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Leselupe.de > Erzählungen
In Krähes Supermarkt
Eingestellt am 21. 10. 2000 16:39


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Kathrien
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

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In Krähes Supermarkt

"Vielen Dank!" Ich verabschiede mich freundlich von der Frau an der Kasse. Ich habe mir angewöhnt, die Menschen persönlich anzusprechen, sie beim Namen zu nennen. Wenn ich ihn denn kenne. Die Mitarbeiter in Supermärkten haben diese kleinen Anstecker, auf denen ihr Name zwar viel zu klein, dafür aber umso unübersehbarer zu lesen ist.
Aber heute vergesse ich das.
Seit Tagen kann ich mich nicht mehr richtig konzentrieren.
In meinem Kopf schwirrt immer der gleiche Gedanken umher. Von rechts nach links, von oben nach unten, diagonal oder einfach kreuz und quer.
Dieser Supermarkt ist neu. Davor gehörte er einem kleinen alten Mann, den alle mochten und der liebevoll "Onkel Theo" genannt wurde. Aber der ist gestorben.
Lebensmittelvergiftung.
Macht sich nicht gut auf dem Grab eines Supermarktinhabers.
Alle waren traurig, als Theo starb. Er war bei allen beliebt und er gehörte genauso zur Stadt wie die berühmte Kirche. Ohne ihn wäre es nicht halb so schön hier.
Alle waren traurig, aber jetzt haben ihn die meisten schon vergessen. Vor allem die Frauen.
Denn der neue Besitzer sieht aus wie Brad Pitt, sagt meine Mutter.
Sie grinst immer, wenn sie mit den Einkaufstüten heimkommt.
Brad Pitt. Pah. Der ist höchstens ein Roberto Blanko-Verschnitt, der Herr Wiesenzeig. So heißt er.
Aber den mag ich nicht. Obwohl er wirklich etwas an sich hat, was mir gefallen könnte.
Alle Frauen sind verrückt nach ihm.
Sogar Gisela, die sonst so männerfeindliche Nachbarin meiner Oma, scheint es auf ihn abgesehen zu haben.
Heute bin ich etwas durcheinander. Aber das liegt bestimmt nicht an Wiesenzeig. Er ist ein Schönling. Ich nenne ihn Krähe und hasse sein Gesicht. Er grinst immer so.
Und schaut auf die Hintern von Frauen.
Seinetwegen bin ich bestimmt nicht durcheinander.
Ich gehe sonst nie einkaufen, aber seit Krähe und seine neuen Mitarbeiter den Laden schmeißen, bin ich gern dort.
Nicht, dass es jetzt so viel anders ist.
Nein, es ist genauso wie vorher. Bis auf das Haarspray. Das steht jetzt zwischen dem Klopapier und den Zahnbürsten, anstatt wie sonst gleich neben dem Shampoo.
Ich habe das Haarspray gesucht und weil ich es nicht gleich finden konnte, bat ich Krähe um Hilfe.
Er hat mir zu tief in den Ausschnitt geschaut und gesagt, er würde es mir persönlich nach Hause bringen, wenn ich mich mit ihm treffe. Und ich soll ihn doch Rico nennen.
Also Rico.
Er hat mit spanischem Akzent gesagt "Komme doch mit zu mir, Bella, du bist schön und ich kann dir zeigen, was man alles an einem Abend machen kann. Sehr romantisch wird es."
Er hat es umschrieben, was er eigentlich sagen wollte klingt schon anders: Komm, Baby, lass dich vögeln!
Perversling. Er hat seinen Namen zurecht. Krähe.
Ich habe ganz "aus Versehen" meinen 10kilo-Kartoffelsack auf seinen Fuß fallen lassen, mich entschuldigt und mir von einer freundlichen Mitarbeiterin mein Haarspray zeigen lassen.
Sie war sehr nett. Ich darf sie gern Magret nennen, wenn ich mag. Hat sie gesagt.
Magret ist etwa 45 und ziemlich klein. Und verdammt fröhlich. Man merkt gar nicht, dass sie Ricos Cousine ist.
Ich habe mich gleich mit Magret verabredet. Für heute abend.
Ach, jetzt weiß ich es: ich bin heute so durcheinander, weil ich mich auf Magret freue. Ich bin ziemlich aufgeregt.
Sie ist mir schon sehr wichtig, Magret. Meine Supermarkteroberung.
Als Bekannte natürlich. Ich stehe auf Männer. Männer, die anders sind als Krähe.
Magret in männlich, das wäre schön.
Mal sehen, was der Abend bringt.


Ich komme gerade von Magret. Sie hat eine schöne Wohnung. Hat mir alles gezeigt und gesagt, ich soll mich wie zu Hause fühlen.
Ich bin ganz angetan von ihrer Art. Sie ist sehr ehrlich.
Magret steht auf Frauen, das hat sie mir gleich erzählt. Sie steht dazu und möchte, dass es jeder weiß. Sie ist stolz darauf.
Sie hat mir gezeigt, dass zwei Frauen genauso viel Spass haben können, wie mit einem Mann. Wenn nicht sogar mehr. Das hat sie mich spüren lassen. Am eigenen Körper. Mit ihren zarten Händen. Und ich habe ihre Haare gerochen. Ihr Duft geht sonst unter, weil sie direkt neben der Wursttheke steht und wartet, dass sie helfen kann.
Tote Schweine riechen.
Ihr Duft wird überdeckt. Schade eigentlich. Weil sie gut riecht.
Ich muss zugeben, ich habe mich ein bisschen in Magret verliebt. Eigentlich dachte ich, ich stehe auf Männer.
Aber Magret hat es mir angetan. Sie bewegt sich so schön.
Ich glaube, wegen ihr bin ich so gerne in den Supermarkt gegangen.
Ohne, dass ich es gemerkt habe.
Magret ist eine tolle Frau und obwohl sie so viel älter ist als ich, glaube ich, wird das noch was mit uns. Oder gerade deswegen. Weil Magret ist eine Junge.
Sie hat gesagt, es gibt wenige Mensche, die auf so schöne Weise Fragen formulieren könne wie ich.
Das hat mich gefreut.
Und morgen gehe ich einkaufen. Hurra!

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Svalin
???
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Hallo Kathrien

Wie kommt's? Traut sich niemand mehr, deine Beiträge zu kommentieren? Den hier finde ich gelungen. Am besten haben mir die ironischen Stellen gefallen (Lebensmittelvergiftung, Duft-Wursttheke). Ich habe mich sehr amüsiert. Ich hoffe, daß war beabsichtigt :-)

Martin
__________________
Lyrik ist Logopädie im Zeitalter der Sprachlosigkeit. [Alexander Eilers]

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Ralph Ronneberger
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Hallo Kathrin,
das ist das Beste, was ich bisher von dir gelesen habe. Kann es sein, daß der Text nach Fortsetzung schreit?
Gruß Ralph
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Markus Veith
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Pers. Geschmacksnote: Drei mit Fragezeichen

Eine schöne Sprache, und da kann ich meine Vorschreiber nur unterstützen: Die Kleinigkeiten des Supermarktes gefallen mir wirklich sehr. Nur kann ich noch nicht ganz Krähes Rolle nachvollziehen. Der Spitzname paßt meines Erachtens nicht ganz auf diese Figur. Man meint wohl oft, wenn man diese Vögel sieht, sie würden einen angrinsen oder auch auslachen und die Parallele (wenn sie denn beabsichtigt ist?) Vogel <-> Vögeln paßt auch, doch machen Krähen auf mich einen eher unheimlichen Eindruck. Und unheimlich ist Rico eigentlich weniger. Eher schleimig. Doch das ist nur eine Kleinigkeit. Ich finde es ein wenig schade, daß du nicht mehr über den Supermarkt geschrieben hast. Ein ungemein wertvoller Platz für Literatur und ich fand die Wendung in der Geschichte zwar interessant, doch auch sehr irritierend. Außerdem kann ich die Handlung noch nicht ganz nachvollziehen. Bieten Supermarktmitarbeiter einem Kunden so spontan das Du an und laden sie zu sich nach Hause ein? Nun gut, beide wollten was von "Dir", doch hätte ich es fast noch eher nachvollziehen können, hätte es sogar noch interessanter gefunden, wenn sich die ganze Geschichte im Supermarkt abgespielt hätte. (Liebesspiele im Schweinefleischlager? Warum nicht? Dann käme auch der Duft ihrer haare noch mehr zur Geltung und man könnte wundervoll mit grotesken Kleinigkeiten spielen. - Lebende Körper neben toten Körpern, die später "vernascht werden", "zum Fressen gern" empfunden werden. Warum nicht?
Literarischen Gruß
Markus

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