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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Jenno
Eingestellt am 28. 02. 2003 18:46


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wiccasaint
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Feb 2003

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Ihn zu beschreiben ist mir fast unm├Âglich, denn es gibt f├╝r diesen Menschen einfach nicht genug Worte. Er l├Âste in mir dieses Gef├╝hl aus, da├č nichts zu fassen war. Es war so ein Gef├╝hl, das mir v├Âllig fremd und widerspr├╝chlich vorkam, verrucht und unnahbar, gleichzeitig aber auch faszinierend und anziehend, wie aus einer Erinnerung, von der man nicht wei├č, ob sie einem Traum oder der Realit├Ąt entspringt. Vielleicht war es aber auch einfach nur ein Gebilde meiner ausgewachsenen Phantasie.
Sein Name war Jenno und er war der Freund meiner Stiefschwester. Er war etwa 17 Jahre alt, und ich kannte ihn nicht wirklich. Wenn er zu Besuch kam versteckte ich mich immer in meinem Kabuff, und wenn er in ihrem Zimmer verschwand oder alle zusammen im Wohnzimmer sa├čen und Kaffee tranken, steckte ich scheu und unbemerkt den Kopf aus meinem Zimmer, in der Hoffnung, einen Blick auf ihn erhaschen zu k├Ânnen.
Ich kann mir nicht erkl├Ąren, woher Jenno wu├čte, da├č es mich gab, denn ich lie├č mich niemals blicken, wenn er zu Besuch war, und er schien sich auch nie f├╝r mich zu interessieren. Ich war zwar existent, irgendwo, verkrochen wie ein ├Ąngstliches M├Ąuschen in ihrem Loch, akzeptierbar aber nicht von Bedeutung. Doch das war mir egal, es st├Ârte mich nicht. Denn ob nun beachtet oder nicht, wichtig oder unwichtig, er blieb der, der er f├╝r mich war. Es ging nicht darum, wie er mich sah, sondern darum, wie ich ihn sah. Und ich lebte allein von meiner Vorstellung von ihm.
Mir waren nur meine Phantasien wichtig. Jenseits der Realit├Ąt, an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit, war ich mit ihm zusammen.
Doch eines Tages ver├Ąnderte sich alles. Ich begann zu bemerken, da├č sich alle ganz merkw├╝rdig verhielten, besonders meine Stiefschwester. Niemand sagte mir etwas, und ich fragte auch nicht. Mir war es egal, ich dachte mir, wenn es etwas Wichtiges sei, dann w├╝rden sie es mir schon erz├Ąhlen. Jenno kam nur noch selten, und wenn er da war, dann unterhielten sich alle nicht mehr normal. Die Stimmung war gedr├╝ckt, ich sa├č in meinem Zimmer und konnte die Spannung sp├╝ren. Ich machte mir Sorgen, und diese Sorge, woher sie auch kommen mochte, brachte mein Herz so sehr zum pochen, da├č ich das Gef├╝hl hatte, es w├╝rde mir die Rippen brechen.
Dann einmal, klopfte es an meiner Zimmert├╝r. Es war Jenno, wundersch├Ân und androgyn wie er war stand er da und fragte mich, ob er sich zu mir setzen d├╝rfe. Ich war schockiert. Ich war entsetzt. Ich war panisch. Ich hatte das Gef├╝hl, ich m├╝├čte jeden Moment auf meinen Teppich kotzen, doch ich sagte ja. Nat├╝rlich sagte ich ja. Jenno kam herein, schlo├č die T├╝r hinter sich ab und setzte sich zu mir. Nichts passierte. Wir redeten nicht. Wir sa├čen nur da, und ich f├╝hlte mich so unglaublich wohl wie noch nie zuvor in meinem Leben.
Jenno kam von da an fast jeden Tag zu mir. Er sah weder meine Stiefschwester noch den Rest der Familie, er kam immer nur zu mir. Manchmal starrte er gedankenverloren aus dem Fenster und sagte dann so seltsame Dinge wie:
„H├Ąmoglobin ist so wichtig f├╝r einem gesunden Herzschlag.“
Ich hatte keine Ahnung, was er meinte und sagte auch nichts dazu, aber das hatte er wohl auch nicht erwartet. Manchmal verbrachte ich stundenlang damit, Jenno anzusehen. Einmal betrachte ich eine Ewigkeit seine H├Ąnde, sie sahen sanft und feminin aus, und dabei fragte ich mich die ganze Zeit, was er wohl schon alles mit ihnen gemacht hatte. Ich fand den Gedanken aufregend, es kribbelte wie tausend Ameisen, wenn ich daran dachte, und ohne die Antwort zu kennen erregte es mich.
Jenno schwebte immer irgendwo in seinen Gedanken, und oft wunderte ich mich, warum er mehr Zeit mit mir als mit meiner Stiefschwester verbrachte, aber ich wollte es auch gar nicht wissen. Aber es war so, je ├Âfter wir uns trafen, desto mehr wurde es zu einer Gewohnheit, auf die ich unm├Âglich jemals wieder verzichten k├Ânnen w├╝rde.
Dann kam dieser Tag, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Jenno sa├č wieder bei mir, doch pl├Âtzlich sah er mich mit einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und unendlicher Traurigkeit an, seine Augen waren so dunkel, da├č ich dachte, ich w├╝rde ins Nichts blicken, und sagte zu mir mit einem Ton, den nur Jenno besa├č:
„Ich werde sterben.“
Dann hatte er wieder weggesehen und mich mit dem, was er gesagt hatte, alleine gelassen. Es war nicht wirklich viel, was er gesagt hatte, aber dieser eine Satz hatte sich in mein Ged├Ąchtnis gebrannt und viele nebens├Ąchliche Dinge daraus verband.
In diesem Moment hatte ich mir gew├╝nscht, ich d├╝rfte auch sterben. Aber ich starb nicht. Als wir uns an diesem Abend trennten sagte keiner von uns ein Wort, aber er hatte mir einen dankbaren Blick geschenkt.
Nun verstand ich. Alle hatten von seiner Krankheit gewu├čt, und ich hatte mich nicht daf├╝r interessiert.
Ich kann mich an den Namen seiner Krankheit nicht erinnern, ich habe es bewu├čt aus meinem Ged├Ąchtnis verdr├Ąngt, aber ich erfuhr, da├č es etwas mit seinem Herzen war. Die Symptome waren so unauff├Ąllig, eines Tages, ohne Vorwarnung, w├╝rde es einfach aufh├Âren zu schlagen.
Jenno besuchte mich auch weiterhin, und ich sagte nichts wegen seiner Krankheit zu ihm. Doch mir wurde bewu├čt, da├č die Zeit davon lief, in mir wuchs das Bed├╝rfnis, irgend etwas zu unternehmen, bevor es zu sp├Ąt war. Ich wollte ihm sagen, wie sehr mich sein Tot zerst├Âren w├╝rde, wie viele Gef├╝hle er in mir ausl├Âste, und da├č ich ihn so schmerzhaft vermissen w├╝rde, doch ich konnte es einfach nicht. Ich hatte das Gef├╝hl, ich h├Ątte nicht das Recht dazu.
„Ich habe gewu├čt, da├č du mich wolltest.“ hatte er eines
Tages zu mir gesagt und mich nachdenklich angesehen. Mich warf dieser Satz v├Âllig aus der Bahn. Damit hatte ich nicht gerechnet. Trotzdem wollte ich die Haltung bewahren.
„Ich wollte dich.“ hatte ich so ehrlich gesagt, da├č ich mich absolut entbl├Â├čt f├╝hlte.
„Willst du mich immer noch?“
Ich hatte gesp├╝rt, wie sich Wasser in meinen Augen sammelte, als ich sagte:
„Nur was du willst ist jetzt wichtig.“
„Was ich will?“ wiederholte er. Ich nickte nur schwach. Dann schlang er von hinten seine Arme um mich. Ich war verwirrt und hatte keine Ahnung, was er da tat, doch dann sp├╝rte ich, wie er mich an sich zog. Ich lie├č mich einfach fallen, ver├Ąngstigt, durcheinander. Er nahm mich in seine Arme, seine N├Ąhe war so bet├Ąubend, da├č ich nicht mehr geradeaus denken konnte. Dann, ohne Vorwarnung, hatte er vorsichtig seine Hand in meine Hose geschoben. Und dann hatte er mich ber├╝hrt. Es war ein Gef├╝hl, als w├╝rde ich sterben und gleichzeitig neu geboren werden. Ich schlo├č meine Augen.
„Ich will dich immer noch.“ hatte ich gesagt, und dann hatte ich angefangen zu weinen.
Zwei Tage sp├Ąter war er dann gestorben. Der anziehende Geruch seines K├Ârpers hing noch an mir wie eine bitters├╝├če Erinnerung, doch er war nicht mehr da.
Wir hatten einen Anruf bekommen. Meine Stiefschwester war ans Telefon gegangen und war augenblicklich in Tr├Ąnen ausgebrochen. Er war auf der Fahrt zu mir gewesen, als sein Herz pl├Âtzlich aufgeh├Ârt hatte zu schlagen. Ich war der letzte Mensch gewesen, an den er gedacht hatte, und ich sch├Ąmte mich daf├╝r. Ich zeigte niemanden meine Trauer, die so tief ging, da├č ich dachte, ich w├╝rde es nicht ├╝berstehen. Denn obwohl sein baldiger Tot unausweichlich und vorhersehbar gewesen war, hatte ich einfach nicht damit gerechnet, da├č es wirklich passieren w├╝rde. Nicht jetzt. Sp├Ąter, aber noch nicht jetzt. Und betroffen stellte ich fest, da├č mir immer wieder der Moment durch den Kopf ging, als er mich ber├╝hrt hatte. Und so wurde f├╝r mich dieser Augenblick zu unserem Letzten.
Ich f├╝hlte mich zerbrochen. Ich weinte viel. Ich weinte nur, war nicht f├Ąhig, etwas anderes zu tun. Jenno hatte einen Brief f├╝r mich hinterlassen. Meine Stiefschwester hatte ihn mir voller Eifersucht und Wut gegeben und konnte ihren Ha├č auf mich nie wieder besiegen. Ihr Schmerz war echt. Meiner war es auch. Ich brauchte etwas Zeit, bis ich den Brief lesen konnte, schlie├člich tat ich es aber doch.

Ich wei├č alles. Glaub nicht, Du h├Ąttest mir noch etwas sagen m├╝ssen, ich wei├č alles. Ich durchschaue Dich wie eine Wolke, ich h├Âre Deine Rufe, ich solle nicht sterben. Du flehst darum, da├č ich nicht sterbe, und doch hast Du nie ein Wort gesagt. Ich war es satt, zu reden. Ich konnte es nicht mehr ertragen, von allen Anderen besch├╝tzt zu werden. Ich werde sterben, Worte ├Ąndern daran nichts.
Ich wei├č alles. Ich wei├č, wie Du mich gesehen hast Und ich wei├č auch, welche Gef├╝hle ich in Dir ausgel├Âst habe. Also bef├╝rchte nicht, da├č gewisse Dinge unausgesprochen bleiben, denn das sind sie nicht. Als ich Dich ber├╝hrt habe war es wirklich das, was ich wollte. Denn Du hast danach geschrien, und falls Du es nicht geh├Ârt hast, ich habe es auch. Ich bin nun tot, und deshalb will ich Dir sagen, da├č Du aufh├Âren kannst. H├Âr auf, zu rufen, ich solle nicht sterbe. Es ist zwar vorbei, aber es blieb nicht ungeh├Ârt.
Jenno

Und so hatte ich erfahren, da├č ich, der wichtigste Mensch in seinem Leben geworden war. Ich hatte etwas geschafft, was sehr kostbar war, denn ich hatte, wenn auch nur f├╝r kurze Zeit, Jenno das Leben gerettet. Und auch, wenn der Schmerz seines Verlustes niemals vergehen wird, so h├Ąlt mich einzig dieser Gedanke am Leben. Und so rettete Jenno auch mich.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo wiccasaint,

deine geschichte hat mich sehr beeindruckt, auch wenn ich sie als zu kurz empfinde. aber sie hinterl├Ą├čt bei mir sehr ambivalente gef├╝hle, deswegen m├Âchte ich jetzt noch nicht bewerten. ich habe folgende kritikpunkte:
global - ich glaube zwar zu wissen was du ausdr├╝cken willst, aber bitte entschuldige, die umsetzung ist an manchen stellen ein bi├čchen teenyhaft.
der abschiedsbrief: zu gestelzt in diesem kurzen auschnitt des lebens deiner prot/deines prot. vielleicht w├╝rde er mir weniger komisch vorkommen, wenn ich mehr ├╝ber jenno erfahren k├Ânnte.
die stiefschwester: leider teilst du fast nichts ├╝ber das verh├Ąltnis zwischen den eltern und den kindern mit. psychologisch nachvollziehbar w├Ąre der text in meinen augen nur, wenn dein prot ein angenommenes kind w├Ąre.

ein kleiner schnitzer ist mir aufgefallen: der Tod hinten mit d, richtig dagegen der "zustand" tot. oder ist das die neue rechtschreibung - dann entschuldige bitte mein unwissen.

ich finde die geschichte trotzdem sehr gut, vor allem ist mir aufgefallen, da├č die vermeintliche geschlechtslosigkeit deiner prot/deines prot dem ganzen noch eine gewisse spannung verleiht. und hier nehme ich meinen teeny-vorwurf total zur├╝ck: genau dieser punkt macht deinen text gro├čartig, er schildert gef├╝hle unabh├Ąngig von der sexuellen ausrichtung.
wenn du noch arbeit hineinsteckst, kannst du hier etwas besonderes entstehen lassen - bitte weiterschreiben.

gr├╝├če

rainer


__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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wiccasaint
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Feb 2003

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hi rainer,

erstmal danke f├╝r Deine Kritik. Ich finde, gute, sowie schlechte Kritik tut immer wieder gut.
Zu zwei Deiner Kritikpunkte m├Âchte ich gerne etwas sagen: Zum Einen war diese Geschichte urspr├╝nglich f├╝r ein Literaturwettbewerb einer Jugendzeitschrift gedacht, was vielleicht das Teenyhafte der Geschichte erkl├Ąrt (das Thema war Herzklopfen). Zum Anderen war die Geschichte in der Rohfassung doppelt so lang, doch wegen der vorgeschiebenen L├Ąnge mu├čte ich einiges heraus k├╝rzen. Daher habe ich mich dann nur auf das Wesentliche beschr├Ąnkt. Einige Leute aus meinem Bekanntenkreis, die beide Fassungen gelesen haben, waren der Meinung, die Geschichte h├Ątte dadurch an Dichte gewonnen, doch die Geschm├Ącker sind verschieden, wie sich hier zeigt. Und das ist auch gut so. Also noch mal vielen Dank f├╝r Deine Meinung, ich werde mir dar├╝ber Gedanken machen. Und ich schreibe weiter...

Liebe Gr├╝├če, wiccasaint

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