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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Im Fadenkreuz (Drittes Kapitel)
Eingestellt am 02. 02. 2001 23:16


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Marcel Sommerick
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2000

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IM FADENKREUZ

DRITTES KAPITEL


Wenn MĂŒller gefragt wurde, warum er Polizist geworden sei, so zuckte er meist nur mit den Achseln und blieb die Antwort schuldig. Im Sektor D tat man die wenigsten Dinge aus eigener Überzeugung. Sicher, es lag in der Familie, und wenn man MĂŒllers Lebenslauf unter die Lupe nahm, so erschien es logisch, dass der Computer des Arbeitsamtes diese und keine andere Entscheidung getroffen hatte. Es war etwa so, als hĂ€tte man einen Leistungssportler gefragt, „warum treiben Sie Sport?“ Schon als Kind hatte MĂŒller einen Traum; sein ganzes Leben war darauf ausgerichtet, dieses Ziel zu erreichen. Er wollte im Personenschutz arbeiten und eines Tages neben der gepanzerten Limousine hertraben, in der sich der Marschall höchstpersönlich unter das Volk wagte. Nur einmal dachte er ernsthaft daran, seine Laufbahn als Polizist zu beenden. Es war an einem kalten Wintertag kurz vor Neujahr, als sieben Einheiten zusammengetrommelt wurden, um die alljĂ€hrlichen Chaos-Tage niederzuschlagen. Jedes Jahr rebellierten die Arbeitslosen und SozialhilfeempfĂ€nger mit einer groß angelegten Demonstration gegen die desolaten ZustĂ€nde in der Megalopolis. Demonstrationen waren ungesetzlich, und so verwunderte es niemanden, dass die Polizei mit Ă€ußerster HĂ€rte einschritt. MĂŒller war mittendrin, als die Steine flogen und die Molotowcocktails abfackelten. Er bearbeitete gerade einen langhaarigen Freak mit Koteletten und einer entstellenden Hasenscharte, als sich eine junge Frau dazwischenwarf und die SchlĂ€ge abfing. „Du Schwein“, schrie sie MĂŒller an und wischte sich das Blut von der Nase, „warum tust du das? Ist es, weil man dich als Kind geschlagen hat, oder wofĂŒr willst du dich rĂ€chen?“
MĂŒller hatte keine Zeit, die Frage zu beantworten, denn sie wurden auseinander gedrĂ€ngt, und er sah die Frau nie wieder. Doch die Worte krochen ihm unter die Haut, nagten an seinem Herzen und brachten ihn schließlich so weit, um seine Versetzung zu ersuchen. Doch Polizeirat Ehlert lachte nur trocken, als MĂŒller verlegen seine GrĂŒnde offen legte. „MĂŒller, Sie werden doch jetzt nicht das Handtuch werfen! Ja, glauben Sie denn, Ihren Kollegen geht es anders? Es ist ein offenes Geheimnis, dass unsere Leute von Kindheit an mit Gewalt konfrontiert wurden. Aber wir vertreten das Gesetz, und das ist alles, was in diesem Staat zĂ€hlt.“
Seitdem hatte MĂŒller sich mit den Tatsachen abgefunden, und wenngleich sein beruflicher Traum nach dem letzten Karriereknick unerfĂŒllbar erschien, erledigte er weiterhin seinen Job, ein wenig unbeholfen und tollpatschig zwar, aber mit zĂ€her Beharrlichkeit. Im Vergleich zu seinen Vorgesetzten war er eine MĂŒcke, und er konnte von GlĂŒck reden, dass sie ihn nicht gleich vom Tisch wischten, als die ersten beruflichen Misserfolge sich einstellten. So machte er seine Arbeit, voller Selbstzweifel und zu stĂ€ndigen Kompromissen gezwungen. Auch der Tag im Alten Revier ging vorĂŒber, die Leiche im GebĂŒsch und die misstrauischen Blicke der Autonomen, der Anruf von Lechner und sein Ärger ĂŒber den aufdringlichen Informanten. Er musste mit Lechner kooperieren, was blieb ihm anderes ĂŒbrig. Um seinem Unmut Luft zu machen, zerriss er einen Packen Zeitschriften, der fĂŒr das Altpapier vorgesehen war. Dann hockte er sich stumpfsinnig vor den Fernseher, der Tag und Nacht lief, rauchte eine Fluppe nach der anderen und dachte sehnsĂŒchtig an die dicken Stinkebolzen, die sich der Polizeirat jeden Tag genehmigte. Im TV lief die allabendliche Werbung, dann brachten sie eine Sendung ĂŒber die großen Epidemien der Menschheit. MĂŒller schnaufte wĂŒtend. Angefangen hatte es vor gut hundert Jahren mit Aids, MĂŒller wollte gar nicht mehr wissen, was die Journalisten erzĂ€hlten. Vielleicht steckte der Geheimdienst dahinter, vielleicht hatten die Außerirdischen die Hand im Spiel, oder es war ein seltsamer Schachzug der Evolution. Er hatte gehört, dass die Menschen in Afrika Affenfleisch verzehrten, was sollte man auch essen, wenn man nichts zu beißen hatte. Aber das war nur der Anfang. Es war kein Wunder, dass die Monokultur Krankheiten wie BSE mit sich brachte, und als ein wirksames Gegenmittel gefunden wurde, trat der nĂ€chste gefĂ€hrliche Erreger auf den Plan: AAIC. AAIC entstammte definitiv aus dem Genlabor, und bis weit in das 22. Jahrhundert gab es niemanden, der die Seuche nicht fĂŒrchtete. Der Schmock im Fernsehen redete sich die Zunge wund, MĂŒller stopfte sich schließlich Watte in die Ohren, um das leere Gerede nicht lĂ€nger ertragen zu mĂŒssen.
Er saugte an seiner Zigarette, als wolle er den Tabak verschlingen. Sie brachten jetzt einen Werbeblock, Zeit fĂŒr die Konsumenten, den Gang zur Toilette anzutreten. Sicher pumpte das Wasserwerk wieder Millionen Liter durch die Leitungen, um den Bedarf zu decken. Wahrscheinlich hatte es irgendein gequĂ€lter Programmierer schon Wochen vorher errechnet, damit es keinen Engpass gĂ€be. MĂŒller drĂŒckte mĂŒde seine Zigarette aus, murmelte halblaut: „die Außerirdischen“. Er hatte seine eigene Theorie entwickelt. Es wĂ€re nicht klug gewesen, sie laut auszusprechen. Insgeheim vermutete er, dass der Planet kolonisiert werden sollte, um den Bewohnern von Alpha Centauri als neue Bleibe zu dienen. Als er Timo Lechner bis nach Nordafrika verfolgt hatte, war ihm einiges zu Ohren gekommen, das ihn an den offiziellen Nachrichtenmeldungen zweifeln ließ. Er hatte die Menschen gesehen, wie sie sich quĂ€lten und schufteten, um ein unwĂŒrdiges Leben im Untergrund zu fĂŒhren. Niemand konnte ihm erzĂ€hlen, dass all dieses Leid gewollt und bewusst herbeigefĂŒhrt worden war. Die Krankheiten, das Leben in der Dunkelheit und der stĂ€ndige Hunger: Es schien, als ob eine höhere Macht es darauf abgesehen hĂ€tte, die Menschen von der Erde zu verdrĂ€ngen. Dann gab es GerĂŒchte von fliegenden Untertassen und geheimen StĂŒtzpunkten in der WĂŒste; auch das Hypernet und die VideoĂŒberwachung schienen nur dazu zu dienen, jeglichen Widerstand zu brechen. MĂŒller hatte lange NĂ€chte wach gelegen und ĂŒber das Schicksal der Menschheit gegrĂŒbelt, und wenn seine Theorie in manchen Punkten auch nicht ganz stringent erschien, so war er doch felsenfest von ihr ĂŒberzeugt. Vielleicht wĂŒrden sie ihn eines Tages doch zum Personenschutz versetzen, und er hĂ€tte die Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen der hohen Politik zu werfen.
Im Fernsehen spielten sie jetzt die Nationalhymne, es war kurz nach Mitternacht. MĂŒller setzte sich an den Computer und gab eine Bestellung auf. Er hatte mit einem Mal großen Hunger, zĂ€hlte die Minuten, bis es in der Rohrpostleitung summte und er ein frisches Essenspaket in Empfang nehmen konnte. Es gab Mischfleisch mit grĂŒnen Bohnen. Die Nationalhymne verklang, und natĂŒrlich lĂ€utete das Telefon, als er gerade den ersten Bissen verschlungen hatte. Es war die Telefonistin eines Marktforschungsinstituts. Sie bestand darauf, dass MĂŒller ihr einige Fragen beantwortete – das sei gesetzliche Vorschrift – und quetschte ihn ĂŒber seine aktuelle Lebenssituation aus. Wieviel er verdiene, ob er bei guter Gesundheit sei, ein Auto besitze. MĂŒller Ă€rgerte sich und legte schließlich einfach den Hörer auf, nachdem er vergeblich darauf hingewiesen hatte, dass es schließlich mitten in der Nacht sei. Das Essen war schon kalt, und das Fernsehprogramm wurde immer grauenhafter. Jetzt zeigten sie auf allen KanĂ€len gleichzeitig eine dĂŒmmliche Talkshow, die sich mit dem Problem des toten Kamerawinkels in Privatwohnungen beschĂ€ftigte. Plötzlich brach das Bild zusammen, und MĂŒller lachte kurz auf, denn auf dem Bildschirm erschien fĂŒr eine Sekunde das Konterfei des verstorbenen Querulanten Timo Lechner. Wiewohl ein ganzes Rudel von Programmierern Tag und Nacht daran arbeitete, den teuflischen Virus aus dem Netz zu entfernen, schien es ihnen nicht zu gelingen, das Wettrennen fĂŒr sich zu entscheiden. Lechner hatte unzĂ€hlige Dateien im Hypernet hinterlegt, mit deren Hilfe sich der Virus stĂ€ndig selbst modifizierte, Passwörter abfing, Zugangsberechtigungen knackte und Programme infizierte. MĂŒller hatte den Eindruck, dass der Tag X immer noch nicht erreicht war und irgendjemand fieberhaft an dem Programmcode arbeitete, doch welches Ziel die Softwarepiraten verfolgten, war ihm absolut schleierhaft. Im Fernsehen zeigten sie jetzt das Testbild, und MĂŒller genoss jede Sekunde der Sendestörung, denn die Fernsehapparate waren so konstruiert, dass man sie nicht ausschalten konnte. Die Freude wĂ€hrte jedoch nicht lange, denn kaum hatte er sich zurĂŒckgelehnt und sich eine Zigarette angezĂŒndet, klingelte schon wieder das Telefon. MĂŒller riss den Hörer von der Gabel, schnaubte wĂŒtend, „was ist?“ Doch aus der Leitung antwortete ihm nur ein trockenes Lachen. Es war sein Kollege Seltz . „Hör mal, MĂŒller, ich habe keine Zeit fĂŒr lange ErklĂ€rungen. Schwing deinen Arsch vom Sofa, du wirst gebraucht.“
Er gab MĂŒller den Einsatzbefehl, dann legte er auf. MĂŒller fluchte. Er raste die Treppe herunter, setzte sich ins Auto und gab mĂ€chtig Gas, denn Seltz hatte jenen gewissen Ton in der Stimme, der kolossalen Ärger ankĂŒndigte. Am Einsatzort war die Hölle los. FĂŒnfzig SEK-Beamte traten sich gegenseitig auf die FĂŒĂŸe, Sturmhauben wurden angelegt, Dienstwaffen durchgeladen, jeder wartete auf das Kommando des Polizeirats. „Was ist denn hier los“, fragte MĂŒller atemlos, und Seltz nahm sich eine Minute Zeit, ihm die Sachlage zu erklĂ€ren. Ein Anwohner war anscheinend durchgedreht, hatte seine Nachbarin als Geisel genommen und drohte jetzt Amok zu laufen. Er sei mit zwei Messern bewaffnet, richte eines davon gegen sich selbst, das andere gegen die Beamten und sei kurz davor, die Geisel zu ermorden. Man habe versucht, ihm mit TrĂ€nengas beizukommen, doch anscheinend sei er völlig unempfindlich gegen das Reizgas, wohingegen alle Kollegen mit trĂ€nenden Augen den RĂŒckzug angetreten hĂ€tten. „Dein Auftritt, MĂŒller, jetzt hast du die Chance, deinen Ruf wiederherzustellen.“
MĂŒller wusste nicht recht, wie ihm geschah, denn Seltz reichte ihm die AusrĂŒstung, klopfte dann aufmunternd auf seine Schulter, grinste blöde und zischelte: „dann mal los.“ Ehe er wusste, wie es weitergehen sollte, befand sich MĂŒller mitten unter dem Sondereinsatzkommando, der Polizeirat gab den Befehl zum Sturm, und die Truppe schwĂ€rmte aus. Zehn Beamte schwangen sich durch das linke Fenster, zehn durch das rechte, ein mutiger Beamter riss dem AmoklĂ€ufer die wehrlose Frau aus den HĂ€nden und verschwand durch das Treppenhaus. Plötzlich traten alle den RĂŒckzug an, das war nicht abgesprochen, und MĂŒller stand allein vor dem VerrĂŒckten, in der Rechten die Walther, am GĂŒrtel die Handschellen. Er ĂŒberlegte nicht lange, setzte zu einem Schulterwurf an und wand der Zielperson das Messer aus der Hand. Dabei löste sich ein Schuss. Die Handschellen klickten, und der Verbrecher lag reglos am Boden. Seltz lugte vorsichtig durch das Flurfenster und applaudierte hĂ€misch, als er MĂŒller unversehrt ĂŒber dem AmoklĂ€ufer kauern sah. „Das hast du gut gemacht, Kollege. Dumm ist nur, dass du dem Mistkerl das rechte Ohr abgeschossen hast. Das werden sie in den Abendnachrichten wohl mĂŒhevoll retuschieren mĂŒssen.“
MĂŒller seufzte gottergeben, sah sich dann erst einmal in aller Ruhe um. Die Wohnung war völlig verkommen, dreckige KleidungsstĂŒcke und alte Zeitungen bedeckten den Boden, nicht einmal das Bett war freigerĂ€umt. Pin-up-Girls grinsten von den WĂ€nden, und MĂŒller war verblĂŒfft, als er eines der Poster von der Tapete riss, denn dahinter steckte ein ganzes BĂŒndel Geldscheine, sĂ€uberlich in der Mitte zusammengeknickt. MĂŒller steckte die Scheine ein und kletterte dann aus dem Fenster zu den Kollegen. Auch Arenz war mit von der Partie. Er verkniff sich das Lachen, fĂŒhrte MĂŒller dann in den Hausflur, um ihm etwas zu zeigen. Er drehte einen Ziegelstein um, und darunter lauerte – MĂŒller konnte es kaum glauben – ein fetter weiblicher Skorpion. Daneben lag die tote HĂŒlle eines kleineren mĂ€nnlichen Skorpions, den das Weibchen anscheinend getötet und aufgefressen hatte. Arenz nahm den Ziegelstein in die Hand und schmetterte ihn dann auf das reglose Tier, das noch einmal wĂŒtend zischte und dann sein Leben aushauchte. „Siehst du, MĂŒller, es stimmt wirklich, was sie in den Nachrichten sagen. Die Viecher sind mittlerweile fast ĂŒberall.“ MĂŒller zwang sich ein LĂ€cheln ab, aber im Grunde war ihm speiĂŒbel, alles, was er jetzt brauchte, war ein guter Schluck Malzkaffee, denn an Schlaf war sowieso nicht mehr zu denken. Seltz dagegen gĂ€hnte herzhaft und murmelte, „ich leg mich in die Koje. Du wirst es nicht glauben, was ich letzte Nacht getrĂ€umt habe.“
„Was?“
„Ich sah den Marschall, im Fadenkreuz.“
Arenz schluckte, sah sich vorsichtig nach der Fernsehkamera um, klopfte dem Kollegen dann wohlmeinend auf die Schulter. „Schlaf dich aus, Kamerad. Wir gehen erst mal WĂŒrstchen essen am Hauptbahnhof.“
Seltz trottete mĂŒde davon, und Arenz schubste MĂŒller ins Auto, kurbelte die Scheibe herunter und summte leise, „WĂŒrstchen essen, WĂŒrstchen essen.“ Dann erkundigte er sich wohlwollend, ob MĂŒller schon Erfolge bei den Ermittlungen erzielt habe. MĂŒller verneinte, woraufhin Arenz erklĂ€rte, er werde MĂŒller spĂ€ter zu einem Verhör mitnehmen. „Eine Überraschung, MĂŒller.“
Sie kamen zum Hauptbahnhof, nötigten den VerkĂ€ufer, das GeschĂ€ft mitten in der Nacht zu öffnen und aßen die WĂŒrstchen. Es bestand ein Abkommen zwischen den GeschĂ€ftsleuten und der Polizei. Die Beamten durften sich in allen GeschĂ€ften gratis versorgen und sahen im Gegenzug ĂŒber alle dunklen GeschĂ€fte hinweg, die sich am Bahnhof abspielten. Arenz redete ohne Punkt und Komma auf MĂŒller ein und erklĂ€rte ihm lang und breit, er solle die Geschichte mit dem FKK vergessen und sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren. „Das ist doch nur ein Haufen von infizierten Radikalen, die sich allein fĂŒr ihre Erkrankung rĂ€chen wollen. Glaub mir, die wahren Drahtzieher sitzen woanders.“
MĂŒller nickte und nahm noch einen Schluck Kaffee. Sie beendeten den Imbiss, und MĂŒller ließ sich bereitwillig von Arenz mitzerren, um mit ihm zusammen die BĂŒros des Bundesgrenzschutzes am Bahnhof zu betreten. Arenz fĂŒhrte ihn in ein Hinterzimmer, wo auf einer gekachelten Bank ein ĂŒbernĂ€chtigter Freak aus dem Alten Revier kauerte, grĂŒne Bomberjacke, Zigarette im Mundwinkel. Arenz baute sich vor ihm auf.
„Wie heißt du?“
„Das wissen Sie doch, Kommissar.“
„Ich will es noch einmal hören.“
„Kalle. Kalle Nickel.“
„Also gut, Kalle. Was weißt du ĂŒber eine Person namens Zappa?“
Kalles Augen verengten sich vor Schreck, und er stotterte benommen, diesen Namen nie gehört zu haben. Arenz gab ihm eine Ohrfeige. „Wie war das? Wie war das mit der Geschichte von dem Mord am Bahndamm?“
Kalle gab auf. Er erzĂ€hlte, in jener Nacht auf der Suche nach einem Pennplatz in den SchrebergĂ€rten herumgestromert zu sein. Dann hĂ€tte er das PĂ€rchen gesehen. Es war an sich nichts Ungewöhnliches, in jener Gegend Homosexuelle zu sichten, aber irgendetwas stimmte nicht an der Sache. Von weitem sah es so aus, als ob die beiden sich eng umschlungen hielten und KĂŒsse tauschten. Aber Kalle hĂ€tte schwören können, in der Hand des Strichers ein Messer aufblitzen zu sehen, das er dem Freier tief in die Magengrube rammte. Dann sank der Freier zu Boden, und der TĂ€ter zerrte ihn tiefer ins GebĂŒsch, verdrĂŒckte sich dann entlang der Bahngleise hinĂŒber zu dem besagten Haus, das seit ĂŒber hundert Jahren als Bollwerk der Autonomen galt. Kalle habe es vorgezogen, auch das Weite zu suchen. Voller Panik sei er durch das GebĂŒsch gebrochen und kam erst wieder zu Atem, als er in einem BewĂ€sserungsgraben landete und bis auf die Haut durchnĂ€sst war. „Sie mĂŒssen mir glauben, Herr Kommissar! Ich war es nicht.“
Arenz nickte, und er kam auf seine erste Frage zurĂŒck. „Also, was ist mit Zappa?“
„Ich darf es nicht sagen. Sie wĂŒrden mich töten.“
Arenz boxte MĂŒller gegen die Rippen, und sie verließen das Verhörzimmer. „Siehst du, MĂŒller. Es geht hier nicht um das FKK und nicht um den Schwarzmarkt, sondern allein um Zappa. Dies war auch dein ursprĂŒnglicher Auftrag. Glaub mir, da braut sich etwas zusammen, und wenn du dieses Mal wieder versagst, ist es endgĂŒltig vorbei mit deinen KarriereplĂ€nen.“
MĂŒller seufzte. „Also gut, Zappa. Aber wie soll ich meinen Job erfĂŒllen, wenn ihr mich mitten in der Nacht zu irgendwelchen SondereinsĂ€tzen aus dem Bett klingelt?“
„Ich verspreche dir, es war das letzte Mal. Von nun an wirst du keinen Gebrauch mehr von Telefon und FunkgerĂ€t machen. Meldung erstattest du im Aufzug.“
„Im Aufzug?“
„Ebenda. Überall in der Stadt sind AufzĂŒge, und jeder von ihnen wird abgehört. Du musst nur Acht geben, dass du alleine bist, wenn du den Fahrstuhl betĂ€tigst, und dann erstattest du wie gewohnt Meldung. Und vergiss nicht, wir wollen alles wissen. Wo du hingehst, wen du triffst, was du vorhast. Und denk nicht, du könntest dich dieses Mal wieder aus der AffĂ€re ziehen. Es ist deine letzte Chance.“
MĂŒllers Kopf summte. „Deine letzte Chance, deine letzte Chance...“ Er hustete mĂŒde. „Tut mir leid, ich muss zum Rechenzentrum. Meine Schaltkreise sind völlig durcheinander.“
„Ist nicht drin. Deine Reedukation ist beendet. Von nun an bist du auf dich selbst gestellt.“
„Aber ihr könnt mich doch nicht so gehen lassen! Manchmal bin ich kurz vor dem Durchdrehen.“
„Tut mir leid. Damit musst du alleine fertig werden. Im empfehle dir, einen auf behindert zu machen, vielleicht zeigt der Polizeirat dann einen Funken Mitleid.“
Er gab MĂŒller einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter, dann schickte er ihn wieder auf die Straße. MĂŒllers Kopf summte noch immer. Er entschied sich, zu Fuß nach Hause zu gehen. Auf dem RĂŒckweg begegnete er einer Horde Schwarzer Sheriffs, die verstohlen grinsten. „Ist das nicht der tumbe MĂŒller?“
„ErzĂ€hl.“
„Also, wenn es nach mir ginge...“
„Was dann?“
„Dann wĂŒrde man ihn direkt hier auf der Straße an eine Leine sperren, und jedes Mal, wenn einer vorbeikĂ€me, mĂŒsste er bellen.“
„Keine schlechte Idee.“ Sie lachten und schlenderten locker weiter. MĂŒller biss sich auf die ZĂ€hne. Seine Tarnung war schon jetzt völlig durchlöchert, wie sollte er da verdeckte Ermittlungen fĂŒhren? Wahrscheinlich war er nur das arme Schwein im PrĂ€sidium, das fĂŒr den Job gerade gut genug war. Wer ging schon freiwillig ins Alte Revier? Mit den FĂŒĂŸen kickte er eine tote Taube vor sich her, merkte plötzlich, dass er schon vor seiner Wohnung stand. Er schritt die Treppe hoch, öffnete die WohnungstĂŒr. Unter der TĂŒr hatte jemand einen anonymen Brief durchgeschoben. Die Buchstaben waren aus Zeitungen ausgeschnitten, der Text lautete: „Duck dich, Bullenschwein.“ Sicher kam der Brief vom FKK. Es war ein großer Fehler gewesen, sich in die Angelegenheiten der Radikalen einzumischen. Doch nun gab es kein ZurĂŒck mehr. Er beschloss, die direkte Konfrontation zu suchen und wĂ€hlte die Nummer der FKK-Aktivistin, die er sich notiert hatte: Natascha Kiefer. Das Telefon tutete, und eine Frauenstimme meldete sich am Apparat: „Wer ist da?“
MĂŒller stutzte, wiederholte: „Wer ist da?“
Schweigen.
MĂŒller lachte verbissen. „Wie nennt man das jetzt? Doppelte Negation?“
Etwas Besseres fiel ihm auf die Schnelle nicht ein, und die Frau – er war jetzt sicher, dass es Natascha Kiefer war – schwieg noch immer. „Also gut“, druckste MĂŒller herum, „dann schönen Tag noch.“ Er hĂ€ngte ein, gerade als er am anderen Ende der Leitung hörte, „warte mal.“ Jetzt war es zu spĂ€t, und er verfluchte seine Unsicherheit. Er konnte verstehen, dass Armin Lechner von der Frau fasziniert war, aber ihm ging es nur um die Ermittlungen, und wenn es der Sache diente, Interesse vorzutĂ€uschen, so hatte er dagegen keine EinwĂ€nde. Von ihm aus gönnte er Lechner die Frau, wenngleich er mutmaßte, dass es in diesem Haus sowieso unkontrollierbar war, wer wann wo mit wem geschlafen hatte. Wahrscheinlich war es dort anders nicht auszuhalten. Und MĂŒllers Herz gehörte schließlich Bianca Lorenz, obschon er sich nicht traute, offen bei ihr anzurufen und seine Sympathie einzugestehen. Noch immer gab es eine Reihe von Verhaltensrepertoires in seinem Innersten, die die Reedukation unbeschadet ĂŒberstanden hatten. Er setzte seinen Walkman auf, ließ den Techno auf voller LautstĂ€rke laufen und ging noch einmal auf die Straße, um sich die Beine zu vertreten. Es war jetzt schon frĂŒher Morgen, aber was besagte das schon. Manchmal verfluchte er sein Schicksal, denn es schien eine einzige Spirale von Pech und Zerstörung zu sein. Die Sperrstunde war vorĂŒber, und in den SchĂ€chten fuhren wieder einige Autos. Er ging ĂŒber einen Zebrastreifen, da kam ihm ein junger Bursche entgegen, der mit knapper Not einem Auto ausweichen musste. MĂŒller musste unfreiwillig lachen. „Sie sind doch noch jung und beweglich, legen Sie mal einen Zahn zu.“ Der Bursche grinste und grĂŒĂŸte verhalten. MĂŒller setzte seinen Weg fort. Erst viel spĂ€ter, als er schon ein paar Straßenecken weiter war und es zum Umkehren zu spĂ€t war, fiel ihm ein, dass er das Gesicht kannte. Es war Sesai Karabulut, und MĂŒller war sich sicher, dass der junge Bursche gewiss nicht so frĂŒh auf den Beinen war, um die Spatzen zu fĂŒttern.


© 2001 by Marcel Sommerick

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