Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87708
Momentan online:
272 Gäste und 4 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Immer nur Algarve
Eingestellt am 03. 03. 2006 15:13


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
HFleiss
gesperrt
Manchmal gelesener Autor

Registriert: Jan 2006

Werke: 99
Kommentare: 1313
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Wie wenn der Himmel sich nicht entscheiden kann, ob er blau sein will oder dunkelblau oder bleigrau, so h├Ąngt er ├╝ber der Stadt, ├╝ber der Stadt, die hier an der Hochbahn noch mehr Stadt ist als anderswo, wirklich schon verdammt genug Stadt, um aus ihr wegziehen zu wollen. Die U-Bahnen rattern vorbei, in beide Richtungen gleichzeitig, aber dem Park, in den ich gefl├╝chtet bin, macht das nichts aus, er ist gr├╝n trotz des unentschiedenen Wetters, das jetzt eher dunkelgrau wird, mit einem scharfen Stich ins Schwarze, das Geratter der U-Bahnen, das jetzt in ein Donnern ├╝bergeht, l├Ąsst ihn kalt.

Die Bank, die ich endlich ausgew├Ąhlt habe unter den vielen B├Ąnken weitab der Stra├če, wo es jetzt auch donnert, aber von den vielen Autos, die durch die Stadt jagen, ist erschreckend kalt, ich bedaure, mir kein Sitzkissen mitgenommen zu haben, das Sitzkissen von meinem Schreibtischstuhl, aber dann w├╝rde meinem Chef noch eher auffallen, dass ich meine Mittagspause um ein Weniges ├╝berziehe, mit Absicht ├╝berziehe, denn ich brauche das Gr├╝n des Parks, meine Augen tr├Ąnen, wenn ich den ganzen Arbeitstag lang nur auf den Bildschirm sehe. Ich mag keine Tr├Ąnen, nicht ohne inneren Grund. Der Bildschirm ist f├╝r meine Kollegen ├╝berhaupt kein Grund zum Weinen, sondern ein Grund zur Freude, sagen sie. Damit sie nicht jeden Posten einzeln ausschreiben m├╝ssen, sie klinken sich nur in die Liste ein, markieren, was sie brauchen, und schon steht der Posten auf der Rechnung. Scharf wie die Luchse sind sie auch darauf bedacht, nicht auf einen insolventen Kunden hereinzufallen, und deshalb haben sie ein Verzeichnis neben ihrem Computer liegen, das sie mit dem Zeigefinger absuchen, bis sie wissen, mit dem Kunden geht alles in Ordnung. Ich bin erst ein halbes Jahr hier, ich habe die Probezeit hinter mir, aber mir steht eine solche Liste noch nicht zu, erst nach zwei Jahren, sagen sie. Mich t├Âten ihre ewigen Reden vom letzten Urlaub an der Algarve, ich war noch nie an der Algarve und werde ihnen zum Trotz niemals an die Algarve in den Urlaub fahren, ich hasse die Algarve, obwohl ich sie nie gesehen habe. Ich ertrage meine Kolleginnen nur schwer, ich bin ihre Neue, ihre Au├čenseiterin, die sie brauchen, um einen Gespr├Ąchsstoff zu haben, wenn sie mal nicht ├╝ber die Algarve reden.

Jetzt kommt ein Wind auf, sehr unangenehm, ich h├Ątte mir die Jacke ├╝berziehen sollen, aber dann h├Ątten alle gewusst, die geht in den Park zur Mittagspause, der Chef hat es doch verboten, und das w├Ąre wieder ein Minuspunkt, ich hab gesagt, ich muss mal zur Bank, ein paar Mark abheben, daf├╝r hatten sie alle Verst├Ąndnis, und deshalb sitze ich jetzt hier und zittere.

Ich hab mir eine Flasche Milch bei dem T├╝rken gekauft, der seinen Obst- oder Waswei├čich-Laden nahe dem Park hat, der T├╝rke hat mich angesehen, als wenn: Was will die denn hier, und dann hat er mir die drei Cent Wechselgeld nicht herausgegeben, seine Rache an der falschen Kundin, n├Ąmlich einer deutschen, und ich hab nichts gesagt, hab mir die Milchflasche gegriffen und bin hinausgegangen ohne ein Wort. Das war unh├Âflich, aber zu diesem T├╝rken gehe ich nie wieder Milch kaufen, auch nicht mal einen Mittagsapfel, einen Jonasapfel, den mag ich am liebsten, und ich wei├č doch sonst nicht, wo ich auf die Schnelle mal was einkaufen gehen kann in dieser gottverlassenen Gegend, wo es nur Wohnbl├Âcke gibt und den Park und nichts sonst.

Die Milch ist gut, ich habe einen tiefen Zug gemacht, die halbe Flasche ist leer, schade, dass ich nicht wei├č, wie ich sie jetzt wieder verschlie├čen kann, das Silberpapier will sich nicht wieder raufklemmen lassen. Ich stell die offene Flasche in die Handtasche, angle mir eine Zigarette aus der anderen Taschenecke und hoffe, dass mir die Milch nicht in die Tasche kippt. Ich mache den ersten Zug und lehn mich auf der Bank zur├╝ck, die mir jetzt ein bisschen w├Ąrmer vorkommt als vorhin, da knirschen Schritte auf dem Weg, die Schritte n├Ąhern sich meiner Bank, und ich tu so, als ob ich nichts geh├Ârt h├Ątte, damit mich nicht irgendso ein Penner, von denen es hier massenhaft geben soll, haben mir meine Kolleginnen gesagt und dann gleich ein neues Gespr├Ąchsthema gehabt, n├Ąmlich ├╝ber Vergewaltigungen, damit mich also nicht irgend so ein Penner auf die D├Ąmliche anquatscht.

Es ist wie ein ├ťberfall, ein richtiger ├ťberfall, nur dass die beiden Frauen mir keine Pistolen vor die Nase halten, sondern breit l├Ącheln, und ich sehe, ihre Z├Ąhne sind falsch, es sind lauter Goldz├Ąhne, und pl├Âtzlich begreife ich: Zigeunerinnen oder Sinti oder Roma, aber ich kann doch nicht immer denken Sinti oder Roma, ich denk lieber k├╝rzer Zigeunerinnen, die sollen doch immer Goldz├Ąhne im Mund haben, das ist ihre Rente und ihre Lebensversicherung, falls es ihnen mal schlecht geht, dann lassen sie sich die Goldz├Ąhne ausrei├čen, und die Welt ist bei denen wieder in Ordnung. Die beiden sehen auch wirklich wie Zigeunerinnen aus, wie ich sie mir immer vorgestellt habe, mit langen weiten R├Âcken, bunt wie Pfingstochsen, zum Schreien, an ihren Fingern gl├Ąnzt es vor lauter Ringen, sie wollen mir mit ihrer Fingersprache etwas klarmachen, aber ich versteh nur Deutsch und Englisch, und so sage ich how are you, aber sie reagieren nicht, sie fuchteln mit ihren klappernden Armreifen vor meinem Gesicht herum, dass ich aufspringe, ich habe was gegen so engen K├Ârperkontakt.

Das h├Ątte ich nicht tun sollen, denn die beiden Frauen fangen nun an in meiner Handtasche zu w├╝hlen, und eine greift sich die offene Milchflasche, riecht dran und beh├Ąlt sie in der Hand. Ich stehe vor Staunen mit offenem Mund da, ich kann nichts sagen, aber die mit der Milchflasche redet und redet, ich versteh kein Wort, sage aber okay.
Das versteht die Frau, sie setzt die Flasche an und trinkt meine Mittagsmilch mit einem Zug aus, als sei es Rum oder Wodka oder so. Du gutt Mensch, sagt sie, als die Flasche leer ist, noch ein bisschen kurzatmig, gutt Frau, gutt Frau.

Die beiden bet├Ątscheln mich noch ein bisschen, und immer wieder gutt Frau, gutt Frau, auf Wiedersehn, auf Wiedersehn, sie winken, bis sie wie ein Spuk hinter den B├╝schen verschwunden sind. Ihre Stimmen h├Âre ich noch lange, sie reden sehr laut und lachen, vielleicht am├╝sieren sie sich dar├╝ber, dass sie wieder mal eine von diesen d├Ąmlichen Deutschen ├╝berrumpelt haben.

Nun muss ich aber machen, dass ich reinkomme, sonst gibt es wirklich ├ärger, ich seh schon die Blicke meiner Zimmerkollegin, die nur darauf wartet, dass ich einen Fehler mache. Sie ist sauer, weil sie mit der Bef├Ârderung noch nicht dran ist, aber zu ihrem ├ärger ich in diesem Fr├╝hjahr, sie muss noch ein halbes Jahr warten, und das vergisst sich nicht so leicht, ich muss mich wirklich beeilen.
Der Himmel will auch nicht mehr so recht, er ist jetzt schwarz wie Kohlengrus, mit dem der Weg bestreut ist wie im Winter bei Glatteis, der Wind frischt auf, er ist schon eine steife Brise, ich zittere wieder, verdammt ich muss rein, meine Mittagspause ist nun wirklich zu Ende, und ich habe sie noch nicht mal ein bisschen ├╝berzogen, keine zwei Minuten, ach was, nur knapp anderthalbe. Na, das war ein Spa├č, das mit den Zigeunerinnen, ich werde die Geschichte f├╝r mich behalten, wer wei├č, was bei meinen Kolleginnen dabei herauskommt, wenn ich sie ihnen erz├Ąhle. Die sitzen im Fr├╝hst├╝ckszimmer und quatschen wie immer von ihrem letzten Urlaub an der Algarve, da werde ich ihnen doch nicht ihren letzten Urlaub versauen und das von meiner k├╝rzlichen Bekanntschaft erz├Ąhlen. Wei├č Gott nicht.


Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!