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Leselupe.de > Erzählungen
Ihr verdammtes Glück
Eingestellt am 09. 06. 2004 17:49


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zora feldman
One-Hit-Wonder-Autor
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Ihr Gesicht spiegelt sich bleich im Fenster der U-Bahn. Sie hat seit mehreren Wochen die Sonne nicht gesehen, hat sich seit Wochen nur nachts aus ihrer neuen Wohnung begeben. Seit sie ihre neue Arbeit hat, hat sie Nachtschicht, sozusagen; auch jetzt geht es um ihre Arbeit. Sie weiß nicht, warum sie ausgerechnet so spät so weit aus der Stadt heraus muss, sie weiß nur, dass sie das erste Mal ihrem Arbeitgeber begegnen soll.

Sie hat diese neue Arbeit unter seltsamen Umständen gefunden, und die Arbeit selbst ist auch seltsam. Sie gefällt ihr, sie ist wie für sie gemacht, vielleicht ist es nur deshalb so eine seltsame Arbeit. Sie war nicht wirklich auf der Suche nach Beschäftigung gewesen; wenn sie verzweifelt gewesen war, dann hatte sie es nicht bewusst wahrgenommen. Sie hatte viel mehr Zeit damit verbracht, sich herumzutreiben, auf der Suche nach Spaß. Sie hatte einiges an Drogen genommen, dafür war immer noch Geld da gewesen; für Drogen und für lange Nächte. Und in einer dieser Nächte war der Mann auf sie zugekommen und hatte sie auf einen Drink eingeladen. Er war ihr sehr ernsthaft und vertrauenswürdig vorgekommen, auf eine schweigsame, verhüllte Art. Er hatte mit seinen dunklen Augen ihre Lebensgeschichte aus ihr herausgelockt und ihr dann die Arbeit angeboten. Gerade in dem Moment, als ihr ihre Verzweiflung das erste Mal bewusst wurde.
Zuerst hatte sie sich Sorgen gemacht, denn was sie tun sollte für eine unglaubliche Summe Geld, schien ihr kaum wirklich Arbeit zu sein. Aber der Mann hatte gesagt, sein Unternehmen wolle ein neues Konzept ausprobieren, eine neue Art der Werbung, der Konsumentenforschung. Sie könne es sich noch ein wenig überlegen, er wisse, wo er sie finden könnte; allerdings würde er das Angebot nur einmal machen.

Sie muss die U-Bahn wechseln, in den äußersten Randbezirk der Stadt fährt diese Linie nicht mehr. Sie ist ganz allein in den langen, gekachelten Gängen, am Bahnsteig, auf dem ihr der warme, klebrige Wind des Schachtes entgegenweht. Aber sie hat keine Angst. Sie hat schon einiges mitgemacht, und seit sie die neue Arbeit hat, fühlt sie sich ganz und gar unverletzlich; außerdem ist niemand da, also was soll schon passieren. Gegen das mulmige Gefühl, das sonst auf jeden in leeren U-Bahnstationen lauert, ist sie gefeit, durch ihre Abgebrühtheit, durch das Geld, das sie verdient.

Sie hatte sich sehr schnell entschieden, eigentlich in dem Augenblick, als der Mann ihr das Angebot gemacht hatte. Trotzdem hatte sie noch eine Nacht darüber geschlafen, eine sehr nüchterne, sehr nachdenkliche Nacht. Sie hatte sich ihre Situation durch den Kopf gehen lassen und das Angebot, dass ihr unwirklich und unglaublich verlockend vorkam. Es gab Bedingungen, aber die schienen unerheblich. Der Mann hatte ihr nicht gesagt, wie sie ihn finden könnte, aber er fand sie, schon am nächsten Abend. Er wirkte ungerührt, als sie ihm ihre Entscheidung mitteilte. Sie werde sofort anfangen, hatte er ihr gelassen mitgeteilt und sie in seinem großen Auto zu ihrer neuen Wohnung gefahren.
Es war die phantastischste Wohnung gewesen, die sie jemals gesehen hatte, und sie war ein wenig nervös geworden. Der Mann hatte das gemerkt, sie mit seinen schwarzen Augen fixiert und beruhigt. Er werde sich um alles kümmern, ihre alte Wohnung, ihre neue Garderobe. Sie solle, wenn es nötig sei, ihren Eltern oder Freunden von ihrer neuen Arbeit erzählen, aber es gäbe keinen Namen zu nennen, was ihren Arbeitgeber betreffe. Das war eine der Bedingungen: dass sie niemandem sagen dürfe, wie ihre neue Beschäftigung aussehe. Für das Unternehmen sei es von entscheidender Wichtigkeit, dass niemand außer den Angestellten wisse, um was für ein Projekt es sich handele. Es klang seltsam, aber nicht so seltsam, dass es ihr gefährlich erschien; und schließlich wurde sie für ihre Verschwiegenheit mehr als angemessen bezahlt. Sie hatte darauf verzichtet, irgendjemanden anzurufen; ihre Eltern hatten schon vor längerer Zeit aufgegeben, sich um sie Sorgen zu machen, und Freunde hatte sie nicht wirklich; keine, denen eine solche Veränderung aufgefallen wäre. Die Leute, mit denen sie ihre Nächte verbracht hatte, denen würde sie auch weiterhin begegnen; sie würden sogar Teil ihrer Arbeit werden, hatte der Mann gesagt.
Die Wohnung wie auch die Kleidung, die sie für ihre neue Arbeit erhielt, entsprach der neuesten Mode und ihrem Geschmack. Insgesamt hatte sie schließlich den Eindruck bekommen, diese Arbeit sei ganz und gar auf sie zugeschnitten, und sie hatte das dem Mann gesagt. Er hatte das erste Mal in der ganzen Zeit ein wenig gelächelt und gesagt, sie sei für diese Arbeit ausgesucht worden, weil sie genau hineinpasse. Sie sei der Prototyp der Zielgruppe, die mit dem Projekt erreicht werden solle, daher müsse sie natürlich dementsprechend eingerichtet und ausgestattet sein. Sie werde immer alles das haben, was sich jemand wie sie eben wünschen würde - oder, nach dem Konzept des Unternehmens, sich wünschen solle. Es gehe, wie sie ja wisse, um Werbung.

Die U-Bahn ist an der Endhaltestelle angekommen. Sie ist die Einzige, die aussteigt; die Gegend ist für einen Außenbezirk der Stadt erstaunlich leer. Ihre Schritte werfen ein Echo von den Wänden der Halle. Außerhalb davon führt ein asphaltierter Weg scheinbar ins Nichts, sie kann im Licht der einzigen Laterne nur ein paar Büsche erkennen und weit in der Ferne die Lichter der Stadt. Sie fühlt sich verlassen, schlägt die Arme um sich und tritt von einem Fuß auf den anderen. Sie soll warten, hat der Mann ihr gesagt, man werde sie abholen.

Nach der ersten Nacht in ihrer neuen Wohnung, die Euphorie über ihr schier unglaubliches Glück war noch nicht abgeklungen, war der Mann wieder zu ihr gekommen, um sie einzuweisen. Ungefähr wusste sie zwar schon, was sie zu tun hatte, aber über die Details hatte er ihr erst berichten wollen, wenn sie beide sich ganz sicher seien, dass sie die Stelle annähme. Das war der letzte Morgen gewesen, so kommt es ihr vor, an dem sie noch das Tageslicht in ihr Zimmer fallen sah.
Schon in dieser Nacht, hatte der Mann ihr gesagt, solle sie anfangen. Ihre Arbeit war nichts anderes als das, was sie bisher schon getan hatte, nur mit mehr System: Nächte in Clubs und Kneipen verbringen und immer neue Menschen kennen lernen. Sie müsse von jetzt an gezielt Freunde suchen, wobei ihr das unbeschränkte Budget, welches das Unternehmen ihr zur Verfügung stelle, sicher behilflich sei. Ihrer Phantasie seien keine Grenzen gesetzt, und ihren Spesen, betonte der Mann noch einmal, ebenfalls nicht. Das Unternehmen zahle ihr nicht die Arbeitsstunden oder die erbrachte Leistung; vielmehr unterstütze es unbegrenzt ihren Lebensstil.
Dabei sei nur eins wichtig, was aber den Kern ihrer Arbeit ausmache: dass sie ihm in regelmäßigen Abständen von ihren Freunden berichte. Das Unternehmen erwarte nicht nur zu erfahren, wie ihre Freunde heißen und was sie tun, sondern viel wesentlicher müsse sie von den Menschen erfahren, was ihre Wünsche und Träume sind. Das seien die Kenntnisse, die für das Projekt entscheidend seien. Er käme in regelmäßigen Abständen zu ihr, um diese Informationen abzuholen. Sie solle sich keine Sorgen machen über ein vorgegebenes Maß, nicht Quantität zähle, sondern Qualität.
Damit hatte sie sich noch am selben Abend ins Leben gestürzt und wahrscheinlich das erste Mal in ihrem Leben wirklich unbekümmert gefeiert.

Am dunklen Horizont erscheinen die Scheinwerfer eines Wagens. Sie stöhnt leise, weil er noch so weit entfernt scheint, und läuft ungeduldig hin und her, immer wieder einen Blick auf die Lichter werfend, die sich geradezu gemächlich auf sie zu bewegen. Schließlich hört sie das Scharren der Räder auf dem Asphalt. Der Wagen hält an, außerhalb des Lichtkreises der Laterne, und sie hört, wie sich eine Tür öffnet.

Schon nach einer Woche war es ihr selbstverständlich erschienen, gegen Sonnenaufgang in ihre Wohnung zurückzukehren und erst am späten Nachmittag wieder aufzustehen; in ihrer - schon nicht mehr neuen - Wohnung abends Freunde zu empfangen und immer alles zu haben, was sie oder jemand anderes sich wünschte. Geld hatte keine Bedeutung mehr, es war immer da und blieb deswegen unbemerkt. Sie hatte sich zunächst vorgenommen, mit der Arbeit die Drogen aufzugeben - aber erst jetzt konnte sie sie sich wirklich leisten, also hatte sie schon nach kurzer Zeit auch davon immer genug, um auch andere davon probieren zu lassen. Sie war zu viel im Nachtleben unterwegs, als dass sie an den Mann gedacht hätte, der eines Mittags unangekündigt vor ihrer Tür stand. Schlaftrunken ließ sie ihn ein und vergaß dabei die Reste vom Abend zuvor. Während sie in der Küche Kaffee machte, setzte sich der Mann ins Wohnzimmer. Als sie dazukam, fiel ihr Blick auf die kleinen Plastiktüten, in denen noch einige wenige Krümel grüner Blüten enthalten waren; in einer anderen lagen noch drei farbige Pillen. Sie sog vor Schreck die Luft scharf ein, aber es war ihr klar, dass er es längst bemerkt haben musste. Ihr Blick glitt schnell vom Tisch zu seinem Gesicht und zurück, dann starrte sie in ihren Kaffee. Der Mann sagte zunächst nichts, so dass sie schließlich doch anfing, die Tüten einzusammeln, ohne zu wissen, wohin sie sie hätte räumen sollen. Erst da rührte sich der Mann, nahm sie beim Handgelenk und zog sie zurück auf das Sofa. Sie war sich sicher, dass sie damit ihre Arbeit verloren hatte, aber der Mann sagte nur, wenn das zu ihrem Lebensstil zähle - und es auch das sei, was ihre Freunde sich wünschten -, sei es kein Hindernis für ihre weitere Beschäftigung. Es sei im Gegenteil ein interessanter Aspekt der Studie, was natürlich niemals verlautbart werden dürfe, und das Unternehmen sei bereit, die damit zusammenhängenden Risiken auf sich zu nehmen. Das Projekt habe Vorrang.
Danach fing er an, sie über ihre Freunde auszufragen, und als er sie eine Stunde später verließ, schien er sehr zufrieden. Nur sie fühlte sich wie ausgesogen; sie hatte mit allem hervorgesprudelt, was ihr über die Menschen einfiel, mit denen sie ihre Nächte verbracht hatte. Jetzt war sie von allem Wissen entleert und müde. Es war, als hätten seine schwarzen Augen in ihrem Kopf gebohrt und alles herausgezogen, nichts zurücklassend außer einer kleinen grauen Masse Widerwillen.
Trotzdem hatte sie weiterhin neue Menschen angesprochen und dem Mann noch zwei weitere Male erlaubt, mit seinen Augen in ihr Innenleben einzudringen. Mit jedem Mal wurde es erträglicher, sie wurde gleichgültiger und das Gefühl des Verrats an ihren Freunden ließ mehr und mehr nach, je mehr diese offensichtlich nach ihrer Freigebigkeit verlangten.

Sie geht unschlüssig auf den Wagen zu, eine Limousine mit verdunkelten Scheiben. Es wurde ihr kein Zeichen gegeben, ob sie gemeint sei, niemand hat ihren Namen gerufen oder gewunken. Hinter den blendenden Scheinwerfern rührt sich nichts. Aber für wen sollte der Wagen sonst da sein, wenn nicht für sie? Also nimmt sie ihren Mut zusammen und nähert sich der Wagentür, die eher mahnend als einladend wirkt. Als sie davor steht, beugt sich im rot ausgekleideten Inneren der einzige Insasse nach vorne und winkt ihr lächelnd, näher zu treten. Sie holt tief Luft und steigt in den Wagen.

Als der Mann ihr das letzte Mal sagte, der Chef des Unternehmens, ihr eigentlicher Arbeitgeber, wolle sie sehen, dachte sie zuerst, sie hätte etwas falsch gemacht. Offensichtlich rechnete der Mann mit diesem Gedanken, denn er sagte ihr, dass es so üblich sei, wenn jemandem eine feste Stelle angeboten würde. Er habe sie bisher nur probeweise beobachtet, erst jetzt würde man ihr ihren Vertrag vorlegen, und das täte nur der Chef persönlich. Er sei etwas altmodisch, aber es hätte sich gezeigt, dass die Loyalität der Mitarbeiter wesentlich steige, wenn sie dem Mann an der Spitze Auge in Auge gegenübergestanden hätten. Sie solle sich keine Sorgen machen, der Chef sei im Umgang mit seinen Mitarbeitern sehr tolerant. Es gäbe nur etwas aus dessen Vergangenheit, was für sie wissenswert sei, weil ihr dadurch ihre neue Arbeitssituation vielleicht klarer werde.
Früher sei der Chef selber Angestellter in einem wesentlich größeren Unternehmen gewesen, vor langer Zeit, als er noch jung war. Es sei ein sehr großes, sehr mächtiges Unternehmen gewesen. Trotzdem war er nicht zufrieden damit, wie es geführt wurde; er war sehr ehrgeizig, und er spürte, dass sein Vorgesetzter, der Leiter des Unternehmens, andere bevorzugte, die es nicht verdient hatten, während er selber in seiner hohen Position gefangen war und nicht weiter aufsteigen konnte. Als er das seinem Chef vortrug und verlangte, Teilhaber des Unternehmens zu werden - wozu er glaubte, die Qualifikation zu haben -, da wurde sein Chef sehr wütend auf ihn. Sein Chef konnte Kritik nicht gut vertragen, der das Unternehmen selbst aufgebaut hatte und nicht wollte, dass andere ihm Verbesserungsvorschläge machten. Schon bald gab es eine Krise innerhalb des Unternehmens, weil manche dem alten Chef gegenüber loyal waren, während andere meinten, es sei nötig, das alte System zu verbessern. Schließlich wurde er gefeuert, aber er nahm die Mitarbeiter mit, die seiner Meinung waren. Mit deren Hilfe und wegen seiner großen Flexibilität und Toleranz, was Kunden betreffe, sei es ihm gelungen, sein eigenes Unternehmen aufzubauen, das seit jeher in Konkurrenz stehe mit dem Unternehmen seines ehemaligen Chefs. Alles, was das Unternehmen tue, sei hauptsächlich darauf angelegt, dem Unternehmen seines ehemaligen Vorgesetzten die Kunden abspenstig zu machen; und gerade im Moment sei der Chef sehr erfreut darüber, wie gut sein eigenes Geschäft geht und wie schlecht das der Konkurrenz.
Das sei unter anderem auch ihr Verdienst, versicherte ihr der Mann. Nicht völlig überzeugt, aber dennoch hoffnungsvoll hatte sie sich also ohne weitere Fragen zu dieser späten Stunde in diese verlassene Gegend aufgemacht.

Die roten Sitze geben unter ihrem Körper nach, während sich die Tür schließt und der Wagen sich wieder in Bewegung setzt, wendet und dann surrend und widerstandslos dahingleitet. Der hintere Teil der Limousine ist durch eine dunkle Scheibe vom Chauffeurabteil getrennt; sie teilt sich den hinteren Teil mit einem groß gewachsenen Mann, der sie aufmunternd anlächelt. Sie ist unsicher, ob er nur ein weiterer Angestellter ist oder schon der Chef persönlich, wagt es aber nicht, diese Frage laut zu stellen. Wie der Mann, der sie eingestellt hat, scheint dieser jedoch ihre Unsicherheit vorauszusehen, denn er reicht ihr eine schlanke, geschmeidige Hand und sagt:
"Darf ich Sie endlich persönlich in meinem Unternehmen willkommen heißen."
Sie ergreift die Hand, die stark zugreift und sich sehr heiß anfühlt, und nickt zunächst nur. Ihr Arbeitgeber ist attraktiv, mit schwarzen Augen und einem permanenten Lächeln. Er lächelt tatsächlich die ganze Zeit, aber das Lächeln wechselt die Qualität: erst einladend, dann aufmunternd, ist es inzwischen freundlich, geradezu begeistert.
"Ich habe schon viel Gutes von Ihnen gehört. Wie fleißig Sie sind, und wie bereitwillig Sie mitarbeiten. Ich bin sicher, man hat Ihnen gesagt, wie erfreut ich über so fleißige, kluge junge Leute bin, wenn sie denn in meinem Unternehmen arbeiten?"
Sie weiß nicht, ob sie nicken soll oder den Kopf schütteln. Sie hat Ehrfurcht vor der Atmosphäre in der Limousine und vor der Vorstellung, dass sie alleine mit ihrem Arbeitgeber nachts in einem Wagen sitzt. Er lächelt verwundert, fast enttäuscht und fragt:
"Was, hat man Ihnen nichts von mir erzählt?"
Es gelingt ihr schließlich doch, die trockenen Lippen zu befeuchten und zu antworten:
"Doch, man... man hat mir von Ihnen erzählt."
"Ah, dachte ich mir doch!" Er lächelt erleichtert, dann amüsiert.
"Sie fürchten sich doch nicht etwa, so allein mit mir in diesem Wagen? Dazu gibt es keinen Grund, meine Liebe, absolut keinen Grund. Als meine Angestellte sind Sie hier mit mir absolut sicher. Möchten Sie etwas trinken?"
Sie nickt erst, räuspert sich dann und bringt noch nicht ganz fest hervor:
"Ja bitte, etwas Mineralwasser."
Es kommt ihr entsetzlich heiß vor in dem Wagen; vielleicht ist es nur ihre Nervosität und das Rot derSitzbezüge. Als ihr Arbeitgeber die kleine Bar in der Tür öffnet und eine Flasche Ty Nant hervorholt, fällt ihr auf, warum seine Hände so gepflegt wirken: er hat für einen Mann ungewöhnlich lange, weiße Fingernägel. Während er die Flasche öffnet und ein Glas einschenkt, betrachtet sie verstohlen sein Gesicht. Es ist ebenmäßig geschnitten, mit sanften Lippen und kunstvoll geschwungenen Augenbrauen. Sein Haaransatz zieht sich spitz bis tief in die Stirn, das schwarze Haar ist dicht und kurz. Wie das Fell eines Maulwurfs, denkt sie, und verspürt den Impuls, ihm mit der Hand über den Kopf zu streichen. Er reicht ihr ihr Glas und lächelt charmant, eine Augenbraue perfekt in die Biegung der Stirn hochziehend.
"Nur zu, meine Liebe."
Sie erschrickt, als ihr klar wird, dass er bemerken muss, wie sie ihn anstarrt.
"Was?"
"Nehmen sie das Glas, meine Liebe, nur keine Scheu."
Sie fühlt die Röte brennend in ihre Wangen steigen und murmelt verlegen ein Danke. Danach hält sie zunächst den Blick gesenkt, um nicht seinen glitzernden, wissenden Augen zu begegnen.
Eine Weile schweigen sie beide. Sie beginnt, sich unwohl zu fühlen; ihr Arbeitgeber scheint alle Zeit der Welt und Vergnügen daran zu haben, sie schmoren zu lassen.
"Ich nehme an", beginnt er endlich, "es ist furchtbar altmodisch von mir, dass ich jeden Einzelnen meiner Angestellten noch selbst kennen lernen will. Es ist für mich von höchster Wichtigkeit, dass ich meine Verträge einzeln und persönlich abschließe, gerade die Arbeitsverträge. Die Menschen erkennen den Wert eines Vertrages so viel deutlicher, wenn sie mir beim Setzen der Unterschrift direkt in die Augen sehen."
Als er seine Augen erwähnt, muss sie unwillkürlich aufblicken. Er schaut sie durchdringend an; noch immer lächelt er, aber es ist nur ein kleines Lächeln, das nicht in seinem zwingenden Blick liegt. Sie spürt, dass es jetzt wichtig ist, diesen Blick zu erwidern.
In seinen Pupillen scheint es kurz aufzulodern und für einen Augenblick empfindet sie seine Präsenz als erstickend, furchteinflößend, geradezu lebensbedrohlich. Doch sie kann sich nicht mehr von seinen Augen lösen. Er reicht ihr einen Füllfederhalter und ein dicht beschriebenes Blatt Papier; ihre Hände ergreifen beides und auf sein sachtes Nicken hin setzt sie in roter Tinte ihren Namen in die rechte untere Ecke des Vertrages.

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Zinndorfer
???
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Liebe Zora Feldman, ich würde die Geschichte ja gern lesen, aber nun kommt das Wort Arbeit in den ersten neun Zeilen sechsmal vor. Festhängende Grüße, Zinndorfer

Ihr Gesicht spiegelt sich bleich im Fenster der U-Bahn. Sie hat seit mehreren Wochen die Sonne nicht gesehen, hat sich seit Wochen nur nachts aus ihrer neuen Wohnung begeben. Seit sie ihre neue Arbeit hat, hat sie Nachtschicht, sozusagen; auch jetzt geht es um ihre Arbeit. Sie weiß nicht, warum sie ausgerechnet so spät so weit aus der Stadt heraus muss, sie weiß nur, dass sie das erste Mal ihrem Arbeitgeber begegnen soll.
Sie hat diese neue Arbeit unter seltsamen Umständen gefunden, und die Arbeit selbst ist auch seltsam. Sie gefällt ihr, sie ist wie für sie gemacht, vielleicht ist es nur deshalb so eine seltsame Arbeit.

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zora feldman
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nun, lieber zinndorfer,
wenn es dir nicht in den sinn kommt, dass das ein beabsichtigtes stilmittel ist, dann musst du auch nicht weiterlesen.

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Monfou Nouveau
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Dem Anfänger unterlaufen Wortwiederholungen.
Der Fortgeschrittene meidet sie.
Der Könner wendet sie an.

Liebe Grüße
Monfou
PS: Nur erst einmal dazu, weiteres folgt…

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Zinndorfer
???
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Hallo Zora Feldmann, hallo Monfou Nouveau, sicher können Wortwiederholungen gut gesetzt ein beabsichtigtes Stilmittel sein - kein Problem, geeignete Textstellen heraus zu suchen - aber das Wort "Arbeit" sechs Mal in den ersten neun Zeilen einer solchen Erzählung?
Bitte Ruhe auf hinteren Rängen? Gruß Zinndorfer

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zora feldman
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wenn du weitergelesen hättest (desdemona), hättest du vielleicht gründe/lösung gefunden.

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