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Leselupe.de > Humor und Satire
Humor und Satire
Eingestellt am 12. 01. 2010 10:38


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Jutta Wölk
Autorenanwärter
Registriert: Oct 2009

Werke: 7
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Mein großer Tag

In der Nacht fand ich kaum Schlaf. Wieder und wieder wälzte ich mich von einer Seite auf die andere und war innerlich so aufgewühlt, dass es mir nicht gelingen wollte, in den erholsamen Dämmerzustand zu versinken. Meine Gedanken wurden von einem einzigen Thema beherrscht: Die bevorstehende Prüfung.
Als ich endlich eingenickt war, schrillte auch schon der Wecker. Verschlafen öffnete ich die Augen und blinzelte auf das grün leuchtende Display – sechs Uhr morgens. Ich schlug die Decke zur Seite und erhob mich aus dem Bett wie eine alte Frau. Nach einer belebenden Dusche und frisch aufgebrühtem Kaffee verließ ich gestärkt das Haus.
Später am Tag, als mich die Jury empfing, schritt ich noch etwas unsicher durch die Schwingtür - die Augen aller waren auf mich gerichtet. Ich stockte und verharrte in der Bewegung. Jetzt nur keine Fehler begehen, schoss es mir durch den Kopf. Lange hatte ich mich ausführlich auf diesen Tag vorbereitet und in unzähligen Fachbüchern geblättert. Endlich war es so weit!
Im Raum herrschte absolute Stille. Die Spannung, die die Atmosphäre dominierte, war förmlich zu spüren. Ich atmete noch einmal tief durch und bewegte mich langsam auf den Tisch zu.
Da lag er nun, der tote Körper, auf kaltem blanken Stahl. Das Werkzeug, das ich für meine Arbeit benötigte, befand sich gesäubert und ordentlich aufgereiht daneben. Mein Herzschlag schnellte in die Höhe und Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn, als ich einen flüchtigen Blick darauf warf. Ich war ziemlich nervös, wollte mir jedoch auf keinen Fall etwas anmerken lassen.
Beherzt nahm ich ein Instrument auf, setzte die scharfe Klinge oberhalb der Rippen an und ließ sie mit leichtem Druck abwärtsgleiten. Dabei spürte ich das Skelett, das sich unter der dünnen Haut abzeichnete. Meine Hände zitterten leicht, als ich im Anschluss den Brustkorb öffnete. Das Splittern von Knochen war zu vernehmen, und gleichzeitig stieg mir ein unbeschreiblicher Geruch in die Nase. Augenblicklich bestaunten auch die anderen Anwesenden neugierig das zugängliche Innere.
Nachdem die Sachverständigen mein Werk wohlwollend in Augenschein genommen hatten, beklatschten sie meine ausgezeichnete Arbeit und beglückwünschten mich überschwänglich. Ich hatte es geschafft und seufzte erleichtert auf. Auch meine Mutter klopfte mir anerkennend auf die Schulter und hielt mir ihren Teller entgegen, ich reichte ihr etwas von der Füllung.
Meine erste Weihnachtsgans war der reinste Gaumenschmaus.

Version vom 12. 01. 2010 10:38
Version vom 12. 01. 2010 14:26
Version vom 05. 02. 2010 16:07

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