Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87732
Momentan online:
465 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
In der Stunde unseres Todes
Eingestellt am 17. 02. 2004 17:01


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Nicholas Cyphre
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 11
Kommentare: 4
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Nicholas Cyphre eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

In der Stunde unseres Todes (2 Skizzen)

1. Skizze: Tod eines amerikanischen Soldaten

Er lag flach auf dem stacheligen Gras vor einem zerfetzten Lattenzaun, wie er gefallen war, und sah nach S├╝den, und presste seine H├Ąnde auf die Wunde, und die Sonne schien hell und wei├č und warm auf ihn herab. Zwischen seinen Fingern quoll dunkelrotes Blut hervor. An der Farbe erkannte er, dass der Schuss in die Leber gegangen war. Vielleicht steckte die Kugel drin, vielleicht war sie durchgegangen, jedenfalls war die Leber stark besch├Ądigt, und das bedeutet, dass Du stirbst. Es war 16h38 im Irak, aber er wusste nicht, wie sp├Ąt es in Amerika war.
Er versuchte, den Kopf zu heben, um zu sehen, ob andere kamen, aber er sah niemanden. Irgendwo in dem Haus am Ende der Stra├če hockte der Sch├╝tze und wartete. Zumindest verdeckt Dich der Zaun ein wenig, und Du liegst in einer Art nat├╝rlichen Kuhle, sodass es unm├Âglich ist, Dich zu sehen, wenn man von S├╝den kommt. Der Soldat lag stumm in der wei├čen irakischen Nachmittagshitze und versuchte, die Blutung zu stoppen, indem er mit seinen Fingern auf die Wunde dr├╝ckte.
Jetzt, dachte er, so gehtÔÇÖs zuende, heute stirbst Du hier am Rand einer winzigen, verlassenen irakischen Siedlung und Schei├če Du kommst nicht mehr zur├╝ck nach Hause, Du kommst nirgendwo mehr hin, kein Basketball, nie mehr ins Kino, nie mehr zur├╝ck, und verfluchte Schei├če wieso musste er Dich anschie├čen? Es lief alles so gut und Du warst Dir so sicher, dass hier niemand mehr war und hast nicht aufgepasst und bist ├╝ber die Schei├čstrasse gelaufen und irgend so ein irakischer Bastard hat auf Dich geschossen, zum Gl├╝ck hat er Dich nicht sofort erwischt, sondern erst beim zweiten Versuch, sonst h├Ątte er Dir vielleicht in den Kopf geschossen und dann w├Ąrst Du tot.
Du bist tot, dachte er w├╝tend, und der beschissene Hurensohn wei├č das sehr gut, und vielleicht hat er Dir mit Absicht nicht in den Kopf geschossen, damit es l├Ąnger dauert.
Denk nicht mehr dran, dachte der angeschossene Soldat, denn eigentlich bist Du schon tot und es hilft jetzt nicht mehr, dar├╝ber nachzudenken. Jeder muss sterben, dachte er, und eigentlich bin ich froh, dass es so kommt und nicht in irgendeinem verfluchten Krankenhaus. Er schloss die Augen und presste seine Finger krampfhaft in die Wunde und sp├╝rte ├Ąngstlich, wie das warme Blut hervorschoss und als er seine Augen wieder ├Âffnete, war seine Jacke ganz blutgetr├Ąnkt und er versuchte sich zu erinnern, wie viel Blut man verlieren konnte, aber es fiel ihm nicht ein, nur, dass es nicht viel war. Das Blut war dunkler als zuvor, gar nicht mehr rot, eher schw├Ąrzlich, und gl├Ąnzte ├Âlig in der Sonne. Gottverdammte Schei├če, dachte er, weshalb l├Ąsst Du Dir von so einem Hurensohn eine Kugel verpassen?, und er dachte an die Maisfelder und an das Haus seiner Eltern und an seinen kleinen Bruder, der noch zur Schule ging, und daran, wie verwirrt er gewesen war, als er zur├╝ckkam und feststelle, dass er sie nicht liebte, dass er gar nichts liebte, dass er nicht gerne dort war. Als er in den Irak aufbrach, war er vergn├╝gt gewesen, und er war gespannt auf die Dinge, die geschehen w├╝rden. Passieren w├╝rde nichts, dachte er, als er das Haus seiner Eltern verlie├č. Jetzt w├Ąrst Du gerne dort, was? Aber jetzt liegst Du hier und sp├╝rst Deine hei├čen, zerrissenen Eingeweide und sie stinken, und Du w├╝nschst Dir nichts mehr als wieder in Amerika zu sein und ein Baseballspiel sehen und Bier trinken und ein M├Ądchen k├╝ssen zu k├Ânnen.
Mach Dich nicht l├Ącherlich, dachte er, Du stirbst vielleicht, aber wie viele sind schon gestorben und wie viele werden sterben und welchen Wert hat ein Leben? Es geht um mehr, dachte er. Aber warum zum Teufel ausgerechnet ich?, dachte er. Du hast Freiheit in dieses Land gebracht und Gerechtigkeit und - Schei├č auf Freiheit - Schei├č auf Gerechtigkeit - Schei├č auf dieses Gelaber - Wenn sie denken, sie m├╝ssen Irak befreien, warum tun sieÔÇÖs dann nicht selbst, verdammt? Du stirbst hier in der hei├čen Sonne und kannst mit Deinen H├Ąnden nicht verhindern, dass das hei├če, schwarze Blut aus Dir quillt und irgendwann wird soviel herausgekommen sein, dass Du keine Kraft mehr hast und dann nimmst Du Deine H├Ąnde weg und bist tot, und irgendein Wichser aus Washington erkl├Ąrt, Schei├če, es ist noch einer tot, tut uns Leid Leute, aber wisst ihr was? ÔÇô jetzt befreien wir den Irak erst recht, und Gott ist mit uns und Gott wird Amerika besch├╝tzen und Du stirbst Du stirbst sieh auf Deinen Bauch alles schwarz von Blut und warm und es ist hei├č ist hei├č o Gott Du sp├╝rst Deine Eingeweide und alles ist hei├č und nass und schwarz Heilige Maria Mutter Gottes Du bist gehbenedeit unter den Frauen und gehbenedeit ist die Frucht Deines Leibes Jesus Heilige Maria bitte f├╝r uns S├╝nder jetzt und in der Stunde unseres Todes Amen jetzt und in der Stunde unseres Todes Amen jetzt und Amen, Amen, Du stirbst.
Blut dr├╝ck Deinen Daumen hinein dann kann es nicht herauskommen es ist so hei├č Amen Maria in der Stunde unseres Todes.
16h43 im Irak. Amerika war einige Zeitzonen weit weg.





2. Skizze: R├Âmische Soldaten ├╝berfallen ein germanisches Dorf

An diesem Morgen schien die Sonne kalt auf die verschneite Landschaft und wei├č und gr├╝n waren die W├Ąlder vor dem grauen Fluss, auf dem die Eisschollen trieben, und braun waren die gefrorenen Getreidefelder am Horizont.
Eine dichte Rauchblume verdunkelte den Himmel. Das Dorf hatte fast drei Tage lang gebrannt. Die Legion├Ąre hatten das Feuer mit gr├Â├čter Sorgfalt gelegt und gen├Ąhrt und darauf geachtet, dass es nicht auf die W├Ąlder ├╝bergriffe. Am Abend des ersten Tages lag noch der s├╝├če Gestank vom Tod in der Luft, und erst als alle Leichen verbrannt waren, verschwand er g├Ąnzlich, aber danach hatten die Legion├Ąre eine angenehme Zeit gehabt. Die B├Ąche waren voller Forellen und sie hatten Rebh├╝hner gejagt und a├čen und tranken gut und genossen die Zeit, solange das Dorf brannte und sie nichts zu tun hatten.
Sp├Ąter erinnerten sie sich gerne an diesen Feldzug, denn es war sehr sch├Ân gewesen in Germanien und sie hatten nicht allzu viel k├Ąmpfen m├╝ssen und meist nur gegen Bauern, die sich nicht zu verteidigen wussten.

Am Waldrand vor dem Dorf, wo eine kleine Br├╝cke ├╝ber den Fluss f├╝hrte, der in einigen Metern Tiefe ganz klar und k├╝hl und silbern vor├╝berfloss, sodass man seinen algenbewachsenen Grund sehen konnte, hatten sechs Legion├Ąre ein paar ├╝berlebende Dorfbewohner gestellt. Sie umzingelten sie am Rand eines Abhangs, der in den Fluss fiel, und fuchtelten nerv├Âs mit ihren Lanzen herum und schrieen auf die zwei M├Ąnner und zwei Frauen ein, die ihre Mistgabeln und ├äxte trotzig hochhielten.
ÔÇ×Werft eure Waffen weg!ÔÇť, br├╝llte einer, dessen Gesicht von Narben entstellt war. Die Germanen, obwohl sie nicht verstanden, begriffen doch, was er verlangte und stie├čen w├╝tend und stolz mit ihren Mistgabeln in die Luft. Da stach der Legion├Ąr nach einem Mann, der ausweichen konnte und mit seiner Axt nach dem Angreifer schlug, und das Narbengesicht duckte sich darunter hinweg; und w├Ąhrenddessen hatten die ├╝brigen Legion├Ąre ihre Lanzen an die B├Ąuche der Dorfbewohner gelegt, sodass ein kleiner Ruck gen├╝gte, sie aufzuspie├čen.. ÔÇ×Wir bringen sie um, wenn ihr eure Waffen nicht hinschmei├čtÔÇť, sagte der Vernarbte, und die Bauern lie├čen ihre Werkzeuge fallen.
Der vernarbte Legion├Ąr packte eine der Frauen am Arm und sagte: ÔÇ×Ich will euch zeigen, wie man solche Tiere loswirdÔÇť, und er warf die Frau auf den Boden. ÔÇ×Setz Dich auf ihren KopfÔÇť, befahl er einem Jungen, der viel zu jung schien, um Soldat zu sein, ÔÇ×und halt ihre Arme fest, und Du, halt ihre Beine stillÔÇť. Die Frau schrie und rang mit dem Soldaten, aber bald lie├č ihre Gegenwehr nach, und dann wurde sie still und zitterte nur noch und weinte und spuckte auf die Arme des Jungen, der sich auf sie gesetzt hatte, und die anderen schrieen verzweifelt. Dann kniete der Vernarbte sich neben ihren F├╝├čen hin und zog ihre Sandalen aus. Sie hatte kleine F├╝├če, fast Kinderf├╝├če, M├Ądchenf├╝├če, die sehr braun waren und sehr hornig, da sie eine B├Ąuerin war und viel auf dem Feld arbeitete. Er zog sein Messer heraus und legte die Klinge auf ihre rechte Ferse.
ÔÇ×NeinÔÇť, sagte der Junge, der auf der Frau sa├č, ÔÇ×tu das nicht.ÔÇť Der Vernarbte schnaubte ver├Ąchtlich, dann dr├╝ckte er auf die Klinge, sodass sie sanft in das Fleisch eindrang, und wenig Blut floss, und dann riss er sie ruckartig zur├╝ck, und ein dicker roter Spalt klaffte auf, wo er die Ferse durchgeschnitten hatte. Die Frau weinte und schrie, und der Junge sagte tonlos: ÔÇ×Nein. Nein. Nein.ÔÇť, aber er blieb auf ihr sitzen, bis der Vernarbte die linke Ferse durchgeschnitten hatte. Dann stand er auf, und riss die Frau empor, und aus ihren F├╝├čen schoss das Blut, und er schleppte sie bis zum Abhang, und stie├č sie hinab, aber der Fluss war kaum h├╝fthoch, und sie fiel hinein und sa├č dort und ihre Beine waren gebrochen und standen in einem merkw├╝rdigen Winkel zum Rumpf und sie weinte und konnte nicht aufstehen und sa├č dort und weinte. ÔÇ×NeinÔÇť, sagte der Junge und starrte auf die kleinen Blutpf├╝tzen auf dem gefrorenen Boden, aber er h├Ârte die Frau, die mit zertr├╝mmerten Beinen im Fluss lag und nicht herauskonnte und dann ging er fort. Am n├Ąchsten Morgen war die Frau im Fluss tot, erfroren, aber sie hatte die ganze Nacht dort gelegen und der Junge ging nie wieder dorthin zur├╝ck.




__________________
von Christophe B

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!