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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Im Herzen der Finsternis
Eingestellt am 14. 01. 2003 17:40


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casagrande
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 19
Kommentare: 26
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Im Herzen der Finsternis

Den Pass hatte man uns abgenommen, wir hatten nur Zettel mit Fotos als Ersatz. Wider Erwarten gab es keine Schwierigkeiten beim Einchecken. Im Wartesaal zogen die Eingeborenen sofort die Schuhe aus und legten sich flach zum Schlafen. Der Flug war pĂŒnktlich. Im Flugzeug gab es gutes Essen und Bier soviel man wollte. Es stank etwas nach Aas oder verdorbenem Fleisch aus dem GepĂ€ckfach. Fast den ganzen Flug mussten wir angeschnallt bleiben und haben auch nichts von der Gegend gesehen. Es ist Regenzeit.
Im Parkhotel in Lubumbashi war kein Zimmer frei, trotz Reservierung. Dann, nach einem „GesprĂ€ch“ mit dem Chef, gab es doch noch eines. Allerdings ohne Dusche und das Wasser kam braun aus der Leitung.
Das Zimmer ist zum Bahnhof hin, laut und das Hupen ist erbÀrmlich. Im Zimmer ein Aushang: - Zubereiten von Essen im Zimmer verboten
- Nutten verboten
-SchÀden werden in Rechnung gestellt

Am nĂ€chsten Tag besichtigen wir Lubumbashi , eine Industriestadt in hĂŒbscher Landschaft in 1200 m Höhe. Das Klima ist gesund, trocken, fast schon zu kĂŒhl. 10 bis 15° empfindet man als frostig. Rund um Lubumbashi sind Kupferminen und darum wird viel Malachit, der ein Kupferspat ist, angeboten, Aschenbecher und Ketten. Man darf Malachit nur verarbeitet ausfĂŒhren. Aber was soll man mit Ketten, die so schwer sind, dass man sie sich nicht um den Hals hĂ€ngen kann und mit kitschigen Aschenbechern, nur weil’s billig ist. Aber es gibt sehr schöne Körbe, die sind wieder zu groß zum Mitnehmen. Der Markt ist eine sumpfige FlĂ€che mit Kleinstbuden darauf. Auf dem Weg zum Bahnhof liegen im Angebot auf der Straße Mehl, Brot, Bananen und auch Palmöl neben meterhohen Abfallhaufen. Gestank.
Die Weiber tragen ihre SĂ€uglinge teilweise seitlich in einem Tragetuch und nicht nur, wie sonst im Lande ĂŒblich, auf den RĂŒcken gebunden. Die Frisuren der Frauen sind meist zu langen Antennen aufgezwirbelt.
Am Nachmittag lernen wir einen Belgier kennen, der uns in sein Haus einlÀdt. Er und seine Frau sind seit 21 Jahren hier. Im Garten halten sie eine Antilope. Sehr scheu. Als sie sie bekamen, war sie schon zu alt, um sich an Menschen zu gewöhnen. Aber mit den 2 Hunden und der Katze vertrÀgt sie sich ausgezeichnet
Unsere Belgier haben drei Kriege im Kongo mitgemacht und natĂŒrlich kommt das GesprĂ€ch darauf. Er erzĂ€hlt:.
„WĂ€hrend eines Krieges haben wir unter der einzigen Betondecke im Haus, sie war im Vorzimmer, unter einem Tisch geschlafen. Auf dem Tisch waren zusĂ€tzlich Matratzen platziert. Das alles, weil die Granaten ĂŒber die DĂ€cher herein kamen und nicht direkt ins Haus abgeschossen wurden. Vor die Fenstern haben wir die SchrĂ€nke geschoben. Es gab kein Wasser, wir haben den Regen aufgefangen. Verpflegung gab’s natĂŒrlich auch nicht“
Und sie ergÀnzt:
„Beim dritten Krieg hat die Feuerwehr die Swimmingpools ausgepumpt und das Wasser verteilt.“
„Beim ersten Mal war um 17 Uhr Ausgangssperre. In der Zeitung aber stand 19 Uhr. Darum waren auch alle Weißen noch um 18 Uhr auf der Straße und 26 von ihnen wurden gefangen genommen und im Busch ermordet. Ein 65 - jĂ€hriger konnte verwundet zurĂŒck kriechen und ĂŒber das Massaker berichten.“
„Und es gab die Anordnung, dass jedermann das Licht am Abend brennen lassen mĂŒsse. Das war aber wohl nur, damit die marodierenden Soldaten wussten, wo man jemanden ermorden kann. Die belgische Botschaft gab eine entsprechende Warnung heraus.“
„Meine Schwester war hier in der Gegend Missionarin. Und sie wollten sie, wie die anderen weißen Nonnen, ermorden. Aber einige Schwarze palaverten, weil sie als Krankenschwester ihnen geholfen hatte. Und so wurde sie verschont. Sie wurde dann von der UNO mit dem Hubschrauber heraus geholt und sah aus dem Hubschrauber noch die Mission brennen. Sie ist ĂŒbrigens jetzt wieder hier!“
Und als letzte Pointe meinte er noch:
„Den Direktoren der Firmen wurden die Ohren abgeschnitten und die Finger abgehackt.“
Sie erzÀhlten auch von einem, den die Schwarzen eingegraben hÀtten, so dass nur noch der Kopf heraus stand. Sie tanzten die ganze Nacht um ihn herum und skandierten "Wir erschlagen dich". Er wurde von den Söldnern gerettet, war aber 4 Jahre in psychiatrischer Behandlung.
Und dass im Krieg Flugzeugsprengungen mit einer Handgranate im Bierglas vorgenommen wurde. Das Glas wurde hingeworfen, das Glas zerbrach und setzte den Auslöser frei.
Und aus jĂŒngster Zeit:
Einer der Farmer wurde zu 20 Jahren GefĂ€ngnis verurteilt und ist seit 2 Jahren in der Zelle drinnen, weil ihm vorgeworfen wurde, er hĂ€tte seinen Baumwollspeicher angezĂŒndet, den man ihm enteignet hatte. TatsĂ€chlich war es aber der neue schwarze Besitzer, und der ist inzwischen gestorben. Damit kann man die Wahrheit nicht mehr finden. Es wird ihm jeden Tag vom Parkhotel das Essen gebracht. Seine Familie, Frau und Kinder, sind in Belgien. Ende offen.

In der Nacht regnet es wieder heftig. Aber am nĂ€chsten Morgen hellt es soweit auf, dass wir mit dem Belgier die Kupferfabrik besichtigen. Sie war vom Smog so eingehĂŒllt, dass nur die Schornsteine zu sehen waren.
„Es ist an manchen Tagen so ĂŒbel , und wenn der Wind entsprechend steht, dass man die SĂ€ure auf der Zunge spĂŒrt und die BlĂ€tter innerhalb von einem halben Tag von den BĂ€umen fallen.“
Ein Kind des Belgiers hat wegen der schlechten Luft Asthma. Aber er ist sich diesbezĂŒglich nicht so ganz sicher Möglicherweise ist es Tollwut. Ein Affe hat das Kinder gebissen. Die Untersuchung des Affen, der Kopf wurde abgetrennt und ins Labor gebracht, ist noch nicht abgeschlossen. Gleichzeitig lĂ€uft auch ein diesbezĂŒglicher MĂ€usetest.

Wir fahren auf dieser Sightseeingtour weiter zum Badesee, der fĂŒr sportliche Zwecke gemacht wurde, aber jetzt mit Bilharziose infiziert ist. Man baut aber trotzdem ein neues Hotel dort.
Die nĂ€chsten Stationen sind die Schule und das Museum fĂŒr einheimische Kunst. Es deprimiert zu hören, dass dieses Museum ein Missionar in 30-jĂ€hriger Arbeit aufgebaut hat, jetzt ist es schon lange geschlossen. Und niemand weiß, wie lange und ob es ĂŒberhaupt jemals wieder öffnet und ob die GegenstĂ€nde nicht schon lĂ€ngst verscherbelt wurden..
Die Radiostation ist außer Betrieb.
Das stÀdtische Schwimmbad ist sauber aber leider ist es zum Baden zu kalt.
Die Kanalisation ist verstopft, da der Dreck in die StraßenablĂ€ufe gekehrt wird. Salongo, die an sich landesweite Pflicht an einem Tag in der Woche Dienst fĂŒr die Allgemeinheit zu tun, GrasmĂ€hen, Reinigung und dergleichen, wird hier nicht eingehalten. Es stinkt im Sinne des Wortes zum Himmel.
Das Rathaus ist eine Ruine, nur ein Stahlbetonskelett mit einer halben Fassade steht noch. Das frĂŒhere Theater ist jetzt ein Versammlungsraum der Einheitspartei. Die Musikschule ist nur mehr zu erahnen. Das frĂŒher beste Hotel stammt aus dem Jahre 1925. Auf dem Turm des Restbestandes steht "ich trinke White Horse". Warum das in Deutsch dort steht ist unerklĂ€rlich. Die SeitenlĂ€nge des ebenerdigen GebĂ€udes ist etwa 50 Meter. Davor ein Laubengang. Jetzt ist das Ganze ein Lager fĂŒr einen Großhandel.
Einige KrĂŒppel betteln. Sie bewegen sich auf ihren HĂ€nden und den Beinstummeln. Andere privilegiertere Behinderte besitzen einen Rollstuhl, der als GĂŒtertransporter dient und derart schwer beladen wird, dass sich die SpeichenrĂ€der verbiegen.
Ins Hotel kommt am Abend ein Typ mit verbranntem oder zerstörtem Gesicht, ohne Lippen, die ZÀhne stehen frei heraus, eine Zigarette ist dazwischen geklemmt. Er will im Foyer betteln, wird aber vom Personal sofort vertrieben.
Lepra!
Wir verlassen diesen Ort am nÀchsten Morgen ohne Abschiedsschmerz .

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