden, w├Ąhrend ein Freund die T├╝r zuschlagen solle. Meine Nase war aber inzwischen so glitschig und fettig geworden, da├č die Schnur immer von selbst wegrutschte, und au├čerdem hatte ich bereits keinen Freund mehr, der die T├╝r h├Ątte zuschlagen k├Ânnen. So beschlo├č ich denn, kurzen Proze├č zu machen. Da ich es nicht ├╝ber's Herz brachte, mir meine Nase einfach abzuschneiden, verfiel ich auf die Idee, sie mir einfach einschlagen zu lassen. Ich lernte ein paar der gr├Âbsten chinesischen Schimpfw├Ârter, die ich an dieser Stelle nicht wiedergeben kannn. Dann ging ich auf die Stra├če, w├Ąhlte die finstersten Liumeng (Banditen) aus und fing an, sie w├╝st zu beschimpfen. Doch hatte ich die Wirkung meiner entsetzlichen Nase untersch├Ątzt. Obwohl jene Banditen einen normalen Menschen wohl zu Tode geschlagen h├Ątten, schienen sie durch meinen Anblick derart erschreckt, da├č sie meine Schimpfworte gar nicht h├Ârten, obwohl ich sie ├Ąu├čerst korrekt aussprach. Es kann allerdings auch sein, da├č diese Schimpfworte f├╝r sie derartige Allt├Ąglichkeiten waren, da├č sie keine Wirkung mehr hatten.

Jedenfalls schlug auch dieser letzte Versuch fehl, und es blieb mir wohl nichts anderes ├╝brig, als mir meine Nase an einer Wand einzurennen. Nach langem inneren Kampf ├╝berwand ich mich endlich und lief mit meiner Nase direkt gegen eine Hauswand. Der einzige Erfolg war jedoch, da├č das Haus zusammenfiel, w├Ąhrend sich meine Nase keinen einzigen Millimeter verk├╝rzte. Doch wei├č man, da├č chinesische H├Ąuser im allgemeinen nicht sehr solide gebaut sind, da sie ja bei den h├Ąufigen Erdbeben und Taifunen ohnehin st├Ąndig zusammenfallen, was dem Baugewerbe ja einen ungemeinen Auftrieb gibt.

In meiner Not beschlo├č ich nun, mir meine Nase vom Propeller eines Hubschraubers abschlagen zu lassen. Ich hatte schon zuvor mit Ventilatoren experimentiert, doch war meine Nase viel zu gro├č. So ging ich also zum Flughafen. Doch bereits beim 'Check In' machte man mich darauf aufmerksam, da├č meine Nase als Waffe gelten m├╝sse. Ich k├Ânne sie jedoch abgeben. Sie w├╝rde separat mitreisen und mir mit hundertprozentiger Sicherheit bei der Ankunft wieder ausgeh├Ąndigt werden.

Was soll ich weiter erz├Ąhlen von all meinen fruchtlosen Versuchen - ; wie ich mir meine Nase im K├╝hlschrank abfrieren wollte, wie ich mich mit der Polizei anlegte und hoffte, da├č man aus Versehen meine Nase abschie├čen w├╝rde. Es gen├╝gt festzustellen, da├č alle diese Versuche scheiterten, und meine Nase ein unver├Ąnderlicher Bestandteil meiner Physiognomie geworden war.

Doch ist inzwischen ein bedeutender Wandel in der Gesellschaft eingetreten. Die starke Veramerikanisierung des Alltaglebens hat es mit sich gebracht, da├č hohe Nasen jetzt recht modern geworden sind. Viele Leute haben sich bereits Sch├Ânheitsoperationen unterzogen und ihre Nasen k├╝nstlich vergr├Â├čern lassen.

Man h├Ârte auf, ├╝ber mich zu lachen, und lobte meine besonders gro├če Nase. Ich nahm eine Arbeit als Modell an und verlor v├Âllig meinen Minderwertigkeitskomplex. Auch mein nerv├Âser Tick verschwand vollkommen, und ich ber├╝hrte fast nie mehr meine Nase. Doch schien meiner Nase, die offensichtlich recht egozentrisch war, diese Vernachl├Ąssigung sehr zu mi├čfallen. Sie zog sich gekr├Ąnkt in sich selbst zur├╝ck und war bereits in wenigen Wochen auf ihre alte Gr├Â├če zur├╝ckgeschrumpft. Sie schrumpfte sogar noch ein wenig mehr, so da├č ich jetzt eine zu kleine Nase habe. Ich verlor also meine Stelle als Modell, und die Leute auf der Stra├če blicken ver├Ąchtlich auf meine kleine Nase.

Die Moral von der Geschichte aber ist, da├č sich jeder besser um seine eigene Nase k├╝mmern sollte.


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Klopfstock
Guest
Registriert: Not Yet

tolle Nase....

Hallo, Rolf-Peter Wille,

wie ich sehe, bist Du hier in dieser Ecke,
ein sehr h├Ąufiger Gast und Du lieferst absolut
hohe Qualit├Ąt ab (aber das wei├čt Du ja).
Nur diese Deine "hohe Nase" hat's mir besonders
angetan. Ein tolles St├╝ck "Weisheit", wie ich
finde und ich habe sie sehr gerne gelesen.
Da ich meistens nur Gedichte lese, war ich schon
├╝berrascht, wie gut Du erz├Ąhlen kannst.
Deine Humor- und- Satire-Seite kenne und sch├Ątze
ich bereits (├╝ber Dein Rotk├Ąppchen kann ich mich
heute noch am├╝sieren).
Habe mir bereits vorgenommen hier ├Âfter vorbei-
zuschauen, denn wie ich sehe, lohnt es sich!!!

W├╝nsche Dir noch ein sch├Ânes Wochenende
und sende liebe Gr├╝├če

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Rolf-Peter Wille
???
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Hallo Klopfstock,

ich habe mich sehr gefreut ueber Dein Lob, aber jetzt befuerchte ich fast, dass meine Nase noch hoeher geworden ist...

Alles Liebe,
Rolf-Peter

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Eine furiose Geschichte!
Habe mich k├Âstlich am├╝siert - und dazu noch voller Lebensweisheit!
Das mu├č ich einfach sagen, auch wenn Deine Nase jetzt schon fast bis zum Mond reicht...

Vorschlag zur Feinarbeit :
"Dieses phantastische Gebilde war mit einem dichten Gewebe r├Âtlich bl├Ąulicher Adern ├╝berzogen, haarige Warzen bedeckten das ganze..."
... vielleicht besser "mit haarigen Warzen bedeckt " (igitt)

"Der entsetzliche Gestank der Abf├Ąlle auf den Stra├čen, der schon f├╝r normale Nasen recht unertr├Ąglich ist, brachte mich fast einer Ohnmacht nahe"
"brachte mich fast nahe" ist zweimal dicht davor; "brachte mich einer Ohnmacht nahe" w├Ąre v├Âllig ausreichend.

Toll die Wendung mit den Ameisen, die an der Nase hinaufkriechen - ├╝berhaupt ist die ganze Geschichte, die an sich schon eine einzige Spitze ist, mit lauter kleinen Spitzen gespickt. Wie eine Nase, auf der etliche kleine Nasen wachsen...

Und jetzt geh ich mich um meine eigene Nase k├╝mmern.
Ich bin n├Ąmlich keine Klavierprofessorin - ich mu├č noch ├╝ben...
Zefira
(heute Nasenb├Ąrin)

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Rolf-Peter Wille
???
Registriert: Apr 2002

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Was soll ich antworten, Zefira? Meine Gurke, haarig verwarzt, erstrahlt nun mit einem rotierenden Heiligenschein - ein zweiter Saturn - in der kosmischen Oede.

Danke fuer die Feinarbeit und viel Spass beim Ueben ("Die Nase" von Schostakowitsch?)!

Viele Gruesse,
RP

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