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Leselupe.de > Erzählungen
It´s my life and my wife, heroine
Eingestellt am 12. 11. 2006 16:09


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Martin Iden
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2006

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Kapitel 2 It´ my life and my wife, heroine

Ich machte die Bekanntschaft einer jungen Frau namens Denise, einige Jahre älter als ich, bei deren Freund ich gelegentlich mein Cannabis kaufte. Ich langweilte mich und befand mich nach dem Abitur in einer tiefen Krise, ohne mir darüber recht bewußt zu sein, vor allem aber war ich ein krasser Außenseiter. Denise Vater war ein ehemaliger Fremdenlegionär und Fälscher, der sich nach Thailand abgesetzt hatte, und eine verruchte Berühmtheit umgab die ganze Sippe. Denise sagte immer, daß sie die Schlechtigkeit von ihrem Vater und die Blödheit ihrer Mutter geerbt habe. Ich merkte bald, daß Steffen, Denise Freund, homosexuell war und die beiden nur eine Interessengemeinschaft bildeten. Das Band, was sie wie ein altes Ehepaar zusammenhielt, war der Junk, und eines Tages hörte ich in ihrer Wohnung zum ersten Mal dieses gefürchtete, schreckliche Wort: "Affe"! Denise und Steffen waren gewohnt, dem ihren Zucker zu geben, doch an diesem Tag war sie pleite und hing in den Seilen. Sie tat mir wahnsinnig leid wie sie so still vor sich hinlitt.Die Nase lief ihr, die Pupillen waren so stark erweitert, wie ich es nie zuvor bei einem Menschen gesehen hatte, und ihre Haut glich der eines tiefgefrorenen Truthahns, die Metapher "Cold Turkey trifft wirklich sehr gut. Ich lieh ihr 100 Mark, die sie am nächsten Tag zurückzahlte, denn Denise war ein ehrenhafter Junkie. Wir fuhren zu einer Bekannten. Denise wollte mich nicht im Auto warten lassen, und so lernte ich "H-Erika" kennen, eine sehr hübsche, ja schöne Brünette, die gerade von ihrer wöchentlichen Geschäftsreise nach Aachen zurückgekehrt war. Erika genoß einen legendären Ruf, sie war die einzige Verteilerin, die sich über einen längeren Zeitraum halten konnte und immer alleine arbeitete. Die beiden ließen alle Hemmungen fallen und gaben sich vor meinen Augen eine Spritze. Unter alten Morphinisten ist es verpönt, das so ungeniert vor einem Nichtsüchtigen zu tun, aber was tut man nicht alles, wenn einem der Affe auf der Schulter sitzt. Heute denke ich, daß sie es taten, um mich abzuschrecken. Doch die beiden faszinierten mich, viel mehr als sie mich schockierten. Denises Metarmorphose war bemerkenswert, es war fast gespenstisch zu sehen, wie mit der Spritze neues Leben in ihren Körper floß. Erika zog Wasser in ihre Pumpe und spritzte den letzten Rest Blut, wie gewöhnlich, in den Blumenkübel, wo eine Orchidee sichtlich gedieh. "Mensch, Junge, du nimmst doch nicht etwa auch dieses verdammte Zeug? Laß bloß die Finger davon, oder willst du so werden wie die Denny und ich!" "Ne, ich nehme nichts, ich weiß wie es schmeckt, aber für mich ist das nichts, wirklich nicht!" "Das sagen sie alle, aber wer einmal leckt, der weiß wie´s schmeckt. Sei bloß vorsichtig, Martin, man überschätzt sich. Du wirst nicht von der ersten Fixe süchtig, auch nicht von der zehnten, zwanzigsten, fünfzigsten. Aber irgend etwas geschieht im Kopf, bis du dich selber eines Tages nicht mehr wiedererkennst!" Im Hintergrund lief Velvet Underground. "Heroine, it´s my life an my wife", deklamierte Denise, ganz selig satt. "Ihr habt sie ja nicht mehr alle, redet wie die Gouvernanten, aber schreckt nicht davor zurück, euch vor einem keuschen Jüngling wie mir einen zu quetschen!" Ich verkehrte noch häufiger mit Denise, warf gelegentlich eine Dicodid und testete das Zeug bald darauf einmal selbst aus. Es war ein geiles Gefühl, absolut edel, ich kann es nicht anders beschreiben, dennoch schien es mir noch eine Droge wie andere zu sein. In diesen Wochen vor dem Wintersemester wiederholte ich meine Erfahrungen im Abstand von einigen Wochen und zog im Oktober nach Göttingen um.

Meine Bude lag in einem häßlichen Block, ein richtiges Wohnsilo. Ich hatte mich für Ethnologie und romanische Philologie eingetragen, doch viele Anfängerveranstaltungen waren alles andere als interessant, vor allem aber total überfüllt. Der Stress fing schon bei der Immatrikulation an, und ich wurde zweimal wieder ans Ende der Schlange verbannt,nachdem ich jedesmal über eine halbe Stunde gewartet hatte, weil mir noch ein Schrieb fehlte, ich glaube, es ging um die Beglaubigung des Abizeugnisses. Ich fand mich nur schwer in Göttingen zurecht, meine Bude machte mich depressiv, und der Einzige, mit dem ich engeren Kontakt hatte, war mein Nachbar Machmoud, ein junger Iraner, einige Jahre älter als ich. Dieser war BWL Student, er stammte aus einer Familie, die in Shiraz zu den einflußreichsten und Mächtigsten gehörte. Machmoud war mit Myriam so gut wie verheiraratet, einer stämmigen, lustigen blonden Finnin, Medizinstudentin. Eines Abends fragte er mich, ob ich ihn nach Hannover fahren könne. Ich war pleite und fragte nicht nach dem Grund, sondern nach dem Preis. Da wir uns so gut ergänzten, machten wir noch manche Fuhre zusammen. Es ging jedesmal zum Steintor, eine Hannoveranerin, die wir beim ersten Mal nach dem Weg fragten, sagte: "ah, sie wollen zu den Nutten". Treffpunkt war immer ein Billiardcafe´, das einem Kurden gehörte. Einmal war Machmoud pleite und gab mir statt dessen ein Pack, aber das war mir auch recht, und ich brauchte es in den folgenden Wochen auf. Ich rauchte oder schnupfte, spritzte aber nicht. Ich war damals noch weit davon entfernt, süchtig zu sein, doch war ich bereits gefährdet, ohne es mir einzugestehen. Gelegentlich nahm ich wieder mit Erika Kontakt auf und lernte durch sie einige andere Leute von der Szene kennen, darunter Nicole, die Tochter eines Bundestagsabgeordneten, der unser ehemaliger Landrat gewesen war. ich hatte ein Fahrzeug und meistens Zeit, so daß ich zu einer begehrten Persönlichkeit wurde, und ohne viel Geld dafür auszugeben, hatte ich jetzt meistens Schore, also Heroin bei mir liegen. Ich ließ mich treiben, und da die Injektion keine große Hemmschwelle für mich war, gab ich mir bald selbst Spritzen. Seitdem ich zum ersten Mal Opiate genommen hatte, waren inzwischen schon zwei Jahre vergangen, aber immer noch hatte ich keinen Entzug und war sehr stolz, daß ich so gut mit Drogen umgehen konnte. Doch ich machte mir etwas vor, und im tiefsten Inneren wußte ich es.

Niemand rechnet damit, süchtig zu werden, man läßt sich treiben und erfindet immer neue Ausreden für jede Spritze außer der Reihe. Das Problem ist, daß man lange, ehe man wirklich süchtig wird, eine psychische Abhängigkeit entwickelt. Diese Droge ist einfach zu konzentriert, das ist etwas anderes, als ein Opiumpfeife oder eine Morphinpille. Man kann damit nicht umgehen, auf Dauer kann man es nicht.Anfangs hat man einen Heidenrespekt vor dem Zeug, aber die Droge fasziniert. Nichts, aber auch gar nichts auf der Welt kommt der Euphorie einer Morphium- oder Heroininjektion gleich, nur ein Cocktail, Schore mit Koks ist noch besser. Die Opiateuphorie ist der natürlichen Euphorie, die man durch Erfolgserlebnisse, im Sport oder auch beim Sex empfindet, selbst einem Orgasmus, weit überlegen, und dieses Gefühl lockt, so wie ein Berg, den man besteigt, nur weil er da steht. Kennt man Opiate, Codein oder Dilaudid, sinkt die hemmschwelle vor Heroin. Man testet es, und es geht alles ganz leicht, wochenlang, monatelang. Aber Erika hatte Recht gehabt, irgendetwas geschieht im Kopf. Man will es wissen, wie es ist, ein Druck, und wieder geht alles gut. Doch diese Droge ist so konzentriert, daß sie keinen Fehler verzeiht, die Rechnung kommt eines Tages so sicher, wie die Euphorie nach einer Injektion. Es geht dann ganz plötzlich nicht mehr leicht, man beginnt unmerklich den Widerstand aufzugeben, Ausreden zu erfinden. Dazu kommt natürlich die enorme soziale Ächtung und mangelhafte Aufklärung. Wem kann man schon anvertrauen, daß man Probleme mit Heroin hat, und wer ist so souverän, daß er mit dieser Belastung umgehen kann? Selbst wenn es jemand könnte, welche erfolgversprechenden Perspektiven kann er anbieten, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Die meisten Drogenberatungsstellen werden einem nicht weiterhelfen können, diese Einrichtungen sind total überlastet, die Mitarbeiter desillusioniert und bequem.

Ganz genau erinnere ich mich noch an einen regnerischen, kalten Novembertag. Ich war mit einigen Bekannten zusammen, als die Gastgeber einen Druck ausgaben. Ich hatte Lust, nur allzuviel, doch ich lehnte ab, um mir selbst zu beweisen, daß ich dazu überhaupt noch in der Lage war. Als die anderen ihre Schore aufkochten, eine dicke braune Suppe, litt ich Tantalusqualen wie ein Fettleibiger, der nach einer Fastenkur in einem Restaurant sitzt. Ich hätte mir gerne einen Druck gemacht, war aber zu stolz, meine Ablehnung zurückzunehmen. Der Hausherr sah mich mit einem langen, bewundernden, fast neidischen Blick an. Hier wäre der Punkt gewesen, wo vielleicht noch eine Umkehr möglich gewesen wäre. Doch jetzt ging es Schlag auf Schlag, und alles schien wie auf schiefer Ebene in den Abgrund zu rutschen. Ich begann den Widerstand aufzugeben, und einige Wochen nach diesem furchtbaren Tag wachte ich eines Morgens mit den typischen Anzeichen der Suchtkrankheit auf. Verglichen mit eiem richtigen Affen war das damals noch ein laues Lüftchen, doch ich fiel in ein schwarzes Loch. Ich nahm mir vor, mit Codein zu entziehen und mir professionelle Hilfe zu suchen. Unerfahren auf der Pharmaszene, neu in Göttingen, fiel es mir unglaublich schwer, auch nur 20 Tabletten Codein aufzutreiben. Natürlich war es kurz vor Wochenende, ich hatte kein Geld, dafür aber diesmal einen richtigen Affen, und dann ist man der bösen Welt hoffnungslos ausgeliefert und kommt auf Ideen, die einem sonst nie in den Sinn kämen.
Eine Göttinger Ärztin, die ich ganz diskret um ein Rezept anging, legte mich ganz furchtbar rein. Sie verschrieb mir ein völlig wirkungsloses Medikament, machte einen furchtbaren Aufwand und nahm mir sogar Blut ab. Doch verweigerte sie mir medizinische Hilfe und schrieb stattdessen eine fette Rechnung. Ich war bereits übel suchtkrank, als ich zu den 20 Doxy Wolff noch eine Packung Codicaps hinzufügte. Am übernächsten Tag ging ich zu der Ärztin, um mich zu entschuldigen und sie zu bitten, von einer Anzeige abzusehen. Niemals hätte ich mir damals träumen lassen, daß sich dieses Weib dazu hergeben würde, mich im Sprechzimmer hinzuhalten, während sie mir von einer Arzthelferin die Polizei auf den Hals hetzen ließ. Die Bullen führten mich in Handschellen aus der Praxis ab, als hätte ich die Lusitania versenkt. Das Ganze ging aber, nicht zuletzt, weil die Polizeibeamten in ihrem Übereifer alles vermasselten, relativ glimpflich ab. Sie hatten in meiner Wohnung nur meinen Konfirmationsspruch mit einem "Hampfblatt" erbeutet, ein wahres Prachtexemplar von einer vier Meter hohen Pflanze und dazu drei "Monkapseln" aus dem Weinachtsgesteck. Natürlich hatten sie auch keinen Heimsuchungsbefehl gehabt, sondern wegen "Gefahr im Verzug" einfach die Tür eingetreten. Der Richter hatte mich gleich auf dem Kieker, aber der Staatsanwalt war ein ehrenhafter Mann. Er wurde hellhörig, als ich die Rechnung der Ärztin vorlegte und beantragte Einstellung des Verfahrens. Ich mußte eine Geldbuße bezahlen, und das "Hampfblatt" und die "Monkapseln" wurden vernichtet. Bei dieser Gelegenheit fällt mir ein, daß ich den Bilderrahmen mit meinem Konfirmationsspruch nie wieder bekommen habe. Doch jetzt fühlte ich mich wirklich als Junkie. Die Vorzeichen hatten sich verändert, und jetzt ging es bald nicht mehr darum, die Dosis zu regulieren, sondern sich die gewohnte Dosis um fast jeden Preis zu sichern.

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