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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Jedes Jahr wieder...
Eingestellt am 10. 01. 2003 09:14


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Dina
AutorenanwÀrter
Registriert: Dec 2002

Werke: 5
Kommentare: 6
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Es dÀmmert bereits, als ich die Kisten und Kartons neben die kleine Tanne auf den Boden stelle. Ich mache kein Licht, wozu auch?
Den Baum schmĂŒcke ich immer allein. Ich maße mir nicht an, es besonders schön zu können, und ich habe auch keine Angst, die Kinder könnten etwas zerbrechen. Es sind die wenigen Minuten der Ruhe, in der Hektik vor den Festtagen. Zeit, in der ich die Einsamkeit genieße. Minuten, in denen Ihr wieder bei mir seid.
Mein ganzes ĂŒbriges Leben verbringe ich damit, die Erinnerungen an Euch in meinem Herzen einzuschließen, die Gedanken an Euch zu verbannen, den Schmerz und die Trauer nicht zuzulassen. Doch sobald ich die Lichterkette an den Baum hĂ€nge, der Tannenduft das Zimmer erfĂŒllt und ich im Schein der vielen kleinen Lichter die Kugeln aus der Verpackung nehme, reißt die Mauer ein.
Es ist, als ob ich in der DĂ€mmerung des Abends, zwischen den vielen kleinen Kerzen, plötzlich Eure Gesichter sehe. Jeden einzelnen von Euch erblicke ich in diesen Momenten in diesem Spiel aus Licht und Schatten. Eure Augen, die mich wissend anschauen und in denen sich Eure Seelen spiegeln. Euer LĂ€cheln, das mir sagen will, es ist alles gut und das all jene Herzen erreicht, denen Ihr begegnet seid. Eure HĂ€nde, die jeden Sturz auffingen und mir jetzt zeigen wollen, daß Ihr auch weiterhin immer ĂŒber mich wacht.

Du, meine Freundin, die wie eine Schwester fĂŒr mich war. Niemand wird je begreifen, wie eng die Bindung zwischen uns war. Noch heute fehlen mir unsere GesprĂ€che, Dein Lachen, Deine Gesten und Gewohnheiten. Du warst so stark und voller Liebe, hast immer an das Gute im Menschen geglaubt und fĂŒr deinen Glauben gekĂ€mpft.
Viel zu jung, gerade erst Mutter geworden und mit so vielen PlÀnen, die du nicht mehr verwirklichen konntest.

Du, mein Freund, der auch mein Geliebter war. Nie hast Du vergessen zu sagen, was Du fĂŒhltest. Angst, GefĂŒhle auszudrĂŒcken, kanntest Du nicht. Jeden Tag hast Du genutzt, niemals etwas bereut. Deinen Freunden und Deiner Familie warst Du immer nah, helfend, liebevoll und beschĂŒtzend.
Viel zu jung, das Leben geliebt, viele TrĂ€ume nicht gelebt und deine Ziele nie erreicht. Du hattest keine Gelegenheit, deine Kinder durchs Leben zu begleiten, sie zu fĂŒhren, zu schĂŒtzen und zu lieben.

Du, diese wundervolle Frau, die meine Mutter ersetzte. Mein ganzes Leben hast Du mir all Deine Liebe geschenkt, warst immer fĂŒr mich da, hast mich gefĂŒhrt, behĂŒtet und mir den Freiraum gelassen, den ich zum Erwachsenwerden brauchte.
Du hast dein Leben gelebt, deine TrĂ€ume erfĂŒllt und wurdest geliebt bis zum letzten Augenblick.

Ihr alle habt mich ein kurzes StĂŒck meines Lebens begleitet, habt aus mir den Menschen geformt, der ich heute bin. Mit Eurem Herzen, dem Mut, der StĂ€rke und dem Stolz, Eigenschaften die Ihr allen Menschen vermitteln konntet. Und vor allem mit Eurer Liebe.
Ihr habt mich gelehrt zuzuhören, fĂŒr Andere da zu sein, und die Hand zur Versöhnung zu reichen. Ihr brachtet mir bei, TrĂ€ume zu leben, mutig zu sein und Verfehlungen zuzugeben. Durch Euch lernte ich Vertrauen zu haben, verzeihen zu können und Liebe zu geben.
Auch wenn es Euch enttĂ€uscht, so muß ich doch gestehen, daß ich verlernt habe NĂ€he zuzulassen. Vielleicht, weil Ihr mir nicht gezeigt habt, wie man loslĂ€ĂŸt

Ihr habt das Leben so sehr geliebt. Unmöglich zu erahnen, wieviel von dieser Liebe und Eurer Kraft in denen, die Euch kennen durften, weiter lebt. Wieviel konnte ich Euch nicht sagen? Es hĂ€tte mich verletzlich gemacht. Mit jeder Faser meines Herzens wĂŒnsche ich mir nur noch einen Augenblick, einen Augenblick fĂŒr jeden von Euch, in dem ich alles das sagen kann, was ich versĂ€umt habe.
Die letzten Stunden, Minuten, und Sekunden die ich mit jedem einzelnen von Euch verbringen durfte, waren zur Weihnachtszeit. Zusammen haben wir gehofft, gebangt, gelitten und geweint. Wir schworen uns, daß Gemeinsamkeit stark macht und wir alles schaffen können. Seite an Seite haben wir gekĂ€mpft und doch den Kampf verloren.
Jeder hat bei seinem Abschied einen Teil von sich zurĂŒckgelassen, doch jeder hat auch einen Teil von mir mit sich genommen.
Ihr alle habt Eure endlose Reise angetreten, habt diese Welt verlassen, die Euch so viel Leid beschert hat. Ich kann an Eurem LĂ€cheln sehen, daß es eine gute Reise ist. Ihr seid dem Elend und Schmerz entkommen, seid jetzt dort wo Euch nichts mehr zu quĂ€len vermag. Am anderen Ufer, unerreichbar weit fort. Ihr wart zu gut fĂŒr diese Welt und ich vermisse Euch.

Ich hĂ€nge jetzt die letzte Kugel an. Unten im Hausflur erklingen Stimmen, kleine FĂŒĂŸe trampeln ĂŒber die Treppenstufen. Ich lĂ€chle Euch noch einmal wehmĂŒtig zu, bevor das Licht im Zimmer aufflammt und Eure Gesichter verschwinden lĂ€ĂŸt. ZurĂŒck an jenen Platz in meinem Herzen, den keine Gedanke erreicht, der die Erinnerungen vergrĂ€bt und der kein GefĂŒhl hinaus lĂ€ĂŸt.
Bis zum nÀchsten Rendezvous in der Weihnachtszeit, wenn wir uns wiedersehen.

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Duisburger
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Registriert: Nov 2002

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Hallo Dina,

eine gelungene Geschichte, die in sich stimmig ist und zum Nachdenken anregt. GefÀllt mir sehr.

Gruß

Uwe
__________________
Unter den Kastraten ist der eineiige König (unbekannter Gas- und Wasserinstallateur).

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Dina
AutorenanwÀrter
Registriert: Dec 2002

Werke: 5
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Hallo Uwe,
ich danke Dir fĂŒr deinen lobenden Kommentar.
Er ermuntert weiter zu schreiben.

Ganz lieber Gruß
D.

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Haselblatt
Festzeitungsschreiber
Registriert: Dec 2002

Werke: 2
Kommentare: 25
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Tiefe

Liebe Dina,

ein Text, fast zu schön um wahr zu sein.
Ich höre und lese nur selten so gewÀhlte Sprache, die dennoch frei ist von synthetischen Verzierungen.
Ich nehme nur selten so tiefe, in Worte gekleidete GefĂŒhle wahr. Geradlinig, unzweifelhaft, autentisch.
Ich spĂŒre eine literarische Verwandtschaft mit Susanna Tamaro, ja, ich spĂŒre, wie dein Herz dich trĂ€gt.
AllergrĂ¶ĂŸte Hochachtung!

(Ich hab natĂŒrlich gleich in der Mitgliederdatenbank nachgesehen, was du biografisch von dir preis gibst; leider gar nichts).

LG

__________________
Auf bald - Heimo B.
As long as you continue to do what you always did, you will continue to get what you always got. (Abraham Lincoln)

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Dina
AutorenanwÀrter
Registriert: Dec 2002

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Hallo Haselblatt,
ich danke Dir sehr herzlich fĂŒr deinen so wunderbaren Kommentar.
Ich muß allerdings zu meiner Schande gestehen, daß mir "Susanne Tamaro" bisher gar nichts sagt (schĂ€m).
Aber wenn sie mit so viel GefĂŒhl beschrieben wird, sollte ich mich schnellstens mit ihren Texten bekannt machen. Danke fĂŒr den Tipp.

Ich habe mich Ende November hier angemeldet und meinen ersten Text hier hinein gesetzt. Danach passierte erst einmal nichts. Irgendwann im Januar ist der Text dann erschienen. Ich werde mich umgehend darum kĂŒmmern, daß ein wenig mehr von mir "preisgegeben" wird.

Ganz lieber Gruß
D.

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Haselblatt
Festzeitungsschreiber
Registriert: Dec 2002

Werke: 2
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Susanna T.

Hallo liebe Dina,

Kein Grund, dich zu schÀmen, man kann nicht alles gelesen haben.
Falls es dich ernsthaft interessiert:
Susanna Tamaro
"Geh wohin dein Herz dich trÀgt"
erhÀltlich als TB im Diogenes-Verlag (vielleicht auch anderswo)
Es gehört zum Schönsten, was von Frauen ĂŒber Frauen geschrieben wurde.
Die Weichheit und Tiefe, mit der dein Beitrag erzĂ€hlt ist, hat mich einfach so stark an dieses Buch erinnert. Aber ich wollte damit natĂŒrlich keinesfalls eine stilistische Anleihe oder Beeinflusstheit zum Ausdruck bringen!!

LG

__________________
Auf bald - Heimo B.
As long as you continue to do what you always did, you will continue to get what you always got. (Abraham Lincoln)

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