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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ich habe es satt, mich entschuldigen zu müssen
Eingestellt am 17. 11. 2003 14:45


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blaustrumpf
???
Registriert: Mar 2003

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Dieser Text steht im Zusammenhang mit diversen anderen Threads. Zwecks Vermeidung von Mehrfachveröffentlichungen dieser essayistischen Meinungsäußerung poste ich sie hier als Einzeltext.


Ich habe es satt, mich entschuldigen zu müssen

Immer wieder lese ich davon, dass doch endlich mal Schluss sein soll mit dem Zuweisen von Schuld, dass die Enkel und Urenkel doch allenfalls zu biblischen Zeiten zur Verantwortung gezogen werden konnten. Es ist nur erstaunlich, dass dieser Hinweis immer wieder aus ungefähr der gleichen Ecke kommt...

Der Vater meines Vaters war unabkömmlich für den Ersten Weltkrieg. Er arbeitete in der Verwaltung einer rheinischen Braunkohlegrube. Das schützte ihn auch vor dem Zweiten Weltkrieg.
Mein Vater war abkömmlich wie seine beiden Brüder. Er erlebte seinen 18. Geburtstag in französischer Gefangenschaft. Erst zwei Jahre nach dem Krieg kehrte er heim. Sein älterer Bruder war wegen einer Verwundung im Heimatlazarett, als die Engländer kamen. Ihr jüngerer Bruder sah die Russen nicht mehr durch Berlin paradieren. Er liegt in der Gegend von Zodel begraben.

Der Vater meiner Mutter war Bildhauer. Er war abkömmlich für den Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg. Er erlebte das Ende des Krieges in einem Gefangenenlager in Schottland. Noch bis zu seinem Tod dankte er regelmäßig Gott, dass der Schuss, der seinen Arm streifte, ihn nicht zum berufsunfähigen Krüppel gemacht hat. Zwischen 1933 und 1945 hielt die Mutter meiner Mutter die Familie mit einem kleinen Milchladen über Wasser. Der Stil, in dem mein Großvater mütterlicherseits arbeitete, passte nicht in das Bild der Zeit. Dreimal wurde die Familie ausgebombt, die meisten Arbeiten meines Großvaters sind verloren.

Niemand aus meiner engeren Familie war in der Partei. Niemand war ein Nazionalsozialist. Ich muss mich für nichts rechtfertigen? Ich muss mich für nichts schämen? Weit gefehlt!

Man kann ein Erbe nicht teilweise antreten. Es ist nicht möglich, nur das Guthaben zu übernehmen und nicht für die hinterlassenen Schulden einzutreten. Ich kann nicht zum Volk der Dichter und Denker gehören und das Volk der Richter und Henker als nicht das meine betrachten.

Es ist ein in seiner ehrenfesten Aufrichtigkeit schon putziger Gedanke, ich könnte nichts gemein haben mit dem Pack, mit dem Pöbel, mit den Proleten auf den Straßen, in den Kneipen, in den Sportarenen und in den Fernsehprogrammen. Sobald ich so tue, als ginge mich das alles nichts an, sobald ich es bei dem Gedanken belasse: "Ich danke dir, Herr, dass ich nicht bin wie jene", bin ich Teil genau des Sumpfs und Morasts, den ich mir so gerne von den Schuhsohlen schüttle.

Wie, ich kann doch nichts tun? Wie, das merkt doch keiner, wenn ich dagegen bin? Wie, das ist den Großkopfeten doch sowieso alles egal? Natürlich ist die Mehrheit in Deutschland und anderswo demokratisch, weltaufgeschlossen, antifaschistisch und und und. Natürlich sind die "Bösen", die "Dummen", die "Unverbesserlichen" in der Minderheit. Und warum hört man trotzdem jeden Furz, den sie lassen? Weil die Mehrheit schweigt.

Ich habe es satt, mich entschuldigen zu müssen. Vor allen Dingen, da es dabei nicht darum geht, sich für Gräuel, die im Namen meines Volks begangen wurden, zu rechtfertigen. Dafür gibt es keine Rechtfertigung, kann es keine geben. Aber es kostet so viel Kraft und Energie, ausgerechnet zunächst durchaus vernünftig und reflektiert erscheinenden Deutschen zu erklären, dass mein Deutschsein die Kritische Gesamtausgabe bedeutet und nicht zwecks Schonung der heranwachsenden Jugend sorgfältig ausgewählte und bereinigte Abschnitte. Ich habe es satt, mich entschuldigen zu müssen.








__________________
Dafür bin ich nicht aus dem Schrank gekommen, um mich in eine Schublade stecken zu lassen.

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Miriam
Guest
Registriert: Not Yet

Ich sage dazu nur soviel:

Niemand soll mit haengendem Kopf in Israel herumlaufen und sich nur "rumschaemen". Allerdings sollten vor allem Deutsche die Verantwortung uebernehmen, dass soetwas wie im 3. Reich nie wieder passiert. Allein darum geht es.

Was wir in Israel wiederum derzeit ueber oder von Europa hoeren, ist nicht gerade das gelbe vom Ei. Der Antisemitismus grasiert wieder um sich und gehoert anscheinend zur Selbstverstaendlichkeit. Sagen wir mal, er ist zumindest wieder salonfaehig geworden. Und solange sich dieses wiederholt, sollte man ueber ein "sich nicht doch schaemen muessen" ernsthaft nachdenken.

Ich arbeite in meinem Heimatland bei einer Behoerde und wenn ich Faelle von deutschen Touristen ueberstellt bekomme wie, z.B., eine junge Hamburgerin, die bei uns auf den Strassen oeffentlich behauptete, Juden haetten gruenes Blut, dann frage ich mich, ob einige Leute wirklich noch normal sind.

Wie ich im Thread TABU mehrmals erwaehnte, gehoert eine anstaendige Portion Aufklaerung zum miteinander leben.

Gruss

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Heidi Hof
Guest
Registriert: Not Yet

Miriam, ich kann Deinen Frust und Ärger verstehen,
doch muss auch ich gestehen: "Ich fühle mich eigentlich frei von Schuld", ich kann doch nichts dafür. (Bj 66)
Manchmal kotzt mich dieses Thema total an,
immer wieder neue Bücher, Filme, immer wieder dieses Thema.
Ich mag Menschen, es spielt für mich keine Rolle,
welche Hautfarbe oder Glaube sie haben.
Ich bin auch kein Antisemit, weil ich den Friedman nicht mag, den mag ich als Mensch nicht!

Siehste, aber warum fühle ich mich jetzt schon wieder schuldig, das kann doch nicht sein, dass verhindert doch eine Weiterentwicklung. Aber diese Schuldgefühle fressen einen ja auf. Eine Hamburgerin, die was blödes sagt und schon sind es gleich wieder alle Hamburger, Norddeutschland, Deutschland ...

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Miriam
Guest
Registriert: Not Yet

Heidi,

alle Hamburger habe ich doch gar nicht gemeint. Und von ewig reuigen Gesichtern habe ich ebenso wenig gesprochen.

Kann es nicht manchmal sein, dass viele von Euch an einem Komplex leiden und Ihr Euch die Reue selbst auferlegt?

Uebrigens, den Friedman kann ich nicht ausstehen!!!!!

Gruss

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blaustrumpf
???
Registriert: Mar 2003

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Ich kam 14 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs als Deutsche auf die Welt.
Ich trage nur dann keine Schuld, wenn ich die Erinnerung an das Gewesene mittrage und auch die Verantwortung dafür, dass kein Viertes Reich Ähnliches oder Schlimmeres an Gräueln begeht.








__________________
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vivien
Guest
Registriert: Not Yet

oh ja

blaustrumpf, wie recht du hast,
dennoch schäme ich mich oft für diejenigen,
die so sehr darauf pochen,
die gnade der späten geburt zu besitzen
und jede verantwortung leugnen.

wenn nicht täter,
so doch mitgefangen
im licht des dunkels
das schatten auch
auf unsere gegenwart wirft
und im neuen licht
hoffnung trägt für die,
die vermeiden helfen wollen,
damit wir uns gegenseitig
offen in die augen sehen können,
auch wenn wir kritisch miteinander umgehen.
vlg viv.

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