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Leselupe.de > Erzählungen
Ich nehme übrigens - zweimal Zehn
Eingestellt am 02. 04. 2012 00:11


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Dormeller
Festzeitungsschreiber
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Victor (28)

Er traut sich zu gestehen endlich, legt offen seine peinliche, seine verzweifelte Suche nach einer allerersten Frau. Er sehnte sich nach Umarmen, nach dem erstem Kuss, nach erstem gemeinsam ins ...

In Kapitel 16 nun beschreibt er einen Versuch im anderen Milieu...



Es war eigentlich nichts besonderes an ihr, so würde ich sagen. Sie war nicht breit. Sie war nicht lang. Leicht kurvig, leicht abschüssig zeigte sich die schmale, diese mitten in der Stadt gelegene Straße.
Ich denke, sie war abwinkend uninteressant. Sie war dem Hässlichen verbunden ein wenig. Mit ihren Häusern, die ab dem ersten Geschoss oft wie abrasiert wirkten, die wie Bauklötze beieinander standen, mit ihrem blätterndem Putz, verblichenem Grün und fadem Rosa prahlte sie fast peinlich ja schon.
Und kaum mochte sie als Verbindung zwischen ihren besser gestellten Schwestern, den belebt eleganten Straßen dienen. Kurz gesagt, es bestand im Grunde keine Veranlassung, solch einen Ort zu betreten. Wenn nicht ...
... nun ja, wenn nicht ein innerer Wert ihr Eigen wohl war. Zeigte sie doch dem, der sich ihr recht zu nähern wusste, eine andere Seite des Lebens. Eine Seite, über die man im allgemeinen leicht scherzhaft eher spricht. Die allerdings, ganz sicher, manchem als Ausweg oft dient (ohne Endziel zumeist). Jeder darf hoffen...
In aller Regel war es nur ein fast verstohlener Blick, den Victor sich, und den er ihr gönnte, eher selten. Dann vielleicht, wenn der Weg ihn zufällig aus irgendeinem Grunde in diese Gegend geführt hatte. Einen Blick, den er eher wagte als gönnte, so sollte man besser sagen. Den er wagte, wenn er sie zur Rechten in fast verlegen hastigem Huschen sah.
Bis sein Schauen länger und tiefer schon wurde, bis der Mut auf die Schulter ihm tippte:
„Victor, wäre es nicht passend für dich, ein wenig hier mitzuspielen? Deine Entwicklung sie braucht Hilfe leicht anderer Art einmal. Werde aktiv, zeige dich endlich!“ Und Victor vom Lande, er folgte dem Mut.

Akt Nummer eins: Tagsüber war sie oft grau und trübe, lag gänzlich ungeschminkt, lag fast gähnend im Zentrum der Stadt. Eine oder auch zwei Frauen standen gelangweilt und leicht plaudernd vor dem Eingang ihrer Häuser. Wenn Victor sie aber traf, schaute er äußerst flüchtig nach links. Er schielte mit einem Auge sozusagen. Was immerhin deutlich mehr war, als beide geschlossen zu halten.
„Kommst´ mal mit, mein Schatz?“ wurde er angesprochen einmal.
Oh je, sprach sein klopfendes Herz, meinte sie mich jetzt vielleicht? Fast erschrak er über ihre so spottende Frage. Weiß sie nichts von meinen Problemen, erkennt sie meine Angst denn nicht?
Und deutlich schneller wurde das Gehen, als er die gehauchte, ihm so süß erscheinende Stimme vernahm. Starr und unnahbar ging der Blick nach vorne, floh zum rettenden Ende der Strecke.
Ja, mein lieber Victor, es war nicht so leicht.
Wie gesagt, tagsüber nur, ausschließlich im Hellen bewegte er sich auf verbotenem Pfade.
Schließlich aber wagten sich, so wie von selber entwickelt, seine bisweilen neugierigen Schritte auch abends schon einmal in den Weg der anderen Welt. Er lernte dazu.

Akt Numero zwei: Wenn Dämmerung und Nacht ihre erotischen Drogen anboten, so wandelte sich die nüchtern Spröde in eine seltsam Rufende, in eine Fordernde fast schon. Und deutlich mehr, und zumindest etwas lebhaftere, Frauen zeigten Figur.
Im Wettstreit mit geraden, hoch dürren Straßenlampen winkten den hoffenden Augen Lämpchen über den Türen nunmehr. Etwas altmodisch schienen sie für den jungen Victor zu ein. Aber ärmlicher Luxus gehört schließlich auch dazu.
Eine mittlere Zahl von Männern aller Arten und Schattierungen bot das Pflaster jetzt. Junge und hoffende etwa, Schnösel fast noch wie Victor selbst, sie besuchten die Sünde. Durchaus gebildet schienen manche von ihnen dabei, Studenten womöglich? Leicht einfältig wirkten andere dagegen, vom Lande vielleicht?
Wenn sie in Gruppen aber schon einmal schlenderten, ein wenig Alkohol im Blut, wurde Verlegenheit deutlichst vertuscht, Witze hatten Vorrang nunmehr.
„Na, du scharfe Katze, du Mäuschen. “
Und prompt kam die Antwort, zwinkernd zumeist:
„Na, ihr süßen Kleinen, braucht ihr ein Püppchen vielleicht?“
Nun ja, man lernte halt, man fing ja erst an.
War der Suchende aber alleine, war solo für sich, so stellte er ein Bild des traurigen Jammers oft dar.
Und der einsame Mann schlenderte auch. Er ging langsam. Er blieb stehen. Schaute die Puppe ein wenig sich an. Ging weiter. Stand wieder. Und näherte sich endlich jener kleinen, so kurz berockten, ein wenig überschönen Blonden diesmal. Diese, nur diese sollte es bitte sein!
Ein gewisses Wechselspiel fand jetzt statt, ein mit Kopfnicken gefülltes beidseitiges Bekanntmachen, ein distanziertes Sich-Näherkommen sozusagen, keine Minute lang. Und heilig gemeinsam folgte ein Gang ins kleine, ins leicht liebliche Haus. der Weg ins seit langem bekannte, seit der Morgenröte der Menschen verachtete Heim ... ins Bett der kürzesten Freuden.
Oder aber das Wenden hatte sein Sagen erneut. Ein Zurück in die schmale Straße der Süchte war an der Reihe erneut. Und was nun?
Sollte das gleiche Stück, nur vor anderer Kulisse halt, wiederholt werden noch einmal? Oder stand das Verlassen der heiligen Straße bevor? Was mochte Antonius wohl über ihn denken?
Ein Leben ohne Liebe schien nicht so einfach zu sein. Aber das wusste Victor ja schon.

Akt Nummer drei: So also das Feld, das seit geraumer Zeit mir irgendwie, wenn auch nicht übertoll, nicht gierig lustvoll gar, so doch leise mahnend auf die Schulter klopfte erneut:
Probiere es doch einmal, Victor! Tue es jetzt. Gehe einfach hin, wenn die offizielle Erfüllung deines Wunsches, aus welchen Gründen auch immer, noch auf sich warten lässt. Was hast du zu verlieren denn schon? Wie zu blamieren dich? Hier gibt es doch keine Blamage, oder? Geld zahlst du, Ware gegen Ware. Jawohl, so ist das, oder könnte zumindest ... oder in etwa jedenfalls ...
Es war neblig, tief herbstlich bereits und empfindlich kühl an jenem Montagmorgen. Fast wollte die Stadt, so schien es mir, nicht zu Leben und gewohnter Arbeit sich aufraffen unter grau hängendem Gewölk. Weit weg schon waren die Rhododendronblüten des Frühlings für mich. Und das Regelmaß der Sitzungen bei Herrn Baartsnijder ging in die dritte Jahreszeit immerhin.
Links herum, rechts herum. Wie im Traume kannte ich mich aus nun in der Innenstadt. Ich hätte die Straße des heiligen Sankt Anton mit verbundenen Augen gefunden schon.
Nein, ich zitterte keineswegs. Mir fehlte auf einmal (wieso eigentlich?) mir fehlte die doch im Grunde dazugehörende Angst des ersten males. Mir war anders zumute als vorausgeahnt.
Ehrlich und brav und bieder würde ich mich geben. Nicht aufschneiden wie die gewöhnlich dort Zahlenden, die Dauergäste, die Angeber, die So-tun-als-ob.
Ich würde Ihr einfach und ruhig sagen, wie meine Lage ist. Nicht mehr, nicht weniger, nur dieses sollte sie hören.
Und sie selber, die Neue? Was sagte sie dann wohl?
Nun, sie sollte doch, sie war eine Frau immerhin, sie würde Verständnis zeigen für mich. Ein Einsehen sollte sie haben mit dem Jungen vom Niederrhein, und ihn führen in die hohe Kunst der körperlichen Liebe.
O ja, alle Raffinessen kannten die Frauen. Ganz sicher kannten sie diese. Nichts war ihrer Erfahrung fremd, das stand fest wie ein Felsen für mich. Meine Entwicklung, sie rief. Die Heilung des Kranken aber, sie sollte durchaus recht zügig sich zeigen. Nach einer halben Stunde vielleicht?
Und gleich Phönix aus der Asche würde ich dann gestärkt und erfahren, überlegen den Schritt zurück in den Nebel des Morgens wohl tun. Wie auch später, in einen wippenden Kreis erneut. Bist du sicher, Victor?
Ich war alleine in der Straße an diesem trüben Tag, wirklich ganz alleine (in des Sinnes doppelter Bedeutung). Ich war der einzige Mensch weit und nah. Geschlossen die Türen und zu die Fenster. Nichts regte sich. Es schien ein früher Sonntag zu sein fast schon.
Wie um Himmels Willen sollte ich da eine der Huren ansprechen, wenn sich diese in ihren Etablissements versteckt ja hielten. Wenn ihre wohlverdiente Ruhe nach erledigter Nachtschicht genossen wohl wurde. Wohnten sie denn wirklich hier? Etwas unsicher, fast darf man sagen, verlegen wurde ich schon.
Aber zum Donnerwetter, hier und jetzt muss es doch sein. Jetzt, wann denn sonst?
Also, einmal hin die Straße, einmal zurück den Weg, nicht zu langsam, zu schnell erst recht nicht. Ich würde glatt auffallen sonst, und als Anfänger womöglich erscheinen. Obwohl der Vorsatz, mich als solcher im Vorgespräch darzustellen mitgekommen war.
Auf nicht wenige der seltsamerweise völlig leeren Klingeln schaute ich da und dort. Und machte kehrt, und drehte erneut. Niemand war mein Gefährte in einsamster Straße.
Als plötzlich, ganz unvermittelt, störend beinahe eine der Türen sich öffnete.
Eine Frau, ganz normal aussehend, nicht zurechtgemacht und keineswegs verlockend in Figur und Kleidchen, eine mitteljunge Frau kam heraus. Und sie, sie sprach mich an. Nicht ich also, der ich doch etwas wollte. Nein, es wurde mir gnädigst abgenommen, einfach so, ganz locker:
„Hallo, junger Mann, mir fällst du auf irgendwie. Ich meine, dreimal bist du hier schon vorbeigegangen. Suchst du vielleicht etwas?“ Sie schmunzelte fast. „Dabei würde ich sagen, recht normal siehst du aus, ziemlich normal.“ Und sie nickte dazu, fast süß.
„Trinken wir einen Kaffee zusammen? Komme doch einmal zu mir herein, jetzt, einfach so. Es ist es wärmer drinnen.“
„Ich ... ich wollte eigentlich ...“
Wir betraten einen Flur. Und sie ging voraus in ein Zimmer. Es war ihr Zimmer wohl. Ihr eigenes?
Wie seltsam, wie anders als erwartet kam es mir vor. Keineswegs erblickte ich in meiner Fantasie vorgestellten erotische Dinge, etwa scharf machende Poster, mit geilen Ausdrücken. Nicht komisch gestaltete oder zusammengestellte Möbelchen und Sündenlager schauten mich an.
Wenngleich ein roter, ein so weich sanfter Teppich den Boden schmückte, so anders als jemals gesehen. Weit schwingende goldene Spuren berührten einander, gaben die Hand sich fast. Und von oben schauten ganz silberne Kettchen, mit silbernen Sternen auf uns beide herab. Wie seltsam, wie anders das Zimmer.
Es schien nicht die erwartete Liebe zu sein, die es mir gab. Eher romantisch und verträumt würde ich sagen war der Raum.
Allerdings, nun ja, mit einem breiten Doppelbett in der Mitte. Und dieses Bett schien verlängert auch noch, verdoppelt. Es war mal zwei sozusagen. Ein großer, einen schier übergroßer Spiegel am Ende des Kopfes.
Wir schauten einander erstaunt in die Augen. Aber nicht wir beide, nicht sie und ich. Nein, Victor und ein anderer, ein ähnlicher Mensch, sahen fast fragend sich an...
„Setze dich doch“, meinte sie und bot einen tiefroten Sessel mir an. „Ich bin Katja. Willst du einen Kaffee? Etwas anderes vielleicht?“
Ihre Stimme war tief und sanft, und kam nicht künstlich und hauchend daher, wie ich es irgendwie erwart (und erhofft wohl) hatte. Der Klang war beruhigend, war Vertrauen erweckend vor allem.
Bei all dieser Weichheit, bei einleitend Belanglosem über die dunkler werdende Jahreszeit, über den nahenden Advent, über dieses und jenes kleine, kam plötzlich, kam abrupt besser gesagt, etwas Neues hinzu. Ganz unvermittelt, wie ich zugeben muss, folgten deutlich zwei Sätze. Sie wurden leicht betont gesprochen von ihr:
„Ich nehme übrigens zweimal Zehn. Wenn du sie vielleicht hier auf den Tisch legen würdest.“
„Zwanzig?“
Wieso fragte ich so komisch? War es nicht klar, dass die Sache nicht umsonst behandelt werden konnte? Oder war Behandeln nicht das richtige Wort? Ich schien leicht unsicher zu sein in diesem Moment.
„Das ist halt immer so“, meinte sie, während ich zwei blaue Scheine in ein kleines, silbernes Döschen legte, das so schnell im Tisch dann verschwand.
„Wie spreche ich dich denn an, mein Schatz?“, fuhr Katja nun wieder sanft und fast liebevoll fort. „Ich habe irgendwie das Gefühl, du bist selten bei uns gewesen? Oder niemals zuvor? Bei keiner Kollegin, wo auch immer, richtig?“
„Also, der Victor bin ich“, war nach kurzer Bedenkzeit, ob ich denn ehrlich oder doch lieber vorsichtig antworten sollte, meine Erwiderung. „Sieht man mir das an? Ich meine, dass ich noch bei niemandem, bei keiner eben war. Komme ich so linkisch daher? Oder woraus schließt du das, Katja? Oder hast du Erfahrung mit, ich meine, kennst du solche Anfänger wohl schon?“
Sie lächelte mich ein wenig an. Leicht schief legte sie den Kopf und hob ganz langsam und weich ihre Schultern. War sie unsicher, wusste sie es nicht?
„Also, Katja, weißt du, ich bin wirklich zu dir gekommen, ich meine, um zu lernen, einfach so. Ich habe es nämlich ... ich hab´ es noch mit keiner Frau getrieben.“
Es war still im Raum, stiller noch als auf der nahen, der leeren Straße. Nur eine Uhr tickte, einem bestimmten Wartezimmer ähnlich. Die Frau sah mir ins Gesicht. Sie sah mir voll und direkt in die Augen, während ihre Hand sich leicht und wie selbstverständlich auf meine nun legte, die auf einer runden, einer schmiegsamen Lehne ruhte.
Ein Schauern, ein Zittern durchlief meinen ganzen Körper. Und es war mir so, als bäte ich heimlich darum, dass doch diese Frau, die jetzt neben mir saß, und die so ganz anders war als gedacht, dass sie die meine werden möge. Jetzt und hier, einfach die meine.
„Man kann es so deutlich, so überdeutlich sehen, Victor. Du sitzt hier steif. Dein Körper, deine Arme, deine Hände sind fest ... Nein, dein Blick sucht nicht Erotik wohl jetzt. Er will nicht das Abenteuer. Nein, er schaut anders … Wie schön ist das, mein Junge.“
Sie atmete deutlich hörbar und tief. Es klang wie ein Seufzer an irgendeine frühere Zeit. Ich spürte es. Und während ihre Augen für eine kurze Weile ins Leere zu träumen schienen, meinte sie langsam, nachdenklich fast:
„Endlich einmal jemand, endlich ein Mann, der es nicht zum tausendsten male will. Endlich einer, der nicht den Clown vor mir spielt. Der nicht dauernd einen Prahlhans und Wichtigtuer, einen Mann mit Komplexen halt ist.
Ja, du bist anders Victor. Du bist nicht wie sie. Eben weil, weil du so hilflos anders bist als die Dutzendware, die hereinkommt. Und die schnell und grinsend wieder geht. Ich bin das satt, weißt du. Ich würde, ich würde lieber ganz woanders sein, weit woanders jetzt ... ja, so ist das halt, Victor.“
Eine Zigarette zündete sie sich an. Und auch ich griff zu.
„Wo möchtest du denn sein, Katja? Ich meine Katja, wo wärst du denn gerne?“
Ich fragte fast wie ein kleiner Junge wieder, so schien es mir plötzlich. Es war anders in mir auf einmal. Ich war ich nicht mehr in der gewissen Straße, im Wege der Sünde jetzt. Träumte ich? Ging sie zurück, die Zeit? Kehrte sie wieder, die Kindheit von mir? Sprach der Bruder, schimpfte die Mutter erneut?
„Erzähle mir doch etwas von dir“ sagte sie, „Ich habe Zeit heute morgen. Es treibt uns keiner, einverstanden?“
Sie lehnte sich zurück und blies den Rauch zart und fein nach oben, aus rundem und kleinem Mund, mit deutlich ungeschminkten und doch so süßen und weichen Lippen.
Und so begann er zu sprechen denn, der Victor, der Junge, das Kind? Tastend und ganz vorsichtig, so als dürfe, als wagte er nicht, zu viel womöglich der Frau jetzt zu gestehen. Er schloss die Augen ein wenig. Fast wie in einem Gebet, einem kleinen, so kamen und wanderten seine Wörter.
Doch, er war ängstlich, unsicher durchaus. Sollte denn, durfte er überhaupt tief in sich selbst jetzt gehen? So tief hinein und dann sein altes Grauen wieder ausbreiten? Sollte er sich nicht schämen im Grunde erneut, und wie immer schon?
Es war aber so für ihn, wie er es nicht erwartet, es nicht geahnt wohl hatte. Die äußere Liebe, das Sehnen nach Haut, seine gewünschte Lehrstunde zu zweit sanken tief und tiefer. Und andere, viel schweigendere Dinge stiegen auf in ihm nun. Sein früheres Leben es wagte sich vor. Es kehrte ins Leben zurück.
Und Victor wurde mutig ein wenig. Oder besser, sich trauender?
Er sprach flüssig und unbefangen jetzt. Gleich dem Erzählen eines Kindes zu seiner ihm diesmal gewogen bleibenden Mutter? Und bald schon war Katja eine nicht mehr schwarze, als vielmehr eine sanfte, eine so mild schauende, eine richtige Mutter. Eine, die nicht schimpfte so oft, die nur lieb und ernst ihm zuhörte. Die nicht seufzte. Die lauschte, als sei er ihr eigener Sohn. Und durfte ihn trösten jetzt endlich durch Schweigen nur noch, durch ihr Schauen so tief in die Augen.
Ganz ohne Fragen aber stieg er hinab in den Brunnen der Zeit, wie niemals zuvor im jungen, so hoffend, so traurigen Leben. Nicht ein Wort, kein Öffnen ihres Mundes, der niemals küsste die Männer ja hier, musste helfen ihm jetzt. Sie sah ihn stets fragend nur an, während ein tröstendes Streicheln der Hand die Quellen des wartenden Weinens in Victor befreite.
Und die Augen, sie schmolzen das Eis. Und der Schnee all der Jahre, er floss, lieb glänzend ein wenig, aus seinem Herzen zu ihr. Während Katjas Finger ganz unverlegen die Tränen berührten, die der Trost so lieb ihm reichte nunmehr.
All die Figuren von damals aber, sie entstiegen vergangenem Hoffen in ihm. Sie schauten ihn an. Er aber fragte eine jede numehr. Und sprach ganz anders als früher. Und zeigte sie Katja dann stets.
Hier, nur bei ihr, in dieser still minderwertigen Umgebung schüttete er endlich sein ganzes, sein dumm vergebliches Liebesherz aus, ihr allein.
War es eine Therapeutin denn wohl? Ging es hier weiter mit den Rhododendren womöglich? Nein, das hatte er nicht nötig, das wollte er nicht mehr. Nein, besser im Zuhause einer Frau, die auf keiner Hochschule, in keinen Büchern die so nüchterne Kunst der Psyche erlernt ja hatte. Oder doch ... ?
Bei einer Frau jedenfalls, so kam es an und herüber, die keine Routine walten ließ auf diesem sensibelsten aller Felder, einem Felde aller in uns.

Victor atmete tief. Er war fertig mit seinem Gestehen. Er setzte sich gerade ein wenig, und schien zu hoffen auf einen Satz jetzt von ihr.
Doch sie blieb ruhig. Sie schwieg. Sie sah ihn nicht an. Sie schaute ins Leere nur, war plötzlich ganz anders als sonst.
Wartete Katja auf irgend etwas vielleicht, auf etwas, das Victor noch nicht sagte, sich nicht getraut hatte, ihr zu gestehen? Das Zittern ihrer Hände fiel ihm jetzt auf. Ihr Atem schien schneller. Hatte sie Angst womöglich? Schien sich nicht zu trauen, wieder mit ihm zu sprechen? Er begriff es nicht, wurde unsicher, fast scheu.
Doch dann kam ein Satz, kam eine seltsame Frage an ihn:
„Victor, darf ich dir etwas sagen?“
Es waren ihre ersten Worte seit langem, seit einer Stunde fast schon. Der Kopf ging ein wenig zur Seite und leicht nach unten dabei. Sie schien verlegen fast, ihre Augen halb zu.
„Du versprichst mir auch, Victor, ganz ehrlich, ganz sicher, es wieder zu vergessen, sofort?“
Ich wusste keine recht Antwort auf diese so plötzliche, so seltsame Bitte.
„Katja, ich tue das, was du möchtest“, sagte ich, fast gehorchend jetzt schon. Dabei legte ich meine Hand auf ihre nunmehr. Ich wagte Katja zu berühren, einfach so, so wie niemals eine Frau im Leben zuvor.
Wobei ich fühlte, dass sie ein wenig zuckte erneut. War sie erschrocken vielleicht, hatte sie Angst gar vor mir? Sind vielleicht drohende oder Angst machende Erlebnisse in meinem Erzählen gewesen? Katja, vergibst du mir dann?
Doch anders, ganz anders als ich es jemals hören durfte im Leben, und nur einmal mich traute zu flüstern, ganz langsam, schon fast in der Welt nicht mehr, sagte Katja zu mir:
„Wenn wir beide, Victor ... wenn wir uns früher getroffen hätten ... und du mich ... wenn dein Mund mich ... Victor, ich liebe dich.“
Und so schnell, und so krallend, so hart zog ihre Hand sie zurück. Böse und verletzend der Blick. Tot schien Ihr Atem zu sein. - Warst du Katja nicht mehr?
Wir beide schwiegen, wagten keine Bewegung. Nicht sie, nicht ich. Es war still, ganz still nun im Raum. Nur eine Uhr, sie tickte wie immer ja schon. Und zwei Menschen, sie saßen so starr.
„Entschuldige Victor, verzeihst du mir?“ sagte sie auf einmal ganz leise, ganz langsam zu sich. Mit eintöniger Stimme schaute Katja dabei ins Leere. Sie schien woanders zu sein.
„Wieso ... schlugst du mich denn ... und hast mich alleine gelassen damals ... ich liebte dich doch ... Suchtest du mich in der Straße vorhin, mein Victor? ... Wie geht so ein Helfen? Ich ... ich kann das nicht mehr.“
Sie schien in einer anderen Welt nun zu sein. Ganz seltsam sprach sie unverständliche Wörter, flüsterte, so als sei sie alleine. Wie klein und wie einsam sie schien.
Anders, ganz anders Katja bist du jetzt für mich, fast so, wie ich es einst war. Ich ahnte die Brücke, ich kannte das Rauschen, und nah schien der Fluss. Er vergab mir den Tod und vergab mein Gestehen, die drei Worte an sie.
Und wagt dir zu helfen nun auch. Du, Katja, darfst weinen, darfst hoffen mit ihm.

So war sie, meine überraschende erste Begegnung mit dem ältesten Gewerbe der Welt. Ich wagte, mich mit einer in der Hierarchie ganz tief, ganz unten stehenden Frau zu treffen, und hatte mich seeliger und geborgener gefühlt als mit jedem anderen Menschen zuvor. Und Katja, die Hure, sie wusste am Ende mehr als jeder andere Mensch, dem ich bis dahin geöffnet mich hatte. Auch mehr als eine bestimmte Runde, hinter rot lächelnden Blüten! Mein Erzählen aber, es hatte fast eine Stunde gedauert, weit also über die von mir entrichtete tarifliche Bezahlung.
Und was war mit dem sogenannten Schlafen danach? Mit dem Akt der körperlichen Liebe, um die sich neben dem Geld die ganze Welt doch dreht?
Wie fühlte sich Katja an auf ihrem weiten, so rot einladenden Bett? Wie weich waren ihre Brüste, ihre Schenkel, und letztlich der allerpersönlichste Bereich dann auch? Ich sollte es doch zumindest ansatzweise in die Erzählung hier einbauen. Ein Wissens-Recht hat der neugierig Blätternde schließlich darauf; im Besonderen, da die ganze Sache endlich und deutlich irgendwie konkreter zu werden verspricht.
Nein nein, ich muss an dieser Stelle schon wieder den ungeduldigen, wenn auch nachvollziehbaren Vorwärtsdrang in seine Schranken weisen. Ich muss die Tugend der Geduld, die schöne, die auch so fade bisweilen, erneut bemühen. Es kam zu keinem Streichelkontakt an jenem nebligen Novembermorgen, zu keinem Techtel-mechtel zwischen der Berufsschläferin und dem Versuchsfreier. Ich schreibe hier, wie das Leben es ablaufen ließ.
Sie schaute abrupt und erschrocken auf die Uhr. Bereits im Aufstehen begriffen sagte sie, eher sachlich, zu mir:
„Es tut mir leid, Victor, aber ich muss mich jetzt unbedingt umziehen und ein wenig schminken auch. Das mögen andere Männer ganz gerne. Ich habe einen Termin, einen Hausbesuch sozusagen. Das gibt es durchaus. Ich würde mal sagen, für Leute, die vielleicht etwas besser betucht sind als ihr Studenten. Es gibt mehr auf diesem Feld, als du ja ahnst...
Und ab morgen bin ich leider für zwei Wochen weg, bei meiner Schwester, weißt du. Ich habe sie schon so lange nicht gesehen. Sie ... sie ist auch anders als ich. Ich meine, sie hat nichts zu tun mit … Nein, lassen wir das.
Insgesamt liegt die Sache terminlich etwas unglücklich für dich. Ich sehe das ein. Aber ich verspreche dir, wenn du mich in vierzehn Tagen anrufst, mache ich mit dir einen neuen Termin aus. Ein Treffen hier, hier in meinem Kuschelzimmer wirst du dann haben. Und wir beide schmusen miteinander. Nur wir beide, ganz sicher. Abgemacht?“ Lächelnd fügte sie noch hinzu:
„Du brauchst für das nächste Mal nichts, gar nichts zu zahlen. Hand drauf, Victor?“
Da war mir so, als hätte ich jetzt in diesem Augenblick eine Freundin gewonnen, die erste Freundin, die erste Frau meines Lebens. Eine nicht so ganz den Vorstellungen entsprechende, eine endgültige womöglich auch nicht, aber doch eine Frau, ein Mensch des Liebens.
War dieses das Ende des Weges? War ich am Ziel hier schon, wo ich es keinesfalls vermutet ja hatte?
Wir umarmten uns an der Tür. Dabei lehnte sie den von mir angebotenen Kuss leicht deutlich ab. Sie verhinderte ihn durch ein Drehen des Kopfes, irgendwie recht gekonnt und doch elegant, so mein Eindruck jedenfalls. Aber was sollte das schon heißen für die Zukunft von uns beiden. Ich würde mich in zwei, in drei Wochen ja wieder treffen mit ihr...
Dass es aber nie zu dieser nahen Zukunft mit Katja kommen würde, das ahnte ich in diesem so hoffnungsvollen, so melancholisch streichelnden Augenblick nicht. Es war unser erstes, und es blieb unser einziges Treffen, da am nieseligen Morgen, da, in stiller Straße. Wieder sollte es so sein, wieder einmal. Wie oft, wie oft denn noch?
Nein, es stieß ihr wohl nicht, romangemäß, irgend etwas zu auf der wohl langen Fahrt zu der Andern, oder dort sogar. Ich denke es nicht. Ich weiß es nicht, und werde es auch nicht herausbekommen. Ich nehme es jedenfalls auch in ihrem Interesse ganz sicher nicht an. Sie wird den Dienst in der Straße der Sünden pflichtgemäß wieder aufgenommen haben, nach den zwei kurzen Urlaubswochen. Waren es solche denn wohl? Wird vielleicht noch einmal an jenen seltsam jungen Mann gedacht haben damals, in einer sentimentalen Minute ihres Berufes, so hoffe ich doch.
Nein, Katja war nicht der fehlende Teil des geplant zweiten Treffens. Der Victor war es. Ich selber ließ mich nicht mehr blicken im Weg des heiligen Geldes. Ich kam nicht mehr, ein junger Mann, der sie doch so dringend brauchte. Einer, der vom Glück über die Zufallsbegnung hätte schwärmen müssen, kniff vor dem Entscheidenden nun.
Er kniff? Und wieso? Warum stieg er jetzt aus? Er entwickelte sich immerhin. Es begann, wenn nicht zu blühen, so doch zu knospen im wartenden Garten für ihn. Wieso griff er nicht zu, wo sein Fortschritt so deutlich nun wurde?
Nun ja, der Grund des Nicht-Wiedersehens war ein anderer, ein wichtiger. Darf man sagen, ein verzeihlicher?

Kapitel 16 ... Werner R. Dormeller



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