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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Im Fadenkreuz (Viertes Kapitel)
Eingestellt am 02. 03. 2001 23:02


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Marcel Sommerick
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2000

Werke: 17
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IM FADENKREUZ

Viertes Kapitel


Die Laube lag im Dunkel der Nacht und schien völlig verlassen. Armin Lechner prĂŒfte die Luft. Von GĂ€rten zu sprechen, wĂ€re bei der verkommenen Anlage wohl verfehlt gewesen. Aber so mancher Anachronismus hatte sich in der Sprache erhalten, und alles, was nicht betoniert und planiert war, galt schon als GrĂŒnanlage. Armin zog ein Brecheisen unter der Jacke hervor und hebelte die FensterlĂ€den aus den Angeln. Es ging so leicht, dass er sich wunderte, keine misstrauischen Blicke auf sich zu ziehen. Er zerschlug die Fensterscheibe und öffnete das Fenster von innen. Im Licht der Taschenlampe erblickte er eine sauber aufgerĂ€umte HĂŒtte, Bett, Tisch und Anrichte. Offensichtlich hatte hier jemand mit dem Gedanken gespielt, sich dauerhaft einzurichten. Die GĂ€rten standen seit Jahren leer, da der Bau einer vierspurigen Schnellstraße geplant war und alle PachtvertrĂ€ge gekĂŒndigt waren. Dennoch hielt anscheinend jemand Ordnung in der HĂŒtte. Armin kletterte durch das Fenster, entkorkte eine Flasche Wein und zĂŒndete eine blaue Kerze an, die er aus seinem Rucksack kramte. Dann warf er einen Blick auf die Wanzen. Er schaltete den Laptop an und programmierte die GerĂ€te auf ihre Zielkoordinaten. Die Wanzen setzten sich in Bewegung und krabbelten durch das GebĂŒsch auf das besetzte Haus zu. Sie wĂŒrden sich irgendeine stille Ecke suchen, und Armin hĂ€tte eine gute Möglichkeit, alle GesprĂ€che auf Band mitzuschneiden. Er zĂŒndete sich eine Zigarette an und trank einen Schluck Wein. Es war merkwĂŒrdig still in der HĂŒtte, und die Luft schien seltsam zu flimmern, als ob eine unsichtbare Spannung ĂŒber dem GrundstĂŒck lĂ€ge. Armin war von Natur aus nicht feige, aber der Ort behagte ihm nicht. Es war totenstill, nur die MĂ€use raschelten draußen im GebĂŒsch. Armin stieg noch einmal aus dem Fenster und stopfte einen Blechsplitter in das TĂŒrschloss, damit ihn niemand im Schlaf ĂŒberraschen konnte. Die Wanzen waren jetzt in Position, doch auch in dem Haus gegenĂŒber sprach niemand ein Wort. Es war gespenstisch. Manchmal hörte er ein leises FĂŒĂŸescharren ĂŒber den Kopfhörer. Verflucht, dachte Armin, wo bin ich hier gelandet? Es war die perfekte Falle. Der Ort lag außerhalb des ZustĂ€ndigkeitsbereiches der Polizei, und auch die Raver feierten woanders. Ob die HĂŒtte schon einmal Schauplatz eines Mordes gewesen war? Armin zog die Gaspistole hervor, legte die Patronen ins Magazin und schob die Waffe unter das Kopfkissen. Dann versuchte er zu schlafen. Es war vergeblich. Die Stunden vergingen, und nur einmal kletterte Armin nach draußen, um an einem Strauch auszutreten. Schließlich gab er es auf. Er sah auf seine Digitaluhr: Seit sechs Stunden kĂ€mpfte er mit dem Schlaf, schreckte jedes Mal hoch, wenn er ein GerĂ€usch von draußen hörte. Er war sich ziemlich sicher, dass jemand in der Dunkelheit um die HĂŒtte herumschlich. Er vermutete, dass die Autonomen die Wanzen entdeckt und unschĂ€dlich gemacht hatten. Es blieb ihm noch das Richtmikrofon, doch es war anzunehmen, dass er damit nur Informationen in Erfahrung bringen konnte, die eigens fĂŒr ihn bestimmt waren. Er entschloss sich, die direkte Konfrontation zu suchen. LĂ€ssig steckte er die Pistole in den Hosenbund, kletterte ĂŒber den Zaun und nahm das Haus noch einmal genauer in Augenschein. Es schien ein ganz normales Mietshaus zu sein, lediglich Graffiti und Plakate wiesen darauf hin, dass sich hier die Nachfahren der legendĂ€ren Edelweißpiraten eingerichtet hatten. Eine Wandzeitung war an die Fassade geklebt, und neben dem Eingang befand sich eine weitere TĂŒr. „Info-Laden“. Er drĂŒckte die Klinke herunter: Die TĂŒr war geschlossen. SpĂ€ter, dachte Armin, ich werde es spĂ€ter noch einmal probieren. Er bog um die Ecke, ging an dem Fenster im Erdgeschoss vorbei, in dem die weißen Gardinen hingen. Immer noch herrschte Stille, aber er war sich ziemlich sicher, dass eine Stimme hinter den Fenstern flĂŒsterte, „ich will ihn“. Armins Herz schlug höher. Hier galten nicht die strengen Gesetze der Megalopolis, und es gab ihn noch, den ungezĂŒgelten Sex, trotz AAIC, Denunziation und RĂ€nkespielen. Im Westtunnel war alles still, die Stricher hatten das Feld gerĂ€umt, nur kurz hinter der EisenbahnunterfĂŒhrung begegnete ihm ein langmĂ€hniger Freak. Der Langhaarige ballerte mit einer scharfen Pistole auf das Pflaster, als ob es selbstverstĂ€ndlich sei. Im Dunkel der UnterfĂŒhrung wirkte die Stichflamme an der MĂŒndung gespenstisch, und Armin fasste es als ernstgemeinte Warnung auf. Er drĂŒckte sich durch den Kontrollpunkt und verschwand dann in einer dĂŒsteren Kneipe, die direkt ums Eck lag. ZermĂŒrbt und mĂŒde schlĂŒrfte er eine Cola, dann machte er sich auf den Weg nach Hause. Die kleine Amsel saß wieder vor seinem Fenster und flötete ein trauriges Liedchen. „Nur Mut, kleine Amsel“, murmelte Armin, „vielleicht sehen wir uns zum letzten Mal.“
Seine Wohnung war noch in Ordnung, aber die Uhr tickte. In zwei Tagen wĂŒrde er das GebĂ€ude fĂŒr immer verlassen. Es war sinnlos, die Koffer zu packen, wo sollte er seine Habseligkeiten auch unterstellen? Auf einmal sehnte er sich nach ein paar mitfĂŒhlenden Worten, und er gab seinem Herz einen Stoß und fuhr weiter zur forensischen Anstalt, wo sein Freund Kalle die Haft absaß. Kalle war ebenfalls ĂŒbernĂ€chtigt, er lĂ€chelte mĂŒde, als Armin hinter der Sicherheitsschleuse auftauchte und sich in den Besuchsraum begab. NatĂŒrlich hatten sie Armin gefilzt, und er war heilfroh, dass er die Gaskanone zu Hause gelassen hatte, denn es war nicht einfach, sich von heute auf morgen eine neue Waffe zu besorgen. Er versuchte einen Scherz, doch Kalle reagierte nicht, starrte nur stumpf auf den Tisch und gab zu Protokoll, man habe ihn letzte Nacht genötigt und mit Zigarettenstummeln gequĂ€lt. „Warum wehrst du dich nicht“, fragte Armin unglĂ€ubig, doch Kalle wehrte gereizt ab, er hĂ€tte ohnehin keine Chance, da sie ihn vorher noch betĂ€ubt hĂ€tten. „Sie haben mir ein Mittel ins Essen gemischt.“
Armin schluckte, gab zu bedenken, „vielleicht bildest du dir alles nur ein?“
„NatĂŒrlich, Professor Neunmalklug. Ich gebe zu bedenken, dass mein Hinterteil fĂŒrchterlich schmerzt, meine Lippen geschwollen sind und ich jede Menge Brandblasen an Armen und Beinen habe. Wenn das eine Einbildung ist, dann ist sie verdammt unangenehm.“
„Mein Beileid. Wie lange musst du noch einsitzen?“
„Anderthalb Jahre. Aber das Schlimmste ist mein Zellennachbar, der Bibelforscher.“
„Ein Bibelforscher?“
„So ist es. Er bildet sich ein, besessen zu sein, und nun will er die bösen Geister austreiben und bleibt stundenlang reglos auf einem Fleck stehen, weiß der Himmel, was das fĂŒr eine verrĂŒckte Methode ist.“
„Und was macht er noch so?“
„Er pinkelt jeden Morgen ins Waschbecken. Und außerdem ist er steinreich, hat eine ganze Million Euros geerbt.“
„Eine Million?“
„Exakt.“
„Heiliger Bimbam.“
„So spektakulĂ€r ist es auch wieder nicht. Die HĂ€lfte des Geldes ist er schon wieder los.“
„Hat man die Erbschaft versteuert?“
„Das auch, aber die Gemeinde hat den grĂ¶ĂŸten Teil fĂŒr sich in Anspruch genommen. Nun können sie beseligt Gebete sprechen, und der Bibelforscher kann guten Gewissens weiter die heiligen Schriften studieren.“
„Was es nicht alles gibt.“
Kalle drĂŒckte seine Kippe aus, verschwand dann in Richtung Dusche, „ich muss mir erst mal den Schmutz abwaschen.“
Armin wurde von einem Sicherheitsbeamten nach draußen geleitet, konnte seine Papiere wieder in Empfang nehmen und stand dann alleine auf der Straße. Lastwagen brummten an ihm vorbei. Er ging zu Fuß in die Nordstadt, ĂŒberall gab es Straßensperren, Beamte kontrollierten den Verkehr. Der Tag des Gipfeltreffens rĂŒckte nĂ€her, und die Polizei war bemĂŒht, schon Monate vorher die wichtigsten Vorsorgemaßnahmen zu treffen. Armin drĂŒckte sich an einem Pulk von BundesgrenzschĂŒtzern vorbei und stolperte dabei fast ĂŒber einen besoffenen Penner, der in der Gosse seinen Rausch ausschlief. Die GrenzschĂŒtzer beachteten den Mann nicht, offensichtlich hatten sie wichtigere Sorgen. Armin fuhr zwei Stationen mit dem Bus, stand dann vor dem Haus seiner Mietskasernenbraut. Sie verleugnete ihn. Er klingelte Sturm, grinste in die Videokamera, aber die HaustĂŒr blieb verschlossen, kein Mucks klang aus der Gegensprechanlage. Armin war sich sicher, sie musste zu Hause sein. Seufzend machte er kehrt: Die heimliche Liebschaft schien ihrem Ende entgegenzugehen. Seine Schritte lenkten ihn automatisch zu dem vergammelten tĂŒrkischen Cafe in der Nordstadt, in dem er seinen Kontaktmann Sesai Karabulut zu treffen pflegte. Der Kellner runzelte die Stirn, als er eintrat, denn eigentlich war dies ein geschlossener Club. Armin drĂŒckte sich durch das verqualmte Cafe bis in das Hinterzimmer, wo Sesai ĂŒber einem Billardtisch hing, Kippe im Mundwinkel, Queue in der Hand. Er erblickte Armin und stieß die Kugel ins Loch. „Hallo Kollege, das ist ein glĂŒcklicher Zufall. Gerade habe ich wichtige Neuigkeiten erfahren.“
Armin drĂŒckte ihm die Hand. „Setzen wir uns.“
Sesai bestellte zwei GlĂ€ser Tee und stieß Armin dann in die Rippen. „Im Ernst, Armin, dieser Bulle, mit dem du zusammenarbeitest...“
„Ja?“
„Lass ihn links liegen. Er schadet dir nur.“
„Immerhin ist er mein Kontaktmann.“
„Vergiss ihn. Der steht kurz vor dem Suizid.“
„TatsĂ€chlich?“
„Glaub mir, er ist es nicht wert. Aber die Operation, die sich ankĂŒndigt: Sie wird den Staat in seinen Grundfugen erschĂŒttern.“
„Was soll geschehen?“
Sesai blickte sich kurz um, senkte die Stimme. „Der Marschall. Der Marschall soll dran glauben.“
Armin lachte auf. „Unmöglich. Er ist perfekt abgeschirmt. An den kommt keiner dran.“
„Vielleicht doch. Ich brauche deine Hilfe.“
„Was soll ich tun?“
„Der Computervirus von Timo. Er muss unverzĂŒglich aktiviert werden.“
„Ist das alles?“
„Mehr erwarte ich nicht von dir. Du sollst den Virus direkt auf den Rechner der ElektrizitĂ€tswerke aufspielen. Zugang bekommst du ĂŒber das Hypernet. Das Passwort, das du benutzt, heißt ‚Scorpio‘“.
Armin schluckte. „Ich stehe schon jetzt auf der Straße. Wenn ich in Verdacht gerate, werden sie mich auf kleiner Flamme grillen.“
„Klar, sie werden dich braten und in Haldol servieren. Aber im Ernst, glaubst du nicht, dass der Sektor reif ist fĂŒr ein Attentat? Das Leben in der Megalopolis ist eine einzige Qual geworden, und jeden Tag wird es schlimmer.“
„Also gut. Ich werde kooperieren.“
„Ich wusste, dass man sich auf dich verlassen kann.“
Sesai sah sich um, bestellte noch zwei GlĂ€ser Tee. Der Kellner kam hĂŒfteschwenkend an den Tisch, stellte mit betonter Affektiertheit die GlĂ€ser auf das Tischtuch. Sesai seufzte. „Diese Schwulen – wenn es nach mir ginge, wĂŒrde man sie alle strangulieren.“
Armin grinste. „Du solltest deine Gedanken besser fĂŒr dich behalten. Immerhin ist Megalopolis K eine Hochburg der Homosexuellen.“
„Leider. Übrigens darf ich dich einem Genossen vorstellen.“
Er winkte den Kellner herbei, flĂŒsterte ihm etwas zu, und bald darauf kam ein stattlicher HĂŒne die Treppe herunter, schĂŒttelte Armin die Hand. Sesai lachte. „Darf ich euch miteinander bekannt machen: Armin, das ist Reto.“
„Angenehm.“
„Ganz meinerseits.“
Es entstand ein peinliches Schweigen, und Armin dachte schon daran, sich einfach zu verabschieden, da verkĂŒndete der HĂŒne in breitem Schweizer Akzent: „Ich kannte Timo.“
„TatsĂ€chlich?“
Wieder Schweigen. Dann versuchte Sesai zu vermitteln: „Reto kĂŒmmert sich um die Finanzierung unserer kleinen Organisation. Er fĂ€delt die Drogentransporte ein und wĂ€scht das Geld mit Hilfe einiger StrohmĂ€nner. So werden Waffen und Fluchtfahrzeuge bezahlt und konspirative Wohnungen angemietet. Du erkennst die Dringlichkeit der Operation daran, dass er den Schutz des marokkanischen Exils verlassen hat und sich in die Megalopolis begeben hat, um die notwendigen Schritte höchstpersönlich einzuleiten. Du weißt nun, worum es geht.“
„Der Marschall.“
„Ja, der Marschall. Reto meint es ernst.“
„Wie wollt ihr ihn denn erledigen?“
„Nicht wir. Zappa wird es tun. Und du sollst ihm den Weg ebnen.“
„Glaubt ihr wirklich, ihr könnt das System schwĂ€chen, wenn ihr einen einzigen Mann dem Tod auf die Lunte bindet?“
Reto mischte sich ein. „Ich glaube, du hast es noch nicht ganz verstanden. Der Marschall ist nur eine Marionette.“
„Eine Marionette?“
„Exakt. Wir mĂŒssen die Systematik des Staatsterrors durchbrechen und lernen, unser Schicksal wieder in die eigenen HĂ€nde zu nehmen. Schließlich ist dies unser Planet, und wir sind seine Bewohner.“
„Jetzt mach mal einen Punkt. Du willst mir doch nicht das MĂ€rchen von den kleinen grĂŒnen MĂ€nnchen auftischen?“
Reto legte die Stirn in Falten. „Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich habe zehn Jahre in der algerischen Sahara verbracht, in unmittelbarer Nachbarschaft eines gigantischen StĂŒtzpunktes, in dem jeden Tag Raketen starten und landen. Der Planet wird kolonisiert, seit ĂŒber hundert Jahren schon. Und das bedeutet, dass die Menschen, sofernt sie nicht der neuen Gesellschaft von Nutzen sind, in den Untergrund verdrĂ€ngt werden, nĂŒtzliche Arbeitstiere, die in den Dienst der Wirtschaft gestellt werden. Und das Kuriose ist, dass die Leute dermaßen von staatlicher Propaganda ĂŒberschwemmt werden, dass sie sich ĂŒber ihre tatsĂ€chliche Situation schon lange nicht mehr im Klaren sind.“
Armin schĂŒttelte den Kopf und grinste. „So einen Unsinn habe ich schon lange nicht mehr gehört. Aber meinetwegen – ich habe nichts zu verlieren. Also werde ich mitspielen.“
„Wir werden dich angemessen entlohnen.“
„Gut. Aber wie sehen die konkreten Schritte auf dem Weg zu der neuen Gesellschaft aus?“
„Erst das Attentat. Dann die Seuche. Anschließend die Offensive.“
„Die Seuche?“
Retos Gesicht verhĂ€rtete sich. „Wir werden den Außerirdischen die Wasserzufuhr abschneiden. Alle Brunnen werden verseucht, und zwar mit dem Erreger der Pest.“
Armin blickte ihn erschrocken an. „Ist das kein Pyrrhussieg? Was hilft ein Anschlag, wenn wir uns dann selbst alle infizieren? Es gibt doch wahrlich schon genug Krankheiten.“
„Neunzig Prozent der EuropĂ€er sind gegen die Pest immun. Aber unter den Eindringlingen wird sie blutige Opfer fordern.“
Armins Gesicht nahm einen verschlossenen Ausdruck an. „Ich glaube, ihr behaltet eure PlĂ€ne lieber fĂŒr euch. Ich bin dazu bereit, den Virus im Rennen zu halten, aber alles, was darĂŒber hinausgeht, soll mir egal sein. Meinetwegen könnt ihr am Schwarzen Tod sterben, wenn ihr es partout so wollt. Aber haltet bitte meinen guten Namen aus dem Spiel.“
Reto lachte bitter. „Malaria. Ich habe nur Malaria. Vor der Pest habe ich keine Angst. Im Übrigen wissen alle lĂ€ngst, dass du den Bullen Informationen zuspielst. Ich möchte dir nicht drohen, denn uns geht es nur darum, unsere PlĂ€ne in die Tat umzusetzen. Aber vor dem Geheimdienst solltest du Respekt haben, denn vielleicht wirst du ihnen eines Tages unbequem, und du vollfĂŒhrst ihre PlĂ€ne nicht mehr zu ihrer Zufriedenheit. Dann werden sie dir den Schierlingsbecher reichen, und das solltest du wissen.“
Armin nickte. „Dann sind wir uns ja einig.“
Er trank sein Glas leer und stand abrupt auf. Ohne sich zu verabschieden, verschwand er aus dem Cafe. Sesai blickte ihm stirnrunzelnd nach, rief ihn jedoch nicht zurĂŒck. Armin hatte nur noch einen Wunsch, er wollte sich einen ansaufen und dann in aller Ruhe seinen Rausch ausschlafen. Er ging noch einmal zu seiner gekĂŒndigten Wohnung, doch das ganze Viertel war von der Polizei abgesperrt, keine Chance, das GebĂ€ude noch einmal zu betreten. Dann sah er die kleine Amsel, an die er sich so gewöhnt hatte. Sie war völlig aus dem HĂ€uschen, und bald bemerkte Armin den Grund. Ihre BrutgefĂ€hrtin hatte das Zeitliche gesegnet. Die Amsel war klein und schwarz und fegte aufgeregt ĂŒber den Asphalt, wo sich das Weibchen zum Sterben hingelegt hatte. Alle Belebungsversuche blieben umsonst, und Armin schĂŒttelte mitleidig den Kopf. Zwei Tiere konnten sich wĂ€rmen, doch als Einzelner hatte man keine Chance. Bei den Menschen war es nicht anders. Er drĂŒckte sich um ein paar Ecken, um der Kontrolle zu entgehen, und stand dann wieder am Eingang zum Alten Revier. Niemand kĂŒmmerte sich um ihn, doch als er die Laube klammheimlich wieder betreten wollte, erlebte er eine Überraschung. Er hatte Besuch. Ein hagerer Fixer kam ihm aus dem GebĂŒsch hinter der HĂŒtte entgegengetorkelt und herrschte ihn böse an. „Verpiss dich, Bullenspitzel. Diese HĂŒtte gehört mir.“
Armin war ĂŒberrascht, wusste nicht, was er entgegnen sollte, und nun fiel ihm wieder ein, wie aufgerĂ€umt die HĂŒtte war, er hatte sich gleich gedacht, dass dort jemand Ordnung hielt. Er war dem Fixer sicherlich ĂŒberlegen, doch der Mann strahlte eine derartige Aggression und Wut aus, dass er keinen Wert darauf legte, in eine körperliche Auseinandersetzung gezogen zu werden. Der Fixer sah das anscheinend anders, jagte ihn kurzerhand durch den Vorgarten, und erst als sie auf der Straße standen, erinnerte sich Armin an seine Überlegenheit und zog das Klappmesser aus der Tasche. Er fuchtelte seinem Gegner damit vor der Nase herum, und der Anblick des blitzenden Messers brachte den Angreifer anscheinend wieder zur RĂ€son. Der Fixer schnaubte noch einmal wĂŒtend und verschwand dann in Richtung der Zeltstadt. Armin atmete erleichtert auf und entschloss sich, erst noch einmal bei der tĂŒrkischen BĂ€ckerei vorbeizuschauen, denn er hatte großen Hunger. Er kaufte ein paar Sesamkringel und legte einen davon ins GebĂŒsch, damit der Stafford auch etwas zu essen hatte, falls er wieder seine Runde zog. Die VerkĂ€uferin in dem GeschĂ€ft starrte Armin wĂŒtend an, und nun war er wirklich so weit, dass ihm sein Ärger ĂŒber den Kopf stieg. Er ging kurzerhand auf das besetzte Haus zu, pfefferte seine WohnungsschlĂŒssel durch das geöffnete Fenster im Erdgeschoss und verkĂŒndete fröhlich, „viel Spaß bei der nĂ€chsten Hausbesetzung.“ Dann zog er sich in die Gartenlaube zurĂŒck – der Fixer hatte das Weite gesucht – und verbarrikadierte sich hinter geschlossenen Fenstern beim traurigen Licht einer Kerze in der Bierflasche. Er versuchte zu schlafen, doch immer wieder schreckte er aus dem kurzen Schlummer hoch, da es dauernd raschelte in dem GebĂŒsch vor dem Haus. Sicher, die Gasknarre lag unter dem Kopfkissen, doch es war ein merkwĂŒrdiges GefĂŒhl, mit einer Waffe in Griffweite zu schlafen, die Knarre war entsichert und lag schwer in der Hand, möglicherweise wĂ€re sie bei einer unbedachten Bewegung losgegangen. Armin entschied sich schließlich, die Waffe auszuprobieren, und feuerte eine Platzpatrone ab. Der Schuss zerteilte die nĂ€chtliche Stille und betĂ€ubte seine Ohren. Er hoffte bloß, dass es jeder gehört hatte und er ein fĂŒr allemal klargestellt hatte, dass er seinen Pennplatz verteidigen wĂŒrde. Schließlich fiel er in traumlosen Schlaf und erwachte erst wieder, als sein Laptop durch eindringliches Piepen darauf aufmerksam machte, dass er neue Post empfangen hatte. Die E-Mail kam von MĂŒller. Er stellte klar, dass er dringend Informationen ĂŒber die AktivitĂ€ten Zappas benötigte und fĂŒgte verschĂ€mt hinzu, er habe den Programmcode seiner neuralen Schaltkreise disassembliert und fĂŒge ihn dem Brief bei, damit Armin einmal einen Blick darauf werfen könne. „Schließlich sollen Sie auch etwas tun fĂŒr Ihr Geld. Ich möchte wissen, welches Ziel die Gedankenpolizei verfolgte, als die Spezialisten mir den Chip in den Kopf pflanzten.“
Armin stöhnte, druckte dann aber das Listing aus – es waren insgesamt etwa 500 Seiten – und legte den Papierstapel in eine Ecke, um ihn spĂ€ter zu studieren. Dann aß er den letzten Sesamkringel und entschloss sich, noch einmal bei den Autonomen vorbeizuschauen. Es war schon frĂŒher Vormittag, doch das GebĂ€ude war verriegelt wie eine Festung, und wenngleich er sich sicher war, dass ihn kritische Augen hinter den Fenstern neugierig musterten, sprach niemand ein Wort. Auch der Info-Laden blieb geschlossen, und Armin wunderte sich, warum die Hausbesetzer von einem Laden sprachen, wenn es dort offensichtlich nichts zu kaufen gab. Er hĂ€tte viel gegeben fĂŒr eine Tafel Schokolade oder eine große Flasche Mineralwasser, denn in der Laube gab es keinen Wasseranschluss, und er hatte großen Durst. Aber sicher war die Örtlichkeit nur fĂŒr Insider gedacht, und wenn die Edelweißpiraten ihn sowieso schon als Polizeispitzel entlarvt hatten, musste er sich nicht die MĂŒhe machen, sich als KĂ€mpfer fĂŒr die Gerechtigkeit einzuschleimen. Es war verflixt still am Alten Westbahnhof, die Fronten hatten sich geklĂ€rt: Auf der einen Seite die Polizei, der Geheimdienst und die verdeckten Ermittler, auf der anderen Seite die AufstĂ€ndischen, die Obdachlosen und die Freaks, die alles sabotieren wollten, was nur im Entferntesten nach staatlicher Ordnung roch. Es war ein zĂ€hes und gespenstisches Ringen; die Karten lagen nun offen auf dem Tisch, und jeder versuchte im Stillen seine FĂ€den zu ziehen. Armin drĂŒckte sich an dem Haus vorbei, es fiel noch immer kein Wort, obwohl eine spĂŒrbare Spannung in der Luft lag. In der Nacht waren die Jugendlichen der Megalopolis wieder aktiv gewesen und hatten sĂ€mtliche GebĂ€ude der Umgebung mit Farbschmierereien verziert. Armin lachte, er mochte die Graffiti, wenngleich die öffentliche Meinung besagte, dass die Sprayer ihre SprĂŒche mit giftigen Lösungsmitteln und einer ZahnbĂŒrste wieder von den WĂ€nden entfernen sollten. Blitzblank und ordentlich, dachte Armin, so wollt ihr eure HĂ€user sehen, als nĂ€hme die gesellschaftliche Neurose dann ein Ende. Er ging wieder auf den Kontrollpunkt zu, auf der Suche nach einem Schluck Wasser, als ihm plötzlich ein heftiger Brandgeruch in die Nase stieg. Und dann traute er seinen Augen nicht, denn aus einem der alten HĂ€user am Bahndamm schlugen die Flammen auf die Straße; die Bewohner kletterten ĂŒbernĂ€chtigt aus den Fenstern, und dann sah er Zappa, wie er gut gelaunt auf die Straße turnte und ĂŒbermĂŒtig verkĂŒndigte: „Hurra, endlich passiert hier etwas! Der Keller brennt, und bald werden die Flammen ĂŒbergreifen auf die gesamte Megalopolis. HĂŒte dich, Armin Lechner, denn du spielst wohl die kleinste Rolle von allen.“


© 2001 by Marcel Sommerick



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