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Im Fadenkreuz (Zweites Kapitel)
Eingestellt am 20. 01. 2001 22:36


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Marcel Sommerick
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2000

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Im Fadenkreuz

Zweites Kapitel


Armin Lechner stand am Fenster und beobachtete eine kleine schwarze Amsel, die in dem GebĂŒsch vor dem Haus nach Futter suchte. Er hatte das GlĂŒck, in dem Erdgeschoss einer Altbauwohnung zu leben. Nicht ĂŒberall in der Megalopolis gab es GebĂŒsch vor dem Hauseingang. In der Tat gediehen kaum Pflanzen in der riesigen Tunnelstadt, die damals, zur Zeit des Dritten Weltkriegs, buchstĂ€blich in den Untergrund gestampft worden war. Das Leben unter der Erde brachte Seuchen und seltsame Krankheiten mit sich, es gab kaum jemanden, der nicht an Depressionen litt. Wie sollte man auch auskommen ohne einen einzigen Sonnenstrahl? Die meisten Menschen empfanden das Leben im Sektor als Qual, von der sie nur das allabendliche Fernsehprogramm und die Arbeit in den Fabriken ein wenig ablenkte. Nicht so Armin Lechner. Er verbrachte seine Tage auf der Sonnenseite des GlĂŒcks, genehmigte sich abends einen Schluck Apfelschnaps und wartete auf das Wochenende, wenn seine Mietskasernenbraut Zeit fĂŒr ihn hatte. Und war der Schnaps auch schwarz gebrannt und hatte seine Braut oft schlechte Laune, ihn kĂŒmmerte es nicht. Sein Leben lang hatte er sich durchgemogelt, in der Schule, als Mechaniker wĂ€hrend der Lehrzeit und abends auf dem Schwarzmarkt im Alten Revier. Ihn konnte kein WĂ€sserchen trĂŒben, und als seine Schulden wuchsen und er durch seinen Job nicht mehr viel verdienen konnte, hatte er sich kurzerhand bereit erklĂ€rt, dem PrĂ€sidium Informationen aus der autonomen Szene zuzuspielen. Polizeirat Ehlert machte große Umschweife. „Sie werden als V-Mann ermitteln“, verkĂŒndete er salbungsvoll, „von nun an stehen Sie unter meinem persönlichen Schutz und brauchen keine staatlichen Repressionen zu fĂŒrchten.“ Armin Lechner lĂ€chelte innerlich. Es war ihm völlig klar, dass er nur ein mieser kleiner Informant war, dem man es fĂŒrchterlich heimzahlen wĂŒrde, wenn sich das Blatt einmal wenden sollte. Aber er lebte im Augenblick, und heute hatte er wieder ein paar Euros ĂŒbrig, konnte sich teures Brot leisten und seine Braut am Wochenende mit einem Strauß Blumen ĂŒberraschen. Was brauchte er mehr als die Luft zum Atmen und ein kleines DurchschnittsglĂŒck?
Die Amsel hĂŒpfte vor dem Fenster auf und ab, ließ sich schließlich auf dem Fensterbrett nieder und stimmte einen traurigen kurzen Gesang an. FĂŒr die Tiere war es ein schweres Los, in den Bunkern und Kellern der Megalopolis eine Nische zum Überleben zu finden. Dennoch kreuchte und fleuchte es mĂ€chtig im Untergrund, und wenn man die Augen offen hielt und sich wĂ€hrend der Sperrstunde aus dem Haus wagte, konnte man so manche Spezies beobachten. Nicht nur Ratten, Nacktmulle und FledermĂ€use trieben nachts in den SchĂ€chten ihr Unwesen. Auch Meister Reineke hatte sich an das Leben unter der Erde angepasst, und wer besonderes GlĂŒck hatte, dem gelang es tatsĂ€chlich, einen der wenigen schlauen WaschbĂ€ren zu erblicken, die nachts – der Mond schien woanders – auf Beutefang waren. Armin Lechner drehte sich eine Zigarette, rauchte schweigend und ĂŒberlegte in aller Ruhe, wen er dem Polizeirat als NĂ€chsten ans Messer liefern sollte. Gewöhnlich bezog er seine Kenntnisse von einem befreundeten TĂŒrken, Sesai Karabulut, der bei den Autonomen ein und aus ging. Im Grunde konnte er Sesai nicht leiden, verkehrte nur mit ihm, da er aus der Beziehung persönlichen Vorteil schöpfte. Sesai seinerseits ließ sich selten in die Karten blicken. Nur einmal sprach er ein offenes Wort mit Armin. Sie waren auf einer illegalen Party, der Schnaps floss in Strömen, und Sesai war voll wie eine Haubitze. „Armin“, lallte er mit schwerer Zunge, „lass uns wetten! Ich gehe demnĂ€chst auf die Journalistenschule, lerne die hĂŒbschesten Frauen kennen und schreibe witzige Glossen, wĂ€hrend du vor die Hunde gehst.“
Lechner Ă€rgerte sich. „Was redest du da? Ich bin gesund, stehe in der BlĂŒte meiner Jahre, habe Geld und eine Wohnung. Mit Sechzig werde ich dir vielleicht einen Strauß Blumen aufs Grab legen und dir die lockeren Reden verzeihen.“
„Dazu wirst du keine Gelegenheit haben. Ich bin mit Sechzig lĂ€ngst in Rente und mache Ferien auf dem Mond, wĂ€hrend du mit sechs Flaschen Rotwein im GebĂŒsch liegst, falls du bis dahin noch nicht den Löffel abgegeben hast!“
„Die Wette biet ich!“
„Depp.“
Nach dieser Auseinandersetzung distanzierte sich Armin von Sesai Karabulut, sah ihn nur noch selten, wenngleich er die Informationen dringend benötigte. Polizeirat Ehlert ging es vor allem um eines. Er verlangte nach detaillierten Kenntnissen ĂŒber einen heimlichen Drahtzieher der Szene. Alle nannten den Mann „Zappa“, aber kaum jemand wusste ĂŒber seine bĂŒrgerliche Herkunft zu berichten. Zappa war ein Drogendealer ersten Ranges, hatte frĂŒh seine Eltern verloren und nĂ€chtigte in seiner Jugend monatelang auf ParkbĂ€nken, da er kein eigenes Heim hatte. Irgendwann wurden die Köpfe der Szene auf ihn aufmerksam und merkten, dass sie ihn gut fĂŒr ihre PlĂ€ne einspannen konnten. Zu dieser Zeit war er schon ein heftiger Trinker, hinzu kamen Marihuana und Opium. Zappa konnte ungeniert von sich behaupten, alles ausprobiert zu haben, was auf dem Markt war. Nach seinem ersten Trip war er dann so weit, dass er im Namen des RevolutionĂ€ren Komitees einen hochrangigen Beamten auf offener Straße erschoss. Er hatte großes GlĂŒck, dass niemand das Verbrechen mit seiner Person in Verbindung brachte, und schaffte im Laufe der Zeit mit DrogengeschĂ€ften ein kleines Vermögen auf die Seite. Im Alten Revier kannte ihn jeder, er hatte mit unzĂ€hligen Frauen das Bett geteilt und erreichte mit einer Mischung aus BrutalitĂ€t und BauernschlĂ€ue, dass die Hippies und Freaks ihn akzeptierten. So war er in den harten Kern des RevolutionĂ€ren Komitees vorgedrungen.
Nun war Ehlert nicht auf den Kopf gefallen und hatte sich lĂ€ngst ein Bild von der Szene gemacht. Es war jedoch fĂŒr die Polizei einfacher, die ZustĂ€nde im Alten Revier stillschweigend zu tolerieren. WĂ€re man offen eingeschritten, so hĂ€tte sich in kurzer Zeit ein offener Aufstand entwickelt. So kontrollierten die Beamten allein die Ein- und AusgĂ€nge zu der ehemaligen Zeche und schickten zuweilen verdeckte Ermittler in das Kifferparadies. Nach den letzten Informationen zu urteilen, bahnte sich eine Geheimoperation an, die den Staat in seinen Grundfugen erschĂŒttern könnte. Ehlert ließ sich nicht in die Karten blicken, aber er hatte Armin Lechner auf Zappa angesetzt, und wiewohl er nicht genau wusste, auf wessen Seite Lechner eigentlich stand, war er eine wichtige Figur in der gefĂ€hrlichen Schachpartie um die ungewisse Zukunft der Megalopolis.
Lechner drĂŒckte die Zigarette aus, schlĂŒpfte in seine zerrissene Jeansjacke und entschied sich, die Nachforschungen in aller Ruhe anzugehen. Er benötigte ohnehin Nachschub fĂŒr seine Hausbar, also machte er sich auf den Weg zum Schwarzmarkt. Draußen war es schon dunkel, aber die Beamten ließen ihn passieren, ohne auch nur einen Blick auf seinen Personalausweis zu werfen. Im Alten Revier herrschte wieder einmal absolutes Chaos. Die Junkies und Raver waren viel zu sehr mit der Hatz nach dem kleinen WochenendglĂŒck beschĂ€ftigt, um den hageren Jeansfreak zu beachten, der das Viertel um den ehemaligen Westbahnhof verstohlen in Augenschein nahm. Lechner drĂŒckte sich an dem besetzten Haus vorbei und machte einen kurzen Umweg, um durch einen Seitentunnel zum Schwarzmarkt vorzustoßen. Markt war zu viel gesagt, denn im Grunde handelte es sich nur um eine heruntergekommene Passage, in der sich hauptsĂ€chlich Dealer und ZuhĂ€lter herumtrieben. Und natĂŒrlich standen dort auch die Junkies, die ab und an einen Bruch machten und das erbeutete Diebesgut fĂŒr wenig Geld den besser gestellten KĂ€ufern feilboten. Es wurde wenig gesprochen. Meist genĂŒgte ein Pfiff, ein glĂ€nzender Blick aus glĂ€sernen Augen, um dem KĂ€ufer klar zu machen, dass hier ein SchnĂ€ppchen winkte. Lechner kannte seine Pappenheimer. Er hielt Ausschau nach einem selbstzufrieden blickenden Blonden, leicht untersetzt und langsam in seinen Reaktionen, der, in eine grĂŒne Bomberjacke gekleidet, regelmĂ€ĂŸig am Ende der Passage herumlungerte, um Alkoholika aller GĂŒteklassen unter das Volk zu bringen. Auch diesmal stand er wieder an der Ecke, zuverlĂ€ssig wie ein alter Freund, und Lechner musste nicht viele Worte verlieren, um seinem Lieferanten klar zu machen, wonach ihm der Sinn stand. Der Blonde grinste hinterhĂ€ltig, zog eine Flasche Jack Daniels aus der Jacke, woraufhin er sie sofort wieder verbarg, um dem Blick der Videokameras zu entgehen. Sie zwĂ€ngten sich in einen Hauseingang, ein Batzen Scheine wechselte den Besitzer, und Armin wollte zufrieden mit der vollen Flasche das Feld rĂ€umen. Der Blonde hielt ihn zurĂŒck. „Warte.“
„Was ist?“
„Ich werde bald einsitzen. Du musst dir einen anderen Lieferanten suchen.“
„Tut mir ehrlich leid. Wie heißt du eigentlich?“
„Sie nennen mich Klapskalle.“
„Also dann viel GlĂŒck, Kalle.“
„Danke.“
Armin bemĂŒhte sich, einen betretenen Eindruck zu erwecken, was ihm auch halbwegs gelang, denn er sorgte sich ehrlich um seine AlkoholvorrĂ€te. Aber so war es in der Megalopolis, der Mangel an Abwechslung und die Repression machten die Menschen habgierig, und echte Freundschaften gab es schon lange nicht mehr. Gedankenverloren bahnte sich Armin seinen Weg durch die zugemĂŒllten Stollen, entschied sich dann, eine AbkĂŒrzung durch die SchrebergĂ€rten zu nehmen, um noch einen Blick auf das besetzte Haus zu werfen. Er kam an einer illegalen tĂŒrkischen BĂ€ckerei vorbei, blieb zögernd stehen, als ihm der frische Brotduft in die Nase stieg. Ein frischer Laib Brot wĂ€re ein seltener Genuss gewesen. Lechner machte Anstalten, die BĂ€ckerei zu betreten, da kam ihm der grĂ¶ĂŸte Stafford entgegen, den er je gesehen hatte. Lechner lĂ€chelte gezwungen, trat einen Schritt nĂ€her. Der Stafford knurrte. Offenbar ging es ihm gegen den Strich. Lechner blieb stehen, ĂŒberlegte. Um die Situation auf die Spitze zu treiben, trat jetzt noch das Herrchen aus der BĂ€ckerei, ein blasser junger TĂŒrke, der nicht den Anschein erweckte, als könne er seinem Hund Paroli bieten. Also zog Lechner den KĂŒrzeren und machte kehrt. Das war ein Fehler. Der Hund knurrte lauter und fletschte die ZĂ€hne. Was blieb Lechner anderes ĂŒbrig: Er ließ die volle Flasche Whiskey fallen, das Glas zersprang auf dem Asphalt, und der teure Stoff plĂ€tscherte in den Rinnstein. Anscheinend gefiel das dem Stafford, er sprang hinzu und schleckte die PfĂŒtze auf. Armin Lechner rieb sich erleichtert den Hals; vorsichtig trat er einen Schritt zurĂŒck, dann zwei, entfernte sich klammheimlich vom Ort der Auseinandersetzung. Damit waren zwei Dinge geklĂ€rt: In der BĂ€ckerei hatte er Hausverbot, und womit er sich jetzt einen ansaufen sollte, wusste der Himmel allein.
Er kletterte ĂŒber einen Zaun, zwĂ€ngte sich durch eine Hecke und stand in einem verwilderten Schrebergarten, in dem nur die Kaninchen zufrieden durch die einstigen Blumenbeete hoppelten. Bei all der Aufregung hatte er eines nicht vergessen. Auf der anderen Straßenseite lag das besetzte Haus, und dort wohnte - direkt neben dem inoffiziellen Schwulenstrich - eine Person, fĂŒr die er sich schon seit geraumer Zeit interessierte: Natascha. Sie hatte sich viel MĂŒhe gegeben, ihren Aufenthaltsort zu verschleiern, aber Lechner war ein Fuchs, und fĂŒr ihn war es ein Leichtes, die Drahtzieher der autonomen Szene ausfindig zu machen. Es wĂ€re zu viel gewesen, Natascha die Geliebte seines verstorbenen Cousins Timo zu nennen, aber immerhin hatte dieser ihr ein Kind gezeugt, unter welchen UmstĂ€nden auch immer. Lechner ĂŒberlegte. Der Kleine musste jetzt drei Jahre alt sein. Timo hatte niemals ein Wort darĂŒber verloren, was Armin zu der Schlussfolgerung leitete, dass die Beziehung kaum in seinem Sinne gewesen war. Nun, da Polizeirat Ehlert nach Informationen verlangte, hatte Armin Lechner einen guten Grund, die LebensverhĂ€ltnisse der Hausbesetzer unter die Lupe zu nehmen. Der Schrebergarten, in dem er stand, schien ihm ein idealer Beobachtungsposten zu sein. Durch die kahlen BĂ€ume hatte man einen ungehinderten Blick auf das GrundstĂŒck jenseits der Straße. Wenn er ein paar Wanzen installierte und sich ein Fernglas besorgte, könnte er vielleicht die eine oder andere Information in Erfahrung bringen. Er wusste, dass Zappa - auf den er angesetzt war - bei den Autonomen ein und aus ging. Anscheinend aber war sein Streifzug durch das Unterholz nicht unbemerkt geblieben, denn ĂŒber dem Viertel hing eine tödliche Stille, unterbrochen nur durch das ferne Heulen eines Martinshorns von jenseits des Bahndamms. Lechner besann sich, kramte dann in seinem Rucksack herum und förderte ein nagelneues Richtmikrofon ans Licht. Er schaltete das empfindliche GerĂ€t an, richtete es auf das hell erleuchtete Fenster, hinter dem er Natascha vermutete und platzte mitten in eine lebhafte Unterhaltung.
„Er ist da draußen, glaub es mir.“
„Ob er die Leiche schon gefunden hat?“
„Das dĂŒrfte ihm kaum entgangen sein. Aber vielleicht ist er auch wegen des Kindes hier.“
„Dann meldet er sich aber reichlich spĂ€t. Der Kleine schmiert jetzt schon jeden Morgen Kot an die WĂ€nde.“
„Vielleicht weiß er auch gar nicht Bescheid?“
„Was sollen wir denn machen? Sollen wir vielleicht den Kleinen auf den Arm nehmen und ihm sagen, schau mal, das ist Timos Sohn?“
Genau das, dachte Armin Lechner. Das wĂ€re das Mindeste, was ihr tun könntet. Ihm war ĂŒbel, er packte das Mikrofon wieder ein und entschloss sich, die offene Konfrontation zu suchen. Er warf den Rucksack ĂŒber den Zaun, kletterte ĂŒber die windschiefe GartentĂŒr und stand jetzt allein auf der Straße. Irgendwo musste hier eine Leiche herumliegen, erinnerte er sich, kein Wunder, dass es so still war. Das Alte Revier lag außerhalb des ZustĂ€ndigkeitsbereiches der Polizei, deshalb wunderte er sich ziemlich, als vom alten verwitterten Bahndamm her plötzlich ein Flutlicht aufleuchtete und eine herrische Stimme ihn ĂŒber das Megafon anschnauzte: „Sie da! Was machen Sie da?“
Armin Lechner ĂŒberlegte nicht lange. „Schnecken sammeln und RegenwĂŒrmer zĂŒchten. Die Tierchen haben die DĂ€mmerung einfach so lieb.“
Er wartete eine Weile, rauchte schweigend eine Zigarette; das Flutlicht erlosch wieder, und die Stille kehrte zurĂŒck. Beklommen schulterte Armin den Rucksack, ĂŒberquerte die Straße und stand jetzt am anderen Ende des Tunnels, direkt vor Nataschas Fenster. Es war ein großes Fenster mit weißen hölzernen Fensterrahmen, Licht fiel von innen auf das Pflaster, und durch die feinen Spitzengardinen konnte er eine Gestalt erahnen, hörte eine weiche Frauenstimme lachen, und dann war er schon an dem Fenster vorbeigegangen, ließ das Haus hinter sich und dachte, sie hat eine angenehme Ausstrahlung, hier werde ich noch oft entlang gehen. Aber dann musste er den großen Parkplatz hinter dem stillgelegten Bahnhof ĂŒberqueren, gab sich MĂŒhe, die gerĂ€umigen Autos mit den beschlagenen Scheiben zu ignorieren, in denen sich die Jugend vergnĂŒgte - war es der Autostrich oder trafen sich hier die LiebespĂ€rchen, er wollte es mit einem Mal gar nicht mehr wissen. Er beschleunigte seine Schritte, sein Atem ging hastig, und er wurde erst wieder ruhig, als er den Kontrollposten erreichte, seinen Ausweis vorzeigte, durch die schwer bewachte Straßensperre schritt und wieder auf sicherem Boden stand, in seiner Stadt, die er kannte, schĂ€tzte und immer als sein Zuhause ansehen wĂŒrde.
Betreten fuhr er zurĂŒck zu seiner Wohnung, in seinem Kopf kreisten immer noch die Gedanken, mechanisch schloss er die HaustĂŒr auf, ging den Flur entlang, betrat seine Wohnung und ließ die TĂŒr hinter sich ins Schloss fallen. Um wieder zur Ruhe zu kommen, griff er zum Telefon und wĂ€hlte die Nummer seines Kontaktmanns. MĂŒller kam gleich an den Apparat, seufzte, als er Armins Stimme hörte und ließ sich die Neuigkeiten durchgeben. Ja, er wisse, dass dort ein Toter im GebĂŒsch liege. Nein, die Geschichte hĂ€tte sicherlich nichts mit den laufenden Ermittlungen zu tun. Armin wisse ja selbst, dass die Gegend ein heißes Pflaster sei. Dann sagte er mit gleichgĂŒltiger Stimme, „halten Sie mich auf dem Laufenden“, hĂ€ngte den Hörer auf, und Armin saß allein vor dem Telefon , nur die Stimme eines Fernsehpredigers plĂ€tscherte aus den Lautsprechern der Glotzkiste, und Armin wurde mit einem Mal bewusst, wie allein er war, ohne Freunde, ohne Angehörige, vielleicht war es schon immer so gewesen, und er hatte es im Trubel seiner wilden Jugendjahre einfach nicht bemerkt. Den ganzen Abend lang erinnerte er sich an Nataschas Lachen, und kein Tropfen Whiskey war im KĂŒhlschrank, kein Apfelschnaps und nichts, womit er seine Qual lindern konnte. Und auch seine Mietskasernenbraut hatte nur am Wochenende Zeit und hatte ihm vor einigen Tagen nahe gelegt, nicht bei ihr anzurufen. Sie hatte einfach Angst, dass die Beziehung auffliegen könnte. Denn Sex war verboten in Megalopolis K. Der Fernsehprediger beendete sein Gebet, und aus dem Lautsprecher erklang die Stimme des Marschalls. Es war die ĂŒbliche Ansprache zur Mitternacht. Das Volk solle durchhalten und seine Pflicht erfĂŒllen, und dann kam die Parole, die er wohl schon tausendmal gehört hatte und die schon lĂ€ngst zum Automatismus geworden war: Nur die Leistung zĂ€hlt! Armin seufzte. Er bemĂŒhte sich, seine Gereiztheit nicht offen zu zeigen, denn auch in seiner Wohnung war eine Kamera installiert. Er wusste genau, dass irgendwo in einer geheimen Kommandozentrale ein Beamter vor dem Bildschirm saß und jede seiner Bewegungen verfolgte. Es wĂ€re ein Fehler gewesen, sich dagegen zur Wehr zu setzen.
„Meine Mietskasernenbraut“, murmelte Armin, und nun hatte er endlich die Flasche Whiskey vergessen und verschwendete keinen Gedanken mehr an Natascha, war auf einmal ganz Ohr, denn in den Nachrichten brachten sie einen Bericht ĂŒber Skorpione. Anscheinend verbreiteten sich die gefĂ€hrlichen Spinnentiere in der Stadt, irgend jemand hatte sie aus Nordafrika eingeschleppt. In dem DĂ€mmerlicht der Megalopolis schienen sie sich wohl zu fĂŒhlen, krochen aus den HohlrĂ€umen und Mauerritzen bis in die HĂ€user und versteckten sich gerne in Schuhen und abgelegten KleidungsstĂŒcken. Es waren schon erste Todesopfer zu beklagen. Armin konnte sich der Vermutung nicht erwehren, dass Zappas Drogenkuriere fĂŒr die seltsame Plage verantwortlich waren.
Armin seufzte ein zweites Mal und setzte sich an seinen Computer. Es war ein Parallelrechner, nicht ganz so leistungsfĂ€hig wie der Bluewing seines verstorbenen Cousins, aber immerhin. Der Rechner bootete, und am unteren Bildschirmrand erschien eine Laufschrift. „Noch 180 Tage. Der Countdown lĂ€uft.“ Der Virus, dachte Armin, ich muss mich wieder darum kĂŒmmern. Die Laufschrift verschwand, und ein rotes Fenster öffnete sich auf dem Bildschirm. „Sie haben Post. Dringlichkeitsstufe 1.“ Verwundert klickte Armin die Meldung an und war vollends verblĂŒfft, als er feststellte, dass die E-Mail von seinem Vermieter kam. „... muss ich Ihnen leider mitteilen, dass das Haus, in dem sich Ihre Wohnung befindet, einem großen BĂŒrokomplex weichen muss. Daher kĂŒndige ich Ihre Wohnung mit sofortiger Wirkung. Sie haben drei Tage Zeit, um die RĂ€umlichkeiten zu verlassen. Das GebĂ€ude ist zur Sprengung vorgesehen.“
Armin stutzte, ĂŒberlegte einen Augenblick, brach dann in schallendes GelĂ€chter aus. Nichts war schwieriger in Megalopolis K, als eine Wohnung zu finden. Und wenn man erst einmal auf der Straße stand, war es ein Ding der Unmöglichkeit. Nun, es blieben ihm noch drei Tage, um die Angelegenheit zu klĂ€ren. Doch ein Gedanke drĂ€ngte sich einfach auf. Wenn er schon als Informant arbeiten sollte, warum versuchte er nicht einfach, in der Hausbesetzerszene Fuß zu fassen? Er wusste, dass diese Leute niemandem trauten. Aber was hatte er zu verlieren? Er war trotz allem ein Optimist, und wenn der neue Job es ihm abverlangte, einige Monate im Dreck zu schlafen und sich in öffentlichen Toiletten zu rasieren, so hatte er nichts dagegen einzuwenden. Alles in allem versprach es ein erlebnisreiches Abenteuer zu werden, und um sich an der Umwelt zu rĂ€chen, wĂŒrde er seinen Laptop mit der Beta-Version des Computervirus in das Alte Revier mitnehmen. Mit diesem Gedanken im Kopf und einem seligen LĂ€cheln auf den Lippen rĂ€kelte er sich auf der Couch und schlief vor dem Fernseher ein.

© 2001 by Marcel Sommerick

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