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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Jakos Welt
Eingestellt am 12. 06. 2008 18:04


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Mira
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Registriert: Apr 2008

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Jakos Welt

Die Glocke schrillte wie jeden Morgen um diese Zeit. Das grelle Licht, das nun durchgehend bis zur Schlafenszeit brannte, blendete. Im Frauenschlafsaal quietschten die Betten, stumm erhob sich eine graue Masse, um sich synchron anzuziehen.
Heute fĂŒhlte ich mich nicht wohl. Meine Knochen waren bleischwer, so dass ich eine der letzten Frauen war, die aus dem Schlafsaal schlich.
Ich versuchte mich zu beeilen, ich hasste es, den Tag so energielos anzugehen, denn es wartete wie immer viel Arbeit auf mich. Im Waschraum hielt ich mein Gesicht unter den eiskalten Wasserstrahl. Die Haut zog sich schmerzhaft zusammen und fÀrbte sich rot.
Das monotone Stimmengewirr im Speisesaal, in dem seit Neusten Frauen und MĂ€nner gemeinsam essen durften, verstĂ€rkte meine MĂŒdigkeit. Ich rĂŒhrte den undefinierbaren Brei in meiner SchĂŒssel nicht an, stocherte mit dem Löffel darin herum, formte Straßen und Löcher und beobachtete, wie sich die entstandenen LĂŒcken trĂ€ge schlossen.
Als die Stimmen leiser wurden und das RĂŒcken von StĂŒhlen in dem Saal widerhallte, erhob auch ich mich und reihte mich in die satte Masse ein, die in die GĂ€nge strömte. Um meine mĂŒden Beine zu entlasten, zog ich mich an den unterschiedlich dicken Rohren entlang, die ein verwirrendes Geflecht an Decken und WĂ€nden bildeten. Manche waren blutwarm, andere waren so eiskalt, dass die Haut daran kleben blieb, fasste man sie an. Ich hatte keine Angst, die falschen anzufassen, kannte ich doch die Rohre von Kindesbeinen an. In jedem Raum, in jedem Saal gab es sie, die meisten davon rot oder violett gefĂ€rbt. Was in ihnen transportiert wurde und wozu, hatte noch nie jemand erfahren. Keiner aus der Masse wusste, wo sie anfingen und wo sie aufhörten. Es war ein zusammenhĂ€ngendes System, das einfach da war. Mir schien, die Rohre kommunizierten miteinander. Überall war in nicht periodischen AbstĂ€nden ein Gurgeln und Glucksen zu hören. In den Rohren, die so dick waren, dass man sie mit beiden Armen umfassen konnte, zischte und brummte es. Manche Rohre hatten einen so großen Durchmesser, dass ein breitschultriger Mann ohne MĂŒhe darin hĂ€tte kriechen können. Manchmal war in ihnen tatsĂ€chlich ein Scharren und Schleifen zu hören, vor allem nachts im Schlafsaal. Dann trĂ€umte ich, selbst in einem Rohr entlang zu kriechen, mich beim Aufwachen nicht in meinem Bett, sondern in einem dunklen Rohr wieder zu finden, aus dem ich verzweifelt den Ausgang suchte. Wenn ich aufwachte, biss ich in mein Kissen, um nicht los zu schreien.
Ich redete mir ein, dass niemand in den Rohren herumkroch. In den Hallen kannte ich jedes Gesicht und von keinem wusste ich, dass er in den Rohren zu arbeiten hĂ€tte. Ich hatte noch nie eine Einstiegsluke gefunden; das System ist so gleichmĂ€ĂŸig, so unendlich, ein pulsierendes Geflecht aus Blut: stach man es an, zerstörte man es. Unmöglich, es konnten keine Menschen sein, die das GerĂ€usch in den Rohren verursachten.
In der Arbeitshalle gingen die Lichter an. MĂ€nner und Frauen nahmen ihre PlĂ€tze ein. Gesprochen wurde wenig, man hatte sich nichts zu sagen. Meine Arbeit bestand darin, aus einem Kupferblech Ringe auszustanzen. Ich hatte keine Ahnung, wozu sie gebraucht wurden, ob es einen Sinn fĂŒr sie gab. Es gab niemanden, der darĂŒber Bescheid wusste.
Die Frau neben mir, sie sagte mir einmal, sie hieße Mona, stanzte silberne Scheiben aus, die jedoch nicht in meine Ringe passten, wie ich gehofft hatte. Der Mann neben Mona nahm ihre Scheiben und bohrte genau in der Mitte ein Loch definierter GrĂ¶ĂŸe. Wenn Mona ihm zu langsam arbeitete, wurden seine HĂ€nde fahrig und er meckerte.
Diese Arbeit verrichtete ich schon seit ich denken konnte. Sie ging mir so leicht von der Hand, dass ich gar nicht bemerkte, was meine HĂ€nde taten. Sie arbeiteten ohne meinen Willen und auf dem Stuhl saß nur mein Körper.
An der Decke der Arbeitshalle verlief das mĂ€chtigste Rohr. Es kam aus dem Boden, stieg schnurgerade auf und verschwand nach einem Bogen in der Wand. Staub sammelte sich darauf, der manchmal in grauen Flocken herab rieselte. Es war das einzige Rohr, aus dem ich nie GerĂ€usche gehört hatte. Es war hohl, tot, leer, vom System ausgeschlossen. Über uns hing eine abgestorbene Ader. Das wusste ich, weil ich einmal, als alle beim Mittagessen waren, eine von Monas silbernen Scheiben dagegen geschmissen hatte. Sie prallte auf hohles Metall, verursachte ein leises Klirren und blieb auf dem Boden liegen. Als ich mich nach ihr bĂŒckte, sagte eine spöttische Stimme hinter mir: „Was machst du da?“
Ich fuhr herum und blickte in Jakos Gesicht. „Ich will wissen, ob das Rohr ĂŒber mir leer ist“, erwiderte ich trotzig.
Jakos gesundes Auge musterte das Rohr lebhaft, als suchte er etwas. Erleichtert senkte er den Blick. „Mach dir nicht zu viele Gedanken ĂŒber die Rohre“, sagte er nachdenklich. „Es kommen Dinge, die viel wichtiger sind.“
Ohne weiter darauf einzugehen, drehte er sich um und ließ mich in der Halle stehen. Ich sah ihm nach, bis er verschwunden war, unfĂ€hig, ihn zu fragen, was er damit meinte.
Seitdem dachte ich oft an Jako. Ich war nicht die einzige, die ĂŒber die Rohre nachdachte, die sie nicht als gegeben hingab und einen Sinn fĂŒr ihre Existenz suchte.
Ich wusste, dass Jako die Rohre hasste. Sie hatten ihm das linke Auge genommen. Jako gehörte zu denen, die man die ‚AuserwĂ€hlten’ nannte. Davon existierten in der ganzen Welt nur wenig mehr als ein Mensch Finger und Zehen hat. Sie schliefen nicht mit der Masse im Schlafsaal, strömten nicht mit der Masse durch die GĂ€nge. Sie waren unsichtbar. Suchte man sie, fand man sie bei den Rohren. Jakos Aufgabe war, die Uhren zu kontrollieren, die an manchen Rohren hafteten. Was es da genau zu kontrollieren gab, sagte er mir nicht. Er erzĂ€hlte lediglich, seine Aufgabe bestĂŒnde darin, darauf zu achten, dass die Zeiger der Uhr den Grenzwert nicht ĂŒberschritten. Aber warum, das wusste Jako nur vage zu sagen. Ich glaube, das wusste niemand. Auf den Uhren war außer ein paar Strichen nichts aufgedruckt. Jako starrte stundenlang auf eine Uhr, er konnte nur in die Pause, wenn ihn ein anderer AuserwĂ€hlter ablöste. Er könne nicht weg, antwortete er auf meine Fragen. Die Zeiger seien so unruhig, sie seien kurz davor, den Grenzwert zu ĂŒberschreiten.
Er tat mir leid. Ich fragte ihn nach seinem Arbeitsplatz, damit ich ihm hin und wieder etwas zu Essen vorbeibringen konnte. Vor allem, seit das mit seinem Auge passiert war. Weil ihn niemand abgelöst hatte, war er bei der Arbeit eingenickt. Der Zeiger ĂŒberschritt den Grenzwert, und die Schweißnaht wurde an einer Stelle undicht. Ein Zischen weckte ihn abrupt. In dem Moment spritzte ihm eine stinkende, heiße FlĂŒssigkeit ins Auge. Da keiner wusste, was fĂŒr ein Zeug das war, konnte Jakos Auge nicht behandelt werden. Es wurde matt und erblindete. Seitdem trug er eine Augenbinde und mir lief es kalt den RĂŒcken hinab, wenn ich ihn in seiner gewohnten Erstarrtheit von den Uhren sitzen sah. VerdrĂ€ngte er alles? Über was dachte er nach und was hatte er gemeint, als er sagte, es wĂŒrden wichtigere Dinge kommen?
Das BedĂŒrfnis, ihn darauf anzusprechen wurde immer dringender. Ich passte ihn ab, als er wieder bewegungslos auf die Zeiger starrte und brachte ihm Suppe. Er freute sich und stöhnte erleichtert auf. Ich sah zu, wie er gierig löffelte, ohne den Blick von der Uhr zu lassen. Nudeln klebten ihm am Kinn, die er hin und wieder mit dem Löffel abkratzte.
„Bringt dir außer mir niemand das Essen?“, fragte ich.
„Nein“, erwiderte er knapp.
Ich hockte mich auf den Boden und sah zu ihm auf. Er hatte seine Beine eng aneinander gepresst, damit der Teller gerade stand. Mit der linken Hand hielt er den Tellerrand fest, die Suppe triefte ihm vom Kinn und tropfte in den Teller und auf seine Oberschenkel. Er erinnerte mich an ein Tier, von dem mir einer der Älteren erzĂ€hlt hatte. Er nannte es Hund. Es hatte eine lange Zunge und ein Fell. Manche von diesen Tieren hatten so lange Ohren, dass sie, wenn sie nicht aufpassen, aus Versehen beim Fressen hinein bissen. Der Alte zeigte mir ein zerknittertes Papier, er nannte es Foto, auf dem ich mir das Tier ansehen konnte. Es schlabberte aus einem Napf Wasser.
„Was glaubst du, wie lange du diese Arbeit noch aushĂ€ltst?“, fragte ich.
Jako hielt mit dem Essen inne. FĂŒr einen Moment vergaß er die Uhr und sah mich mit seinem Auge so durchdringend an, bis mir die Hitze in die Ohren stieg.
„Was meinst du
 wie lange wirst du deine aushalten?“, flĂŒsterte er.
„Es gibt nichts anderes“, wich ich aus.
„Du denkst wohl nicht oft darĂŒber nach, was?“
Ich schĂŒttelte den Kopf. „Die Arbeit ist immer gleich. Sie ist durchschaubar. Vielleicht werde ich irgendwann in eine andere Halle geschickt und muss etwas anderes machen. Aber auch das wird etwas sein, was ich mit meinen HĂ€nden bearbeiten kann. Ich kann es fĂŒhlen, schmecken. Ich weiß, ob es hart oder weich ist. Du aber weißt nichts. Die Rohre lassen dich dein Leben lang im Ungewissen. Du weißt nichts ĂŒber sie.“
„Das will ich auch nicht. Sie sind unwichtig.“
Verwirrt schaute ich ihn an. „Sie haben dir das Augenlicht genommen. NatĂŒrlich sind sie fĂŒr dich wichtig!“
„Wenn du zulĂ€sst, dass dich etwas beherrscht, dem du nicht gewachsen bist, verlierst du dich.“
„Aber es wird dir nichts anderes ĂŒbrig bleiben. Eine andere Arbeit gibt es nicht fĂŒr dich.“
„Ich hau ab!“, presste er hervor.
„Wie meinst du das? Willst du dich verstecken?“ Erschrocken hielt ich eine Hand vor den Mund.
Plötzlich sprang er auf, der Teller glitt ihm vom Schoß und zerbrach auf dem Boden. Er packte mich am Arm und riss mich hoch. „Es gibt etwas, eine Welt, die ganz anders ist. Die du und die anderen nicht kennen. Eine Welt, in der keine Rohre von der Decke hĂ€ngen, weil es keine Decken gibt. Wenn du in dieser Welt lebst, kennst du keine Grenzen. Es gibt keine WĂ€nde und ĂŒber dir ist ein Stern, der dir leuchtet. Abends verschwindet er, niemand stellt ihn ab. Es wird von alleine dunkel und jeden Morgen taucht der Stern wieder auf. Niemand stellt ihn an. Über dir ist es unendlich weit, aber unter deinen FĂŒĂŸen hast du festen Boden und du kannst gehen, soweit du willst.
Ich verstand nicht. Sein Gesicht machte mir Angst. Sein Auge wurde riesengroß, dass ich fĂŒrchtete, es wĂŒrde es ihm aus dem Höhle fallen. „Jako, Jako, hör auf! Du bist ganz rot im Gesicht!“, rief ich.
Endlich ließ er meinen Arm los. „Du wirst sehen
 eines Tages bin ich weg.“
„Wann wird das sein?“, fragte ich unsicher.
„Bald! Willst du mit?“
Ich schĂŒttelte entsetzt den Kopf.
„Hast du Angst?“
Ich wich vor ihm zurĂŒck. „Ich will nicht in einer Welt leben, die ich mir nicht vorstellen kann!“, rief ich.
In dem Moment schrillte die Glocke, die Mittagspause war zu Ende. Ich rannte die GÀnge entlang, als könnte ich vor dem, was er mir gesagt hatte, davon laufen.

Jakos Worte verfolgten mich wie Geister. Dass es angeblich eine Welt außerhalb meiner Vorstellungskraft gab, beunruhigte mich zutiefst. Vielleicht war das der Grund, weshalb ich ihm weiterhin sein Essen brachte, wenn er wie versteinert vor den Uhren saß. Er war dankbar wie immer, doch niemals wieder sprach er ĂŒber seine Gedanken.
Eines Tages jedoch rĂŒhrte er sein Essen nicht an. Die Suppe, die er achtlos auf den Boden gestellt hatte, hörte auf zu dampfen und wurde lau. Ich stand schweigend daneben und wartete auf eine Reaktion, auf ein Zucken der Mundwinkel, auf ein Zeichen, dass er mich wahrgenommen hatte. Doch erst als die Glocke zur Arbeit rief, schaute er mit blassem Gesicht zu mir auf.
„Willst du mit?“, flĂŒsterte er.
Ich starrte ihn verstört an und schĂŒttelte den Kopf. Er senkte enttĂ€uscht den Blick und nickte kaum merklich.

Damals wusste ich nicht, dass ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte; denn am nĂ€chsten Tag war er verschwunden. Keinem war etwas aufgefallen, kein Mensch wusste etwas. Er erschien nicht bei der Arbeit, die Uhr an dem Rohr blieb unbewacht. Als es platzte, hallten ĂŒberall die Alarmsirenen. Jakos Name tönte streng aus Lautsprechern, finster dreinschauende WachmĂ€nner rissen jeden Schrank auf, stocherten im Warenlager mit StĂ€ben zwischen den Blöcken aus Rohmaterial. Als sie nach einem halben Tag nicht fĂŒndig wurden, sperrten sie uns in den Arbeitshallen ein, befragten uns, bedrohten uns.
Ich beobachtet sie genau: keiner der WachmÀnner legte den Kopf in den Nacken und beachtete die Rohre an der Decke. Niemand klopfte dagegen und legte sein Ohr darauf.
Jako hatte sich von den Rohren befreit und ich war die einzige, der er seine Gedanken erzÀhlt hatte.
Was wĂ€re gewesen, wenn ich mit ihm gegangen wĂ€re? Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte und mit hinter dem Kopf verschrĂ€nkten Armen ins Dunkel starrte, versuchte ich mir Jakos Welt vorzustellen: Meine FĂŒĂŸe berĂŒhren festen Boden, ĂŒber mir formlose Weite. Ich wage keinen Schritt, ich fĂŒrchte zu stĂŒrzen, weil keine da Wand ist, die mich umgibt. Ich rufe nach Jako, weil ich mich verliere, je lĂ€nger ich stehe. Ich fange an zu weinen. Ist das tatsĂ€chlich Jakos Welt? Dieses furchtbare GefĂŒhl des Formlosen, des Grenzenloses? In seiner neuen Welt stelle ich mir Jako schwebend vor. Wie könnte es auch anders sein ohne WĂ€nde, ohne Decken? Wie kann er so etwas wollen, wie kann er so glĂŒcklich sein?
TrĂ€nen tropften mir von der Wange und versickerten in meinem Kopfkissen. Vielleicht schaffte ich es eines Tages, meine FĂŒĂŸe loszulassen und in die Weite zu laufen. Vielleicht wĂŒrde ich Jako finden.

__________________
Ohne das Auge kann der Geist nicht dichten.
Peter Meinke

Version vom 12. 06. 2008 18:04

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