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Leselupe.de > ErzÀhlungen
JS und die Indios
Eingestellt am 14. 11. 2010 16:22


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Haarkranz
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JS und die Indios.

In den folgenden langen Winterabenden, in unserem Nest oben in der dunklen Halle, wenn es zum schlafen zu frĂŒh, draußen aber dunkel, kalt und unwirtlich war, animierte ich JS mir von seinem Leben zu erzĂ€hlen.
Er strĂ€ubte sich zuerst und meinte, Mariechen ist völlig unsortiert in meinem Kopf. Aber ich fing ihn mit der Frage. Was heißt hier unsortiert? Du wirst wissen wie deine fĂŒnf Kinder heißen, wie alt sie sind, welche sind Jungen und welche MĂ€dchen? Da gibt es ĂŒberhaupt nichts zu sortieren, ich will von ihnen hören, vor allem von Imari. Irgendwann hatte ich ihn soweit, und er begann zu erzĂ€hlen:
Als ich in Amerika an Land ging, besaß ich nichts als Hemd und Hose die ich am Leibe trug. Die Überfahrt hatte ich als Moses auf einem hollĂ€ndischen Clipper, der Kaffee von Costa Rica nach Amsterdam schipperte gemacht.
Moses so nannte man die Schiffsjungen. Schiffsjungen das waren die Wanzen der Matrosen, ohne Rechte und möglichst ohne Magen. Nie mehr hab ich so gehungert, wie auf diesem stolzen Schiff. Als wir Costa Rica erreicht hatten, einen Tag auf Reede lagen, schnappte ich mir in der Nacht ein Tau und ließ mich leise und vorsichtig an der Bordwand herunter und schwamm an Land.
Ich ging nicht in die Stadt, war schlau genug zu vermuten, die wĂŒrden einen weißen Schiffsjungen nur allzuschnell orten und gegen Belohnung, an den KapitĂ€n des Clippers ausliefern. Was das hieß, kannte ich aus den einschĂŒchternden ErzĂ€hlungen der Matrosen. Ich lief am Strand entlang, als der Morgen dĂ€mmerte, war ich ein gehöriges StĂŒck von der Stadt entfernt, hoffte Entdeckung nicht mehr fĂŒrchten zu mĂŒssen.
Blieb jedoch auf der Hut, sucht mir einen Weg vom Meer weg. ins Landesinnere.
Bald, wie konnte es anders sein, fielen mir vor MĂŒdigkeit die Augen zu, ich suchte und fand einen Unterschlupf, erst einmal schlafen, war alles was ich denken konnte. Ich wurde wach, weil etwas neben und unter mir drĂŒckte und fiepte, Ă€hnlich Hunden die auf sich aufmerksam machen. Ich sah mich um und traute meinen Augen nicht. Unmittelbar neben mir gĂ€hnte ein zĂ€hnestarrender Kaimanrachen, nicht geöffnet um mich zu verschlingen, sondern um dutzende kleine Kaimane, die um mich herum wieselten einzufangen.
Ich bewegte mich fast ohne Bewegung, weg von dem Ungeheuer, und erkannte zu meinem Schrecken, es war nicht das einzige. Meinen Schlafplatz lag mitten im Brutgebiet der Flusskaimane. Ich kroch so langsam wie leise fort, um aufs Neue meinen Weg von einer Echse verlegt zu finden. Mein GlĂŒck war, sie waren wie MĂŒtter nun mal sind, auschließlich um ihre Brut besorgt.
Ich entkam, frag nicht wie lange es gedauert hat. Ein Hang mit felsigem Grund ohne Sand und Humus, ungeeignet fĂŒr die Eiablage von Kaimanen, war meine Rettung. Viel weiter hĂ€tte ich nicht kriechen können, ich zitterte am ganzen Leib, selbst meine ZĂ€hne klapperten, dabei war es so heiß, dass mir der Schweiß in Strömen vom Körper rann.
Auf diesem Flecken lag ich, von Erschöpfung ĂŒbermannt, eingeschlafen oder ohnmĂ€chtig geworden, als etwas feuchtwarmes, beharrlich wiederkehrendes, mich weckte und ich in die Augen, eines grossen schwarzen Hundes blickte, der erschreckt von dem Blickkontakt zurĂŒcksprang, um mich aus ausreichendem Abstand bellend zu beĂ€ugen. Seine lange, rote Zunge fuhr genĂŒĂŸlich ĂŒber feuchte, gezackte Lefzen, es war ihm anzusehen, wie gern er mir den ĂŒbriggebliebenen Restschweiß, vom Gesicht geleckt hĂ€tte.
Die Sonne stand hoch am Himmel, ich hatte einige Stunden geschlafen. Ich wurde schlagartig hellwach, als ich mich umsah und erkannte, der Hund war nicht allein. Aus dem Schatten einer steilaufragenden Felswand, versteckt in ĂŒppig, grĂŒnen BlĂ€ttern und Ranken inspizierten mich kleine, braune Gesichter. Es schienen Kinder zu sein. Ich setzte mich vorsichtig auf, mit dem Gedanken beschĂ€ftigt: Wie spreche ich sie an.
Die kleinen Gesichter gehörten tatsĂ€chlich zu Kindern, die sich, eins hinter dem anderen versteckend, zögerlich aus ihrer Deckung wagten. Klein machen, möglichst klein machen, dachte ich und rief ihnen, Buenos Dias Amigos rĂŒber, aber es gab kein Echo.
Was sollte ich tun? Ich brauchte Kontakt zu Menschen, Hunger und Durst waren kaum noch zu ertragen. Die Kinder blieben stehen, flĂŒsterten miteinander, redeten auf den GrĂ¶ĂŸten ein, schubsten ihn zu mir hin. Endlich, ich sah es seinem Gesicht an, ĂŒberwand er sich und kam nĂ€her. Ich blieb sitzen und lĂ€chelte ihn an. Der Junge stand vor mir, deutete auf den Wald und sagte :“Polizia!“
Wie von der Tarantel gestochen sprang ich hoch, weg waren die Kinder, wie vom Erdboden verschluckt.
Ich hatte Angst. Scheinbar ließ der KapitĂ€n nach mir suchen, obwohl ich kaum verstand, welchen Nutzen er sich von einem unwilligen Schiffsjungen versprach. Nur fangen lassen, wĂŒrde ich mich auf keinen Fall. Entschlossen ging ich einige Schritte in die grĂŒne Wand hinein, jedoch weiterkommen war unmöglich. Hinter Blattwerk und Lianen glatter Fels, ohne Durchschlupf. Aber die Kinder waren in diesem grĂŒnen Wirrwarr verschwunden, es musste einen Weg geben. Leise rief ich: „Amigos, Amigos!“ lauschte. Nichts außer dem Gekreisch der Vögel, und dem alles ĂŒbertönenden sirren, sĂ€gen, zischeln und knarren unsichtbarer Heerscharen von KĂ€fern, Schrecken, Faltern, Spinnen, Asseln und Wanzen.
Als ich jĂ€mmerlich verlassen, an der Felswand lehnte, wußte ich noch nicht, was den HöllenlĂ€rm verursachte, Mariechen, die AufzĂ€hlung ist Ausfluß spĂ€terer Erfahrungen.
Jedoch, wie heißt es? Wenn die Not am grĂ¶ĂŸten, ist Gottes Hilfe am nĂ€chsten. In meinem Falle, in Gestalt einer kleinen, warmen Hand die sich in meine schob. Das rettende HĂ€ndchen, gehörte zu dem Jungen, der mich mit dem Wort Polizia, so erschreckt hatte. Er zog mich hinter sich her, direkt auf einen Vorsprung der undurchdringlichen Wand zu, ich zögerte weiter zu folgen, weil ich fĂŒrchtete gegen das Gestein zu prallen. Folgte Ă€ngstlich, mit fast geschlossenen Augen und plötzlich war da ein Spalt, nicht breit, aber eben breit genug, um mich durchzwĂ€ngen zu können. Jenseits des Spalts war eine gerĂ€umige Höhle, deren Öffnung den Blick auf mehrere HĂŒtten in einem Talkessel freigab.
Im Hintergrund der Höhle hörte ich Wasser rieseln. Ein Quell sickerte aus der Wand und ergoß sich in ein Becken, in dem einige meiner kleinen Retter, eine Wasserschlacht auffĂŒhrten.
Trinken, nichts als trinken, löste das gluckern der Quelle, das Gespritze der Tobenden in mir aus. Ich warf mich der LÀnge nach hin, und steckte den Kopf ins Wasser.
Mein FĂŒhrer hatte mittlerweile seine Scheu verloren, stand neben mir, wartete bis ich meinen Durst gelöscht hatte. Als ich mich endlich erquickt und nur noch hungrig aufrichtete, deutete er mit einem Finger auf seine Brust und sagte: Fernando! Ich verbeugte mich, zeigte auf mich: Giovanni! Fernando wiederholte leicht fragend, Giovanni? Si, nickte ich. Fernando rief laut, einige mir unverstĂ€ndliche Worte, aus denen aber Giovanni deutlich herauszuhören war. Die Wasserschlacht wurde eingestellt, die kleinen braunen Gestalten umdrĂ€ngten mich, auf sich deutend kam : Yo Pedro, Santiago, Isabella, Paolo. Ich freute mich, lachte, zeigte auf mich, und rief Giovanni, yo Giovanni!
Das war meine Ankunft in Amerika, Mariechen. Die Flucht sollte zu Ende sein, jedenfalls die unmittelbare Gefahr der Gefangenschaft.
Ich stand noch zwischen meinen kleinen Freunden, als plötzlich wie aus dem Nichts eine erwachsene Indianerin vor mir stand. Sie deutete auf mich und sagte fragend, Giovanni? Si Giovanni, antwortete ich und sie, yo Raffaela und winkte mir, ihr zu folgen. Die Kinder schienen mich fĂŒrs Erste vergessen zu haben, sprangen zurĂŒck ins Wasser und nahmen ihre Wasserschlacht wieder auf.
Rafaella ging vor mir her, ich folgte ihr in der Hoffnung auf Futter. Das Wort Polizia ging mir nicht aus dem Sinn. Als ich erkannte, Rafaella wĂŒrde mich einen schmalen Saumpfad, steil abwĂ€rts ins Tal herunter fĂŒhren, rief ich: Rafaella! Sie drehte sich um, sah mich an. Ich deutete auf die tief unter uns liegenden HĂŒtten, fragte: Polizia? Sie lachte, zeigte ihre weissen ZĂ€hne und schĂŒttelte den Kopf: No, no Polizia no, no.
Rafaella folgend, konzentrierte ich mich wie noch nie in meinem Leben. Der steil abwĂ€rts fĂŒhrende Pfad, den die Frau ohne hinzusehen, trittsicher wie eine Gemse hinuntersprang, kostete mich meine ganze Kraft. Oft war von Tritt zu Tritt, ein ganzer Meter, ĂŒber einen gĂ€hnenden Abgrund zu springen. Rafaella hĂŒpfte von Kluft zu Kluft, von Stein zu Stein, in jeder Hand einen gefĂŒllten Sack, auf dem RĂŒcken einen, mit einem Strick befestigten, hoch mit GrĂŒnzeug gefĂŒllten Korb, der bei ihren SprĂŒngen mal nach rechts mal nach links rutschte, nein taumelte, ohne die TrĂ€gerin im geringsten zu beeindrucken.
Endlich waren wir unten. Auf einem kleinen Platz, zwischen den HĂŒtten hockten einige MĂ€nner. Rafaella zeigte auf mich, Giovanni rief sie. Die MĂ€nner sahen mich an, nickten und wandten sich ihrer Unterhaltung zu. Rafaella fĂŒhrte mich in eine HĂŒtte. Von einem Dreifuß hing ein Topf ĂŒber offenem Feuer. Der Rauch zog durch ein Loch im Dach ab. Ein aus rohen Brettern gezimmerter Tisch und zwei dreibeinige Hocker waren das ganze Mobiliar.
Rafaella sah nach dem Topf, rĂŒhrte mit einem langen Scheit darin herum, deutete mit dem Kinn auf einen der Hocker. Ich setzte mich. An der Wand neben der Feuerstelle, waren irdene GefĂ€ĂŸe ineinandergestapelt. Meine Gastgeberin nahm einen Krug, schĂŒttete eine dickflĂŒssige Suppe aus dem Topf hinein, hielt ihn mir hin, ließ mich schnuppern, gab mir einen Holzlöffel, machte die Geste des Essens. Der Brei roch nach Mais. Ich hatte gewaltigen Hunger, zögerte keinen Augenblick.
Fast wĂ€re ich an dem ersten Löffel erstickt, den ich nichtsahnend in den Mund schob.Der Suppe war stark gewĂŒrzt, mein Kopf schien zu platzen, Schweiß brach aus, ich rang nach Luft, zeigte Rafaella meine Not, wollte aufstehen, trinken. Sie schĂŒttelte den Kopf, drĂŒckte mich auf den Hocker, hielt mich dort fest. Ich ließ die Schultern sinken, signalisierend, ich schick mich drein.
Sie blieb bei mir stehen, nur noch eine Hand lose auf meinem Nacken. Das Feuer in Mund, Kehle und Hals beruhigte sich, der Hunger kehrte zurĂŒck. Vorsichtig geworden, aß ich körnchenweise, die SchĂ€rfe zu mindern.
Ich wurde langsam aber gut satt, eigentlich plagte mich nur noch der Durst. Ich hielt Rafaella meinen Krug hin und sagte agua, sie verstand mich, aber schĂŒttelte den Kopf, hielt beide HĂ€nde mit abgespreizten Fingern hoch, nickte freundlich lĂ€chelnd. Ich sollte wohl noch warten, bis alle SchĂ€rfe vergangen war.
Als sie mir den Krug gefĂŒllt, ich meinen Durst gestillt hatte, bedeutete sie mir zu folgen. Sie fĂŒhrte mich zu den MĂ€nnern, die vor der HĂŒtte hockten.
Rafaella sprach mit einem grossen dunkelhĂ€utigen Indio ein paar Worte, der Mann sah mich abschĂ€tzend an, nickte mir zu. Er stand auf, legte mir kurz eine Hand auf die Schulter und deutete auf den Dschungel, der direkt hinter den HĂŒtten begann, und war schon in der grĂŒnen Wand verschwunden. Rafaella ging in die Knie, schleuderte beide Arme zu mir hin, so wie man HĂŒhner scheucht, und ich rannte schleunigst hinter dem Schwarzen her.
Es kostete mich meine ganze Kraft, nach dem ich ihn eingeholt hatte, sein Tempo mitzuhalten.
Nero, so hieß mein FĂŒhrer wie ich bei einer, nur Minuten dauernden Rast erfuhr, glitt mit schlangenartiger Geschmeidigkeit, zwischen Ranken, StrĂ€uchern, GrĂ€sern hindurch, an kathedralhohen Baumriesen, deren Wurzelwerk allein haushoch war, vorbei.
Fast ohne Rast mit gleichmĂ€ĂŸigem Schritt, ohne auch nur einen Blick, auf die uns umgauckelnden farbig, funkelnden Falter zu werfen ging es weiter; weder die keckernden Affen, ecklen handgroßen Spinnen, oder die ĂŒberbordende Kakaphonie des Regenwaldes konnten seine Schritte hemmen.
Diese Dschungeltour dauerte Tage und NĂ€chte.
Ich folgte Nero, ohne zu wissen warum ich ihm folgte, wo ich war, wer er war. Einzig sein eng um den SchĂ€del geschlungenes rotes Kopftuch, war Fixpunkt meiner Konzentration. Roter Punkt, auf und nieder, verschwinden wieder auftauchen, leben oder sterben, nicht verlieren, roter Punkt, roter Punkt. Nichts sonst nahm ich wahr, nichts zĂ€hlte als maschinenhaftes ausschreiten und folgen, folgen, dem roten Punkt folgen. Irgendwann tauchten HĂŒtten auf, Menschen.
Ich wachte in einer Matte auf, die zwischen zwei Stangen, unter einem BlĂ€tterdach schauckelte. Schreck durchfuhr mich. Gefangen? Das Schiff? Das schauckelnde Schiff auf den Wellen? Ich zwang mich, die Augen einen winzigen Spalt zu öffnen. Was blieb mir ĂŒbrig, als mich der Wahrheit zu stellen. Bevor ich sah was um mich geschah, hörte ich rufen: Mama, Mama!
Gleich darauf ein lĂ€chelndes, braunes Gesicht ĂŒber mir, eine Hand die meinen Kopf stĂŒtzte, etwas rauhes an meinen Lippen, und schon umspĂŒlte meine verdorrte Zunge, eine nie geschmeckte, fruchtig sauer, sĂŒĂŸe Köstlichkeit.
Was ich damals noch nicht wusste, Mariechen, ich war angekommen. Auf einem wochenlangen Marsch, hatte mich Nero von Costa Rica nach Nicaragua geschleppt. Warum, sollte ich nie erfahren. Auch Nero hab ich nie wiedergesehen. Er hatte mich abgegeben, und war verschwunden.
Das freundliche, braune Gesicht von Felicitas, die mich mit Maisbrei, FrĂŒchten und Saft wieder auf die Beine brachte, erschien noch oft ĂŒber mir. Irgendwann stand ich wieder auf der Erde. Ich sah mich um, und schon hatten die Kinder mich bemerkt, im nu war ich umringt von kleinen nackten, braunen Leibern. Sie zogen und schoben mich ĂŒber den Dorfplatz. Aus einer der HĂŒtten kam Felicitas, klatschte in die HĂ€nde und ich verstand, bueno gringo. Felicitas freute sich, drĂŒckte mich auf eine Bank, holte eine grosse SchĂŒssel Maisbrei, stellte die mir auf die Knie. Sie lachte, meine Fortschritte machten sie stolz.
In diesem Dorf Mariechen, blieb ich lange Zeit. Ich lernte die Sprache der Mayas, und fĂŒgte mich ganz in das Leben der Menschen ein. Die Indios bauten FrĂŒchte und Mais fĂŒr den Eigenbedarf an, wurden aber zunehmend von AufkĂ€ufern, die aus den grösseren Orten in die Berge kamen angehalten, KaffeestrĂ€ucher anzubauen. Die Ernte, garantierten ihnen die AufkĂ€ufer, wĂŒrden sie abnehmen. Wenn wegen des vermehrten Kaffeeanbaus, sie keine Zeit fĂ€nden Mais und anderes Lebenswichtiges anzupflanzen, sollten sie sich nur auf sie verlassen, was sie brauchten, wĂŒrde geliefert werden.
So gerieten die Campesinos in stetig, stĂ€rkere AbhĂ€ngigkeit von den AufkĂ€ufern. Die fĂŒr den Kaffee erzielten Einnahmen reichten bei weitem nicht aus, die gelieferten Lebensmittel zu bezahlen, es kam zu einer schleichenden Enteignung der Indios. Die meisten waren zu abhĂ€ngigen Arbeitern, auf vermeintlich eignem Grund und Boden geworden.
Da sah ich meine Chance. Ich hatte lange genug im Dorf gelebt, um das Vertrauen der Menschen zu erringen. Sie glaubten mir, als ich ihnen erklĂ€rte, wie sie sich aus dem WĂŒrgegriff der AufkĂ€ufer befreien konnten.
Im Dorf gab es hoch im Berg eine FlĂ€che, die wegen der Beschwerlichkeit des Weges dorthin, nicht kultiviert worden war. Diese FlĂ€che mĂŒssen wir kooperativ bewirtschaften, erklĂ€rte ich ihnen. Jeder von euch arbeitet einige Stunden wöchentlich, auf diesem Feld . Die Ernte verkaufen wir nicht an die AufkĂ€ufer, ich werde den Kaffee in die Stadt bringen, dort direkt an die Gringos verkaufen.
Meine Freunde sahen mich an, sie verstanden was ich bezweckte, nur glaubten sie nicht an ein Gelingen.
Was den Ausschlag fĂŒr ihrer Zustimmung gab: Sie nahmen mich neu wahr. Sie erkannten plötzlich, der da in unserer Mitte, der Tag fĂŒr Tag mit uns auf die Felder zieht, ist ein Gringo. Ist blond, sieht mit blauen Augen in die Welt. Der hat keine Angst vor der Stadt, ist stĂ€rker als die AufkĂ€ufer, der spricht mit den mĂ€chtigen Gringos, wie Kaziken mit Kaziken sprechen.
Die AufkĂ€ufer maßen der Weigerung der Dörfler, ihnen den Kaffee von dem neu erschlossenen Feld zu verkaufen, zunĂ€chst keine Bedeutung bei. Zu oft hatten sie erlebt, wie Widerstand, ohne ihr Zutun zusammenbrach.
Als die Ernte in vollem Gange war, veranlasste ich, dass unser Kooperativfeld vor den anderen Feldern, unter Einsatz des ganzen Dorfes, an einem Tag abgeerntet wurde. Am Abend dieses Tages zog ich, mit drei der stĂ€rksten MĂ€nnern und zehn vollbepackten Mauleseln auf einem zwar beschwerlichen, aber sicheren Umweg ins Tal und in die Stadt. Schnell erfuhr ich, einer der Kaffeeimporteure war ein Deutscher. Ich besuchte ihn in seiner Niederlassung , stellte mich als Kaffepflanzer vor, ĂŒbergab ihm einen kleinen Sack mit den geernteten FrĂŒchten.
Herr Terboven betastete die Beeren, schnupperte daran und lobte, „absolut excellente QualitĂ€t, Senor Schmitz. WĂŒrde mich freuen mit ihnen ins GeschĂ€ft zu kommen. Wieviel Sack, sind sie in der Lage jĂ€hrlich zu liefern?“ Auf diese Frage war ich vorbereitet, und nannte ihm die ganze Produktion des Dorfes.
„Tausend Sack dieser ertsklassigen Ware, Herr Schmitz?“ staunte Terboven.
„Gewiß, nein garantiert, gegen eine Gegengarantie.“
„Das heißt Herr Schmitz, ich soll ihnen die Abnahme der tausend Sack garantieren?“
„Ja, Herr Terboven, zu einem fĂŒr beide Seiten auskömmlichen Preis.“
„Versteht sich, Herr Schmitz, darf ich ihnen sagen wie sehr ich ihren straight talk, wie der Amerikaner sagt, zu schĂ€tzen weiß? Also ich kaufe das, was sie im Moment anzubieten haben, zu 10 Dollar den Sack. Sollten sie, und bei ihrer Jugend kann ich mir das fast denken, ĂŒber keine grösseren, finanziellen Ressourcen verfĂŒgen, biete ich ihnen fĂŒr die nĂ€chste Ernte, eine Vorauszahlung fĂŒr 500 Sack an, wobei ich fĂŒr diese vorausbezahlte Menge, einen Rabatt von 20% erwarte.“
Mir wurde schwindelig als mir klar wurde, als Vorauszahlung kassierten wir 4000 Dollar und fĂŒr die 100 mitgebrachten Sack, noch einmal 1000 Dollar. Die AufkĂ€ufer pflegten fĂŒr die ganze Ernte, nie mehr als 500 Dollar zu verrechnen, wenn es ĂŒberhaupt soviel war.
NachprĂŒfbare Abrechnungen, legten die nie vor. Jetzt galt es kĂŒhlen Kopf zu bewahren. Ich bat Herrn Terboven, mir behilflich zu sein, bei seiner Bank ein Konto zu eröffnen, wo ich das Geld deponieren könne. Mit einer solchen Summe, mochte ich nicht zurĂŒck in die Berge. Sie gefallen mir junger Mann, kommen sie, ich lade sie zum Essen ein. Ich bedankte mich fĂŒr die Einladung, bedauerte aber sie nicht annehmen zu können.
Wissen sie Senor, erklĂ€rte ich, erst lassen sie uns das GeschĂ€ft mit dem mitgebrachten Kaffee abwickeln, das VorauszahlungsgeschĂ€ft bei der Bank auf mein Konto einzahlen und dann, bitte nehmen sie es mir nicht Übel, bin ich schon wieder unterwegs. NĂ€chstes Jahr nehme ich mir, das verspreche ich, genug Zeit um mit ihnen zu essen und ihnen Gelegenheit zu geben, mich nĂ€her kennenzulernen. Senor Terboven zeigte VerstĂ€ndnis, und wir machten uns noch am gleichen Nachmittag auf den RĂŒckweg.
Mariechen, jetzt wurde es brandgefĂ€hrlich. Als die AufkĂ€ufer das nĂ€chste Mal im Dorf aufkreuzten, erkannten sie sofort woher der Wind wehte, als unser Kazike nicht mit Ware, sondern mit Bargeld zahlen wollte. Was das genau in Geld koste, was sie in den letzten Monaten geliefert hatten, könnten sie so nicht sagen, aber in Kaffee wĂ€re das kein Problem, da wĂŒrde die komplette Ernte kaum langen, wie das in den Vorjahren, auch schon zu wenig gewesen war, behaupteten die Burschen frech.
Der Kazike war gut vorbereitet, hatte den Einwand vorausgesehen. Also rief er die Frauen, die fĂŒr die Bestellung und Annahme der Lebensmittel verantwortlich waren, und fragte, was denn im Einzelnen, von den ehrenwerten Senores, geliefert worden wĂ€re. Felicitas zog eine Rolle aus ihrem Rock, entrollte die auf dem Boden. Insgesamt ist folgendes geliefert worden, erklĂ€rte sie und rief, „Clara Mais!“
Clara kam mit einem BĂŒschel Mais und einer Schnur, in die 256 Knoten geschĂŒrzt waren. Der Kazike sah die Knoten an, rief eine Zahl, und die AufkĂ€ufer schlangen ihrerseits, einen Knoten in eine, von einem Balken herunter hĂ€ngende Bastkordel. So ging das den ganzen Vormittag. Felicitas rief die Frauen die fĂŒr Kartoffeln, Bananen, Tomaten und so fort zustĂ€ndig waren , verglich deren KnotenschnĂŒren mit ihrer Strichliste, und verglichen die Knoten der Lieferer.
Es gab keine AnstÀnde, was die Menge der gelieferten Waren anging.
Jose der ChefaufkĂ€ufer war zufrieden, und sagte, „also wir stimmen ĂŒberein Kazike, wenn du genug Geld hast, dann gib Geld, sonst nehmen wir den Kaffee.“
„Langsam, langsam Jose,“ lĂ€chelte Pedro, der Kazike.
„Sag mir, was berechnest du in Geld fĂŒr die Waren?“
„Was fragst du Pedro? Ich sagte schon, Kaffee oder Geld mir ists gleich!“
„Du verstehst mich nicht Jose, was ist mit dir, bist sonst ein Schlaukopf! Ich will von dir wissen, was kostet ein BĂŒschel Mais, ein Sack Kartoffel, eine Kiste Tomaten, keine Gesamtrechnung, einzeln aufgefĂŒhrt, bitte. Nur so können wir gegeneinander aufrechnen! Am Ende ist es mir auch egal, ob wir mit Kaffee oder Geld zahlen. Nur wir mĂŒssen herausfinden, was ist unser Kaffee wert, und was ist das Wert, was wir von dir bekommen haben.“
Jose schloß die Augen, schĂŒttelte den Kopf, „Kazike ich bin entĂ€uscht und ratlos. Seit ewigen Zeiten leben wir eintrĂ€chtig miteinander. Ihr baut den Kaffee an, weil er bei euch gut wĂ€chst, meine Leute pflanzen was ihr braucht, weil es bei uns gut wĂ€chst. Wenn es reif war, haben wir euch Unseres geliefert, ihr uns Eures. So lebten wir gut und zufrieden viele Jahre! Willst du das Ă€ndern, Pedro? Unsere alte Freundschaft, ist dir nichts wert?“
„Aber Jose, lachte der Kazike, wert? Teuer, ist mir unsere Freundschaft, sehr teuer! Nur ich will sie erhalten, pflegen, vererben an unsere Kinder! Nur wie wir es getrieben haben, war gut fĂŒr uns Alte. Die Jungen haben andere Ideen, vor allem die Weiber! Kazike Pedro, gellten sie mir erst gestern auf der Dorfversammlung, mir mit ihren hohen Stimmen in die Ohren! Kazike Pedro, tu was wir dir sagen, oder geh gleich mit runter ins Dorf, zu deinem Freund Jose. Unser Kazike bist du dann nicht mehr! Ja Jose, so sprachen sie zu mir. Das Schlimmste ist, auch meine Töchter und mein Weib, gehören zu denen, die mich vertreiben wollen, wenn ich nicht tue wie sie verlangen. Also hör auf mit Freundschaft, wenn du mich nicht vernichten willst, hilf mir zu tun was die Weiber verlangen.“
„Pedro, ich tĂ€te wie du willst, nur wie? Warum nicht wie immer, ich nehm euren Kaffee, und ihr meinen Mais, meine Kartoffeln, meine Tomaten?“
„Weißt du tatsĂ€chlich nicht warum? schaltete sich Felicitas ein, du armer, dummer Mann. Hört mal her, der arme Jose kann sich nicht denken, warum wir unseren schönen Kaffee, nicht einfach gegen seinen Fresskram tauschen wollen? Kann ihm eine von euch auf die SprĂŒnge helfen?“
„Ich, ich Felicitas schrie die Clara, ich helf ihm auf die SprĂŒnge!“
„Lieber Jose, begann Clara. Vor zehn Tagen war ich mit Santiago, meinem Mann in der Stadt beim Doktor, weil der Santiago, wie ihr wisst ein böses Auge hat. Beim Doktor wartete eine Riesenmenge, alle wollten behandelt werden. Viele hatten Wunden und Krankheiten, da kann sich der Santiago bedanken, bei unserem Herrn Jesu, das es nur das schlimme Auge ist, das ihn zwickt. Wir kriegten gesagt, vor ĂŒbermorgen kommt ihr nicht dran, ihr seht was hier los ist, der Doktor hat auch nur zwei HĂ€nde.
Also bettete ich den Santiago auf eine SchĂŒtte Stroh, dann es hieß warten.
Weil ich nicht krank bin, der Santiago bald auf seinem Stroh zu schnarchen anfing, bin ich in der Stadt, hab mich umgesehen. Dios, die Stadt ist verrĂŒckt! Ein wĂŒster, nie endender LĂ€rm! ErbĂ€rmlich! Aber Interessantes war zu lernen. Auf dem Markt war ich, und hab diese SchnĂŒre geknotet, lieber Jose!
FĂŒr alle FrĂŒchte, den Mais, die Kartoffeln, die Bohnen, die Tomaten, zahlen wir bei dir das zehnfache des Preises, der auf dem Markt in der Stadt verlangt wird! Du guter, bester Freund, hast dich an uns gemĂ€stet! Hast uns ausgesaugt! Ich hab auch nachgehört, was ein Sack Kaffee in der Stadt kostet, lieber guter Jose! Da ist es noch schlimmer, ein Sack Kaffe von schlechter QualitĂ€t, kostet in der Stadt das Zwanzigfache, von dem was du uns verrechnest. Jetzt kann jeder verstehen, warum unser WohltĂ€ter die Preise seiner Waren nicht kennt!
Kazike, wir haben schon ausgerechnet was wir ihm schulden, ausgerechnet nach den Preisen auf dem Markt, in der Stadt. Es sind genau Zweihunderttausend Pesos und kein Peso mehr! Die kann er haben, und wenn er unseren erstklassigen Hochlandkaffee kaufen will, soll er sagen was er zahlt, basta!“
„Du hörst, was die Frauen beschlossen haben, Jose!“ Pedro, stand da mit hĂ€ngenden Schultern. „Was soll ich machen alter Freund, die Zeiten und mit ihnen die Weiber, haben sich geĂ€ndert!“
„Ja geĂ€ndert, Jose, du verdammter BetrĂŒger, schrie Clara dazwischen und glaube uns, nie mehr wird es wie frĂŒher werden!“
Jose, zog verĂ€chtlich den Rotz in seiner Nase hoch, spie ihn Pedro vor die FĂŒĂŸe.
„Also ist der Kazike Pedro, unters Weiberregiment geraten. Glaubt nur nicht das beeindruckt mich! Ich will mein Recht! Meinen Kaffee! Wenn ihr den nicht freiwillig rausrĂŒckt, werdet ihr es bereuen. Ich hol die Soldaten, die werden mir zu meinem Recht verhelfen, und wenn sie jede eurer elenden HĂŒtten niederbrennen mĂŒssten!“
„Soldaten, Ă€h!? Soldaten du elender LĂŒgner, weißt du was du dir holst?“
Clara, trat mit weitausholenden Schritten, auf Jose zu, ehe der es sichs versah, holte sie aus und schlug ihm links, rechts, links, rechts mitten ins Gesicht. Jose taumelte zurĂŒck, Blut sprang ihm aus der Nase, die Frauen johlten und lachten, schĂŒttelten drohend ihre von der Arbeit harten HĂ€nde, gegen Jose und seine Knechte.
Das war ein einzigartiger Tag in Cajin. Seit Menschengedenken hatte es so etwas nicht gegeben. Ducken und dienen, war Jahrhunderte lang die Maxime der Campesinos gewesen, und jetzt das. Durchaus nicht alle, waren mit der Entwicklung einverstanden. Besonders unter den MĂ€nnern, keimten Bedenken. Manchen mochte schwanen, dass auch ihre Tage der Herrschaft ĂŒber die Frauen, zu Ende gingen. Zum GlĂŒck stand der Kazike ganz auf Seiten der Rebellinnen. Sicher, zerstreute er die Bedenken der WankelmĂŒtigen, sicher werden unsere Frauen in Zukunft mehr zu sagen haben. Jeder Christenmensch ist vor Gott gleich! Wo steht geschrieben, dass Frauen doppelt soviel arbeiten mĂŒssen wie MĂ€nner, wobei sie nur ĂŒber die HĂ€lfte unserer KrĂ€fte verfĂŒgen?
„Stop Kazike, so stimmt das nicht,“ rief Santiago, Claras Ehemann. „Meine Frau ist doppelt so stark wie ich, und wie sie eben den Jose traktiert hat, ist es mir , wie ihr wisst, schon oft ergangen!“
„Nein, nein, Santiago so nicht,“ der Kazike ließ sich nicht beirren. „Wir wissen, sie prĂŒgelt dich, aber wir wissen auch, sie prĂŒgelt dich zu wenig, du bist der grĂ¶ĂŸte LĂŒgner, Aufschneider und TequillasĂ€ufer im weiten Umkreis! Wenn sie dich nicht prĂŒgelte, was wĂŒrde aus dir!“
So ging das noch lange, zwischen BefĂŒrwortern und Gegnern, der neuen Lage hin und her. Manche hatten erwĂ€genswerte Bedenken vorzubringen, andere nur Unsinn. Raus kam zum Schluß, ein zurĂŒck gab es nicht mehr. Zu groß war die Jose angetane Schmach. Zu Kreuze kriechen, wĂŒrde bedeuten fĂŒr ewige Zeit zu Ungeziefer, ja Ungeziefer bekrĂ€ftigte Pedro, degradiert zu werden.
Also Mariechen, unterbrach sich JS, und nahm einen tiefen Schluck aus der Tequillaflasche, die er um seiner Erinnerung auf die SprĂŒnge zu helfen, schon halb geleert hatte.
Ich mischte mich wieder ein. WĂ€hrend der Auseinandersetzung mit Jose, und auch beim Palaver der Dörfler, hatte ich mich zurĂŒckgehalten. Jetzt aber war ich gefragt.
„Kazike Pedro, wenn ich einen Rat geben darf?“
„Sprich, Gringo,“ gab mir Pedro das Wort! Ich stellte mich auf einen Hocker, damit mich alle sehen konnten. „Freunde!“ rief ich laut damit mich jeder hörte, „was jetzt not tut, ist Vorbereitung auf einen Überfall, von Joses Banditen. Banditen, ich wiederhole das, denn Soldaten unterstĂŒtzen keine RĂ€uber.
Wir haben drei gute neue Gewehre, aus denen man ohne nachzuladen, je sechs Schuß abgeben kann. Das sind achtzehn Schuß, wenn wir gut zielen, achtzehn tote Banditen. Außerdem sind wir ungefĂ€hr fĂŒnfzig MĂ€nner und fĂŒnfzig Weiber, das bedeutet hundert Experten mit der Machete.
Wichtig ist, wir lassen uns nicht ĂŒberrumpeln. Ich, Paco und Zinti, haben uns im Schießen mit den neuen Gewehren geĂŒbt, wir halten heute Nacht Wache. Aber wir mĂŒssen auch schlafen, also mĂŒssen alle an den Gewehren ausgebildet werden, MĂ€nner wie Frauen. Heute noch beginnen wir damit, wenn Pedro es erlaubt?“
„Fang an!“ befahl der Kazike.
„Ihr habt gehört was der Kazike befohlen hat! Sechs MĂ€nner und sechs Frauen freiwillig vor!“
Jeder wollte schießen lernen, Mariechen, ich konnte die KlĂŒgsten und Entschlossensten auszuwĂ€hlen. Bei den Frauen waren Felicitas und Clara bei den Ersten.
Am Dorfrand stellten wir vor einem Erdwall eine Planke auf, malten einen dicken roten Klecks drauf, das Ziel. Wir ĂŒbten den halben Tag ohne Munition, solange bis die Bedienung der Flinten, wie im Schlaf gelang. Kammer auf, Kammer zu, peilen ĂŒber Kimme und Korn, Finger am Abzug, Druckpunkt suchen, finden, abdrĂŒcken, treffen! Hurra!
Jetzt kam die BewĂ€hrung. Jeder lud sechs scharfe Patronen in sein Gewehr, Einer nach dem Anderen, durfte jeweils einen Schuß auf die rote Markierung abgeben.
Clara, begann. Sie legte sich auf den Boden, stabilisierte die Flinte auf dem Baumstamm, der Deckung und Auflage war. Zielte sorgfĂ€ltig und drĂŒckte ab. Der Knall ließ uns zusammenfahren, dann ein Jubelschrei, Clara hatte getroffen. Felicitas die als Erste zum Ziel gerannt war, tanzte außer Rand und Band, die Arme hoch erhoben, mit den Fingern schnippend, vor dem Ziel eine Cerveja.
Hier geschah etwas Außerordentliches, wurde mir klar: Eine Frau hatte als erste die PrĂŒfung mit der Feuerwaffe, einem Gringozauber, bestanden. Ich musste jetzt vorsichtig sein, das Prestige der MĂ€nner stĂŒtzen, sonst konnte das ĂŒble Folgen fĂŒr die Dorfgemeinschaft haben. Also war ein Mann der nĂ€chste SchĂŒtze. Gottseidank traf er, und ich ermunterte ihn, es noch einmal mit der zweiten Kugel zu versuchen. Rumms! Wieder ein Treffer! Er lag da vor dem Baum, das Gewehr halb an der Wange, schielte zu mir hoch, ich nickte, er zog den Kolben in die Schulter, zielte kurz und wieder, Volltreffer! Mir fiel ein Stein vom Herzen, die Ehre der MĂ€nner war gerettet.
Felicitas und Clara zwinkerten mir zu, so ich ließ den MĂ€nnern den Vortritt. Bis auf einen, verfehlte keiner sein Ziel. Carlo dem UnglĂŒcksschĂŒtzen, gab ich zwei neue Kugeln, instruierte ihn nochmals eingehend, dann brachte er die zwei extra Schuß, sicher ins die Mitte der Markierung. Die MĂ€nner hakten sich unter, marschierten stolzgeschwellt durchs Dorf. Es war ihnen plötzlich egal, ob Clara und Felicitas, die noch schießen mußten, trafen oder nicht, was interessierte sie der Weiberkram. Felicitas die noch nicht dran gewesen war, gab nur einen Schuß ab, und der saß. Genug Gringo, meinte sie, und Clara schloß sich ihr an. Wir wissen jetzt wie geschossen wird, und im Übrigen ĂŒberlassen wir das den MĂ€nnern.
Am Abend bezogen wir unsere Posten am Ende der Schlucht, wechselten uns mit den neu ausgebildeten SchĂŒtzen ab, aber alles blieb ruhig. Wir ließen uns nicht verleiten in unserer Wachsamkeit nachzulassen, obwohl Nacht fĂŒr Nacht nichts geschah. Ein Monat war vergangen, ohne dass sich etwas geregt hĂ€tte.Wir verringerten unsere Posten auf zwei Leute, einen bewaffnet, nahe beim Dorf und einen unbewaffneten, guten LĂ€ufer, der die Umgebung abstreifte.
Es war Neumond und der Himmel schwer von dicken Regenwolken. Man sah nicht die Hand vor Augen, da kamen sie.
Ich schlief, als der LĂ€ufer mich weckte.
„Gringo, sie kommen!“
„Weck die Anderen!
„Schon geschehen, Gringo!“
„Wo sind sie? Noch eine halbe Stunde Wegs, in der Schlucht etwa zwanzig Mann, erhob beide HĂ€nde zweimal, zwanzig Mann!“
„Gut ich komme!“
Zwei Mann mit Gewehren standen bereit, ich rief einen der frisch Ausgebildeten, gab ihm mein Gewehr.
„Du musst fĂŒr mich schießen, erklĂ€rte ich ihm, als Gringo möchte ich keinen Indio töten, könnte Übel fĂŒr mich ausgehen.“
„Si, si, Gringo,“ unterstĂŒtzte mich der Kazike, „nur wir sehen sie nicht bei der Dunkelheit, wie sollen wir schießen und treffen?“
„ZĂŒnde den Schuppen mit dem Maisstroh an, Kazike, wenn sie nahe genug sind. Sie werden ĂŒberrascht sein und fliehen, oder uns sofort angreifen. Wenn sie sich davon machen gut, sollte sie angreifen schießen.“
Wir konnte den Trupp als er nĂ€her kam gut hören, die mussten sich sehr sicher fĂŒhlen.
Als sie nur noch wenige Schritte entfernt waren, warfen die Frauen BrĂ€nde von ihren Feuerstellen in das trockene Stroh, das augenblicklich lichterloh brannte. Wir waren geblendet, die Angreifer zusĂ€tzlich erschreckt, denn der Kazike brĂŒllte mit Donnerstimme:
„Die HĂ€nde in die Luft, Banditen, oder wir schießen jeden nieder!“
Die Stille nach dieser AnkĂŒndigung, wurde unterbrochen durch das durchladen der Gewehre, mehrmals durchladen, hatte ich angeordnet, das hört sich nach sehr viel mehr Gewehren an.
Aus der hintersten Reihe antwortete Jose, mit vor Staunen und Schreck fistelnder Stimme:
„Pedro, wo hast du die Gewehre her?“
„Tritt vor Jose, wenn du nicht sterben willst!“ donnerte der Kazike.
Jose kroch nach vorne, „ Pedro, alter Freund..“...
„Schnauze!“ schnitt Pedro ihm das Wort ab, „deine Leute da vor die Wand, die Arme schön hoch, sonst knallts!“
Jose drehte sich um, rief tut was er sagt, und ging knickbeinig, die HĂ€nde zum Himmel gestreckt zu der HĂŒtte. Es dauerte kein Augenzwinkern, da lagen alte Vorderlader, Macheten und fĂŒnf brandneue Gewehre, vor dem brennenden Schober.
„Weg damit!“ befahl der Kazike, „Banditen vor die Wand, neben euren FĂŒhrer
Jose, du kannst lesen,“ Pedro reichte ihm ein Papier, „lies laut vor und unterschreibe!“
Jose las: „Ich, Jose Andales, bekenne die Dörfler von Cajin, jahrzehntelang betrogen zu haben. Ich bedanke mich fĂŒr die Großherzigkeit des Kaziken, Don Pedro, mich nicht weiter zur Rechenschaft zu ziehen. FĂŒr die gelieferten Waren die noch nicht bezahlt sind, akzeptiere ich 200.000.- Pesos und bekenne mit meiner Unterschrift und vor Zeugen, das ich keine weiteren Forderungen aus der Vergangenheit, und keine Rechte fĂŒr die Zukunft, gegen einzelne Bewohner von Cajin sowie die Dorfgemeinschaft, und deren Grund und Boden habe.
Aber Pedro,“ wagte Jose einen Einwand.... Pedro nickte Pablo zu, der sein Gewehr in Anschlag drei Meter vor Jose stand.
„Blas ihm das Hirn raus, Pablo!“ Pablo, lud durch, ging ganz nah an Jose ran, und legte ihm die MĂŒndung ans Gesicht.
„Nein! Nein!“ schrie Jose.
Pedro, reichte ihm einen Bleistift, schreib!
Jose schrieb.
Pedro, nahm das Dokument an sich. Pablo nahm das Gewehr weg.
Pedro befahl: „An die Gewehre!“ Mit den erbeuteten fĂŒnf, richteten sich acht Gewehre auf die vor der HĂŒttenwand aufgereihten Banditen.
„Wir lassen euch laufen,“ schrie Pedro, mit vor Aufregung und wohl auch Stolz, brĂŒchiger Stimme. „Wir geben euch auch, weil ihr betrogene und ausgenutzte Campesinos seid wie wir, eure Macheten zurĂŒck. Wir wissen, ohne seine Machete verhungert ein Campesino. Solltet ihr es je wagen, unser Dorf ohne vorherige AnkĂŒndigung durch einen Botschafter zu betreten, wird ohne Warnung geschossen! Jetzt weg mit euch.“
Wie der Blitz waren unsere lieben Freunde in der Dunkelheit verschwunden.
Soweit Anettchen, erst einmal der Lebensbericht von JS. Was ich eigentlich wissen wollte, mich im Grunde mehr interessiert hĂ€tte, als die RĂ€uberpistolen seiner ersten Jahre in Amerika, war von Imari und seiner Familie zu erfahren. Aber da war JS verschlossen wie eine Auster. Abenteuer ohne Ende hatte er erlebt, war auch bereit davon zu erzĂ€hlen, mir die HintergrĂŒnde seines Aufstieges zu einem der reichen MĂ€nner Nicaraguas aufzuzeigen.
Ein reicher Mann, wie er nie zu betonen vergaß, nicht auf Kosten anderer, vor allem nicht meiner Freunde der Indios. Gerade sie, haben von meinem Aufstieg den grĂ¶ĂŸten Nutzen gehabt. Mein Verdienst ist es, sie vom kooperativen handeln ĂŒberzeugt zu haben. Mein Unternehmen kaufte ihnen, ihre gesamten Produktionen zu auskömmlichen Preisen ab, schĂŒtzte sie so, vor den Preis und Bedarfs Schwankungen des Marktes. FĂŒr dieses ihnen abgenommene Risiko, konnte ich mich schadlos halten, wenn der Trend in meine Richtung lief. Da dies oft genug geschah, wuchs mein Kapital, damit die Sicherheit der Produzenten, die einen verlĂ€sslichen, solventen Abnehmer hatten.

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