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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Ihr Traum vom Fliegen
Eingestellt am 03. 12. 2005 15:52


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Isa
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2004

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Carmen saß auf dem Sofa und starrte hinaus in den strahlenden Sonnenschein. Sie konnte diese ungezwungene Heiterkeit, die der heutige Tag ausstrahlte, nicht ausstehen. Den ganzen Tag schon hatte es nur Schwierigkeiten gegeben, zuerst in der Schule und dann auf ihrer Arbeit. Sie konnte die Lehrer nicht ausstehen, wie sie sich ĂŒber die SchĂŒler erhoben und auch ihre Arbeitskollegen gaben ihr immer das GefĂŒhl, als sei sie weniger wert, als das alte Fett in der Friteuse, an welcher sie stand. Ihre schwermĂŒtige Stimmung wurde noch verstĂ€rkt, als ihre Mutter mit strahlendem Gesicht ihre ZimmertĂŒr aufriss.
„Rate mal, meine Kleine, wer morgen zu Besuch kommt!“, rief Carmens Mutter und vollfĂŒhrte einen kleinen Freudentanz. Maria, Carmens Mutter, war noch sehr jung, denn sie hatte ihre Tochter zu Welt gebracht, als sie selbst gerade erst fĂŒnfzehn Jahre alt war. Ihren damaligen Freund hatte sie, ohne RĂŒcksicht auf ihre konservativen Eltern zu nehmen, nicht geheiratet. Manfred besuchte sie regelmĂ€ĂŸig einmal im Jahr und brachte Carmen immer unnötige Geschenke mit, die meisten waren kindisch und einfach nur ĂŒberflĂŒssig, so dass sich das MĂ€dchen einen großen Umzugskarton gesucht hatte, um den ganzen unnĂŒtzen Kram darin zu verstauen. Das MĂ€dchen mochte ihren Vater nicht, konnte sich aber auch nicht mit den wechselnden Freunden ihrer Mutter anfreunden. Sie waren alle zu alt fĂŒr Maria und bei mindestens zwei vermutete Carmen, dass sie bereits verheiratet waren.
Carmen drehte ihren Kopf in die Richtung ihrer Mutter und sah sie aus mĂŒden und lustlosen Augen an. Schon wieder Besuch, dabei war doch Wochenende und sie wollte endlich ihre Ruhe haben. Die ganze Woche ĂŒber war das Haus immer voll mit MĂ€nnern, die Carmen nicht kannte und auch gar nicht kennen lernen wollte. Sie hatte gehofft, an diesem Wochenende endlich eine Pause zu haben. Ihre Mutter hielt in ihrem Tanz inne und ihre hellbraunen Locken hörten auf, wie wild herumzuhĂŒpfen. Sie sah ihre Tochter mit ihren blauen Augen, welche vor Freude blitzten, an und wartete auf eine Reaktion. In letzter Zeit hatte sie immer weniger Zugang zu ihrer Tochter und versuchte verzweifelt, dieses schreckliche GefĂŒhl des Auseinanderlebens zu ĂŒberbrĂŒcken.
Carmen seufzte innerlich und zauberte ein charmantes LĂ€cheln auf ihr gelangweiltes Gesicht. Ihre grauen Augen jedoch behielten matten Schimmer der Lustlosigkeit, doch das erkannte ihre Mutter nicht und glaubte, ihre Tochter fĂŒr den kommenden Besuch interessiert zu haben. Sie setzte sich neben ihre Tochter auf das Sofa und betrachtete ihre Tochter. Sie war nun in dem Alter, in welchem Maria sie geboren hatte. Carmen war so anders, als sie in diesem Alter und Maria fand dies gut, denn ihre Tochter sollte die Schule abschließen, einen guten Beruf erlernen und dann erst darĂŒber nachdenken, eine Familie zu grĂŒnden. Maria hatte es oft bereut, dass sie damals so unvorsichtig gewesen war, doch immer wenn sie sich ihre Tochter ansah, wusste sie, dass es sich gelohnt hatte, nicht abzutreiben und somit dem Willen ihrer Eltern zu folgen.
„Frank, seine Frau und sein Sohn kommen uns morgen besuchen.“, verkĂŒndete sie die frohe Botschaft und las nur Ratlosigkeit in dem Gesicht ihrer Tochter. Frank war Marias Arbeitskollege und sie kannten sich schon seit der Schulzeit, er war zwar drei Klassenstufen ĂŒber ihr gewesen, doch durch Marias Bruder hatten die beiden sich kennen gelernt. Frank war der einzige gewesen, der den Kontakt zu Maria nicht abgebrochen hatte, als diese schwanger war. Er hatte ihr auch die Arbeit bei der Bank beschafft. Seine Frau war zur selben Zeit schwanger gewesen wie sie und so hatten sich auch die beiden Frauen angefreundet. Frank war jedoch nach der Geburt seines Sohnes nur allein zu Besuch gekommen, da Marius, sein Sohn, oft krĂ€nkelte und seine Eva ihren Sohn nicht allein lassen wollte. Nach den ersten fĂŒnf Jahren waren Franks Besuche dann immer seltener geworden und erst letzte Woche hatte Maria wieder mit ihm gesprochen, da sie ihn zufĂ€llig in der Bank getroffen hatte. Die Gelegenheit beim Schopf packend, hatte sie die Familie gleich zu sich eingeladen.
„Du kennst Frank doch noch?“, fragte Maria und Carmen dachte angestrengt nach. Normalerweise kannte sie die Freunde ihrer Mutter nicht beim Namen, doch irgendwie verband sie nur Gutes mit dem Namen Frank. Vielleicht war er mit ihrer Mutter gar nicht zusammen gewesen und mit einem Mal erschien vor ihrem inneren Auge ein Bild eines Mannes mit Vollbart und Brille, seine Haare waren schwarz und lockig und er hatte ein breites Grinsen aufgesetzt.
„Ich wusste nicht, dass er einen Sohn hat.“, war Carmens Antwort und ihre Mutter machte eine ihrer typischen Bewegungen mit der Hand. Sie hatte ihrer Tochter nie von Marius erzĂ€hlt, da der Kontakt zu Frank beinahe abgebrochen war.
„Sie kommen morgen gegen zehn Uhr.“, erklĂ€rte Maria ihrer Tochter. „Ich möchte, dass du dich ordentlich anziehst und nicht erst um fĂŒnf Minuten vor zehn Uhr anfĂ€ngst, dir die Haare zu waschen. Frank und seine Frau waren mir eine große Hilfe und ich möchte nicht, dass sie im Nachhinein einen schlechten Eindruck von mir gewinnen. Hast du mich verstanden, Carmen?“
Die Stimme ihrer Mutter war wĂ€hrend der letzten SĂ€tze seltsam scharf geworden und Carmen nickte nur stumm. Es hatte ohnehin keinen Sinn ihr jetzt zu widersprechen und zu sagen, dass sie sich, wenn Besuch kam, meistens gut benahm und sie bei Frank wirklich nett sein wĂŒrde.
Ihre Mutter stand auf und der strenge Ausdruck in ihren Augen verschwand. Sie wirbelte noch einmal herum und warf mit Schwung die TĂŒr hinter sich zu. Carmen seufzte und sah wieder hinaus auf das fröhliche Bild im Garten. Strahlend blauer Himmel, grĂŒnes, saftiges Gras und sie hörte sogar das Zwitschern einiger Vögel. Die Strahlen der Sonne tauchten noch dazu alles in ein so sanftes Licht, dass Carmens Laune sich erneut verschlechterte. Morgen musste sie also gut gelaunt sein, um ihrer Mutter nicht den Tag zu ruinieren. Sie seufzte, drehte sich vom Fenster weg und verkroch sich in ihrem Bett. Sie wollte nur noch Dunkelheit um sich herum und endlich ihre Ruhe haben.

„Das hier ist also Marius.“, begrĂŒĂŸte Maria gerade Franks Familie und Carmen wartete noch einige Augenblicke, bis ihre Mutter die GĂ€ste ins Wohnzimmer gefĂŒhrt hatte. Sie mochte es nicht, GĂ€ste auf dem Flur zu begrĂŒĂŸen, es herrschte dort immer eine so hektische AtmosphĂ€re. Alle ziehen dort ihre MĂ€ntel oder Jacken aus und man kommt gar nicht richtig dazu, die Menschen zu begrĂŒĂŸen, da diese immer noch zu sehr damit beschĂ€ftigt sind, sich ihrer Schuhe zu entledigen. Nun ging die TĂŒr zum Wohnzimmer auf und ihre Mutter flitzte zwischen KĂŒche und Wohnzimmer hin und her, auf dem RĂŒckweg hatte sie immer ein volles Tablett dabei. Beim ersten Mal standen Tassen und Teller darauf, beim zweiten Mal eine Kanne und einige GebĂ€ckstĂŒcke, die sie zuvor noch beim BĂ€cker gekauft hatte. Carmen wartete noch wenige Augenblicke und betrat dann das Wohnzimmer. Ihre Mutter stellte sie vor und artig reichte sie Frank, Eva und Marius die Hand und setzte sich dann auf einen kleinen Hocker, der in der NĂ€he des Kamins stand.
Das GesprĂ€ch drehte sich zunĂ€chst um die Arbeit der drei Erwachsenen und Marius sowie auch Carmen verzogen gelangweilt das Gesicht. Carmen bemerkte die GefĂŒhlsregung ihres Altersgenossen und deutete mit einem Kopfnicken an, dass sie doch in ihr Zimmer gehen könnten. Marius nickte nur, er hatte wĂ€hrend der ganzen Zeit nichts gesagt, seit er Carmen und ihre Mutter begrĂŒĂŸt hatte. Die Erwachsenen schienen es nicht zu bemerken, als ihre Kinder den Raum verließen und schweigend fĂŒhrte Carmen ihren Besuch in ihr Zimmer. Dort setzte sie sich auf das Sofa und Marius ließ erst den Blick durch ihr Zimmer schweifen, ehe er sich setzte.
Carmen hatte sich Marius anders vorgestellt. Er war sehr schweigsam und zurĂŒckhaltend, die zotteligen Haare schien er von seinem Vater zu haben, aber sonst sah er seiner Mutter viel Ă€hnlicher. Er hatte ein schmales Gesicht, seine Haut war sehr hell, was durch seine dunklen Augen und Brauen nur noch verstĂ€rkt wurde. Seine Lippen waren schmal, doch schufen sie keinen unzufriedenen Ausdruck, wie die Lippen seiner Mutter.
„Hast du die selbst prĂ€pariert?“, hörte Carmen Marius sanfte Stimme und sie schaute auf die vielen kleinen Vögel, die auf Regalbrettern aufgereiht waren. Es gab viele einheimische Vögel, sie fand diese meist in der NĂ€he der alten Chemiefabrik, oder im Kirchturm. Die einzigen exotischen Vögel waren zwei Wellensittiche und ein Kanarienvogel. Die Wellensittiche hatte Carmen von ihrer Mutter zum fĂŒnften Geburtstag bekommen. Sie waren ihre ersten richtig prĂ€parierten Vögel gewesen. Zuvor hatte sie an toten MĂ€usen geĂŒbt, natĂŒrlich heimlich, da ihre Mutter das seltsame FreizeitvergnĂŒgen ihrer Tochter nicht guthieß. Ansonsten saß man viele Spatzen, Rotkelchen, Meisen und Amseln, die einzigen grĂ¶ĂŸeren Vögel waren drei Tauben, ein Star und eine Elster.
Carmen bejahte Marius Frage, stand auf und nahm dann Sittie, ihren ersten Wellensittich vom Regalbrett. Sie drĂŒckte in Marius in die Hand und er starrte den toten Vogel interessiert an.
„Er war der erste, an dem ich meine Fertigkeiten richtig ausprobiert habe.“, erklĂ€rte sie dem Jungen und Marius stricht sanft ĂŒber das Gefieder des toten Tiers. „Meine ersten Versuche an MĂ€usen gingen schief. Ich habe mir dann bei einem richtigen TierprĂ€parator ein paar Tipps geholt. Er hat gesagt, ich könne in den Ferien bei ihm aushelfen, aber es ist nichts daraus geworden.“
Marius stellte den Wellensittich zurĂŒck ins Regal und schaute die Tochter der Freundin seines Vaters interessiert an. Als sein Vater ihm gestern gesagt hatte, dass sie heute eine alte Freundin besuchen wĂŒrden, hatte er zuerst so getan, als hĂ€tte er seinen Vater nicht gehört. Als dieser dann auch noch sagte, dass seine Freundin eine Tochter in seinem Alter hatte, hatte er sich geweigert mitzugehen. Er hatte sich mit seinem Vater gestritten und dann hatte es seine Mutter geschafft ihn zu ĂŒberreden. Marius hatte ein MĂ€dchen erwarten, welches auf Miniröcke und Justin Timberlake stand, aber nicht, dass sie ihre Vögel prĂ€parierte und sie somit unsterblich machte.
„Warum bist du nicht in den Ferien zu ihm gegangen?“, fragte Marius interessiert und musterte Carmen, wĂ€hrend sie ihm erzĂ€hlte, dass der PrĂ€parator kurz darauf gestorben war und sein Nachfolger das GeschĂ€ft geschlossen und in einer anderen Stadt wiedereröffnet hatte. Carmen entsprach nicht nur von ihrem Wesen sondern auch vom Aussehen her nicht seinen Erwartungen. Sie war relativ klein, hatte langes braunes Haar, welches sich an den Enden ein bisschen krĂ€uselte. Ihr Gesicht war voll, aber nicht dick und er konnte keine Ähnlichkeit zu ihrer Mutter erkennen. Demnach kam sie nach ihrem Vater, von welchem er kein einziges Bild bisher hatte entdecken können.
„PrĂ€parierst du die Vögel in deinem Zimmer?“, fragte er, als sie mit ihrer ErzĂ€hlung fertig war und erntete ein leichtes KopfschĂŒtteln und ein leises LĂ€cheln, welches aber nur kurz dauerte und schon verschwunden war, ehe er sich sicher sein konnte, dass es ĂŒberhaupt da gewesen war.
„Meine Mutter ist nicht sonderlich angetan davon, dass ich Tiere ausstopfe.“, sagte sie mit ihrer ruhigen Stimme, von welcher man sich nicht vorstellen konnte, dass sie sich jemals ĂŒber etwas aufregte. „Ich habe mir einen Platz im Keller eingerichtet, auch wenn sich manche Nachbarn manchmal ĂŒber den Gestank aufregen. So schlimm riecht es gar nicht.“
Marius Neugierde, diesen Keller einmal zu sehen wuchs und er fragte sie, die Aufregung in seiner Stimme unterdrĂŒckend, ob er den Keller sehen dĂŒrfe. Carmen zögerte kurz und dann schĂŒttelte sie erneut leicht den Kopf und diesmal blieb das LĂ€cheln eine Spur lĂ€nger in ihrem Gesicht, so dass sich Marius diesmal sicher sein konnte, dass er es gesehen hatte.
„Ich kenne dich nicht.“, waren ihre Worte, und ihre direkte Art ĂŒberraschte Marius. „Der Keller ist etwas Besonderes fĂŒr mich und selbst meine Mutter darf da nicht so ohne weiteres hinein. Außerdem denke ich, dass deine Mutter nicht davon angetan sein wird, wenn du dich mit Tierleichen umgibst.“
Marius fragte sich, wie sie seine Mutter nur so gut einschĂ€tzen konnte, obwohl sie diese doch noch nie getroffen hatte und selbst heute frĂŒh nur einige kurze Worte mit ihr gewechselt hatte. Vielleicht hatte Carmen einfach nur eine gute Menschenkenntnis.
„Auf welche Schule gehst du eigentlich?“, fragte er, um das GesprĂ€ch in eine andere Richtung zu lenken, da er scheinbar in einer Sackgasse angelangt war. Sie zog kurz ihre Stirn kraus und kehrte wieder zum Sofa zurĂŒck. Als sie es sich dort bequem gemacht hatte, antwortete sie ruhig auf seine Frage und erfuhr im Gegenzug, dass er auf ein nahe gelegenes, anderes Gymnasium ging. Er war gut in der Schule und in diesem Jahr sogar zum Klassensprecher gewĂ€hlt worden. Dieses Amt teilte er sich mit einer MitschĂŒlerin, Julia, die er aber nicht sonderlich leiden konnte. Sie war laut, schrill und unverschĂ€mt, schaffte es aber, die Aufmerksamkeit aller Jungen in Marius Klasse auf sich zu ziehen. Marius hingegen erfuhr wenig ĂŒber Carmens Klasse und sie verlor auch kein Wort ĂŒber ihre Freundinnen oder Freunde. Sie redeten noch eine Weile ĂŒber die Schule, wobei Marius den Löwenanteil des GesprĂ€chs ĂŒbernahm und Carmen entweder nur einsilbig, oder in sehr kurzen SĂ€tzen antwortete. Irgendwann dran die Stimme von Carmens Mutter ins Zimmer. Sie rief aus der KĂŒche, das Essen sei nun fertig und die beiden sollten doch bitte zum Essen kommen. Das Essen verlief ruhig und nur Maria und Frank redeten ĂŒber ihre Schulzeit. Nach dem Essen verabschiedeten sich die GĂ€ste und Carmen blieb mit ihrer Mutter allein zurĂŒck.
„Hast du dich mit Marius gut verstanden?“, fragte ihre Mutter und hoffte, dass ihre Tochter den Vormittag genauso genossen hatte, wie sie selbst. Frank war sehr nett gewesen und hatte sich so verhalten, als wĂ€re ihre Freundschaft nie unterbrochen worden. Eva war auch freundlich gewesen und hatte sich ĂŒber Marias schöne Wohnung gewundert, da diese doch alleinerziehend war. Sie wollte endlich die Kluft zwischen ihrer Tochter und sich kitten und vielleicht war Marius auch gut fĂŒr ihre Beziehung, obwohl sie sich noch nicht recht vorstellen konnte, in welcher Weise. Carmen zuckte mit den Schultern und sah ihre Mutter mit einem leichten LĂ€cheln an. Der Vormittag war nicht ganz so schlimm gewesen, wie sie ihn sich vorgestellt hatte.
„Er ist ganz in Ordnung.“, sagte sie und fĂŒgte dann hinzu, nur um ihre Mutter zu Ă€rgern. „Er hat meine Vögel bewundert und wollte sogar in den Keller gehen und sich meine Werkstatt ansehen.“
Marias Gesicht blieb stehen und das LĂ€cheln verschwand mit einem Schlag. Ihre Tochter aber behielt das LĂ€cheln in ihrem Gesicht und in Maria stieg Wut auf. Sie hatte geglaubt, Carmen habe in diesen paar Stunden keine Schwierigkeiten gemacht, doch nun wusste Franks Sohn von der abartigen Neigung ihrer Tochter, tote Tiere auszustopfen. Ihre Augen blitzten wĂŒtend und sie war nicht mehr fĂ€hig etwas zu sagen, wies deshalb nur mit ihrem Arm in die Richtung von Carmens Zimmer und diese trollte sich in ihr Zimmer.

Carmen hoffte schon seit langem auf den erlösenden Schulgong und versuchte nicht permanent auf ihre Uhr zu starren. Der Sekundenzeiger schlich unglaublich langsam ĂŒber das Zifferblatt und innerlich feuerte Carmen den dĂŒnnen Metallstift an, doch ein bisschen schneller zu wandern. Es war heute ihre letzte Stunde und danach wĂŒrde sie endlich wieder zurĂŒck zu ihren Tieren kommen. Heute hatte sie zudem auch frei und musste nicht in Peters Imbissbude aushelfen. Sie hasste den Geruch des Fettes, welcher sich auch in ihren Kleidern und an ihrem ganzen Körper festsetzte und erst nach etlichen Duschen wieder abzubekommen war. Gestern hatte sie einen toten Vogel in ihrem Garten gefunden. Sie war der festen Überzeugung, dass er den Insektiziden ihres Nachbarn zum Opfer gefallen war. Herr Nauber, der ein Stockwerk ĂŒber ihnen wohnte, liebte seinen kleinen Rosengarten ĂŒber alles und vor allem jetzt kam die Zeit, in welcher sie die kleinen Insekten ĂŒber seine geliebten Rosen hermachten. Sie hatte den Dompfaff gestern gefunden und sofort in den Keller gebracht. Einen Dompfaff hatte sie bisher noch nicht in ihrer Sammlung und sie war freudestrahlend zu ihrer Mutter gegangen, welche von ihrem Fund gar nicht erfreut gewesen war, wie immer eben, wenn Carmen sie mit toten Tieren konfrontierte. Sie war jedoch nicht mehr so böse auf Carmen gewesen, wie am Samstag zuvor, kurz nach Franks Besuch. Das ganze Wochenende war aber sonst wie gewĂŒnscht ruhig verlaufen und am Samstagabend hatte Carmen sogar gĂ€nzlich ihre Ruhe gehabt, da ihre Mutter in eine Disco gefahren war, die in letzter Zeit angeblich sehr angesagt war. Carmen befasste sich nicht mit derartigen Dingen.
Sie zuckte zusammen, als sie den Schulgong hörte, packte aber sofort ihre Schulsachen zusammen, warf noch einen letzten Blick auf das Tafelbild. Es zeigte eine vereinfachte Darstellung eines Atoms, ihr Chemielehrer hatte einige erklĂ€rende SĂ€tze dazu diktiert, welche Carmen zwar aufgeschrieben, aber nicht wirklich aufgenommen hatte. So ging es ihr in letzter Zeit hĂ€ufig, nicht nur in Chemie, sondern auch in allen anderen FĂ€chern, außer in Biologie. Sie nahmen gerade Vögel durch und es war das einzige Fach, in welchem Carmen auf einer eins stand. Der Gang war mit SchĂŒlern ĂŒberfĂŒllt, die alle aus dem GebĂ€ude drĂ€ngten, manche rannten, um ihren Bus noch zu erwischen. Carmen ließ sich Zeit und sie war eine der wenigen, die erst beim zweiten Klingeln, welches bereits die nĂ€chste Stunde einleitete, aus dem GebĂ€ude trat.
Sie schaute hinauf, in den Himmel und sah eine einzige blaue FlĂ€che. Keine Wolke war zu sehen und ebenso wenig sah Carmen einen Vogel ĂŒber den Himmel ziehen. Sie hatte es nicht wirklich erwartet, aber gehofft. In der Stadt flogen schon lange keine Vögel mehr ĂŒber den Himmel und sie war wirklich froh, ab und an einige Tauben auf dem Pausenhof sehen zu können, wenn sie Nachmittagsunterricht hatte. Sie wandte ihren Blick wieder nach unten und wischte sich die TrĂ€nen aus den Augen. In den puren, blauen Himmel zu starren schmerzte in ihren Augen und obwohl sie es schon lange trainierte, kamen ihr jedes Mal erneut die TrĂ€nen. Ihre FĂŒĂŸe trugen ihren Körper wie selbstverstĂ€ndlich ĂŒber die Straße, hin zu der, noch entfernten, Wohnsiedlung. Dabei musste sie durch einen Park gehen, in welchem sie oft Vogelgezwitscher hörte, aber nur selten tote Tiere fand. Sie schlenderte zwischen den BĂ€umen durch und missachtete das Schild, welches das Betreten des Rasens verbot. Es waren wenige SchĂŒler in diese Richtung unterwegs und die meisten waren ohnehin noch in der Unterstufe, so dass Carmen sie nicht weiter beachtete.
Das MĂ€dchen hatte den Park beinahe durchquert, als ihr jemand auf die Schulter tippte und sie erschrocken zusammenfuhr. Sie drehte sich um und hinter ihr stand niemand. Es war der alte Witz, und genervt drehte sie sich wieder um und sah Franks Sohn vor sich stehen. Verwirrt machte sie einen Schritt zurĂŒck und Marius sah sie verwundert an.
„Hallo!“, sagte er schlicht und streckte ihr seine Hand hin, welche Carmen nur zögerlich und misstrauisch ergriff und schĂŒttelte. Sie mochte es nicht, von beinahe Fremden angesprochen zu werden, vor allem nicht, wenn diese sie aufhielten, zu ihren geliebten Vögeln zu kommen. Sie fixierte den Jungen mit ihrem Blick und hoffte dadurch, ihn los zu werden. Marius ging zwar nicht weg, aber wurde unter Carmens Blick rot und zog seine Hand wieder zurĂŒck.
„Ich muss jetzt nach Hause.“, murmelte Carmen und schob den verblĂŒfften Jungen zur Seite. Dieser hatte mit so einer ablehnenden Reaktion nicht gerechnet und blieb erst einmal wie angewurzelt stehen, ehe er es fertig brachte, sich zu Carmen umzudrehen und hinter ihr her zu laufen.
„Ich könnte dich begleiten.“, schlug er vor und fragte sich, warum er gerade bei diesem MĂ€dchen so begierig darauf war, ihr zu gefallen. Normalerweise war er sehr beliebt bei den MĂ€dchen seiner Jahrgangsstufe und noch vor kurzem hatte er eine feste Freundin gehabt. Er war mit ihr zusammen gewesen, da es sein Image in der Klasse verbesserte und dann hatte sie wegen einem anderen Jungen mit ihm Schluss gemacht, so dass er eigentlich fĂŒrs Erste erst einmal genug von MĂ€dchen hatte. Aber als er am Samstag Carmen kennen gelernt hatte, war er fasziniert von ihr gewesen.
Carmen zog die Stirn kraus und drehte sich zu ihm um. Sie wollte doch nur ihre Ruhe haben, er sollte endlich einfach von hier verschwinden. Vielleicht sollte sie deutlicher werden, denn er schien nicht begriffen zu haben, dass sie allein sein wollte.
„Hör zu, Marius.“, ihre Stimme war ruhig und auch ihre Augen strahlten nur eine unterdrĂŒckte Langeweile aus. Marius mochte ihre Augen, wurde bei dem Gedanken aber gleich wieder rot und Carmen seufzte innerlich. „Ich habe einen Vogel zu prĂ€parieren und wollte mich auf die vor mir stehende Aufgabe einstimmen. Einen so schönen Vogel zu prĂ€parieren ist nicht einfach, vor allem die Schönheit zu bewahren und ich muss mich schon jetzt darauf konzentrieren. Bitte geh einfach.“
Er schien von ihren Worten verwirrt zu sein und Carmen nutzte sein Zögern und lief aus dem Park. Marius blieb verdattert im Park stehen und sah dem MÀdchen hinterher. Dann sah er mit einem Schreck auf die Uhr und sah, dass er sich beeilen musste, denn er hatte heute am Nachmittag Unterricht und durfte auf keinen Fall zu spÀt kommen.
Auf dem RĂŒckweg dachte er ĂŒber Carmens Reaktion nach. Er war doch ganz freundlich gewesen und hatte gehofft, durch seine Freundlichkeit ihr gegenĂŒber etwas zu erreichen. Aber es schien so, als sei seine Freundlichkeit einfach an ihr abgeprallt, als wolle Carmen nichts mit ihm zu tun haben. Dabei interessierte er sich wirklich vor ihre Vögel und die PrĂ€paration der toten Tiere. Kaum war er am Samstag heim gekommen, hatte er im Internet recherchiert und sogar seinen Vater nach VogelbĂŒchern gefragt, denn sein Vater sammelte alle BĂŒcher, die ihm zwischen die Finger kamen und trieb Marius Mutter damit beinahe in den Wahnsinn. Marius hatte sich die vielen VogelbĂŒcher seines Vaters durchgesehen und sein Vater war begeistert gewesen, als er sah, dass ein Sohn nun endlich Interesse an BĂŒchern zeigte, da er sich sonst immer nur mit seinen Computerspielen beschĂ€ftigt hatte. Beim Abendessen hatte seine Mutter dann gefragt, ĂŒber was Carmen und er denn so gesprochen hĂ€tten und er hatte kein Wort ĂŒber die vielen toten Vögel in ihrem Zimmer verloren. Seine Mutter wĂŒrde ihm den Umgang mit Marias Tochter verbieten, oder zumindest immer abfĂ€llig von ihr sprechen und irgendwann wĂŒrde Marius jede Lust verlieren, sich mit Carmen zu beschĂ€ftigen. Seine Mutter hatte es so bereits schon einmal geschafft, ihren Sohn von einem, ihr nicht angenehmen Freund, fernzuhalten.
„Du kommst spĂ€t, Ari.“, begrĂŒĂŸte ihn Karl, als Marius das Klassenzimmer betrat und sich auf seinen Platz setzte. Er hatte noch fĂŒnf Minuten Zeit, ehe die siebte Stunde begann und hatte sich noch kein einziges Mal mit dem kommenden Stoff der Stunde beschĂ€ftigt. Er durchwĂŒhlte seinen Rucksack und klatschte sein Buch, sowie einen Block und einen Stift auf seinen Tisch. Dann sah er zu Karl hinĂŒber und fragte sich, ob dieser ihm ansah, dass er mit seinen Gedanken ganz wo anders war, als in diesem Klassenzimmer.
„Ari, was ist denn dir ĂŒber die Leber gelaufen?“, fragte Karl und bestĂ€tigte Marius damit, dass man ihm wirklich ansah, dass er immer noch ĂŒber Carmen nachdachte. „Hat dich wieder eine gefragt, ob du mit ihr gehen willst, oder was?“
Marius schĂŒttelte den Kopf und wollte gerade erklĂ€ren, was mit ihm los war, da ging die TĂŒr auf und ihr Religionslehrer kam in die Klasse. Zeitgleich ertönte der Schulgong und Marius versuchte sich auf die Unterschiede des Christen- und Judentums zu konzentrieren.

Einige Vögel wurden zur Seite geschoben und Carmen setzte ihre neueste Errungenschaft, den Dompfaff, zwischen ein Rotkelchen und eine Blaumeise. Stolz betrachtete sie ihr Werk und stricht durch die weichen Federn des Dompfaffs. Er war ihr dreiundzwanzigster Vogel und sie war begeistert von ihrer Arbeit. Es hatte so gut geklappt, wie noch nie, obwohl sie dieser Marius davor abgelenkt hatte. Ihre Arbeit war beinahe reibungslos verlaufen, außer zum Schluss, als ihr kurz Marius enttĂ€uschter Blick in den Sinn gekommen war und sie sich an ihrer Nadel gestochen hatte. Dabei war ein kleiner Blutstropfen auf das Holz, auf welchem der Vogel nun saß, gefallen und Carmen hatte dies zu spĂ€t gemerkt, so dass das kleine Tier nun auf ihrem Blut saß.
Sie hörte, wie die TĂŒr wieder zugeschlagen wurde und wusste, dass ihre Mutter von der Arbeit zurĂŒckgekehrt war. Es war gerade halb sieben und Carmen hoffte, dass ihre Mutter heute besser gelaunt war, als die Tage zuvor, als sie von der Bank zurĂŒckgekommen war. Sie hörte, wie sich ihre Mutter mit jemand unterhielt und ihre gute Laune war mit einem Schlag verschwunden. Ihre Mutter hatte also wieder einen ihrer Freunde mitgebracht. Sie wartete kurz und schon klopfte es an ihrer TĂŒr und sie gab ein Knurren von sich. Die TĂŒr wurde geöffnet und ihre Mutter steckte den Kopf in ihr Zimmer. Ihre Augen strahlten und sie schaltete das große Licht in Carmens Zimmer an. Maria konnte dieses schummrige Licht im Zimmer ihrer Tochter nicht ausstehen.
„Ich habe jemanden mitgebracht.“, rief sie freudestrahlend und ohne auf die Reaktion ihrer Tochter zu achten, schob sie Marius in Carmens Zimmer und schloss die TĂŒr hinter ihm. Carmen starrte den Jungen an und dieser starrte zurĂŒck. Dann setzte Marius sich auf den Stuhl, auf welchem er das letzte Mal schon gesessen hatte und sah sie fordernd an. Carmen war diese Situation nicht recht, denn sie wollte eigentlich in Ruhe ihr neuestes Kunstwerk bestaunen und brauchte dabei niemanden, der ihr dabei Gesellschaft leistete.
„Ist das dein neuer Vogel?“, fragte Marius interessiert und nahm das prĂ€parierte Tier vom Regal. Er strich ĂŒber die weichen Federn des Tieres und war beeindruckt von dem leuchtenden Rot des Brustgefieders. „Ich habe gar nicht gewusst, dass es hier noch Dompfaffen gibt. Die letzten habe ich bei meiner Oma auf dem Land gesehen und das ist schon zwei Jahre her.“
Carmen nahm ihm den Vogel aus der Hand und stellte ihn zurĂŒck ins Regal. Sie war beeindruckt, ohne es ihn sehen zu lassen. Nur wenige wussten, wie ein Dompfaff aussah und er sah nicht wie ein Vogelkenner aus. Sie erzĂ€hlte ihm kurz, wo sie ihn gefunden hatte und dann fragte sie, warum er ĂŒberhaupt hier sei. Erneut von ihrer direkten Art ĂŒberrascht, stockte er zuerst und erklĂ€rte ihr dann, dass ein Vater Carmens Mutter nach Hause gebracht habe und er ihn am Donnerstag immer von der Schule abhole, da er so spĂ€t Schulschluss habe. Man hörte aus der KĂŒche Marias helles Lachen und Carmen verzog das Gesicht. Frank wĂ€re der erste Freund ihrer Mutter gewesen, den sie akzeptiert hĂ€tte, aber wie immer waren die netten MĂ€nner ihrer Mutter verheiratet und in diesem Fall hatte er sogar einen Sohn. Sie setzte sich auf ihr Sofa und starrte demonstrativ aus dem Fenster, sie wollte jetzt kein GesprĂ€ch mit Marius anfangen.
Das Schweigen wurde langsam erdrĂŒckend und Marius fragte sich, warum sich Carmen so abweisend verhielt. Am Samstag war es nicht so schlimm gewesen, auch wenn hauptsĂ€chlich er geredet hatte. Er sah sich wieder in ihrem Zimmer um und entdeckte neben den Vögeln noch ein weiteres Regal, dass er zuvor noch gar nicht beachtet hatte. Es stand eine Kiste darin, die ihn sehr an eine Schmuckschatulle seine Mutter erinnerte. Marius fragte sich, was Carmen wohl in dieser Schachtel aufbewahren mochte. Um die Schachtel herum standen einige BĂŒcher. Dem BuchrĂŒcken nach zu urteilen, handelte es sich dabei um VogelbĂŒcher, in allen GrĂ¶ĂŸen. Marius selbst hatte beinahe keine BĂŒcher in seinem Zimmer, bis auf die wenigen ProgrammierbĂŒcher, die er von seinem Vater zu Weihnachten bekommen hatte, und den wenigen Abenteuerromanen, welche ihm seine Mutter gegeben hatte, in der Hoffnung sein Interesse am Lesen zu wecken. Marius wandte seinen Blick nun wieder Carmen zu, die auf dem Sofa saß und zwar in einer sehr unbequemen Position. Sie hatte ihre Augen geschlossen und als der Junge den regelmĂ€ĂŸigen Atem vernahm, bemerkte er, dass Carmen eingeschlafen war.
Er stand auf und schlich sich zu ihr hinĂŒber. Auf keinen Fall wollte er sie jetzt aufwecken, denn sie sah so friedlich aus, im Schlaf. Sie hatte nicht diesen unzufriedenen Zug um ihren Mund und auch die traurigen Augen konnten ihn jetzt nicht fixieren, denn dies machte ihn jedes Mal aufs Neue nervös. Er stand nun neben ihr und schaute auf die Schlafende hinab. Sie machte einen erschöpften Eindruck und selbst schlafend machte sie ihn noch nervös, als mĂŒsse er sich sofort dafĂŒr rechtfertigen, dass er sie jetzt betrachtete. Erst jetzt merke er die traurige Ausstrahlung, die nun auch ihn berĂŒhrte und ungewollt stiegen ihm die TrĂ€nen in die Augen. Er wischte sie weg und setzte sich wieder auf den Stuhl, um die Vögel zu betrachten und nicht weiter zu Carmen hinĂŒberzusehen.
Als es plötzlich klopfte, zuckten Marius und auch Carmen zusammen. Jetzt war sie wieder wach und ihre grauen Augen sahen ihn misstrauisch an. Ohne auch nur auf eine Antwort zu warten, wurde die ZimmertĂŒr aufgerissen und Maria stĂŒrmte in Carmens Zimmer.
„Marius, ihr geht jetzt.“, verkĂŒndete sie mit lauter Stimme und vertrieb somit die bedrĂŒckte Stimmung. „Dein Vater zieht sich schon die Schuhe an. Er sagt, ihr mĂŒsst euch beeilen, um noch rechtzeitig nach Hause zu kommen.“
Marius nickte nur und verschwand still aus Carmens Zimmer, wĂ€hrend Maria ihre Tochter musterte. Sie sah ungewöhnlich blass aus, vielleicht wurde sie ja krank. Maria wĂŒrde sich um Carmen kĂŒmmern, so bald der Besuch gegangen war. Sie hatte es genossen, sich mit Frank zu unterhalten und sie war sich sicher, dass sie ihn nun hĂ€ufiger in ihrem Haus begrĂŒĂŸen wĂŒrde. Er hatte Probleme mit seiner Frau und mied das Haus, ging auch oft nach der Arbeit mit Kollegen weg, die er gar nicht richtig kannte, um den Stimmungsschwankungen seiner Frau zu entgehen. Maria begleitete Marius und Frank zur TĂŒr und verabschiedete sich von ihnen, es war bereits dunkeln und die Frau wunderte sich, da sie nicht realisiert hatte, dass es schon so spĂ€t war. Sie winkte zum Abschied und sah noch, wie Marius neben seinen Vater in den Opel stieg, dann schloss sie die HaustĂŒr und kehrte zum Zimmer ihrer Tochter zurĂŒck. Als sie die TĂŒr öffnen wollte, war diese abgeschlossen und auch als sie dagegen klopfte und von Carmen verlangte, die TĂŒr zu aufzuschließen, hörte sie keinen Ton aus dem Inneren des Zimmers und gab schließlich auf.

Willst du fliegen? Dann komm mit mir, ich zeige dir, was du tun musst, um dich in die LĂŒfte zu erheben. Du sagst, du kannst nicht fliegen, weil du ein Mensch bist? Es ist falsch, was man dir bisher erzĂ€hlt hat, Menschen können fliegen. Siehst du denn nicht die Menschen im Fernsehen, die sich in den grauen KĂ€sten in die LĂŒfte erheben? Das sei nicht dasselbe, sagst du, du wirst ohnehin nie in einem Flugzeug sitzen. Außerdem möchtest du den Wind um deine Nase spĂŒren und gegen die Schwerkraft kĂ€mpfen, die deinen Körper zu Boden zieht. Schau dir die Fallschirmspringer an. Sie leben deinen Traum, sie leben den Traum der Menschheit vom Fliegen. Auch jetzt schĂŒttelst du den Kopf und sagst, es sei nicht dasselbe, mit einem Hilfsmittel sich aus der Höhe zu stĂŒrzen, als selbst zu beschließen, die FlĂŒgel auszustrecken und aus eigener Kraft in die Luft zu erheben.
Nun, dem kann ich nun wirklich nichts entgegensetzen. Du hast recht, dass aus eigener Kraft, aus eigenem Willen zu Fliegen das GrĂ¶ĂŸte und Schönste ist, was dir passieren kann. Es gibt dir ein erhabenes GefĂŒhl, von unendlicher Leichtigkeit und StĂ€rke. Aber ich biete es dir noch einmal an. Willst du fliegen? Willst du mit mir fliegen? Deine dir bekannte Welt hinter dir lassen, deinen Körper, deinen Geist. Vergiss, was du vorher warst und wir werden gemeinsam fliegen.


Mittlerweile war es Sommer und die Hitze schlug ĂŒber der Stadt zusammen. Die Schule wĂŒrde nur noch wenige Wochen dauern und es war bereits entschieden, welcher SchĂŒler nicht in die nĂ€chste Klasse vorrĂŒcken wĂŒrde. Der Himmel war immer strahlend blau und kein LĂŒftchen regte sich. Nicht einmal eine sanfte Brise erreichte die Stadt und alle stöhnten unter der unbarmherzigen Hitze, so wie sie im Winter ĂŒber die schreckliche KĂ€lte geschimpft hatten. Es gab hĂ€ufig Hitzefrei und viele SchĂŒlerinnen tummelten sich mit kurzen Röcken und Bikinioberteilen im Park, wĂ€hrend ihnen die Jungen nachliefen und versuchten, sie mit Wasserbomben abzuwerfen. Im Park herrschte daher eine ausgelassene Stimmung und das Gekreische und Gejohle ĂŒberdeckte das Zwitschern der Vögel.
Unter einem Baum im Park saß Marius mit einem Laptop auf dem Schoß. Er mochte die AtmosphĂ€re um ihn herum, zog es aber in letzter Zeit vor, alleine unter diesem Baum zu sitzen und den anderen zuzusehen. Seit dem FrĂŒhling waren sein Vater und er regelmĂ€ĂŸige Besucher bei Maria und Carmen geworden. Maria begrĂŒĂŸte sie immer herzlich und bei ihr durfte Marius ĂŒber Themen sprechen, die bei seiner Mutter tabu waren. Auch sein Vater blĂŒhte bei Maria immer auf, ganz im Gegenteil zu dem Vater, den er von zu Hause kannte. Marius hatte erkannt, dass seine Mutter die Hosen anhatte und ihren Vater herumkommandierte, wĂ€hrend dieser ihr, ohne auch nur Widerwillen zu zeigen, gehorchte. Mit der Zeit hatte Marius es sogar geschafft, Carmen aus ihrem Schneckenhaus zu locken und sie lĂ€chelte nun sogar manchmal, wenn sie ihn sah. Dies geschah nun sogar hĂ€ufiger, da vor einigen Monaten Chemiekurse zusammengelegt worden waren und die beiden Gymnasien nun zusammen arbeiteten. Das hieß fĂŒr Marius und einige seiner Klassenkameraden, dass sie jeden Dienstag und Freitag in das andere Gymnasium zum Chemieunterricht gehen mussten. Marius war erstaunt gewesen, Carmen in seiner Klasse zu sehen und war gleich nach dem Unterricht zu ihr gegangen. Sie hatte ihn nur kurz einen Blick zugeworfen und ein Nicken angedeutet, als er sie begrĂŒĂŸt hatte. Dann war sie ohne ein Wort gegangen und Marius hatte sich zu seinen Freunden umgedreht, die ihn mit breitem Grinsen in ihren Gesichtern angesehen hatten. Der Chemieunterricht, die gemeinsamen Pausen und die Besuche hatten es schließlich geschafft, dass Carmen nun hĂ€ufiger mit ihm redete, sogar wenn seine Freunde dabei waren.
Jetzt saß Marius alleine unter seinem Baum und wartete, dass Carmen zu ihm kommen wĂŒrde. Sie hatte ihm gesagt, sie wĂŒrde sofort nach dem Unterricht zum ihm kommen, da sie ihm heute etwas Besonderes zeigen wolle. Marius war aufgeregt und ging auch nicht auf die Fragen ein, die seine Freunde ihm gestellt hatten. Diese hatten Carmen bereits als Marius feste Freundin akzeptiert, wobei der Junge wusste, dass diese Bezeichnung seine Beziehung zu Carmen ĂŒberbewertete. Sie wusste mittlerweile viel ĂŒber ihn, da er immer viel erzĂ€hlte, wenn sie zusammen waren. Doch Carmen schwieg die meiste Zeit bei ihren Treffen und nur selten gab sie eine klare Antwort auf Fragen, die er ihr stellte. Das einzige Thema, ĂŒber welches sie viel erzĂ€hlte, waren Vögel und die Idee zu fliegen, nicht in einem Flugzeug, wie Marius es zuerst vermutet hatte, sondern die Vorstellung sich alleine in die LĂŒfte erheben zu können.
Er spĂŒrte einen leichten Luftzug und dann roch er sie. Carmen hatte diesen gewissen Geruch, ein bisschen Leim, Alkohol und dann noch eine kleine Komponente, die er bisher nur an ihr gerochen hatte. Er mochte ihren Geruch, hĂ€tte aber nie gewagt, ihr das zu sagen, denn dazu war er zu unsicher, wie weit ihre Freundschaft bereits reichte. Nun hockte sie sich neben ihn ins Gras, er schaltete seinen Laptop aus und drehte sich zu ihr. Obwohl der Sommer heiß war, trug Carmen immer eine lange, dunkelgrĂŒne Hose, braune Stiefel, die nur schwer unter ihrer langen Hose zu erkennen waren und ein Oberteil mit Rollkragen. Auch jetzt im Sommer trug sie ein Shirt mit einem Rollkragen, es hatte jedoch keine Ärmel, sah aber so aus, als habe sie diese zuvor selbst einfach abgeschnitten. Aber Marius konnte nie ein Anzeichen dafĂŒr sehen, dass sie schwitzte, wie alle anderen auch. Er selbst hatte eine kurze Hose und ein T-Shirt an und ihm stand der Schweiß auf der Stirn. Sie lĂ€chelte ihn an und ihn durchlief ein Schauer und er fragte sich, ob sie wusste, wie er auf sie wirkte.
„Ich will dir etwas zeigen.“, sagte sie mit ihrer ruhigen Stimme und half ihm auf die Beine. „NatĂŒrlich nur, wenn du Zeit hast, mit mir nach Hause zu gehen.“
Marius starrte sie kurz unglĂ€ubig an und nickte dann schnell, ehe sie es sich anders ĂŒberlegte. Es war das erste Mal, dass sie ihn von sich aus zu sich einlud. Sonst kam er immer mit seinem Vater oder Maria rief bei ihm an, um ihn einzuladen. Er hatte seinen Vater und Maria einmal bei einem Telefonat belauscht und gehört, dass Maria den Eindruck hatte, Marius habe einen guten Einfluss auf Carmen. Und auch Marius glaubte zu erkennen, dass der traurige Ausdruck in Carmens Augen nicht mehr allzu stark war.
Auf dem Weg zu Carmens Wohnung schwiegen die beiden Jugendlichen. Sie schwiegen oft, in letzter Zeit, wenn sie zusammen waren, aber es war ein beruhigendes Schweigen und die Stille gab Marius das GefĂŒhl, Carmen nah zu sein. Sie hatten die Wohnung erreicht und Carmen sperrte die TĂŒr auf, ging durch den kleinen Flur, um die HaustĂŒr aufzuschließen. Sie warfen ihre RucksĂ€cke in den Flur der Wohnung und Carmen schlug die TĂŒr wieder hinter sich zu. Die beiden Jugendlichen standen im Flur des Mietshauses und Carmen ging ohne zu zögern die Treppe zum Keller hinunter. Marius hingegen blieb wie angewurzelt stehen und konnte es beinahe nicht fassen. Heute wĂŒrde er zum ersten Mal ihre Werkstatt sehen und er hatte sich gar nicht darauf vorbereiten können. Zu Beginn hatte er sie immer wieder gefragt, ob er nicht in den Keller durfte, doch war sie gar nicht auf die Frage eingegangen. Dann hatte er immer seltener gefragt, nur noch ab und zu, wenn er einen neuen Vogel bei ihr entdeckt hatte. In letzter Zeit war dies zwar immer hĂ€ufiger geworden, sie schien die Tiere schon in Serie zu prĂ€parieren, aber er hatte es aufgegeben, sie zu fragen. Und jetzt zeigte sie ihm den Keller, ohne die Tage zuvor eine Andeutung zu machen. Er war ĂŒberrumpelt, hatte sich bei Carmen aber beinahe schon daran gewöhnt, da sie immer etwas Anderes machte, als man von ihr erwartete.
„Kommst du endlich?“, rief ihre Stimme aus dem Keller und ein Schwall kalter Luft schlug ihm entgegen. Es roch nach Methylalkohol, Leim und nach einem Reinigungsmittel. Diesem Geruch folgend ging er in den Keller hinunter und betrat einen kleinen Raum, welcher nur von einer nackten GlĂŒhbirne erleuchtet wurde. Es war nicht nur kĂŒhl, sondern richtig kalt und Marius bekam eine GĂ€nsehaut. Als ihm Carmen einen langĂ€rmligen Kittel in die Hand drĂŒckte, zog er diesen mit Freude an, auch wenn dieser mit Flecken ĂŒbersĂ€ht war, von welchen er gar nicht wissen wollte, woher sie stammten. Dann sah er sich um und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es gab eine breite ArbeitsflĂ€che, auf welcher fein aufgereiht seltsame Messer und Zangen lagen, ebenfalls gab es einige große Flaschen, in welchen er den Methylalkohol vermutete. Es lag Draht in allen möglichen Variationen und Farben herum. Unter der ArbeitsflĂ€che stand eine Kiste, die mit Holz gefĂŒllt war und daneben eine weitere Kiste, deren Deckel geschlossen war, sich um sie aber einige Fliegen tummelten. Marius wusste, was sich in der Kiste verbarg und als sein angeekelter Blick Carmens Augen traf, erlosch sogleich das Leuchten in ihren Augen und die Traurigkeit kehrte wieder zurĂŒck, von welcher der Junge gedacht hatte, dass Carmen sie ĂŒberwunden hĂ€tte. Sie drehte sich mit einem Ruck herum, packte ihn am Arm und zog ihn aus dem Kellerraum. Sie schloss hinter sich die KellertĂŒr zu und sie gingen schweigend in die Wohnung.

Habe ich es dir denn nicht gesagt, dass die anderen deinen Traum nicht verstehen? Wenn du sagst, dass du fliegen möchtest, sehen dich dann nicht immer alle an und sagen, du wirst bestimmt bald die Gelegenheit haben in einem Flugzeug zu sitzen? Du hast dich auch in ihm getĂ€uscht und ich habe es dir gesagt, dass er dich nicht versteht. Niemand versteht dich, außer ich, denn ich weiß wie es ist, wenn man fliegen kann. Ja, ich sehe die TrĂ€nen in deinen Augen, weil du dachtest, er könnte den Teil von dir akzeptieren, den sonst alle abstoßen und anormal finden. Denk nicht mehr daran, denn ich bin jetzt bei dir und du weißt, dass ich dich immer begleiten werde, egal was passiert. Vergiss nie mein Angebot. Es gilt weiterhin und selbst wenn du eine Weile nicht an mich gedacht hast, kannst du immer wieder zu mir zurĂŒckkehren. Ich werde dir beibringen, wie man fliegt, auch wenn man ein Mensch ist. Du wirst es schaffen, das sehe ich an deinen Augen. Allein deine Augen sprechen davon, von deiner inneren Sehnsucht, alles hinter dir zu lassen. Die menschliche HĂŒlle abzustreifen und dich mit mir in die LĂŒfte zu erheben.

Es war der letzte Schultag und Marius wartete auf den Bus, der ihn zu seinem Vater in die Arbeit bringen wĂŒrde. Heute hatte es Zeugnisse gegeben und er war, wie zu erwartet, ohne Probleme in die nĂ€chste Klasse gekommen. Seine Mutter wĂŒrde natĂŒrlich wieder an seinem Zeugnis herummĂ€keln, dies tat sie in letzter Zeit immer hĂ€ufiger, auch wenn es nur Kleinigkeiten waren. Und sie schrie seinen Vater auch oft an, was an diesem aber scheinbar, ohne merklichen Eindruck zu hinterlassen, vorbei ging. Sein Vater wĂŒrde natĂŒrlich stolz auf sein Zeugnis sein, das war er immer und wenn Marius GlĂŒck hatte, wĂŒrde Frank ihn zum Eis essen einladen. Dies hatte schon Tradition bei ihnen, auch wenn es dieses Jahr ohne Marius Mutter stattfinden musste.
Der Bus brachte ihn schnell zum Arbeitsplatz seines Vaters und als Marius den schmalen Flur entlang lief, grĂŒĂŸte er Maria, die ihn aufforderte kurz zu warten. Marius blieb stehen und Maria verschwand fĂŒr kurze Zeit. Dies erinnerte Marius daran, dass er seit seinem Besuch im Keller nicht mehr mit Carmen gesprochen hatte. Vor sowie auch nach den Chemiestunden hatte sie es immer geschafft, sich aus dem Staub zu machen, ohne dass er mit ihr hĂ€tte reden können. Die Besuche bei Maria waren immer seltener geworden, weil Eva es seinem Vater verbot, diese unmögliche Frau mit ihrer seltsamen Tochter, wie seine Mutter Maria und Carmen nannte, zu treffen. Zu Beginn war es Marius ganz recht gewesen, denn nach dem Kellererlebnis war er sehr verunsichert gewesen und hatte sich geschĂ€mt, dass er Carmens GefĂŒhle dermaßen verletzt hatte. Bei den wenigen Treffen jedoch war Carmen nicht anwesend gewesen, ihre Mutter hatte ihm erklĂ€rt, dass sie im Keller sei und sich dort eingesperrt habe. Seine Freunde machten sich ĂŒber seine gescheiterte Freundschaft mit Carmen ein bisschen lustig und nur Karl schien zu bemerken, dass es Marius wirklich belastete, dass das MĂ€dchen nicht mehr mit ihm redete.
„Hier, fĂŒr dich.“, sagte Maria mit einem freundlichen LĂ€cheln und drĂŒckte Marius einen Umschlag in die Hand. „Carmen hat mir gesagt, dass sie in letzter Zeit leider sehr beschĂ€ftigt war und dass sie dir alles in dem Brief erklĂ€rt. Aber mach ihn erst heute Abend auf. Das ist sehr wichtig. Also, wir sehen uns vielleicht ĂŒbermorgen.“
Und schon war Maria wieder verschwunden und ließ den verdutzten Jungen im Flur stehen. Dieser erwachte er nach kurzer Pause aus seiner Starre und betrachtete dann den Briefumschlag. Es war ein normales, weißes Kuvert und in die rechten Ecke hatte Carmen seinen Namen geschrieben. Sie hatte eine zierliche Handschrift, die Buchstaben waren klein und etwas kursiv. Sie machte keine Schnörkel und HĂ€kchen, die fand sie albern und ĂŒberflĂŒssig, so hatte sie es ihm einmal erzĂ€hlt. Es reizte ihn sehr, den Brief jetzt zu öffnen, doch hatte er Carmen bereits einmal enttĂ€uscht und wollte diesen Fehler nicht noch einmal begehen. Er steckte den Brief vorsichtig zwischen sein FedermĂ€ppchen und das Zeugnis, so dass er nicht zerknittern konnte und machte sich auf den Weg zum BĂŒro seines Vaters.

Du hast dich also entschieden, meine Kleine. Du willst nun doch fliegen? Habe ich nicht von Anfang an gesagt, du wĂŒrdest dich wieder an mich erinnern, wenn die Zeit reif wĂ€re? Du nickst und ich mag das LĂ€cheln, das dein Gesicht so sanft erscheinen lĂ€sst. Ihm hast du einen Brief geschrieben und dich beim ihm entschuldigt. Das hĂ€ttest du nicht machen mĂŒssen, weißt du. Er hĂ€tte dich nie verstanden und es ist besser, dass er das schnell begreift. Er kennt die Lust nicht, die du in dir verspĂŒrst. Er will ewig an die Erde gebunden sein, sie nicht los lassen, nicht frei sein. Du aber, meine Kleine, du traust dich, obwohl doch alle gegen deine Idee sind, aus eigener Kraft zu fliegen.
Wie ich sehe, hast du dir den richtigen Platz ausgesucht. Du stellst Fragen, die ich dir nicht beantworten kann. Frag mich nicht nach einer Anleitung zum Fliegen. SpĂŒrst du es denn nicht in dir, dass du einfach loslassen musst? Ja, lass endlich los und dann denke an das Fliegen. Es ist genauso einfach, wie du es dir immer vorgestellt hast. Du musst beinahe nichts tun, nur ganz fest daran denken, wie dich die Luft wie eine liebende Mutter auffĂ€ngt. Du kannst nicht fallen, denn jeder der fliegen kann, wird nicht fallen.
Siehst du, wie einfach es ist? Du lachst mich an. Es ist das erste Mal, dass ich dich lachen sehe. Hast du jemals fĂŒr ihn gelacht? Nein, er hat es nur geschafft, dich zum LĂ€cheln zu bringen, weiter nichts. Er sollte sich schĂ€men, denn du bist wirklich wunderschön, wenn du lachst. Ein LĂ€cheln hingegen zeigt nur, wie wenig dich die anderen zu schĂ€tzen wussten, dass du ihnen nie dein Lachen geschenkt hast. Komm, meine Kleine, lass uns gemeinsam fliegen. Sie nicht zurĂŒck, auf die menschliche HĂŒlle. Du wirst mit mir fliegen und ich werde dir zeigen, wie sich die Freiheit anfĂŒhlt.


Marius starrte auf ihre Zeilen und konnte es immer noch nicht fassen, dass sie ihm wĂ€hrend der ganzen Zeit nichts erzĂ€hlt hatte. Sie hatte sich einsam gefĂŒhlt und vom Fliegen getrĂ€umt, wĂ€hrend er ihr nicht hatte helfen können. Er sah immer noch ihre traurigen und verletzten Augen vor sich, die ihn anblickten, als sei gerade etwas sehr Wertvolles zerbrochen. Diese grauen Augen ließen ihn jetzt nicht mehr los und auch wenn er seine eigenen Augen schloss, sah er sie immer noch, wie sie ihn fixierten. Maria war bei ihnen einquartiert, da sein Vater sich zu viele Sorgen machte, sie könne sich auch etwas antun. Carmens Mutter machte sich schreckliche VorwĂŒrfe und jeden Abend hörte Marius aus dem GĂ€stezimmer ein unterdrĂŒcktes Schluchzen und Heulen. Sie litt so sehr und Marius litt mit ihr. Er hĂ€tte Carmens Traurigkeit bemerken mĂŒssen und doch hatte er nur ihre traurigen Augen gesehen und sie im nĂ€chsten Moment wieder vergessen. Wie er beinahe auch den Brief vergessen hĂ€tte, an jenem Abend. Es war schon spĂ€t gewesen und er hatte mit seinen Freunden einen Treffpunkt ausgemacht, da sie gemeinsam ihr diesjĂ€hriges Bestehen feiern wollten. Er hatte sich gerade fertig angezogen, als ihm Carmens Brief eingefallen war. Kaum hatte er die ersten Zeilen gelesen gehabt, war er zu seinem Vater hinuntergerannt und sie hatten Maria angerufen. Aber zu diesem Zeitpunkt war es bereits zu spĂ€t gewesen und Carmen hatte ihren Traum verwirklicht. Sie war von einer BrĂŒcke gesprungen und hatte einem kurzen Moment der Freiheit das Fliegen erlernt.


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