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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Hokuspokus vidibus
Eingestellt am 28. 11. 2006 09:24


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HFleiss
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Alle gingen, ich wollte nicht gehen. Nicht gleich, nicht im November, nicht in diesem November. Sp├Ąter, wenn die Sensation sich gelegt h├Ątte.

Dann w├╝rde ich in meine Stra├če gehen, mir unser altes Haus ansehen, unser geliebtes, gebrechliches Haus, die Stiegen hochsteigen, Stiegen, nicht Treppen, wie man in Berlin sagte, und es waren in der Tat Stiegen, steil, eng, man prustete schon, sobald man das erste Stockwerk erreicht hatte. Um 1870 war das Haus erbaut, damals, als die ersten gro├čen Industrieanlagen in Berlin entstanden und Arbeiter vom Lande in die Stadt str├Âmten, ein Haus ohne erkennbaren Bauplan, Hauptsache, die Leute hatten ein Dach ├╝ber dem Kopf. Die wechselnden Hausbesitzer, und man verlor in diesen hektischen, vom Gewinn getriebenen Zeiten schnell nicht nur ein Haus, bauten an: erst das vierte Stockwerk, dann den Seitenfl├╝gel, vornehm Gartenhaus genannt, zwei stinkende Fallgrubenklos auf dem Hof. Stube und K├╝che, das reichte den Leuten vom Lande, Tagel├Âhnern, Kleinknechte, Gesinde, sie waren Schlimmeres gewohnt. Das Haus hatte drei H├Âfe, der interessanteste f├╝r uns Kinder war der dritte. Dort hatte Vater Kluge eine Schmiede, eine richtige Schmiede, in der Pferde beschlagen wurden, und wo die J├╝ngsten schon mal spa├česhalber auf ein Kaltblutpferd gesetzt wurden und wir anderen uns dann freuten, wenn ein hilfloser Dreij├Ąhriger vor Angst schrie.

Der Gedanke an mein Haus lie├č mich in diesem November weniger frieren.

Dabei hatte ich mir nichts sehnlicher gew├╝nscht: Einmal wieder an den Ort meiner Kindheit gehen, einmal wieder die jetzt ungewohnten Schienen im Hausflur f├╝r die Pferdefuhrwerke begr├╝├čen, in die wir Teer geklebt hatten, in der Hoffnung, die Pferde, die schrecklich gro├čen Kaltblutpferde, w├╝rden darauf ausrutschten, wieder einmal den Kohlengrus aus dem Keller noch im ersten Stockwerk und das Klo auf der halben Treppe riechen, bei den Gro├čeltern klingeln, und der Gro├čvater an der Wohnungst├╝r w├╝rde perplex seinen Pfriem aus dem Mund holen und in die Stube rufen: ÔÇ×Jule, die Jule aus der Zone steht vor der T├╝r! Schmier ihr mal einen ordentlichen Berg Leberwurststullen!ÔÇť Und Gro├čmutter w├╝rde mir noch im Korridor um den Hals fallen, und ihre Tr├Ąnen w├╝rden mir auf den Kragen tropfen, und alles w├Ąre wieder so wie fr├╝her. Fr├╝her, in der Zeit nach dem gro├čen Krieg, als hinter dieser T├╝r mein Zuhause war.

Es war ein Traum, ein Traum, den ich getr├Ąumt hatte in all den Jahren. Ein Traum auch, weil der Gro├čvater gestorben war, schon in den f├╝nfziger Jahren, die Gro├čmutter, als die Mauer stand, Ende der Sechziger, und Nachbarn sie beerdigen mussten, weil die Verwandtschaft weggestorben war und wir, die wir in K├Âpenick wohnten, nicht nach Westberlin gehen durften ÔÇô in dringenden privaten Angelegenheiten, wie es amtlich hie├č. Ja, ihre Gr├Ąber wenigstens, das nahm ich mir vor, wenigstens sie wollte ich aufsuchen. Vielleicht, dass Gro├čvater dann von unten heraufbrummen w├╝rde: ÔÇ×Jule, die Jule aus der Zone hat sich auch endlich mal bequemt vorbeizukommen.ÔÇť Es war ein Traum.

ÔÇ×Sei doch nicht dumm, hol dir die hundert Mark Begr├╝├čungsgeld.ÔÇť Mein Sohn David stand mit dem Auto vor der T├╝r. Es war schon Mitte Dezember, und nichts trieb mich ins andere Berlin, nichts au├čer meiner Stra├če und das Haus, das darin stand, mein Kinderhaus. Wie es in Westberlin aussah, wusste ich sowieso aus dem Fernsehen, darauf hatte ich mir schon meinen Reim gemacht, es reizte mich nicht. Ich hatte die johlenden Leute auf der Mauer am Brandenburger Tor im Fernsehen gesehen, eine Kollegin aus meiner Redaktion wiedererkannt, unsere FDJ-Sekret├Ąrin. Meine Bemerkung beleidigte sie: ÔÇ×Immerhin ein historischer Moment!ÔÇť Was hatte sie begriffen von der deutschen Historie?

Mein Sohn fuhr mich durch die Weddinger Stra├čen. Ich erkannte sie an den Stra├čenschildern, nur hier und da ein vertrautes Geb├Ąude. Wir fuhren ├╝ber eine Br├╝cke. Fennstra├če, las ich. Aha, die Fennbr├╝cke, die Gro├čvater im April 45 noch verteidigen sollte. Wir fuhren durch die Stra├če, glitzernde B├╝rogeb├Ąude, am Ende ein Schild: Sellerstra├če. ÔÇ×Halt an!ÔÇť Erschreckt trat mein Sohn auf die Bremse. ÔÇ×Zur├╝ck, fahr zur├╝ck! Wir sind in der Sellerstra├če! Schon!ÔÇť

ÔÇ×Wenn du meinst.ÔÇť Gleichm├╝tig wendete er, unvorschriftsm├Ą├čig, er h├Ątte sich herausreden k├Ânnen, Zonenhirnis konnten eben nicht Auto fahren. David fuhr Schritt. Ich sa├č wie bet├Ąubt neben ihm. Ein kleiner Gasometer kam in Sicht. Der Gasometer! Er hatte neben unserem Haus gestanden, ein schwarzes Ungeheuer damals, wie man sie noch heute in Berlin findet. Gro├čmutter hatte nach dem Krieg gesagt: ÔÇ×Eine einzige Bombe auf den Gasometer, und der ganze Wedding w├Ąre in die Luft geflogen.ÔÇť Die Bomben hatten unser Hinterhaus getroffen, f├╝nfzig Schritt vom Gasometer entfernt. ÔÇ×Hokuspokus vidibusÔÇť, sagte ich.

David stoppte. Ich stieg aus. Ich fror sofort, es war ein klammer, kalter Tag. Langsam schritt ich den B├╝rgersteig entlang, z├Ąhlte meine Schritte, wie ich es oft als Kind getan. ÔÇ×HierÔÇť, sagte ich. ÔÇ×Hier hatte unser Haus gestanden.ÔÇť Mein Blick ging die Hauswand hoch, Spiegelfenster, Neonleuchten dahinter, ein Schering-Geb├Ąude.

David antwortete nicht. Ich suchte Spuren auf dem Stra├čenpflaster, irgendwelche Spuren von den Menschen, die hier einst gelebt hatten. Vergeblich. Alles war neu, kein Staub zwischen den Steinen, wie weggeleckt die vergangenen Leben.

ÔÇ×Zum NordhafenÔÇť, sagte ich. Meine Stimme war tonlos geworden. Im Nordhafen hatten wir als Kinder gebadet, verbotenerweise. Kein Fluss f├╝r Kinder, ein Industriekanal, schwarz, die Ufer steil, aber eine kleine Wiese hatte es gegeben, auf der wir nackt lagerten und uns von der Sonne trocknen lie├čen.

Der Fluss war noch immer schwarz, die Wiese war verschwunden. Ein St├╝ck Mauer teilte den Park, eine buntbemalte Mauer, Schriftz├╝ge darauf, es war T├╝rkisch. Hinter der Mauer der Rest des Parks, dahinter die Scharnhorststra├če mit dem Regierungskrankenhaus, nicht erreichbar, dort begann Ostberlin. Nie konnte ich von dort all die Jahre bis zum Park gelangen, dem Park, der in meinen Tr├Ąumen mitgespielt hatte, die kleine Br├╝cke, die ├╝ber die Panke f├╝hrte, das Bauhausgeb├Ąude rechterhand, das wir nur die Bewag genannt hatten und vor dem ich fotografiert worden war, als F├╝nfj├Ąhrige, sonnengeblendet blinzelte ich auf dem Foto in die Kamera.

ÔÇ×Lass uns eine rauchen.ÔÇť Wir suchten uns eine Bank. Davids Mund, das sah ich, obwohl er es zu unterdr├╝cken suchte, umspielte ein mitleidiges L├Ącheln. Ich war bet├Ąubt, von der Entt├Ąuschung bet├Ąubt.

Man gelangte nicht mehr an den Fluss, alles war abgeteilt. Wir standen oben und blickten hinunter auf den Streifen Ufer. ÔÇ×Ein KrebsÔÇť, sagte David, ÔÇ×tot.ÔÇť

ÔÇ×JaÔÇť, sagte ich. ÔÇ×Geborsten. Als sei der Fluss auf ihn gefallen.ÔÇť

Ohne dass ich es sah, f├╝hlte ich, dass mein Sohn mir einen schnellen Blick zuwarf.
Ich starrte aufs Wasser, das schwarze Wasser, das noch immer, genauso wie damals, kleine Wellen ans Ufer sch├Ąumte. Beinahe war ich wieder das Kind, das angstvoll ins Wasser starrte, weil es nicht schwimmen konnte.

ÔÇ×KommÔÇť, sagte ich. ÔÇ×Nach Hause.ÔÇť























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