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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Im Kreuzgang
Eingestellt am 01. 09. 2005 21:14


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sihl
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Aug 2005

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Liebe LupenhalterInnen

Ich gebe meinen Einstand mit einem Fragment, das evtl. Teil einer l├Ąngeren Erz├Ąhlung wird und bin gespannt auf eure Meinung.
Der Text entstand in einer Schreibwerkstatt, und zwar ausgehend vom einem Foto der Protagonistin. Eine Methode, die ich empfehlen kann :-).

Sch├Âne Gr├╝sse

-sihl-




Im Kreuzgang


Ich ertrage das nicht, denkt sie, ich ertrage es einfach nicht. Sie steht auf, geht mit schnellen Schritten zur T├╝r. Vorbei am Halbrund der einander zugewandten St├╝hle. Vorbei an den erstaunten Gesichtern und dem Flipchart. F├╝nf Schritte bis zur T├╝r. Diese f├╝nf Schritte machen, einen nach dem anderen. Die T├╝rfalle ergreifen. Sie sorgf├Ąltig niederdr├╝cken, in Erwartung eines Knarrens, eines Quietschens wie aus einem Hitchcock-Film.

Sie steht auf der Schwelle und sp├╝rt die Blicke. Noch kann sie ein Wort retten, das Wort Toilette oder Kopfschmerzen. Sie denkt an die CD, die sie im Auto geh├Ârt hat. Blues. John Lee Hooker. Don\'t look back, sang er.

Die Eichent├╝r f├Ąllt hinter ihr zu.

Eine Runde im Kreuzgang. Noch eine. Und noch eine, nochmals eine. Und nochmals eine. Bis die Beine m├╝de sind, bis der Drang zu schreien, nachgelassen hat. Bis sie klar sieht.

Sie steht im Kreuzgang des Seminarklosters. Die Zeit des heiligen Benedikts ist vorbei. Seit f├╝nf Jahren werden diffuse Gottheiten angerufen, wird die Selbstfindung verw├Âhnter Menschen betrieben. Zum Beispiel ihre eigene. Unter der T├╝nche von Burnout-Pr├Ąvention und Sabbaticals wird ein Tanz um das eigene Ego veranstaltet, zu unversch├Ąmten Preisen.

Sie wird das Lehrgeld bezahlen.

Ora et labora, so viel weiss sie noch. Glauben und Arbeit. Sie hat mehr Arbeit, als sie je wollte, daf├╝r keinen Glauben mehr. Schon lange nicht mehr.

Anfang April, und immer noch so k├╝hl. Das gleichf├Ârmige Rauschen des Regens wird reflektiert, hohle Regenger├Ąusche scheinen sie ├╝berall zu umgeben. Die T├╝r ist dick genug, kein Gemurmel dringt nach aussen, nur das metallische Scharren, wenn der Flipchart verschoben wird, wenn unbehaglich auf St├╝hlen gezappelt wird. Sie tritt n├Ąher an die S├Ąulen, trotz der K├╝hle. Die Welt ist nass. Der Geruch von Regen in der k├╝hlen Luft, von Regen auf durchweichter Erde. Der Geruch von Regen, der ├╝ber nassen Stein l├Ąuft. Die Pflanzen, die in gl├Ąnzender N├Ąsse dastehen. Forsythien. Farne. Eine Weide, deren Triebe fremd wirken, gr├╝ne Anomalien auf braunem, fast schwarzem Holz.


Vielleicht war es der Blick in den Spiegel, der sie hierher gebracht hat. Ein Blick, ein Zweifel zu viel.

Sie hat sich im Spiegel betrachtet. Ihre glatten, nach hinten gebundenen Haare, ihre zu kleinen Ohren, die f├╝r Perlenstecker, nicht aber sch├Âne Geh├Ąnge geeignet sind. Ihr Gesicht, das nicht h├╝bsch ist und nicht h├Ąsslich, nur gew├Âhnlich, mit Augenbrauen, die ein wenig zu schmal sind, mit passablen, hohen Backenknochen. Mit einem Mund, der ohne Schminke zu schmal aussieht, schutzlos. Mit einem Kinn, das niedlich genannt worden ist, s├╝ss, aber nicht h├╝bsch. Wie auch sie niedlich genannt worden ist, s├╝ss oder toll.

Aber nicht h├╝bsch. Niemals.

Sie erinnert sich kaum mehr an das, was sie ├╝ber Kl├Âster weiss. An Schweigegebote und erdr├╝ckende Arbeit.

Sie steht im Kreuzgang, in Kampfmontur. Sie steht in hohen, aber flachen Stiefeln, die ihr Halt geben sollen und ihr doch nichts n├╝tzen, genau so wenig wie Turnschuhe. Sie steht im Kreuzgang, rauchend, ohne Halt, in einer engen Reithose, die sie aus dem Schrank gezerrt hat, weil sie ihre Kost├╝me satt hat und auch die Jeans.

Regen.

Sie erinnert sich an an den gelben, steifen, impr├Ągnierten Stoff des Regenschutzes. Radfahrten im Regen, zwei Kilometer bis zur Schule, zwei zur├╝ck. Zu Hause die Mutter, die Anweisungen in den Gang rief, kein Betreten der Wohnung mit nassen Regensachen, kein Abstellen des feuchten Tornisters auf dem Teppich. Wie sie sich schliesslich doch zu Tisch setzen durfte, w├Ąhrend der gelbe Stoff ├╝ber der Badewanne tropfte, der Tornister nebenan langsam trocknete. Wie sie mit der Gabel immer neue Portionen von Teigwaren und Sauce in sich hineinhob, stumm, nahe am Weinen, ohne zu wissen weshalb. Die Traurigkeit, die sich ├╝ber die Mutter und sie legte. Die Unm├Âglichkeit zu sprechen.

Die Zweige d├╝rfen nicht verschwimmen.

Labora et labora.

H├Ârt es denn nie auf?

Sie geht durch diesen Kreuzgang, der nur zu ertragen ist, wenn man den Blick auf den Boden richtet. Sie geht auf ihr Zimmer, holt ihre Tasche, umklammert schon die Autoschl├╝ssel. Kies knirscht unter ihren Sohlen.

Den Ordner ├╝ber den Platz schleudern, die Tr├Ąnen abwischen.

Die T├╝r aufschliessen. Die Stiefel ausziehen, die Tasche hinwerfen, aufs Lenkrad h├Ąmmern.

Den Z├╝ndschl├╝ssel drehen. Die Scheibenwischer einschalten, das Licht. Den Gang einlegen.

Don\'t look back.




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Bluomo
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo sihl,

also erst einmal ein gro├čes Kompliment. Ein richtig guter Text, der fast sogar noch besser ist als ich das sage. Ich bin beeindruckt. Ich habe sogar ├╝berlegt dir eine 10 zu geben, aber ich kann aus Prinzip nicht. Nie eine 10, weil es Perfektion nicht gibt, nicht geben darf.

Aber genauer:
Die Sprache ist klasse, die Details sind richtig gut, bildlich, die Handlung klar strukturiert mit Hintergrund und Gedanken verbunden.
Besonders gef├Ąllt mir der Klang deiner Geschichte, sie hat einen ganz eigenen Stil, und sie singt. H├Ârt sich vielleich komisch an, aber hier kommt der Blues als Erg├Ąnzung dazu.

Das einzige, was vielleicht noch zu machen w├Ąre, w├Ąre die Personenbeschreibung etwas individueller zu beschreiben. Also nicht nur Wangenknochen, Kinn usw., sondern zu zeigen, was individuell ist, vielleicht Sommerspro├čen, Narben, irgend etwas.
Und vielleicht das mit dem Hitchcockfilm ├Ąndern, das einzige Detail, das ein wenig gegen die anderen starken Details abf├Ąllt.

Wenn du die Szene ausbauen willst, und ich bin mir nicht sicher, ob du sie nicht genau so lassen solltest- und mal an Magazine einschicken-, dann solltest du noch eine Moment vor der Szene dazu schreiben, aber nicht viel. Sondern das Sabbatical und den Hintergrund beschreiben.

Gruss

Bluomo

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Warne Marsh
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Sep 2005

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Dem schliesse ich mich an. Ja, die T├╝re kann sicher noch "besser" knarren und: "das metallische Scharren, wenn der Flipchart verschoben wird, wenn unbehaglich auf St├╝hlen gezappelt wird." Frage, nur ne Frage, ob wirklich beides gleich scharrt? Flipchart und unbehagliches St├╝hlezappeln? Wobei das fast schon kleinlich ist...

Warne-Gruss
__________________
"Alles ist Werk."

Ludwig Hohl

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sihl
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Aug 2005

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Vielen Dank f├╝r eure R├╝ckmeldungen und f├╝r die Blumen. Ich werde eure pr├Ązisen (und in meinen Augen ├╝berhaupt nicht kleinlichen) Hinweise aufgreifen und die entsprechenden Stellen noch bereinigen. Danach versuche ichs mal bei ein paar Zeitschriften - vielleicht wird ja was draus.

Sch├Ân, hier zu sein! :-)

sihl


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