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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Ich, die INSEL
Eingestellt am 23. 04. 2001 11:55


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Torquato
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Ich, die INSEL

Text des Wasserzaubers (als Undinen-Futter)
von Wilhelm Fink

Der See, auch wenn es meinem Chef nicht paßt, zieht mich an. Weit hinunter gehe ich, so dicht ans Wasser wie möglich. Hans, als dein Doktorvater sage ich es dir, du hast einen Sprung in der SchĂŒssel. So Prof. Butenschön. Dabei weiß er, daß man diese KrĂ€fte messen kann. Ich klappe das KINEMETER auf und richte es auf den See. SchrĂ€g nach unten. Ich spĂŒre KrĂ€fte. Das Kinemeter zeigt sie an. Auf dem Display klettert der McH-Wert eifrig, heute bis 7,07 nanoMcH (nach Ellister McHaunty). Dann bewegt sich nichts mehr. Mir ist kalt. Eigentlich seit damals, als es geschah. Ich erzĂ€hle der Reihe nach.

[ 1 ]
Es begann mit dem Kongreß in Oberwasser. Mein Chef nahm mich aus der Hauptstadt im Wagen mit. Hans, wir haben ein Problem. Die Exponate mĂŒssen aktiviert werden, eine Stunde vor der PrĂ€sentation. Wir sind auf das Labor angewiesen.

Wir nĂ€herten uns der Grenze. Eine niedrige, feuchte Landschaft. See lag an See. An den Ufern, ringsum, Weiden mit Kugelköpfen. Sie strecken ihre Äste wie Finger in die Luft. Hier gibt es sie noch. Im Haus spukt der Buzemann unter dem Dach, und im See lebt eine Wasserjungfrau. Undine, aus dem See steigt sie an Land, wĂ€hlt sich einen Menschenmann, fĂŒr eine kurze Weile bis zum schlimmen Ende.

[ 2 ]
Wir erreichten unseren Bestimmungsort. Im Tagungsraum sah ich spĂ€ter ein ganzes Bord mit BĂŒchern ĂŒber den Landstrich und seine Unheimlichkeiten. Butenschön hatte es eilig. Wir gingen in das Labor, drei ArbeitsplĂ€tze, Blick auf den See. Mein Chef öffnete seinen Metallkoffer. Wer von Ihnen traut sich das zu?

Zwei langbeinige MÀdchen starrten uns an. Dabei waren sie aus der Hauptstadt. Auch die Dritte sprach nicht. Sie war klein und dunkel. Mir, dem Systematiker, gelang es nicht, sie einzuordnen. Sie war, das sah man, aus der Gegend. SpÀter erfuhr ich: Aus dem letzten Dorf kam sie, dicht vor der Grenze, unten am See.

Sie sah nicht Butenschön, sie sah mich an. Sie sprach nicht. Sie nahm die ExponatstrĂ€ger aus dem Koffer. Der Chef gab ihr den SicherheitsbehĂ€lter. Silbrig schimmerte das Metall. Licht kam von der Speziallampe, nicht von draußen. Über dem See stand die Luft in milchigen Streifen.

Mit dem Mundschutz sah sie aus wie eine, die dazugehört. Kraft hatte sie. Ohne Werkzeug, mit bloßer Hand öffnete sie den unter Vakuumdruck verschlossenen Zylinder mit den Proben. Als Butenschön ihr Anweisungen gab, arbeitete sie ohne Zögern und fast ohne hinzusehen. Blickte durchs Fenster auf den See. Vor ihr in drei Schalen die NĂ€hrlösung. Wie exakt sie portionierte: Tropfen fĂŒr Tropfen fiel, nach knappem Fingerdruck. Die Pipette bewegte sich nicht, nur der Gummibalg.

Perfekt, sagte Butenschön. Er bat sie, ihm bei der PrÀsentation im Plenum zur Hand zu gehen. Sie stand, die Fremde im Team, unbewegt. Wie klein sie war.

[ 3 ]
Die Tagung lief ab. Begriff ich, was geschah? Sie, im Hemd der Pioniere, den Kragen weit aufgeschlagen, machte Fotos von allen. Sogar beim Referat des Frauenhofer-PreistrÀgers kam sie nach vorn. Frech fand man das, wie sie halb auf dem Tisch liegend ihre Bilder blitzte.

Der Vortrag rauschte an mir vorĂŒber. Reflektorisch zuckte ich im Blitz-Rhythmus mit. Sah auf sie, die nun ins Labor ging. Mit den Exponaten zurĂŒckkam. Noch in der TĂŒr und auch spĂ€ter traf mich ihr schneller Blick. Dunkles Zentrum im Augenweiß. Schwarze Strippchen wippten ihr in die Stirn. Sie sah wie ein Junge aus.

Ich dachte an den Waldgeist im Sommernachtstraum. Dieses Zwiegeschöpf. Jedes Ding bekam einen Kick. Beim Eishockey springt der Puck auch so ĂŒber das Feld, ohne Schwerkraft.

[ 4 ]
Ich will von der Insel sprechen. Es geschah am Ende der Tagung. Sie drĂ€ngte sich in die TeekĂŒche. Tschuldigung. Kehlig sprach sie. Sie griff sich ins nasse Haar. War schwimmen. Die Worte kamen gequetscht. Sie stand tatenlos. Hielt die Tasse. Unentwegt, bezwingend, sah sie mir in die Augen.

Ich schlug ihr spontan ein Treffen vor. Jetzt hatte meine Stimme das Kratzige. Ich dachte an Babelsberg, wo ich bereits Àhnliche Dinge arrangiert hatte. Nicht dort, sagte sie. Treffpunkt: Die Insel.

[ 5 ]
Ich fuhr los. Hinter Oberwasser ging es immer weiter abwÀrts. Dann kam das Schild, schwarz auf gelbem Grund, UNTERWASSER. Ich war am Ziel. Mehr hatte sie mir nicht gesagt. Nur mich gewarnt: Geben Sie acht, der See ist tief. Warten Sie auf mich auf der Insel. Ich werde von der anderen Seite kommen.

Ich quartierte mich im Gasthof ein. Als erstes ging ich zum Ufer. Alles war zugewachsen. Wo das Schilf sich öffnete, sah ich sie mitten im See: Die Insel. Mit GebĂŒsch, BĂ€umen, GestrĂŒpp, FlĂ€chen und Wald. Vorn ein Streifen Sand, Inselufer, gelb. Die Sonne stieg.

Im Gasthof schickte man mich zu Fischer Bollmann, der mir den Kahn zeigte. Ziemlich groß, sagte ich, wir sind nur zu zweit. - Na, sagte er, ich lege ihnen ein paar Kissen hinein. Er grinste. - DrĂŒben auf der anderen Seite, was ist da? - Der Fischer kniff die Augen zusammen: Da gibt es nur Quicken, Sand und dann kommt Heide. Da wohnt keiner.- Und auf der Insel? - Bollmann grummelte, spuckte seinen Priem aus: Da sind nur Schweine.

[ 6 ]
Vom Wirt hörte ich, daß die Dorfjungen ein Geheimnis haben. Auf der Insel im Unterholz wachsen sonderbare Pilze. Sie haben Knollköpfe, hĂ€ĂŸlich ausgestĂŒlpt. Bei manchen sind die Stengel hohl, schlauchig. Feuerrote gibt es, aber auch leichenblasse, giftgelbe. Gruselig die lĂ€nglichen Totentrompeten. Die Jungen sind aber auf nur einen Pilz aus. Es heißt, er drehe den MĂ€dchen das Herz um. Selten ist er, und wer ihn mit dem Messer schneidet, der verdirbt ihn. Ausgegraben, schwillt er an, ein richtiger Protz-Stulpen. Aber die Wirkung bleibt erhalten. Nur sieben Sudtropfen vom Höswurz oder Knabenkraut, und du erliegst dem Liebeszauber.

[ 7 ]
Ich stand auf der Insel und schaute zum anderen Ufer. Ach, die andere Seite. Nichts tat sich. Ein Ausflugsboot kam vorbei. Mir wurde die Zeit lang. Ich hörte ein WassergerĂ€usch. Mit der einer Hand ruderte sie. In der anderen hielt sie ein PlastikbĂŒndel hoch. So schwamm sie heran. Sie sah mich lĂ€ngst. Auch die letzten Meter blickte sie mich an. Stieg an Land. Ich sah, wie reizvoll sie war. Ihr Gang ohne Schwerkraft. Große, wasserhelle Augen. Die Haut dunkel. Ich sah ganz anders als meine Eltern aus. Sie haben mich weggegeben, sagte sie.

Sie breitete sich in der Sonne hin, lag im Licht, nackt, voller Leben. Dicht rĂŒckte sie heran, sie duftete wie die MeeresfrĂŒchte, die ich bei San Angeli gesehen hatte, auf der kleinen Fischermole. Oder was fĂŒr ein Duft war es? Ein Geruch von weit her.

Ich hielt ihre Hand, faßte ihren Arm. Wie kalt sie war. So bin ich immer, sagte sie und schĂŒttelte sich das Wasser aus dem Schopf. Die Tropfen rannen ihr von der Nase auf den bewegten Mund. Ich schaute immer hin, immer drauf, auf dies Lippenpaar.

[ 8 )
Ich wich zurĂŒck. Sie mit ihrem kurzen Leib, in sich gespannt wie eine Kugel, hatte schwingende Kraft. Sie zog mir die Unterlippe in die LĂ€nge. Sie kĂŒĂŸte mich. Nicht im Zusammenschluß der MĂŒnder, sondern irgendwie einzeln. Sie schaffte es, mir unten Luft zu lassen. Ein Ziehen und Gezogenwerden. Ich geriet immer mehr zum Ufer. Im Rutschen, im GedrĂŒcktwerden schauderte meine Haut.

Von ganz woanders, schien mir, kam ihre Stimme. Zur Insel mache ich dich. Kurzbeinig, umschlang sie mich gĂ€nzlich. Ich lag wie in einer Höhle von Eis. Sie nahm mir WĂ€rme. Sie verflĂŒssigte sich. Sie floß in mich hinein, mischte sich in mein Blut. Dann, stoßweise, schwamm sie bis in mein Herz.

Es tat weh. Zugleich war mir unendlich wohl. Sie ließ ihre Kraft an mir aus. Licht war in der Umschlingung. Sie sprach. Die letzte Landzunge, sagte sie. Sie speiste mir Energie zu. Sie nahm mir die Luft. Ich fiel aus Raum und Zeit. Drehte mich, fiel in Wirbeln, traf auf einen Grund, Schneefeld: ich, von Licht ĂŒberschĂŒttet nach langem Winter.

[ 9 ]
Ich erwachte, hörte ihre unentrinnbare Stimme: Die Sonne! Gut fĂŒr dein Sensorium. Sie faßte mich mit den SchneidezĂ€hnen. Ein Lebensvorrat, sagte sie, ein Guthaben. Eine Insel bist du jetzt. Unerreichbar. Ohne Landverbindung.

Dunkel roch sie, nach Untergrund. Geruch des Modders, in den hineinsinkt, was in der Höhe bricht. Sie war eifrig. Ganz naß machte sie mich mit dem, was ihr aus dem Munde lief. Nun wußte ich, es war, was aus aus dem Boden der Tiefe nach oben kommt.

[ 10 ]
Das Ende war traurig. Sie wollte nicht in mein Boot. Ich hatte es vorsorglich fĂŒr zwei Tage gemietet. An patschnasser Hand zog sie mich zum kleinen See in der Mitte der Insel. Im Schatten, schwarz, lag er unter BĂ€umen. UnergrĂŒndlich in seiner Stille und Tiefe. Ich kĂŒhle mich ab, rief sie. Belustigt, trotzig ihr Blick. Strippchen wippten ihr ĂŒber die Stirn. Sie sprang.

Die Spannung, Hans! So rief sie. Dann glitt sie hinab, verschwand.

Lange stand ich noch. Sah aufs Krummholz der Eberesche. Schwarze WĂŒlste. Langwurzeln. Sie richteten sich auf. Bogen sich nach mir hin.

[ 11 ]
Als ich den Kahn zurĂŒckgab, holte Bollmann die Kissen heraus, trug sie in den Schuppen, schob sie ins Wandschapp. Links davon ragte an verrostetem Haken eine Baumwurzel in den Raum. Kreuz-quer verschlungenes Schwarzholz, knollig und verwarzt. Wilde Wurzel, Greiferin.

Ich wich zurĂŒck. Bollman legte mir die Hand auf die Schulter. Er wies mit dem Kopf hinaus. Die Angst hielt mich fest. Zuerst sah ich nur den See. Und dann, in seiner Mitte, ohne Landverbindung, drohend GebĂŒsch, Baum, Strauch, Zeigefinger gegen den Himmel, die Insel.

* * *
(Publiziert in FLB Literatur Magazin, Schweinfurt, Autor =
WILHELM FINK, e-mail = Litfink@aol.com)

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