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Leselupe.de > ErzÀhlungen
In wilder Ehe
Eingestellt am 09. 07. 2007 21:44


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Raniero
Textablader
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In wilder Ehe

„Wer von Euch GrĂŒnde gegen die beabsichtigte Eheschließung hier vor Gott und den anwesenden Zeugen hat“ donnerte der Pfarrer durch die vollbesetzte Kirche, „möge diese jetzt und sofort aufzeigen, ansonsten möge er schweigen bis in alle Ewigkeit.“


Schweißgebadet von diesen eindringlichen Worten, die wie eine Drohung klangen, wachte Hubert Böcker auf, mitten in der Nacht.
Neben sich vernahm er die regelmĂ€ĂŸigen AtemzĂŒge seiner Ehefrau Hilde.
Sie schlĂ€ft wie ein Stein, dachte er und empfand ein wenig Neid darĂŒber, dass seine bessere HĂ€lfte offensichtlich trotz dieser unangenehmen Angelegenheit nicht unter Schlafstörungen litt.
Die ‚unangenehme Angelegenheit’ bestand fĂŒr ihn im Fest der goldenen Hochzeit, das den beiden Eheleuten in KĂŒrze bevorstand.
Hierzu hatten sie respektive ihre Kinder die Feier sorgfĂ€ltig vorbereitet und im großen Stil Einladungen verschickt, an den nicht gerade kleinen Verwandten- und Freundeskreis.
Doch mitten in diesen Vorbereitungen war plötzlich etwas zutage getreten, was Hubert vollends den Schlaf raubte.
Zwei seiner Enkelsöhne, zwei besonders aufgeweckte Knaben namens Christian und Andreas hatten nĂ€mlich, wie das im Vorfeld solcher Feierlichkeiten des Öfteren vorkommt, in den Annalen geforscht und hierbei, so unglaublich es klingen mag, festgestellt, dass die Großeltern miteinander verwandt waren, ohne es zu wissen. So hatten sie herausgefunden, dass es sich beim Urgroßvater ihrer Großmutter Hilde sowie beim Vater ihres Großvaters Hubert um BrĂŒder handelte, waschechte BrĂŒder!
Diese Nachricht war eingeschlagen, wie eine Bombe, in erster Linie allerdings bei Hubert.
WĂ€hrend seine Ehefrau, die Kinder und die Enkel die Sache nicht weiter tragisch nahmen, nach dem Grundsatz, dass die Menschen seit Adam und Eva irgendwie alle miteinander verwandt seien, konnte sich Hubert damit zunĂ€chst ĂŒberhaupt nicht abfinden.
Schamröte stieg ihm ins Gesicht, im Bewusstsein, fĂŒnfzig Jahre lang mit einer Verwandten, wenn auch nicht mit einer ganz nahen, das Bett geteilt und Nachkommenschaft gezeugt zu haben.


Als erste Reaktion zog er aus dem gemeinsamen Schlafgemach aus und richtete sich im GĂ€stezimmer sein Nachtlager ein.
Seine Frau hatte dafĂŒr kein VerstĂ€ndnis:
„Du spinnst doch, drei Tage vor der Goldenen Hochzeit!“
Hubert konterte, es gĂ€be gar keine goldene Hochzeit mehr zu feiern, da eine Eheschließung unter Verwandten nicht legal sei, und er zitierte hierbei die bekannte Geschichte eines berĂŒhmten israelischen Autors, nach der ein lange verheiratet geglaubtes Paar plötzlich ernĂŒchtert feststellen musste, dass es ohne Trauschein lebe.
„Und bei uns“ rief er aus, „ist das noch viel schlimmer als bei Kishon; wir sind zwar verheiratet, auf dem Papier, mit Trauschein, aber wir hĂ€tten nie heiraten dĂŒrfen! Mensch, warum hat mich denn kein Mensch damals vor dir gewarnt?“
Bei diesen Worten erlitt seine Frau einen Weinkrampf, und in ihrer Not rief sie die Kinder zu Hilfe.
Diesen gelang es nach und nach, den Vater zu ĂŒberzeugen, dass er mit ihrer Mutter, wenn ĂŒberhaupt, in einem solch lĂ€cherlichen Grad verwandt sei, dass man diesen mathematisch kaum ausrechnen könne.
Schließlich sah Hubert dies ein, doch ins Schlafzimmer zurĂŒck wollte immer noch nicht, denn fĂŒr ihn bestand trotz eines noch so geringen VerwandtschaftsverhĂ€ltnisses mit seiner Frau die Möglichkeit, dass die Ehe nach damaligem Recht nicht gĂŒltig geschlossen worden sei, und in wilder Ehe zu leben, das verboten ihm seine ehernen GrundsĂ€tze.
Seine Frau aber war darĂŒber derartig erbost, dass sie sich ihrerseits im Schlafzimmer verbarrikadierte und ebenfalls ernsthaft darĂŒber nachdachte, das goldene Fest abzusagen und stattdessen mit einer Freundin in den SĂŒden zu dĂŒsen.
So standen die Zeichen kurz vor dem goldenen EhejubilĂ€um auf Sturm, und niemand war bereit, darauf zu wetten, dass es ĂŒberhaupt noch stattfinden werde.



In der Nacht vor dem Fest erlitt Hubert erneut einen jener AlptrÀume, die ihn in all den vorangegangenen NÀchten heimgesucht hatten.
Wiederum sah er sich in der vollbesetzten Kirche, gemeinsam mit seiner Braut Hilde, vor fĂŒnfzig Jahren vor dem Traualtar kniend, und wie schon in den vergangenen NĂ€chten hörte er den Pfarrer die unheilvollen Worte sprechen, nach denen Hubert ein jedes Mal schweißgebadet erwacht war:
„Wer von Euch GrĂŒnde gegen die beabsichtigte Eheschließung hier vor Gott und den anwesenden Zeugen hat, möge diese jetzt und sofort aufzeigen, ansonsten möge er schweigen bis in alle Ewigkeit.“
Dieses Mal erwachte er nicht, stattdessen wurde mit einem Schlag die KirchentĂŒre von außen aufgerissen. Die anwesenden, außer dem Pfarrer, drehten sich um und erstarrten; mitten in der EingangstĂŒr stand breitbeinig ein ganz in Schwarz gekleideter Mann mit Hut und Cowboystiefeln, beide HĂ€nde schussbereit an den HĂŒften.
„Ich habe einen Grund“ donnerte der Fremde mit unmenschlich klingender Stimme, „diese beiden dĂŒrfen nicht heiraten, denn die Braut gehört mir!“
Sodann zog er einen Colt und schoss, um seiner Drohung noch mehr Gewicht zu verleihen, in die Kirchendecke.
Namenloses Entsetzen machte sich breit, Kinder schrien, Frauen fielen in Ohnmacht.
Der BrĂ€utigam aber, dessen erster Schreck einer Erleichterung darĂŒber Platz gemacht hatte, dass ihn jemand vor dem Irrtum bewahrte, eine Verwandte zu ehelichen, geriet plötzlich in Wut.
Er erkannte nĂ€mlich in dem Fremden einen Jugendfreund seiner Braut, seinen schĂ€rfsten Rivalen, den er seinerzeit Ă€ußerst knapp beim Werben um die Gunst seiner frĂŒheren Freundin aus dem Feld geschlagen hatte, und nun stand dieser Blödmann plötzlich da und wollte ihm mit Gewalt seine Beute abjagen.
„Scher dich zum Teufel“ schrie Hubert ihn an, außer sich vor Zorn, „du Lump kriegst meine Hilde nicht!“
GlĂŒckstrahlend blickte Hilde ihren Hubert an, der sie mit solcher Inbrunst verteidigte und begehrte, wĂ€hrend alle Glocken auf einmal anfingen, zu lĂ€uten, weil innerhalb der Kirchenmauern vom Teufel die Rede war.
Der Fremde aber stieß einen Fluch aus und machte auf der Stelle kehrt, wĂ€hrend alle Anwesenden einschließlich des Pfarrers vor Freude und Erleichterung Beifall klatschten.


Im gleichen Moment wachte Hubert auf und blickte erstaunt in das Gesicht seiner Frau neben sich auf der GĂ€stecouch.
„Was machst du denn hier?“ murmelte er schlaftrunken.
„Ich wollte dir zu deiner goldenen Hochzeit gratulieren, mein wilder Ehemann“ strahlte seine bessere HĂ€lfte.
„Wie spĂ€t ist es denn?“
„Noch frĂŒh, mein Schatz, du kannst noch weiterschlafen.“


Das aber wollte Hubert nun absolut nicht mehr.
Flink wie in alten Zeiten sprang er auf, umfasste seine entfernt verwandte Ehefrau und trug sie ĂŒber die Schwelle ins gemeinsame Nachtlager.
Dort setzte er, sĂ€mtliche GrundsĂ€tze ĂŒber Bord werfend, zu einer Maßnahme an, in einer derartigen Wildheit, wie man eine solche selbst in einer wilden Ehe nicht vermutet hĂ€tte.

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Eve
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

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Hallo Raniero,

eine witzige Geschichte, die aufzeigt, dass die stĂŒrmischen Zeiten lĂ€ngst nicht nur der Jugend gehören ;-) ... deine Idee gefĂ€llt mir gut!

Aber ... du schreibst zu Beginn,

quote:
Neben sich vernahm er die regelmĂ€ĂŸigen AtemzĂŒge seiner Ehefrau Hilde
, weiter unten jedoch, dass er sofort nach Kenntnis dieser schrecklichen Nachricht aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausgezogen ist. Wie passt das zusammen?

Und am Schluss kommt mir sein Wandel doch etwas zu plötzlich. Warum ist ihm die "Verwandtschaft" mit seiner Frau plötzlich egal? Klar, ich kann mir denken, dass es vom Traum herrĂŒhrt ... aber eine gewisse Überleitung fĂ€nde ich da ganz schön. Und warum steht Hilde, die sich vorher sauer im Schlafzimmer verbarrikadiert hat, auf einmal freudestrahlend vor ihm - klar, Gratulation zum Ehrentag, aber "vergessen" (Ehe-)Frauen wirklich so schnell und ĂŒbergangslos den Ärger vorher? Ich könnte mir vorstellen, dass er im Schlaf vielleicht laut gesprochen hat ... und sie zufĂ€llig auf dem Weg in die KĂŒche – auf der Suche nach einem Glas Wasser – seine leidenschaftliche Verteidigung seiner Liebe zu ihr hören konnte ... daraufhin ist der ganze vorige Ärger vergessen, sie erinnern sich ihrer beider Liebe und ... Ende gut, alles gut ;-)

... nur ein Vorschlag, wie der Schluss etwas runder gelingen könnte ...

Viele GrĂŒĂŸe,
Eve

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Raniero
Textablader
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Registriert: Oct 2005

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Hallo Eve,

vielen Dank fĂŒr Deine Anmerkungen und Hinweise.
Du hast Recht, er darf nicht sofort, sondern kurzfristig
aus dem Schlafzimmer ausziehen.
Der Wandel zum Schluss allerdings; na ja, seine Frau hat sich dermaßen an ihn gewöhnt und kennt ihn so gut, dass sie genau weiß, wie sie ihn zu nehmen hat, und nachdem auf beiden Seiten die Wut verraucht ist, was soll er machen, der Gute, wenn ihm am goldenen Hochzeitsmorgen seine Jubelbraut anlĂ€chelt?
DarĂŒberhinaus ist natĂŒrlich die Feier nicht abgesagt, dafĂŒr haben die Kinder und Enkel schon gesorgt.


Gruß Raniero

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