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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Irgendwo im Chaos
Eingestellt am 22. 10. 2002 16:19


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Fellfrosch
Hobbydichter
Registriert: Oct 2002

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Irgendwo im Chaos

Es gibt Tage, da willst du nicht aus dem Bett raus. Und du tust es doch. Eine Stimme tief in dir drin sagt ÔÇ×Lass es sein!ÔÇť Nichts da, denkst du dir und rappelst dich doch hoch.
Das war so ein Tag. Der Regen platschte auf mein Fensterbrett. Irgendwie herrschte drau├čen Weltuntergang. Und das im Mai. Nun, bisweilen gibt es auch Fr├╝hlingsgef├╝hle zu Weihnachten.
Ich habe an so einem Morgen erst einen Stapel Hardcoverb├╝cher umgehauen, der rumpelnd auf den Parkettboden fiel. Schliddernd rutschten die B├╝cher umher. Dann m├Ąhte ich noch einen Sto├č neuer CDs um. Von unten h├Ârte ich meine alte Nachbarin ÔÇ×Ruhe da oben!ÔÇť rufen. Gefolgt von ihrem Donnern mit dem Besenstil. Ich fluchte laut und zotig zur Antwort. Das beruhigt sie jedes Mal.
Mein kleiner Zeh war l├Ądiert von der Buchattake. Also humpelte ich in die K├╝che, gr├╝├čte den Schimmel auf dem Teller freundlich und setzte Kaffeewasser auf. Ich mag Maschinenkaffe nicht. Also zelebriere ich feierlich jeden Morgen das Aufgie├čen des Pulvers. Zwischen Wasser hei├č werden lassen und Aufgie├čen bedauerte ich ausgiebig meinen Zeh. Er sah ziemlich rot aus und schmerzte wenn ich ihn etwas bog. Aus reiner Neugierde bog ich solange an ihm herum, bis es knirschte. Schei├če, das tat weh! Irgendwie bin ich masoistisch veranlagt. Das hat auch meine Verflossene immer wieder behauptet. Ich sage, ich bin nur neugierig. Mehr nicht. Mit ihr habe ich auch jeden Morgen diskutiert, warum handaufgebr├╝hter Kaffee besser schmeckt. Und das zwei Jahre lang. Das ist eine Leistung finde ich.
Dann schlurfte ich zur Wohnungst├╝r und holte meine Zeitung rein. Die Titelseite sagte schon alles. ÔÇ×Wird es ein verregneter Sommer?ÔÇť Typische Samstagsschlagzeilen. Wenn nichts in der Weltgeschichte passiert, wird das Wetter niedergemacht.

Solche Morgen habe ich gern. Ich liebe sie. Zu allem ├ťberfluss ging das Telefon. Ich starrte es an. Ich h├Ątte aufstehen m├╝ssen und quer durch das Wohnzimmer mich bewegen. Aus reiner Faulheit z├Ąhlte ich die Anzahl der Klingeleien. Achtzehn. Dann war Schluss. Ich wu├čte wer so lange Nerven hatte. Ich gab ihm eine halbe Stunde. Dann w├╝rde er es erneut versuchen.

Eine halbe Stunde sp├Ąter, mein Kaffee war fertig, die Zeitung verteilte sich quer auf dem Fu├čboden im Wohnzimmer und ich mitten drin, klingelte es wieder. Jetzt konnte ich nach dem H├Ârer angeln. Wer mochte es wohl sein? Richtig. Eine lieb gewonnene Nervens├Ąge plapperte munter drauf los. Ich h├Ątte den H├Ârer weg legen k├Ânnen und nach zehn Minuten fragen, ob er zwischenzeitlich ein paar Punkt eingef├╝gt h├Ątte. Er h├Ątte es nicht bemerkt. ÔÇ×Was willst du?ÔÇť herrschte ich ihn an. Versch├╝ttete Kaffee ├╝ber meine Beine. Fluchte laut. Von unten h├Ârte ich wieder ÔÇ×Ruhe da oben!ÔÇť Ich fluchte noch lauter. Warf das Telefon von mir, was sich scheppernd ├╝ber die n├Ąchste Wand zerlegte und biss mir auf die Lippe. Schei├če, war der Kaffee hei├č!
Nach einer Welle der unm├Âglichsten Fl├╝che Richtung eine Etage tiefer, kehrte Ruhe ein. Mein Telefon hatte sich in unwesendlich viele Teile zerlegt. Es w├╝rde mich nicht mehr nerven. Allerdings hie├č es auch, ich durfte mich an einem Samstag in die Vorstadt qu├Ąlen. Kreischende Kinder im Elektromarkt ertragen und entnervt nach einem Telefon suchen. Ich hasste solche Samstage.
Es kam alles ganz anders.
In meinem K├╝hlschrank herrschte seit Mitte der Woche g├Ąhnende Leere. Das restliche Schnittbrot hatte sich in einen Sammlung Brettchen verwandelt. Immer ausw├Ąrts Essen wollte ich auch nicht. Was blieb mir anderes ├╝brig, als doch noch mich in den samst├Ąglichen Wahnsinn zu st├╝rzen?
Nun, ich habe insofern Gl├╝ck, dass ein t├╝rkischer H├Ąndler fast quer ├╝ber die Stra├če zu erreichen ist. Daneben ein Discounter. Einkaufen in Lichtgeschwindigkeit, sagte ich mir. Hier kommt Supershopper! Bis zum T├╝rken ging es auch in Lichtgeschwindigkeit. Dann warf mir eine Frau ihr gesamtes Gem├╝se und Obst vor die F├╝├če.
ÔÇ×Eigentlich werfen sich mir nur Frauen zu F├╝├čenÔÇť, grinste ich. Sie sah sich hektisch nach zwei gefl├╝chteten ├äpfeln und widerspenstigen Zwiebeln um.
ÔÇ×Und zu was macht Sie das?ÔÇť, antwortete sie. Die Antwort kam spontan. Das h├Ârte ich sofort raus.
Ich half ihr beim Einfange ihrer Beute. Wir mussten etwas im Laden warten, bis der letzte Regenguss sich abgeregt hatte. Sie murmelte vor sich hin. Ich h├Ârte so was wie ÔÇ×Schei├č WetterÔÇť und ÔÇ×Fatschnass!ÔÇť. Dann sah sie mich an und grinste. Ich mu├čte lachen. ÔÇ×Kann ich dich zu einem Kaffe einladen?ÔÇť Warum ich das fragte wei├č ich bis heute nicht. Es kam mir so vor, als w├╝rde jemand mit meinem Mund etwas anderes machen, als ich wollte.
Sie starrte mich an. ÔÇ×Bei dem Wetter?ÔÇť Sie zeigte raus. Ein Wasserfall ergoss sich von der Markise des Obsth├Ąndlers. Ich zuckte mit den Schultern. ÔÇ×Warum eigentlich nichtÔÇť, seufzte sie. Einige Minuten sp├Ąter sa├čen wir in meinem Stammcaf├ę. Es liegt an der n├Ąchsten Stra├čenecke. Von hieraus kann ich ausgiebig verr├╝ckte bis nervende Fans beoabachten, die meinen meine Haust├╝r zu belagern. Hier in meiner Ecke sa├čen wir dann. Sie bestellte sich einen gro├čen Milchkaffee und wir unterhielten uns. Ich wei├č nicht mehr ├╝ber was. Aber das war mir zu diesem Zeitpunkt auch so was egal. Zum ersten Mal in meinem Leben!
Irgendwann sah sie auf ihre Uhr und wurde schlagartig hektisch. Sie raffte ihre Eink├Ąufe und verabschiedete sich. Ich lachte. Erwachte aus meinem Traum und sah sie aus dem Caf├ę laufen. Was war das gewesen?
An diesem Tag fluchte ich mich noch durch den erw├Ąhnten Elektromarkt und kaum war das Telefon eingest├Âpselt schellte es. Ziemlich schrill. Was f├╝r einen Schei├če hatte ich gekauft? Meine Mutter. Sie abzuwehren dauerte eine gute dreiviertel Stunde. Danach war ich genervt und entschloss mich in meine Badewanne zu legen und die Welt zu vergessen. Ich liebe solche Tage.
Er endete damit, dass meine Burg belagert wurde. Fast die gesamte Nacht hindurch hockten ein paar Freunde bei mir. Ich machte drei Kreuze als sie raus waren.

Meine Burg. Eine chaotische Burg, regiert von meiner chaotischen Person, Herr ├╝ber Tr├╝mmer eines verschissenen Lebens. Meister der Scherben zerbrochener Beziehungen, die nackte W├Ąnde und L├╝cken in der Bem├Âbelung hinterlassen hat. Ha, ich bin mein eigener Herr! Immerhin etwas. Meine Burg. Mein Kaffeewasser und meine Badewanne!
Zwar alles etwas unaufger├Ąumt, aber MEINS. Und wieder einmal fragte ich mich, warum ich mir keine Sp├╝lmaschine zugelegt hatte. Donnerte die Tassen auf die Sp├╝le. Durfte einige Scherben einsammeln und sah finster in den wolkenverhangenen Tag hinaus. Wenn das so weiterging, w├╝rde ich mich noch nackt von der n├Ąchsten Teppichkante st├╝rzen.
Den Sonntag verbrachte ich damit, das Geschirr zu sp├╝len. Eine Schneise durch das Chaos zu pfl├╝gen. Ich schob nur zur Seite. Dann suchte ich was und wieder fluchte ich. Zu laut f├╝r meine Nachbarin von unten. S├Ąuerlich sprang ich donnernd auf dem Boden umher. Br├╝llte und dann war Ruhe im Haus.
So was nervt. Der ganze Tag nervte. Die ganze folgende Woche nervte. Unser Projekt nervte. Meine Freunde nervten. Ich nervte mich schon selbst, mit dem Genervtsein. Ein herrlicher Zustand aus Verwirrung, ├Ątzender Laune und zotiger Fl├╝che. Das h├Ąlt einem die Leute vom Hals.
Bis zu einem weiteren Samstag. Das Wetter hatte sich spontan umentschieden zu fr├Âhlichen Sonnenschein. Es war freundlich und sogar dieser gelbe Ball am Himmel taucht unvermutet auf.

An diesem Morgen warf ich zwar keinen B├╝cherstapel um, daf├╝r riss ich den Zeitungsstapel mit. Vier Wochen Tagenszeitung breiteten sich vor mir aus. Inklusive Werbebeilagen und zwei Pizzakartons. Die nat├╝rlich ihre Kr├╝mel auskotzten. Habe ich schon erw├Ąhnt, dass ich Samstage hasse? Seit diesem Tag ist es definitiv so.
Ich stieg m├╝rrisch ├╝ber sie hinweg. Rutschte aus und h├Ątte mich fast hingelegt. Aber nur fast. Ich riss einen Vorhang halb ab, der mich eh die ganze Zeit genervt hatte Ausnahmsweise schluckte ich den Schrei des Hasses hinunter. Unter mir blieb es ruhig.
Ich ging an diesem Vormittag raus. Etwas Luft schnappen. Im Hausflur unten rannten mich die Nachbarskinder fast um. Egal, sagte ich mir. Sie m├╝ssen rennen. Es sind Kinder.
Die Luft k├╝hlte mich ab. Ich spazierte eine Weile die Stra├če hinunter. Zog mir neue Zigaretten und sah sie auf der anderen Stra├čenseite. Sie stand da und unterhielt sich mit jemand. Ihr Lachen h├Ârte ich bis auf meine Stra├čenseite. Ich ging hin├╝ber. Sie l├Ąchelte mich an. Nein, sagte sie mir, heute h├Ątte sie ihre ├äpfel im Griff. Ich lachte. Man m├╝sse mir ja auch nicht immer alles vor die F├╝├če werfen, antwortete ich am├╝siert. Verschwendete einen Gedanken an mein Durcheinander und fragte mich, ob sie allein leben w├╝rde.
Sie entschuldigte sich f├╝r ihr ├╝berst├╝rztes Verschwinden einen Samstag zuvor. Sie h├Ątte ein Date fast v├Âllig vergessen und da sie eine Schlampe par excellence sei, mu├čte sie noch aufr├Ąume. Sie hasse es, wenn Besuch in ihr Chaos stolpern w├╝rde.
Ich mu├čte grinsen. Sie erinnerte mich an jemanden, der fast genauso kompliziert redete. Wir wiederholten das Kaffeetrinken. An diesem Samstag hatte sie Zeit.

Aus dem Kaffetrinken ist in der Zwischenzeit mehr geworden. Jetzt im Sp├Ątsommer, nach gut vier Monaten, haben wir uns ziemlich gut kennen gelernt. Ich habe sie noch nicht besucht. Sie mich auch nicht, aber es st├Ârt uns gar nicht. Wir sehen uns fast jeden Sonntag. Machen Fahrradtouren oder Picknick. Meine Freunde halten mich schon f├╝r spinnert. Ich lasse das Projekt sausen f├╝r eine Frau, die ich nur als gute Freundin ansehe. Sie ist nicht mehr f├╝r mich. Aber auch nicht weniger.
Gestern haben wir wegen Dauerregens das Treffen verlagert. In ihr Fr├╝hst├╝ckscaf├ę. Sie meinte, es w├Ąre auch recht nett. War es auch. Wir haben da gesessen und Touristen angegafft und hatten Spa├č dabei.
Sicherlich, wenn ich mich jetzt nicht am Riemen rei├če bekomme ich ├ärger von meinen Freunden. Der Termindruck kommt langsam in Sicht. Ich lasse es einfach auf mich zukommen.

PS.
Heute ist wieder Samstag. Ich habe noch einmal diese Gedanken ├╝bergelesen. Nat├╝rlich habe ich mir Kaffee ├╝ber den Ausdruck gekippt, als ich nach einem Kuli gesucht habe. Fluchend einen weiteren Sto├č Papier durch mein kleines Zimmer verteilt und einige Augenblicke sp├Ąter den Benjamin (Baum) hinter mir umgehauen. Und nat├╝rlich qu├Ąkt meine Nachbarin von unten. Chaos!
Irgendwo in diesem Chaos habe ich die Telefonnummer meiner Bekannten vergraben. Irgendwo tief in meinem Chaos. Ich muss mal suchen. Wenn ich heute nicht raus komme, rei├če ich noch die ganze Bude ab.


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Liebe besitzt nicht, noch l├Ą├čt sie sich besitzen; denn die Liebe gen├╝gt der Liebe

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