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Leselupe.de > Erzählungen
In Romans Netz.Ein Liebestagebuch
Eingestellt am 11. 06. 2001 18:55


Autor
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dieterschlesak
Bl√ľmchendichter
Registriert: Feb 2001

Werke: 18
Kommentare: 6
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Einige Bemerkungen zum neuen Roman von Dieter Schlesak

Der neue Roman Dieter Schlesaks ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die r√§umlich getrennt sind und ihren Mangel an N√§he durch das neue Medium des Internets zu kompensieren suchen. Roman Templin, alternder Schriftsteller und Emigrant aus dem Osten, lebt im italienischen Exil. Er f√ľhlt sich nirgends zu Hause, zieht sich in die Einsamkeit zur√ľck und findet im Schreiben das Rezept "erl√∂st" zu werden aus seiner phantomartigen Existenz im Nirgendwo. Eigenartige Phantasien und Halluzinationen durchziehen ihn und er ist geneigt, ihnen Glauben zu schenken, bis diese sich konkretisieren in der Gestalt der dreiundzwanzigj√§hrigen Nadine, die er beim Chatten kennenlernt. Nadine, die "Marktleiterin" einer Lebensmittelkette im d√ľsteren Leuna ist und mitten im Leben steht, erweckt die Sehns√ľchte Romans wieder zum Leben. Der Schriftsteller - sein Vorname verweist zwingend auf den Schriftsteller - erlebt eine neue Leidenschaft, die sich durch das gegenseitige Mailen und Chatten schnell zu einer romantischen Liebesbeziehung entwickelt. Roman brauchte nur"seinen besten Freund" den Computer anzuschalten und er erlebte die "st√§rkere Wirklichkeit" die Nachricht von seiner Nadine, die ihm zum essentiellen Beweis seiner eigenen Existenz wird. Als Schriftsteller ist Schreiben f√ľr ihn lebensnotwendig, Schreiben aber, das sofort ankommt, beim Freund, bei der Geliebten, ist ... das LEBEN.
Die Kommunikation der Liebenden √ľber das Medium Computer wird immer intimer und offenbart die verborgenen Sehns√ľchte der Protagonisten. Die ursp√ľngliche Euphorie des zu einander gefunden habens, verkehrt sich nach einer Zeit unweigerlich in ihr Gegenteil. Die Abwesenheit des anderen im wirklichen Leben macht den beiden immer mehr zu schaffen. Die abstrakte, k√∂rperlose Gegenwart des anderen ist zwar unabdingbar, um die N√§he zu erzeugen, deren beide bed√ľrfen, sie ersetzt jedoch nicht die k√∂rperliche N√§he und die Ber√ľhrung des anderen in seiner jeweiligen Wirklichkeit. Sie bleibt gespenstisch, weil sie eine Gegenwart suggeriert, die √ľber die grosse √§u√üere und auch innere Entfernung hinwegt√§uscht.
"Dass ich einfach das schreibe, was ich tue, ist halbwegs wie eine Ersatzdroge!" Roman erlebt die Augenblicke der Erf√ľllung ebenso wie die Zweifel und Ern√ľchterungen einer Liebe, von der er getrennt ist durch eine "Mattscheibe". Diese Liebe, die ihm real erschien durch seinen "besten Freund", den PC, f√§hrt ihn durch s√§mtliche Phasen der Leidenschaft. Er pendelt zwischen √ľberbordenden Gef√ľhlen und tiefen Entt√§uschungen.
Nostalgische Erinnerungen kommen allm√§hlich in Roman hoch an die "wirklichen" k√∂rperhaften Liebesbeziehungen in seiner Jugend. Roman findet die alten Briefe von Hannah, die sp√§ter seine Frau wurde und es noch immer ist. Er liest auch seine Briefe an sie und erinnert sich an die Zeit, in der er noch hinter dem "Eisemen Vorhang" gelebt hatte. Da versp√ľrt er sie wieder, die fade Verkommenheit und das Eingesperrtsein, die Angst, dass die Stacheldraht-Grenze ihn und Hannah, die in Frankfurt lebte, sie f√ľr immer trennen k√∂nnte.
Die Gegenwart Romans ist jedoch ausgef√ľllt durch Nadine. In ihren elektronischen Briefen beschreibt sie die Zust√§nde in der ehemaligen DDR und ihre mutigen Versuche, die Hindernisse und Schwierigkeiten', mit denen sie Tag f√ľr Tag konfrontiert wird, zu meistern. Nadine passt sich nicht dem tristen Alltag in den neuen Bundesl√§ndern an, sie l√§sst sich nicht von der offenkundigen Sterilit√§t des Lebens anstecken. Die Liebe bleibt ihr als ein Hoffnungsschimmer. Jedoch die Absurdit√§t siegt am Ende. Der Abstand zwischen Roman und Nadine ist zu gro√ü. Die Liebe scheitert letztendlich. Aber da ist ja auch noch Hannah und der Satz, dass jeder des anderen Empfindlichkeiten, Schw√§chen, Macken, ja auch den jeweiligen Lover akzeptieren muss - machen wir uns nichts vor- das geh√∂rt zur Treue, ‚Äěwie das Salz zum Ei". So wird am Schluss auch das ganze k√ľnstliche Licht Romans in einer Gewitternacht gekappt, das Buch von der "Festplatte" gel√∂scht, und Roman bleibt zur√ľck, im Schein des leise knisternden und w√§rmenden Kaminfeuers.




Fragmente aus: Chatterleys in Romans Netz
Liebesbriefe Und die Vögellust


Zur√ľck zu "Chatterleys", der ganze Roman
(Meine homepage: Hier klicken )


Und er schrieb ihr auch gleich zur√ľck und immer mehr angesteckt, wie besessen von diesem Wunder, jedoch auch auf "Selbsterhaltung" bedacht, und im Versuch, sie in seinen Raum reinzuziehen, schrieb er leicht ironisch, als habe er immer noch nicht begriffen, da√ü es h√∂llisch ernst geworden war:

"Ja, mein liebstes nadinchen, ich stecke tats√§chlich tief in meiner arbeit, ich m√∂chte dir auch etwas von dieser arbeit schicken, damit du wei√üt, woran ich schreibe, und was mich so sehr besch√§ftigt, n√§mlich der andauernde abschied; au√üer dem naumburger liebesphantom hab ich auch noch ein anderes, n√§mlich ein todesphantom, und ich gehe also fast schon aus prinzip mit phantomen und mit abwesendem um; und du beschreibst mir daf√ľr deine mir so unbekannte, weil ebenfalls abwesende stadt, deinen f√ľr mich so schmerzlich abwesenden alltag, die weniger schmerzlich abwesende REWE, f√ľr die du arbeitest, und das vergiftete Leuna, wo du arbeitest? Ok! Ich kopiere dir mein abwesend-anwesendes Ich als einen schrieb f√ľr dich und schicks als attach file mit...
Ich k√ľsse dich, mein herz,
dein Roman!"
Und ihre Antwort:
"Du, mein liebster Roman, ach, ich hab deine mails erhalten, und war ganz wuschig, und hab geheult dabei. ich sitze wie so oft auch jetzt in meinem b√ľro in leuna und seh auf die zimmerdecke oder auf die zimmerw√§nde dieser bruchbude, die mal abgebrannt war; und sieht aus, wie zu schlimmsten ostzeiten, das sag ich dir! und wie eine traumwandlerin starre ich diese w√§nde hier an, an manchen stellen noch rauchgeschw√§rzt, brandspuren, das glaubst du nicht! starre darauf, bis ich meine, dass die sich zu drehen beginnen und ein loch entsteht, und ich da durchsehen kann, du oder wenigstens ein engel durchkommt oder vielleicht auch nur die sterne; du weisst, wie ich sie liebe, und das allersch√∂nste thema heisst: "du bist mein hellster stern!"
aber zur zeit, da habe ich oft so unertr√§gliches kopfweh! ist es der herbst jetzt und der viele nebel bei uns oder ist es das gift hier, so dass mir die augen tr√§nen, ich ganz geschwollene augen habe!? und ich frier ja auch oft in den kleidern, so dass ich mich bis zum hals zudecken muss, auch wenn es im zimmer ganz warm ist, zittere ich dann wie espenlaub, gestern wieder! ach, ich bin so allein, mein liebster, und will nicht allein bleiben; alleinsein tut so weh, seit meiner kindheit hab ich diese verletzliche stelle in mir gesp√ľrt. weisst du, woher das kommt, du hast ja immer danach gefragt, wie es ist mit meiner familie; ich hab nur eine halbe, und als kind bin ich so allein gelassen worden; es ist schrecklich, schatzi, meine mutter hatte versucht, sich das leben zu nehmen, wegen meines stiefvaters, der sie schlug, du musst es wissen: der brutale scheisskerl, der war doch gef√§ngnisw√§rter im stasi-gef√§ngnis "roter ochse" in halle! wenn ich da vorbeigehe, zittere ich noch heute bei diesem unheimlichen klobigen roten backsteinkasten, der verbirgt nichts, der ist aus angst gebaut, aus lauter nackter roter angst, und meine mutter hat damals versucht sich das leben zu nehmen, um diesem schwein zu entkommen, das sag ich dir! dieser mann hat sie ja andauernd verpr√ľgelt; ich h√∂r auch jetzt noch ihr weinen, ihre schreie, und alles verkrampft sich in mir! und ich seh es noch heute vor mir, und im traum kommt es immer wieder, meine mutter lag da und regte sich nicht; ich seh es immer vor mir: wie sie wachsbleich daliegt, wie sie von fremden m√§nnern in weiss abtransportiert wird, und dann, bei euch war es ja auch so, es war √ľberall im osten so: in eine heilanstalt eingeliefert wurde, in die zwangsjacke kam, gefesselt wurde; zwei jahre musste sie in der geschlossenen anstalt bleiben; ich kam zu meiner guten oma, der russischlehrerin; und ich sehnte mich so sehr nach meiner mutter, dass ich den ganzen tag heulen musste; ich war ja auch erst drei jahre alt!"
Um 16. Uhr war Schlu√ü im B√ľro; dann fuhr Nadine √ľber die Autobahn, oft recht rasant, in 45 Minuten √ľber Wei√üenfels bis Naumburg; ich hatte sie schon oft gebeten, vorsichtiger zu fahren ... bei dem Verkehr zur Sto√üzeit! Und ich hatte sie gebeten, auch das Handy nicht zu ben√ľtzen! Ja, Vati, sagte sie dann.
16 h 45 war sie zu Hause und konnte ihre mail losschicken, heute wieder wie jeden Tag:
"mein liebster Roman, es ist jetzt 17.00 uhr und ich habe endlich feierabend. es war wieder mal ein total beschissener montag. es ist der absolute saustall hier in leuna. normalerweise k√∂nnten die das haus abrei√üen, da ist einfach nichts mehr zu machen. mu√ü jeden tag 2 stunden fahrt in kauf nehmen (hin und zur√ľck). das einzig gute daran ist, da√ü ich meine ideen und meine kraft in diesen laden stecken kann.
m√∂chte so viel ver√§ndern und neu gestalten, da√ü meine zeit kaum ausreichen wird. als heute morgen 7.00 uhr der wecker klingelte, war ich am √ľberlegen, ob ich denn nicht im bett bleiben soll. es war so kalt und grau, da√ü ich mich qu√§len mu√üte, meine augen zu √∂ffnen. hatte dann diese nacht (wie jede nacht) einen wundersch√∂nen traum. la√ü mich ihn dir erz√§hlen: es war an einem samstag-nachmittag. ich schlenderte durch die stadt und sah mir die schaufenster an, ging in eine kneipe, um einen kaffee zu trinken, und tr√§umte so vor mich hin. ich beschlo√ü in unseren guten alten dom zu gehen. als ich so durch die r√§ume ging und mir alles ansah, √ľberkam mich eine seltsame wahrnehmung: ich hatte den geruch eines reifen und gutaussehenden mannes in der nase, und eine g√§nsehaut lief mir √ľber den r√ľcken, ein gef√ľhl, das mich zittern lie√ü, als w√ľrde mich jemand beobachten, nur da√ü keiner zu sehen war. mein bauch wurde ganz warm, ich fing an zu gl√ľhen, und dies wundervolle kribbeln zwischen meinen beinen schien kein ende zu nehmen. woher sollte dieses gef√ľhl nur pl√∂tzlich herkommen? ich ging weiter, und mein blick war nach vorn gerichtet. ein warmer atemzug durchfuhr mein haar, und ich wu√üte, da√ü du in meiner n√§he warst. du hattest deine h√§nde von hinten auf meine schultern gelegt, und mir mit deinen lippen den hals mit k√ľssen zugedeckt, mir ins ohr gefl√ľstert, da√ü ich dir folgen solle. wir betraten einen saal mit tausend brennenden kerzen und einer mit blumen bedeckten tafel. es gab rotwein und leise musik. wir standen uns gegen√ľber und sahen uns tief in die augen. ich dachte, ich werde gleich ohnm√§chtig, wenn nichts geschieht. du aber nahmst mich in den arm und k√ľ√ütest mich mit solch einer leidenschaft, da√ü es mir hei√ü und kalt wurde. wir streiften uns die kleider vom leib und streichelten √ľber unsere nackten k√∂rper. ich war bereit f√ľr dich, da√ü wir ineinander verschmelzen. legte mich auf die mit blumen bedeckte tafel. du tastetest mit deinen h√§nden √ľber meinen zitternden k√∂rper und k√ľ√ütest meinen mund, meine br√ľste und mein schwarzes dreieck. meine br√ľste wurden gro√ü und fest, aber doch ganz sanft. ich √∂ffnete langsam meine schenkel, du konntest meine feuchte v... sehen. dein glied wurde gro√ü und hart, wolltest ihn am liebsten in mich reinsto√üen. langsam beugtest du dich √ľber meine gespreizten beine und begannst mich ganz sanft mit deiner feuchten zunge zu k√ľssen. erst langsam und dann immer schneller. mein k√∂rper kr√ľmmte sich vor lust und ich fing an zu st√∂hnen, und zu schreien. dein schwanz war noch immer aufgerichtet, ich hatte das verlangen, ihn zu k√ľssen, zu lecken und zu saugen. nahm ihn zwischen meine lippen ... mein k√∂rper bebte, meine v... zuckte, ich wollte dich jetzt in mir sp√ľren. du stie√üt ihn ganz langsam aber tief in mich rein, ich schrie voller lust und ekstase und wir beide hatten einen gemeinsamen orgasmus. dein saft spritzte √ľber meinen k√∂rper, er war warm und wohlschmeckend, ich verrieb ihn auf meiner haut wie balsam. wir hatten uns ein liebesnest gebaut, wir kuschelten uns aneinander und schliefen engumschlungen ein.
so mein liebster, jetzt weißt du, wovon ich jeden tag und jede nacht träume.
im √ľbrigen habe ich ein eigenes reich. k√ľche und bad wird zwar geteilt, ich habe aber mein eigenes schlafzimmer, wie du wei√üt. und meine katze "charly", die mir trost spendet. es f√§llt mir schwer, mich selber zu beschreiben, du hast ja mein foto. aber ich will nicht, da√ü es deine phantasie zerst√∂rt.
ich habe deine zeilen tief in mich aufgenommen, war richtig fasziniert von dem, was du mir geschrieben hast. ich hatte das gef√ľhl, als w√§re es kein bildschirmfenster, sondern als w√§re dann das ausgedruckte auf papier und die tinte noch warm, warm von dir. ich m√∂chte noch mehr √ľber deinen doppelg√§nger und dich erfahren. du bist ein interessanter mann!
habe dich den ganzen tag in mir gesp√ľrt, bist immer um mich. es ist mittlerweile 22.00 uhr. mache erst einmal schlu√ü, werde sonst noch verr√ľckt, bin total erregt. tausend k√ľsse f√ľr dich.
in liebe deine
wilde nadine
ps: schreib schnell zur√ľck!!!"
Ist das möglich, dachte Roman, habe ich ihre Träume gelenkt? Vorige Nacht, hatte ich es doch als Experiment probiert: ein gefährliches Spiel, sah Nadine in meinen schwarzen Spiegel, es war das von meiner Schreibtischlampe erleuchtete nächtliche Fensterglas, hatte sie hierher zitiert ... Nadines Gesicht genau vor mir...
Und sah im mailserver nach, war hocherfreut, - wie immer ein kleiner gl√ľcksschreck... schon wieder kam ein Brief von ihr an:
"2 Uhr nachts. mein liebster roman, habe dich gestern nacht auch im eden gesucht. es war gegen 22.00 uhr, eine stunde lang habe ich es probiert. ich war traurig gewesen, hatte schon wieder panik, daß du weg bist. war heute bis 17.00 uhr arbeiten, der totale horror. bin jetzt nicht mehr marktleiter sondern stellvertreter, solange bis ich meinen eigenen markt bekomme, und das kann dauern. sonst schießen hier die gebäude wie pilze aus dem boden, und wenn's mal schnell gehen soll, läuft nichts. da muß ich durch, solange wie der rubel rollt. der laden war mal bis auf die grundmauern abgebrannt, doch statt ihn abzureißen und neu aufzubauen, wurde er nur provisorisch zusammengeflickt. zustände wie in tiefsten ostzeiten. bin froh, daß wenigstens du zu mir hältst. spiele ja mit dem gedanken, mich in den westen versetzen zu lassen. naja, abwarten und tee trinken. das erstmal zu meiner tätigkeit; werde dir noch einen brief schicken, damit es nicht wieder so ein langer wurm wird.
hab dich von herzen lieb
deine nadine!"
"Meine liebste Nadine, nochmals deinen wunderbaren traumbrief gelesen.
Es kribbelt ganz sch√∂n auch in mir, eine fr√ľhlingshaftes w√ľhlen, krud wie ganz frisches gr√ľn, das ich seit langem nicht mehr gesp√ľrt habe, verschl√§gt mir den atem, macht kopf, k√∂rper und schwanz hei√ü und ungeduldig, zugleich so wahnsinng freudig, da√ü der tag davon √ľbergl√§nzt wird; doch mach ich mir sorgen, wie das weitergehen soll, da unsere realit√§ten so ungeheuer weit voneinander entfernt sind!
Trenn mich jetzt schwer von dir, umfasse dich ganz, k√ľsse dich, Dein Roman!"

*
Doch diese Therapie half nicht viel, ich mu√üte auch heute andauernd an Nadine denken; und zum Abschlu√ü des Tages schrieb ich nat√ľrlich nur an sie, und schickte den Brief gegen 1 Uhr ab:
"0 h10. Meine Liebste, Wei√üt du, welches jetzt mein gef√ľhl f√ľr dich ist? Solch eine gro√üe r√ľhrung und eine z√§rtlichkeit, die alles aufl√∂st, ein tiefes flie√üen ‚Ķ
Schau, - alles, was noch einmal kommen wird,/ ist f√ľr mich so,/ als ob es l√§ngst verging.
Abschied, abschied, abschied liegt in der luft, als ob alles längst vergangen wäre. Und die sonne sieht auch so fahl zum fenster herein, als wäre es längst winter…
Und da kommt wieder mal von Rilke eine einsicht auf mich zu, als könnte ich dir und mir doch noch ein letztes abschiedsgeschenk machen! Denn das ist Schuld, wenn irgendeines Schuld ist: die Freiheit eines Lieben nicht vermehren um alle Freiheit, die man in sich aufbringt. Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies: einander lassen; denn daß wir uns halten, das fällt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.
Ich warte auf deine mail, meine letzte hoffnung, daß alles nur ein mißverständnis war!!!
Dabei bin ich es, der begonnen hatte, diesen ton anzuschlagen!
Dein niedergeschlagener Roman!"
Es war spät, sie war krank, und doch fand sie noch die Kraft zu schreiben:
"1h55. mein liebster, ich wei√ü, da√ü ich dich gekr√§nkt habe, aber es ist nicht meine absicht gewesen. es ist nur so, da√ü ich mich sehr schlecht f√ľhle und ich nicht wei√ü, wann mich meine letzten kr√§fte verlassen. ich habe unheimliche kopfschmerzen und mein ganzer k√∂rper schmerzt, meine augen sind entz√ľndet und die nase l√§uft. mit denkpause meinte ich eigentlich nur, da√ü ich mich in meinen briefen nicht mehr auszudr√ľcken wei√ü. du bist autor, du wei√üt wie man richtig schreiben kann.
ich will dir nur eines sagen, ich hätte schon längst etwas gesagt, wenn ich schluß machen wollte. bin gar nicht fähig, jemanden einfach so abzuservieren. ich liebe dich noch immer, und es wird keine schmerzliche trennung geben. hoffentlich glaubst du mir endlich, und gibst mir etwas zeit, um mich richtig zu erholen. mir dreht sich alles im kopf, habe unheimliche kreislaufstörungen.
Ach, √ľbrigens, ich schlafe immer alleine. habe noch nie jemanden mit zu mir nach hause genommen. ich liebe dich und du fehlst mir, gerade jetzt, wo es mir sehr schlecht geht. eins sollst du wissen, ich bin kein egoist.
alles liebe und tausend k√ľsse
deine diana!!!"
"2h30. Ach, mein liebstes sch√§tzchen, du mein herzchen, ich bin so froh und gl√ľcklich, da√ü du mich liebst und meiner liebe entgegenkommst, alles weitergeht. Und nur ein mi√üverst√§ndnis war. Ich sitz da und kann nichts f√ľr dich tun! Du armes kindchen liegst da und bist krank, und ich verlange von dir heftige liebesbeweise. Als w√§re ich wahnsinnig, ja. Hast du irgendwelche medikamente genommen, zumindest aspirin gegen das kopfweh, und efortil gegen die kreislaufst√∂rung, vielleicht kommen ja schon wieder die tage. Oder hast du dich bei dem sauwetter elend erk√§ltet? Ich f√ľrchte aber die Krankheit hei√üt Leuna, und hat wenig mit dem Wettergott zu tun!
Leider kann ich dir die medikamente nicht √ľber mail schicken. Ich hab √ľbrigens auch t√§glich starkes kopfweh, so denk ich dabei an dich. Hier ists ungew√∂hnlich kalt, um die null grad. Die armen blumen im garten leiden. Daf√ľr gibt‚Äôs einen wunderbaren klaren himmel mit einem sichelmond.
Kannst du an den pc? Ich schicke dir hier auch eine andere trauermail aus meinem zustand von vorhin mit, ich war total down und hab mich nur so gerettet - durch aufschreiben. Ich glaube, es ist einiges sch√∂nes da drin zu lesen, so schick ichs mit, aber alles ist gottseidank √ľberholt!
Nur ists ja allgemein so in der liebe, da geht es auf und ab, und am schlimmsten ist das "hangen und bangen" und das st√ľndliche sichvergewissern wollen! Als k√∂nnte der liebeslebensfaden in jeder sekunde durchschnitten werden...
Am liebsten w√ľrde ich auch heute im eden mit dir reden. Doch du liegst wahrscheinlich kaputt im bett, solltest ausruhn. Nimmst du vitamin c? rauch jetzt bitte nicht! Und ruh aus, schlaf viel! Und i√ü, wenn du kannst, etwas warmes. Kann dich nicht deine schwester ein wenig betreuen? Oder deine mutter? Mu√üt du am montag wieder raus? Kannst du dir keinen urlaub geben lassen?
Ich bin in gedanken und mit dem gef√ľhl ganz bei dir, denke unaufh√∂rlich an dich! Gehe mit dir um. Jetzt ganz froh und lieb und gef√ľhlsstark. Sp√ľrst du es, vielleicht hilft auch dies?!
Ich habe √ľbrigens meine mail genau in dem augenblick geschrieben, als du deine schriebst?!
Oh, du mein liebstes Dinchen, ich dr√ľcke dich ganz fest und z√§rtlich an mich, halt dich warm und heile deine seele - lege jetzt meine hand auf deine stirn und deinen armen schmerzenden kopf.
Ich liebe dich sehr, Dein Roman!"
3h nachts. Es ist unm√∂glich jetzt zu schlafen. Was tun, Bilanz ziehen? Die Sonne war auch heute wie jeden Abend als riesiger Ball neben dem Dorf Pedona untergegangen, ein sch√∂nes Schauspiel und doch so komisch veraltet - jeder Sonnenuntergang tut so, als w√§re nichts geschehen. Vergangen. Nichts gewesen! Alles kommt mir pl√∂tzlich hier so fremd und wie eine riesige sch√∂ne T√§uschung vor, als geh√∂rte ich nicht mehr hierher in diese toskanische Landschaft, als geh√∂rte ich in jene verlassene vergiftte Kopfwehgegend, wo du bist! Wirklich, was habe ich hier in diesem fremden Land verloren. Ich wei√ü es, ich bin ja gar nicht hier. Ich bin bei ihr, und bin hilflos ... ein Egoist? Ihre entz√ľndeten Augen kommen aus einer anderen Landschaft, sie sind nicht vom Weinen, nicht von der Liebe ger√∂tet... das Gift kommt aus einer trostlosen Vergangenheit und hei√üt: LEUNA! (Und heute werden jetzt miese Gesch√§fte damit gemacht. Denk ich an Deutschland in der Nacht... Ach, Heine!)
Mal kalt mal hei√ü. Und sie hatte mir anfangs nichts von ihrem Zustand gesagt; wieder sp√ľre ich diese Kluft, das schnelle Medium, das Blitzen, und die eigentliche K√∂rperexistenz, ach, so weit entfernt: es ist ihr andauernd schlecht, und zum Kotzen, der ganze K√∂rper tut ihr weh, Fieber, die Nase rinnt unaufh√∂rlich. Und heute nacht dieser Kreislaufkollaps. Sven rief den Notarzt. Der gab ihre eine Spritze, fragte, ob sie denn seelische Probleme habe. Und das sagte er, w√§hrend Sven danebenstand! Die gute ernsthafte Diana, wahrscheinlich h√§tte sie es getan: sie dachte, ich w√ľrde mich sofort ins Auto setzen und zu ihr kommen: 1500 km unaufh√∂rlich fahren, um ihr zu helfen! Und nachts kam ich dann wenigsten per Telefon zu ihr, streichelte sie, liebte sie, hielt sie im Arm, fl√ľsterte mit ihr. Und es tat ihr gut, sie atmete ruhig und wie erl√∂st seufzte sie mehrfach auf! Wars eine Art Therapie?!
Es ist eine Unart, da√ü wir vor lauter Denken und innerer Bewegung, weder das Gift dort, noch diese harmlosen Boten: das Donnern in der Ferne, die D√ľsenjets von Pisa, die k√ľrzliche Explosion in Massa wahrnehmen - die Flederm√§use - auch sie als Boten der Nacht, des Endes, des Unheimlichen sind ebenfalls veraltet und fast ausgestorben. Das, was wirklich geschieht, bis hinein in den Salat, die Pilze, die wir ja essen, ist unsichtbar. Die neue Strahlung! Und werde Dinchen mein Gedicht schicken, dies:
Sieh, alles √ľberholen sie
die Erde geht als Ball schon
ins Exil
Glaubst du vielleicht
es reimt sich noch
denn was du sahst und glaubst und hoffst
war viel zu viel
Die Zeiten ändern sich
entdecken schneller jetzt
daß dieser Ball kein Fest
Nichts als ein Schein
womit du jetzt bezahlst
Der Tod ist wahr und
Wissen wichtiger als Erde
und alles wird da unter
deinen Sohlen schon global
Die Sinne zählen nicht
wer fr√ľher in die Themse fiel
erstank normal, Pariser Häuser
waren vom Urin zersetzt
die Nase vom Geruch das Auge
stach der Kot der Gassen
Jetzt aber ists so schön vernetzt
was soll der Vers, schreib
eine Formel auf, Chemie im Brot,
dem Wein von gestern Abend
der kleine Bauer: auch
beim alten Abendmahl und
das Atom, du siehst es nicht,
ist wirklicher als jedes Jetzt
der Körper krank der Tod täglich
normal
Ist auch die Liebe auf diese Art, wie wir, Nadinchen und ich, sie betreiben, √ľberholt, auf dieser kleinen humanen sinnlichen Ebene?! Harmlos und klein wie diese Flederm√§use sind! Nur Mutter hatte sogar hier Angst vor ihnen! Und sie schrie, als sie eine tote Fledermaus im Schlafzimmer entdeckte, als w√§re es tats√§chlich ein verkappter Vampyr. Man sieht sonst diese kleinen Wesen (wenn man sie sieht...) vor den hellen Konturen der Berge wie tropische V√∂gel lautlos herumschwirren. Und mit ihnen kriecht m√§rchenhaft die D√§mmerung hinter dem Haus gen Westen, dem Meer zu, wo am Abend dann wie vor Tausenden, Millionen Jahren: tiefrote Wolken den Widerschein der Sonne in gro√üen Gesichtern spiegeln. Und von den Wegen am Brunnen h√∂rt man, wie vor Jahrhunderten auch, wie sich zwei B√§uerinnen √ľber das Tal hinweg in rufendem Ton unterhalten. Diese Idylle erscheint mir unertr√§glich. Doch meist war sie tr√∂stlich gewesen wie ein Bild, das aus der Kindheit hier vergessen worden war, als g√§be es noch rauchende Bauern auf ihren B√§nken und Steintreppen vor dem Haus, Glocken aus dem Dorf. Ein Gebimmel. Wieder ist jemand (erstaunlich: den alten Tod!) gestorben. Und es gibt diese Bauern vor dem Haus wirklich noch, ich kann sie vor mir sehen, mit ihnen reden, und h√∂re sie. Es kommt mir jetzt vor, als s√§he ich einen Film. Doch das innere Rumoren nimmt nicht ab; ich bin nicht hier... es ist halb vier... Da, jetzt ihr Anruf: Es geht ihr schrecklich schlecht ... ich tr√∂ste sie, spreche ihr gut zu, streichele sie in Gedanken, fl√ľstere mit ihr. Es tut ihr gut!
24.11. Gegen 10 Uhr kam schon ihr Gruß: "Guten morgen, denke an dich. Deine diana."
WAS SICH SO UNSEREN AUGEN ZEIGT, T√ĄUSCHT!
Roman hatte das fade Gef√ľhl, als w√§re alles v√∂llig sinnlos gewesen, was er hier erlebte, so abgelegen, zu "sch√∂n"! Und Nadine und ihre Krankheit? Nadinchen irreal wie eine Kindheitserinnerung! Ihr Leben, zu dem er nicht geh√∂rte! Und er erinnerte sich pl√∂tzlich an dieses lange Nachttelefonat aus der Wohnung seiner Mutter, an Nadines Anrufe in Allerherrgottsfr√ľh aus Leuna, das war am 13. November um 5,30, also vor 10 Tagen gewesen, er lag im Bett, den H√∂rer am Ohr, sie dort an der Kasse oder in ihrem B√ľro vor dem Computer, fahl der Morgen: Und sie sprach von der Spritbude, der halbabgebrannten Ostbaracke: "Nu ja, jetzt ists noch leer, doch bald kommen dann die Alkoholiker, schlie√ülich gibt es hier an die 100.000 Arbeitslose..." Sie sagte es mit ihrer frischen jungen Stimme: "Die Regale sind verrostet und verrottet, ich dachte anfangs, da fall ich in Ohnmacht, du glaubst es nicht. Auch meine Mutter hat ja hier gearbeitet, jetzt ist sie beim Finanzamt, meine Gro√üeltern haben hier gearbeitet. Und jetzt, ja, jetzt torkeln die ersten Besoffenen rein und kaufen Fusel, die essen nichts, die saufen nur! Brot, Yoghurt und Gem√ľse geht ja hier ganz gut, doch nicht so gut wie Fusel und Tabak. - Aber mir tr√§nen die Augen schrecklich, sind ganz rot entz√ľndet. Hab zwar Augentropfen, darf sie aber nicht zu oft reinziehen!"
Und der Grund hier, schwarz und w√ľst, die Arbeit und das Verlangen... im Dreck... L√ľge und Liebe... Hupen der Lieferwagen ...
*
Roman sprang auf, fl√ľchtete, um bei "Sinnen zu sein", wieder Sinn herzustellen, sagte hastig: "Ich mu√ü aber jetzt gehen, die Arbeit ruft."
"Du bist krank," sagte Hannah: "Ein Mann aus lauter W√∂rtern, da graust¬īs dir."
"Ich kann meine tiefsten Träume nicht vergessen, muß sie abarbeiten", sagte er zweideutig: "Manches tut weh! Muß auch an meinen Personen arbeiten, ihnen was mitteilen, mit ihnen umgehn! Sie lieben oder hassen! sonst kann ich es hier nicht aushalten!"
"Du leidest an Verfolgungswahn", sagte Hannah sp√∂ttisch, "du bist in einem ganz anderen Sinne wahnsinnig! H√§ltst du denn deinen Roman f√ľr wirklich? Hast es ja selbst inszeniert, es kommt alles aus dir." "Eben". Wer anderes als du soll das alles und nur deinetwegen inszeniert haben? Wieder diese Egomanie, immer nur Ich, ich, ich!"
"Es hat vielleicht gar nicht stattgefunden, ich habe es nur geträumt, wie ich dich jetzt träume, dich gibt es gar nicht, der Film, der jetzt vor mir abläuft, ist mein Film, der vor dir abläuft, ist dein Film, wo sie sich treffen... auch im Bett, nicht!?"
"Vielleicht hat Michum doch recht, und du solltest f√ľr einige Wochen wenigstens in die Privatklinik seines Freundes Domenici gehen. Das ist doch eine Villa, nicht viel anders als dein Segromigno oder Catureglio ..."
Hat sie das nun ernst gemeint oder macht sie sich √ľber mich nur lustig, dachte Roman: vielleicht will sie mich aber auch wirklich nur f√ľr einige Zeit loswerden, um es ungest√∂rt mit Luca treiben zu k√∂nnen! Da gibt es schon einen Komplott. Auch Rut unterst√ľtzt sie. Sie wollen mich loswerden‚Ķ
Und er ging mit finsterem Gesicht die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer.
"Hoffentlich endest du nicht noch als schreibender Paranoiker!" rief ihm Hanna erbost nach!
Roman freilich wollte nichts anderes, als weg aus dieser "Au√üenwelt", er wollte seinen Traum weiter spinnen, der "wirklich ablief, nicht wie fr√ľher nur auf dem Papier", er wollte sein Phantom, und die "st√§rkere Wirklichkeit", und er schaltete dazu seinen "besten Freund", den PC an:
Und da kam schon die beruhigende Nachricht: "Es geht mir schon viel besser; hab auch einen langen spaziergang gemacht. Fahr zu meiner mutter!"
Wehmut packte ihn. Sein erster Impuls war, ihr wieder zu schreiben! Doch es hatte wenig Sinn, sie war ja bei ihrer Mutter.

*
Ich hatte mir strikt verboten, "Literatur" zu machen, irgendetwas zu erfinden.
Fr√ľher war es das Schreiben, das ein wenig befreite, sogar erl√∂ste. Als letztes Mittel: Der Schlaf. Und jetzt? Ja, ich LEBE, ich bin verbunden, ja, angebunden, mein Gef√ľhl, mein Bewu√ütsein, mein Verlangen geht nicht ins Leere oder nur aufs Papier! Und auch das Geschriebene kommt sehr schnell, oft nur Sekunden sp√§ter bei Nadine an! Und sie liest es noch warm von meinen Gedanken; unsere Gef√ľhle vermischen sich wie in einer Umarmung!
Sogar Goethe soll am liebsten Briefe geschrieben haben, den Dialog mit einem abwesenden Freund, den intimen Briefraum sch√∂ner als das st√∂rende Zusammensein angesehen haben; denn das geschriebene Werk auf Papier entfernt sich von allen Freunden, ja, von allen Menschen, ist einsam; Schreiben aber, das sofort ankommt, beim Freund, der Geliebten, ist... das LEBEN! Und dieses merkw√ľrdige Vertraute im Fremden ist dann wie ein Kurzschlu√ü; mit Ornella ging das √ľber ihre Kunst, √ľber meine Gedichte, da kamen wir uns umweglos gef√§hrlich nah, in k√ľrzester Zeit; und jetzt ist es das Netz, das Chatten, das Mailen.

Nachts rief mich Nadine an; sie war ganz aufgeregt und sagte, sie sei schrecklich eifers√ľchtig auf Hannah, mit der ich doch immer zusammen sei und immer alles teile! "Doch deine Frau, die war ja vor mir da", sagte sie, "ich will keine eifers√ľchtige Kuh sein."
Hat sie nicht recht, auf Hannah eifers√ľchtig zu sein? Ich werde Hannah nie verlassen, sie ist und bleibt mein Leben. Auch sie hatte mir einmal gesagt: "Ich werde dich nie verlassen. Wir haben uns dies Leben, diesen Lebenstil aufgebaut, wir sind in diesem Leben f√ľreinander bestimmt!"

HANNAH
Ich hatte dann in unseren alten Briefen gelesen, und war erstaunt, wie heftig unsere Liebe gewesen war; da√ü man das so vergessen kann?! Nostalgie kam hoch. L√§√üt sich jetzt hier ein Bogen zu unserem Anfang schlagen? Zu jenem Jahr, als ich wieder zur√ľck in den Osten gefahren war, damals, als wir durch die Stacheldrahtgrenze getrennt gewesen waren, wir uns schrecklich einer nach dem andern gesehnt hatten, wu√üten, da√ü wir uns lieben, hatte sich noch nicht alles in unserem Leben entschieden, und wir blieben skeptisch und vorsichtig, beide; hat das uns auch die jahrzehntelange harte Alltagsprobe mit allen Verletzungen √ľberleben lassen? Sp√§ter erst wurde es klar, da√ü heute, schon der h√∂llischen Zeit wegen, die gro√üe Sehnsucht nicht erf√ľllt werden kann, all die Schuld durch sie durchgeht, eine Zentnerlast auf jeder Liebe liegt! Und ich las in den Anfangs-Briefen, wo noch soviel Hoffnung gewesen war, mein Gott, welche √Ąhnlichkeit mit den heutigen Briefen des hochfliegenden Anfangs; wie seltsam:
"Ffm, 22. 10. 79. Mein liebstes Fickm√§nnchen", hatte Hannah damals geschrieben, "meine erotischen Alptr√§ume lassen mich auch am Tag nicht mehr los, und ich bekomme merkw√ľrdige Anwandlungen. Diese krankhafte Sehnsucht nach Dir steigert sich im selben Ma√ü, wie meine Abneigung allen anderen M√§nnern gegen√ľber, weniger als je zuvor w√§re ich f√§hig, mit einem andern Mann vertraulich zu werden, im geistig-seelischen Bereich ebenso wie im erotischen, der bei mir ja vom ersten bedingt ist! Dabei sehe ich immerhin noch unvoreingenommen genug, da√ü andere M√§nner Eigenschaften haben, die mir gefallen und die Du nicht hast. Diese Rechenexempel sind saubl√∂d. Schlie√ülich hast du ja unz√§hlige Eigenschaften, die ich einmalig finde und liebe. Jedesmal, wenn ich anfange √ľber Dich nachzudenken, komme ich schnell zu dem Schlu√ü, da√ü ich ein himmlisches Gl√ľck gehabt habe, Dich zu finden ‚Äď und das jetzt ohne die elektrischen St√∂√üe, die, wenn Du neben mir w√§rst, sowieso jeden Gedanken an ein Leben ohne Dich im Keim ersticken w√ľrden. Wo entsteht Liebe, im Kopf? Ich glaube nicht. Sicher ist, da√ü ich sie √ľberall empfinde und kaum atmen kann vor Liebe. Liebster, diese Spannung darf nie nachlassen. Wir m√ľssen uns immer h√ľten, mit unseren Gef√ľhlen in einen Alltagstrott zu fallen. Wir m√ľssen gegenseitig immer wieder die Liebesphantasie neu zu erregen versuchen, uns immer neu erobern und nichts erzwingen, vor allem nicht schlampig werden in unseren Gef√ľhlen. Wei√üt Du, trotz dieser schier unertr√§glichen Tortur bin ich sehr gl√ľcklich ‚Äď ich glaube, gl√ľcklicher als je in meinem Leben -, weil ich eine sehr starke Hoffnung habe. Vielleicht scheitern wir, und diese Zeit der Hoffnung war die sch√∂nste Phase. Obwohl ich das nicht glaube. Wenn es √ľberhaupt einmal zu Ende geht, dann wahrscheinlich erst, nachdem wir alles aus uns herausgeholt haben. Und davor geschehen in meiner Phantasie noch ganz gro√üe Liebesdinge. Stell Dir doch vor, was wir noch alles vor uns haben, reicht die Freude dar√ľber nicht aus, die Qualen vollends zu √ľberstehen? Das, was wir hinter uns haben an Liebeserlebnissen, ist schon ein ganz bemerkenswerter N√§hrboden f√ľr gro√üe Phantasieblumen.
Es ist mir komisch zumute, hier an meinem Schreibtisch zwischen so viel b√ľrokratischem Kram Dir Liebesbriefe zu schreiben. Aber wo immer ich mich befinde, denke ich an Dich, rede ich in Gedanken mit Dir. Wie oft wir im selben Augenblick an dasselbe gedacht haben?! An eines sicher sehr oft: daran, wie wir uns zitternd vor Erregung umarmen, uns aufs Bett werfen und in einen stundenlangen Liebestaumel versinken. Was aber, wenn wir nicht taumeln, n√ľchtern bleiben, weil wir uns jeder in einer andern Schale eingenistet haben? Ja, da bleibt nichts anderes √ľbrig, als diese Schalen zu zertr√ľmmern, wir wissen ja, wer darin sitzt. Soweit ich es selbst beurteilen kann, ist bei mir nicht soviel Schale herumgewachsen wie das letzte Mal. Ich komme mir selbst vor, als h√§tte ich um meine Nervenenden keine Haut. Ich glaube, Du wirst schnell direkt in mich hineinkommen! Ich bin gespannt, wie das bei Dir ist. Es w√ľrde mich nicht wundern, wenn Du total verkorkst w√§rst nach all dem, was du dort im Osten erleben mu√ütest. Da wird dann so eine seelische Neu-Geburt n√∂tig sein.
Ich frage mich, wie Penelope das ausgehalten hat, obwohl ich sie heute schon besser verstehe, als vor einem halben Jahr. Ich glaube, auch so ein mannstolles Weib wie ich, kann so weit kommen, solang das Vertrauen oder wie soll ich sagen, der Glaube an den Mann nicht ersch√ľttert wird. Aber hart ist die lange Trennung trotzdem, ich m√∂chte sie nicht noch einmal erleben."
DAS MIT DEM SCHLECHTEN OMEN einer starken Anfangsliebe stimmt bei Hannah und Roman nicht. Denn ihre Liebe war nicht allt√§glich, schon nach einer kurzen, nur tagelangen Trennung, wenn einer verreiste, meistens war er es, der in andere St√§dte zu Funk und Verlagen fuhr, ging es los mit geradezu verr√ľckten Sehns√ľchten, stundenlangen Telefonaten und seitenlangen Liebesbriefen wie diesem:
"Frankfurt, Montag, den 3.2.79. Mein wahnsinnig geliebtes M√§nnchen, ich bin gerade in Ffm. angekommen und beeile mich, Dir die Post nachzuschicken. Untreu kann ich Dir auch nicht sein, es geht einfach nicht; was soll ich nur machen, bis Du endlich wiederkommst!? Ich habe schon Alptr√§ume, da√ü Du √ľberhaupt nie mehr zu mir zur√ľckkommst, und im Traum sage ich dann, das w√§re wohl das Beste f√ľr Dich! Im Wachzustand bin ich nicht mehr so selbstlos und sehne mich nach Deinem Vlies da oben, da√ü ich laut schreien m√∂chte, und nach Deiner ganzen Bekenntnisschei√üe, und √ľberhaupt nach allem, was Du bist, so da√ü ich merke, wie arm ich ohne Dich, wie ganz, ganz arm ich dann bin; was soll ich nur dagegen machen, es ist doch gar nicht gut, da√ü ich Dich so wahnsinnig liebe. Wehe Dir, wenn Du heute abend nicht anrufst! Gestern habe ich oft versucht, mit Dir zu telefonieren! Aber Du hattest mich vollkommen vergessen. Ich k√ľsse Dich, ich bei√üe Dich mit allen meinen wackligen Z√§hnen, und ich kratze Dich, und dann k√ľsse ich Dich wieder. Und komm doch endlich!!! H."
Ich wei√ü nicht, wer sich heute noch jenen Zustand der Angst und des Gef√§ngnisses im Kopf von damals vorstellen kann, als w√§ren Jahrhunderte vergangen, seit Roman im damaligen Westen nur zu Besuch sein durfte, und er sich in diesem Gebiet bewegte, als w√§re er andauernd einige Zentimeter schwebend √ľber dem Erdboden, nervenaufreibend jeder Tag, kaum auszuhalten die Unruhe in jener - von der Polizei - zugemessenen, ja, von ihr gestundeten Zeit, die sehr kostbar schien, und die er m√∂glichst intensiv n√ľtzen wollte; daher war er auch nach Italien, vor allem nach Rom und in die Toskana gefahren, nach Paris, nach Lissabon, nach Griechenland. Er war damals noch jung, und so konnte er diese seelische und auch k√∂rperliche Strapaze, samt den Beh√∂rden- und Pa√üschikanen, relativ gut √ľberstehen. Und Hannah, die er in Frankfurt kennengelernt hatte, half ihm, reiste meist mit. Sie sah nun nochmals alles mit seinen Augen und mit kindlich-naivem Erstaunen die ihr l√§ngst bekannten Gegenden, wunderte sich, wie frisch die Eindr√ľcke noch sein konnten.
Sie waren ja damals auch in Lucca und in jenem Teil der Welt, den Roman "den Westen" nannte, und der ihm wie verzaubert, wie ein freies Märchenland vorkam, nur zu Besuch gewesen; er hatte im Pass ein gestempeltes Datum, es kam ihm wie ein Todesdatum vor! Er hatte die Erlaubnis also, nur kurzfristig wirklich zu leben und "frei" zu sein. Vielleicht hat auch dieses Märchen der Freiheit dazu beigetragen, daß er in Italien leben wollte, als wäre Italien so etwas wie ein Eden, ein Traum gewesen; und trotzdem hatte er gleichzeitig furchtbares Heimweh und auch ein unerträgliches Schuldbewußtsein!
Der Besuch in Lucca war damals Weihnachten gewesen, er hatte noch zwei Monate der Freiheit mit Hannah in Frankfurt; sie z√§hlten die Tage, dann r√ľckte der selbst gesetzte Termin immer n√§her; die Heimkehr sollte eine "Therapie", eine Art Exorzismus seines Heimwehs und seiner Schuldgef√ľhle sein, weil er nachts nicht schlief, hin- und hergerissen war zwischen Heimweh und Angst, Liebe zu Hannah und Liebe zu jenem verdammten Land mit seinen Landschaften und vertrauten Leuten, Freunden und Eltern, die ihn bis in die Tr√§ume hinein verfolgten.
Im M√§rz begann er dann seine abenteuerliche R√ľckreise "nach Hause". Hannah brachte ihn mit dem Auto von Ort zu Ort, schliesslich bis Heidelberg, es war fast unm√∂glich, sich zu trennen, und immer wenn sie Abschied nehmen wollten, schafften sie es nicht, fuhren eine Station weiter, erst in Heidelberg gelang es, sich voneinander loszureissen; mit dem Zug fuhr er dann weiter √ľber Stuttgart und M√ľnchen nach Wien, in Richtung Stacheldraht-Grenze, die er dann auch mit Angstgef√ľhlen √ľberschritt; doch nichts geschah.
Schlimmer war, dass er sich dann in Bukarest, dem dort √ľblichen Lebensstil ausgesetzt, nach sechs Monaten Westaufenthalt, wunderte, je hier gelebt zu haben.
Und er sehnte sich Tag und Nacht nach seiner Hannah! Im Juni kam sie zu Besuch; sie hatten das Land kreuz und quer durchstreift, immer verfolgt von mindestens einem Auto der Securitate; sie waren in den Karpaten gewesen, er hatte ihr seine Heimatstadt gezeigt, sie waren in Bukarest gewesen, wo sie sich h√ľten mussten, denn Romans Immernochehefrau Maria wusste von seiner Liebe und beobachtete jede seiner Bewegungen argw√∂hnisch, eifers√ľchtig und, obwohl sie l√§ngst in Trennung lebten, sie sogar schon beim Gericht gewesen waren, schien sie sich so r√§chen zu wollen, indem sie versuchte, ihn an seiner Ausreise zu hindern; damals brauchte man n√§mlich eine schriftliche Ausreisegenehmigung des Ehepartners, die dieser dann gerade mit solchen Gr√ľnden, dass der Westreisende eine Geliebte habe, verweigern konnte!
Roman war mit Hannah am Schwarzen Meer, sie waren im Donaudelta gewesen, und er war dann wieder bis nach Oradea mitgekommen, wo Hannah mit ihrem blauen VW einfach um die Ecke bog und verschwunden war; er blieb als heulendes Elend mit einem schrecklichen Trennungsweh zur√ľck, einem Liebesw√ľhlen im Bauch, so dass er nichts anderes mehr tat, als den ganzen Tag Briefe an sie zu schreiben, und ruhelos in den Strassen herumzulaufen, nachts sich mit Alkohol zu bet√§uben, und gleichzeitig mit Maria zu Hause die H√∂lle zu haben! gleich nach Hannahs Abreise in Cluj brannte er vor Liebe lichterloh, und schrieb ihr in Lokalen, in Parks, im Zug andauernd Briefe wie diesen:
"Cluj, 1. Juli. Liebstes, alles erinnert mich an Dich, die banalsten Dinge. Was soll ich nur tun, um aus diesem Netz, in dem ich zapple, herauszukommen? Und Bilder kommen - alle riechen so stark nach Dir, so als sei ich nur dort bei Dir zu Hause. Die Wehmut ist schrecklich. Und das alles, nachdem Du fort warst. Dir geht es bestimmt jetzt auch so, ich f√ľhle es. Wenn ich das gewu√üt h√§tte, da√ü solch eine Gef√ľhlskatastrophe ausbrechen w√ľrde, h√§tte ich Dich nicht zur√ľckfahren lassen, man h√§tte alles versuchen k√∂nnen, um Dich, vorl√§ufig wenigstens, f√ľr ein paar Wochen mit einem offiziellen Visum hier zu behalten. Und dann w√§ren wir zusammen in die Freiheit gefahren! Und pl√∂tzlich kam mir der Gedanke ‚Äď Du hast es nicht aushalten k√∂nnen und bist von der Grenze zur√ľckgekehrt! Hast bei meinen Eltern angerufen, und erwartest mich in Oradea. F√ľr einen Augenblick h√∂rte der Schmerz auf, um dann desto st√§rker wieder hochzukommen, denn ‚Äď es kann ja nicht sein, da√ü Du wiederkommst! Das entspricht Dir nicht, Du kannst Dich abkapseln, versteinern wie ein Menoritenhorn. Auch wei√ü ich, Liebste, da√ü wir diese ersten Trennungstage doch einmal h√§tten √ľberstehen m√ľssen!
Ich bin krank. Die Laute kommen nur ganz von fern zu mir. Ich gehe wie im Traum durch diese stickigen Bahnhofsr√§ume ‚Äď und was ich auch immer tue, es erinnert mich an Dich: Gehe ich Geld abheben, kommst Du mir in der Post von Gura Humorului entgegen; kaufe ich Zeitungen, stehst Du neben mir in Mamaia in der Halle des Hotel "Tomis". Sehe ich auf diesen komischen Spalier in einem Drecksrestaurant, erscheinst Du dahinter wie am ersten Tag, an jenem Mittwoch, wo hier alles anfing, um nun ‚Äď heute - zu Ende zu sein! Stirbt man auch so? So abschiednehmend f√ľr immer, wie wird das dann sein? Wenn ich daran denke, so kommt mir unsere vorl√§ufige Trennung doch sehr geringf√ľgig vor, auch gemessen daran, da√ü wir uns einmal ganz verlieren werden! Heute hatte ich diesen Todesgeschmack im Mund!
Doch ich will so schnell als m√∂glich aus dieser tr√ľbseligen Stimmung herauskommen, Distanz gewinnen, um wieder aktiv werden zu k√∂nnen, alles zu tun, damit wir uns bald, bald wiedersehn! Jetzt ist mir so m√ľde ums Herz, so weich und resigniert bin ich, ich k√∂nnte jetzt mit keinem Menschen sprechen, nichts schreiben, kein Buch lesen, ich irre nur unruhig durch die Gegend, nichts, gar nichts, nur an Dich denken oder an Dich schreiben kann ich! Unsere Reise zieht bei geschlossenen Augen wie ein Film an mir vor√ľber, ich nehme Dich an der Hand und wir kehren die Zeit um, denn das k√∂nnen wir!
Liebste, sei stark, weine nicht! Schlaf gut ‚Äď und glaub im Traum, Du seist immer noch mit mir, du l√§gst mir in den Armen!"
Sie wechselten unz√§hlige Briefe, schrieben sich jeden Tag. Und die Briefe wurden von Woche zu Woche sehns√ľchtiger und hei√üer. Hannah dachte nur noch an ihr Zusammenleben mit Roman, hatte alles daf√ľr vorbereitet, und umsichtig, wie sie nun einmal ist, an alles, an alle M√∂glichkeiten, wie man seine Ausreise beschleunigen k√∂nnte, und auch an seine Zukunft hatte sie gedacht.
Roman tat alles, um aus seinem alten Leben zu fl√ľchten; denn es war nicht mehr zu ertragen, und er beschrieb ihr seinen Zustand in Bukarest in einem unendlich langen Brief:
"Mein liebes Weibchen, ich sitze in der Redaktion schwitzend und furchtbar nerv√∂s, Du wirst es an der Schrift merken. Das Leben ist ein totaler Dreck ‚Äď o la√ü mich jammern! Ich will heute viel tun und arbeitend vergessen. Doch bin ich ganz kleinm√ľtig, weil meine Nerven heute spitz sind wie Gr√§ser oder wie Glasscherben, so da√ü ich nicht einmal mit Dir richtig reden kann. Ich habe Angst, meine anf√§ngliche Distanz zur Umwelt hier langsam zu verlieren ‚Äď Distanz, die mich doch leben l√§√üt, denn das hie√üe, auch den letzten Rest von Humor oder besser Galgenhumor zu verlieren. Wie wunderbar, mit Dir √ľber alles reden zu k√∂nnen, auch √ľber das eigene und gemeinsame Ekelgef√ľhl hier, und auch dar√ľber, wie es ist, wenn das Gef√ľhl einfach aussetzt, die Leere mich √ľberf√§llt! Weibchen, Weibchen, das geh√∂rt dazu hier! Sag, wie lange werden wir uns √ľberhaupt lieben? Kann nicht pl√∂tzlich bei dem einen oder dem andern die Liebe aufh√∂ren?? Das qu√§lt mich sehr. Worauf soll man ein Leben aufbauen, sich immer nur provisorisch einrichten? Vielleicht w√§rs ja am besten so. Ist nicht die ganze Schei√üe hier ein Provisorat? Das schlimmste ist die L√ľge. Ich lebe ja in einer doppelten L√ľge!
Und ich wei√ü, man kann sich auch die schauderhaftesten Dinge an den Kopf werfen, solange man sich liebt. Und auch alles Negative zusammen mitmachen. Gott, da√ü ich mich in Dich so abenteuerlich verrannt und verknallt hab: Weibchen, ich glaube, mit Dir kann ich alles aushalten! Du bist so gut und klug (abgesehen von allen anderen Dingen, die mich, wenn ich daran denke, verr√ľckt machen! Gestern hab ich davon getr√§umt, da√ü ich in Deinem V√∂tzchen gelegen habe wie in einer gro√üen Muschel!) Weibchen, Weibchen, komm, halten wir uns aneinander fest, solange es nur geht! Dann kann uns nichts passsieren!
Ich schreibe so, und ich sehe, es geht mir schon besser! Als h√§ttest Du mich umarmt, so, als m√ľ√üte ich Dich tr√∂sten, Dich sch√ľtzen, und davon werde ich stark und es geht mir gut! Falls Du mich danach fragen solltest.
Mein Leben ist so durcheinandergeraten. Wie soll ich diese verkn√§ulten Nervenschn√ľre wieder entwirren. Ich dachte, es sei zu Ende ‚Äď ich setz mich sch√∂n b√ľrgerlich zur Ruhe, resigniere, la√ü Liebe, Liebe sein ‚Äď hatte hier im Haus schon angefangen Zentralheizung einzuf√ľhren ‚Äď und dann kamst Du und ‚Äď und da wars mit der Ruhe aus. Und auch mit der Zentralheizung. Wo aber steht unser Haus?
Merkw√ľrdig, hier um mich herum sind alle Leute verliebt. Leiden und sind doch gl√ľcklich. Nur haben alle davor Angst: wie lange dauert es. Ists eine Krankheit, die einen Krankheitsverlauf hat?
Jetzt tut mir pl√∂tzlich alles weh ‚Äď ich hab zu lange mit Dir gesprochen. Ich wei√ü aber, ich kann zehn Leben lang mit Dir sprechen!
Nach dem Mittagessen.
Nun will ich weiter mit Dir reden. Nach dem Essen. Wie war das bei unseren gemeinsamen Gastm√§hlern - hier sitz ich in einer schrecklichen Ostspelunke bei einer Tsuica, um mich Gewimmel, Leute, Leute, Leute. Und Gestank. Hier wimmelt es auch auf den Stra√üen. Wie die Ameisen. Alles Menschen, Menschen, Menschen, schlecht gekleidet. Arm und elend alles. Und wir glauben, wir seien irgendwie einmalig. Quatsch. Wir sind! Und basta. Ich ertrinke. Alles ist so animalisch hier und nah. √úberall Gedr√§nge. Man sitzt wie in einem warmen Fleischsack drin und verlernt auch das Denken, jede Distanz. Das ist das Gegenteil von der `Sterilit√§t¬ī, der `Mattscheibe¬ī, die ich bei euch im Westen so oft beklagt hab! Eines ist klar, hier ist noch mehr (wenn auch stinkige) Natur in jeder Szene, jede Beziehung ist noch nah! Auch in der Luft knistert es noch.
Jetzt les ich eben in Deinem Brief: Ist man auch im Tode allein? man ist allein. Und wenn ich Dich nicht in mir h√§tte, w√§re ich verloren! Was sind schon die andern Frauen f√ľr mich, die fremden, die Freunde hier, und der abstrakte Kunze-Bruder in Greiz (sein Buch ist da, ich werde schreiben!) Das kann man alles nur hier empfinden und durchmachen, was er schreibt! Lies es - oder hast Du es schon gelesen? Immer, immer ist man allein. Nur wenn wir beide zusammen sind, wird diese grauenhafte allgemeine Einsamkeit durch die Liebe aufgehoben. Welch ein Gl√ľck haben wir doch! Liebste, dank Dir, da√ü es Dich gibt, da√ü Du lebst, weit, aber doch DA. Du hast einmal geschrieben, da√ü wir f√ľr dieses einmalige Gl√ľck, uns zu haben, sehr dankbar sein m√ľssen. Und jetzt quatscht Du vom Tod? Wieso? Man kann ja nicht wissen, was sein wird, alles wird anders sein, als wir es uns vorstellen k√∂nnen! Ohne Traurigkeit, denn wir lieben, wir leben uns! Wir haben uns! Beide zusammen sind wir K√∂nige, allein sind wir Nichts als ein armer Fleischsack.
Gestern hat mir jemand Dein Bild von meinem Schreibtisch gestohlen, als w√§re er eifers√ľchtig, oder als h√§tte es eine Magie in sich. Nachts habe ich getr√§umt, ich h√§tte den R√§uber umgebracht.
Das Bild habe ich jetzt wieder, es war ein Kollege. Als ich ihm die Sache erz√§hlte, entschuldigte er sich: die Frau, also Du, habe ihm sehr gefallen, dann sagte er, esti un nenorocit. Bist ein Ungl√ľcksrabe!"
SO HATTE ROMAN NUN mit der starken Überzeugungskraft des Selbsterlebten und der schier wahnsinnigen Liebe zu Hannah (aber welche Liebe ist nicht wahnsinnig!) gleich zwei Länder und auch das Vertrauen in zwei Lebenssysteme verloren.
Im November gelang es ihm unter den gegebenen Umst√§nden (er war zur√ľckgekehrt und also vertrauensw√ľrdig), mit zwei Kollegen vom Schriftstellerverband, die Ausreisepapiere, sogar Dienstp√§sse zu erhalten!
Und schon sehr bald lag er dann in Hannahs Armen; so geschehen am Frankfurter Flughafen am 24. November 1979!
Nur drei Jahre hielt er es in Deutschland aus, dann √ľbersiedelten die beiden in die Toskana, ins Bergnest Aliano. Sas Exil f√ľhrt zu einem bodenlosen, dem Wahnsinn oft nahen Zustand, bei dem hochprozentiger Alkohol zum gef√§hrlichen Tr√∂ster wird. Ein Kollege Romans hatte Selbstmord begangen, ein anderer lebt seit Jahren in einer Heilanstalt.
Am wichtigsten beim Heilungsproze√ü aber war die hier noch unbetretene Natur, das Aufbrechen eines sehr weit zur√ľckreichenden Ged√§chtnisses, das aufarbeitende Schreiben.

UND ZWANZIG JAHRE SP√ĄTER sind Hannah und Roman immer noch zusammen! Was hat sie so lange zusammengehalten, die Skepsis oder vielmehr hier dieses Haus, wo sie seither leben, es ist ein altes Haus, und es sieht aus, als hebe es sich wie ein Buchstabe aus dem umgebenden Land; ein einfacher geometrischer K√∂rper, und wirkt fast antik; "cultura uterina", sagt Hannah, "umgebendes Sicherheitsgef√ľhl". Und dieses hatten sie nach all dem Wahnsinn wirklich n√∂tig! auch wenn Roman an dieses Sicherheitsgef√ľhl nicht mehr glauben konnte, es f√ľr Illusion und Betrug hielt. "Ein undefinierbarer Ri√ü geht mitten durch uns durch", sagt Roman, "nicht erst seit heute, nicht erst seit gestern, er war andauernd sp√ľrbar, schmerzt."
Und auch dieser Kontrast war anfangs schwer ertr√§glich gewesen: Der Himmel ist blau. In der Ferne das Meer, ein Strich. In allen Dingen aber diese Unm√∂glichkeit, und fast t√§glich sp√ľrte er es: da√ü ewas nicht stimmt, da√ü die Dinge hier auf der Erde nicht ganz sein k√∂nnen, wie die Menschen es nicht sind. Sie sind nicht mehr heil. In jedem Baum in jedem Grashalm strahlt es, tickt Zerst√∂rung. Und auch in ihnen diese Unglaubw√ľrdigkeit, weil sie in jeder Sekunde dazu beitragen, da√ü etwas nicht stimmt - sie zu ohnm√§chtig sind, etwas daran zu √§ndern, und doch meinen, es √§ndern zu k√∂nnen.
19. Oktober, nachts. Unsere Beständigkeit und dieses grenzenlose Vertrauen, das Hannah und ich zueinander haben, wegwerfen?
Und: nicht nur die Partnerschaften und Liebesbeziehungen, sondern auch die Ehen ganz allgemein haben sich in letzter Zeit gewandelt, die Widerst√§nde ebenfalls, es gibt keine Widerst√§nde mehr, au√üer den ganz pers√∂nlichen: Aus der ehemaligen Arbeitsgemeinschaft ist nun eine Gef√ľhlsgemeinschaft geworden, da werden die Gef√ľhle zur Arbeit. Und das Kreisen an den R√§ndern der Autopoiesis: n√§mlich das schwierige Gesch√§ft des innern Wachstums, der m√∂glichst gemeinsamen Entwicklung: Dies ist meist der Streitpunkt.
Und wir, Hannah und ich, wir haben unsere Ruhe doch gefunden, ein Fundament. Die Liebe ist heute kein einmaliges Ereignis, sondern es mu√ü t√§glich erarbeitet werden. Ist eine Leistung also. Nicht nur in guten und schlechten Tagen, sondern gerade auch durch die fordernden enormen Freir√§ume heute, die immer mehr wachsen. Eine Mischung aus Engelsgeduld und Frustrationstoleranz ist so auch in der unsicheren "mobilen" Ehe oder Partnerschaft n√∂tig. Z√§he Verhandlungsarbeiten, wie ich sie oft auch von den Frauen, die ich kenne, h√∂re, so auch von Vera, der K√∂lnerin, die ich V nenne. Gipfelkonferenzen en miniature. Erschwerend ist, da√ü jeder des anderen Empfindlichkeiten, Schw√§chen, Macken, ja, auch den jeweiligen Lover akzeptieren mu√ü - machen wir uns nichts vor: der geh√∂rt zur Treue, wie das Salz zum Ei, sich eine erfolgreiche Ehe-Diplomatie nur mit Einf√ľhlungsverm√∂gen, Talent, Intelligenz machen l√§√üt!
"Ob sie nun gehen sitzen oder liegen
sie sind zuzweit.
Man sprach sich aus. Man hat sich ausgeschwiegen.
Es ist soweit..." ( Erich Kästner, "Gewisse Ehepaare".)

© Dieter Schlesak 2001
Erschienen in: "Halbjahresschrift f√ľr Geschichte, Politik und Literatur" Heft 1/Mai 2001

__________________
copyright 2001
Dieter Schlesak

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