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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Jesus Tattoo
Eingestellt am 24. 06. 2003 19:50


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weghenkel
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Registriert: May 2003

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Jesus Tattoo

Jesus Tattoo

1
Harry McCartan ist 23 Jahre alt. Wie gei├čelt man einen Menschen, bevor man ihn kreuzigt? Seine Beine werden gepeitscht. Ein Morgenstern ist nicht verf├╝gbar. Also? Also wird ein durch die Ermittler sp├Ąter nicht genau zu identifizierendes stumpfes Instrument verwendet, irgendwie gespickt mit N├Ągeln. Ein Baseballschl├Ąger k├Ânnte das doch gewesen sein. Seine Beine sind dann ├╝bers├Ąt mit Wundmalen. Barabbas, sie haben dich freigelassen.
       Die da ein Urteil sprechen, geh├Âren zu einer B├╝rgerwehr. Zu einer gut funktionierenden paramilit├Ąrischen B├╝rgerwehr. Vigilanten.
       Wir sind in Dunmurry. In den s├╝dwestlichen Vorstadtvierteln von Belfast. Oder doch mehr im S├╝den. Dunmurry ist fast ausschlie├člich protestantisch. Es ist noch fr├╝h am Sonnabend. Am Sabbat. Noch sehr fr├╝h. Es ist der Allerseelentag. Gestern war Allerheiligen. Davor der Reformationstag. Wir sind im protestantisch dominierten Ulster. In der letzten Kolonie Englands.
       Es geht um angebliche Autokriminalit├Ąt. Kriminelle Diebe und Hehler, die mit geklauten Autos ihr Einkommen bestreiten. Genau in dieser Gegend. Da ist Brutalit├Ąt Normalit├Ąt. Punishment Attacks hei├čt das hier. Aber die Polizei wird zu diesem Vorfall erkl├Ąren, selbst unter Ber├╝cksichtigung der brutalen Standards sei das ein absolut schrecklicher Anschlag gewesen.
       Mister McCartan wird zu Protokoll geben, sein Sohn habe am Freitagabend das Haus verlassen, um sich bei der Sozialhilfe zu melden. In Andersonstown.

2
Wer sind diese Schl├Ąger? Die nach Handb├╝chern foltern. Mitglieder der Ulster Defence Association. Protestanten. Terroristen. Barbarische Schufte. Ein Ausbund des B├Âsen. R├╝ckgratlose, kranke Tiere. Neighbourhood Watch. Niemand hat das Recht, das Gesetz in die eigene H├Ąnde zu nehmen, auf diese Art, ganz gleich, was jemand anderes in der Vergangenheit gemacht hat.
       Wer verbietet den einen, die anderen zu verleumden, zu verurteilen, abzuschreiben, auszugrenzen.
       Aller Wahrscheinlichkeit nach ist diese Attacke gedacht als anschauliche Warnung an alle Joyrider aus katholischen Vierteln, nicht in protestantische Gebiete zu kommen, als Scouts f├╝r die kriminellen Vergn├╝gungstouren.
       Aber die Polizei wird nach einer kriminellen Bande fahnden.
       Im M├Ąrz 1996 hatte die katholische IRA ein Gleiches getan. Das Opfer damals im Westen von Belfast hie├č Martin Doherty. War 18 Jahre alt. In einem Hintergarten. In Handschellen gelegt. Geknebelt und gekreuzigt. Mit Metalldornen, durch Kniee und Ellbogen.
       Sind diese Schl├Ąger Dissidenten? So hei├čt es in den offiziellen Quellen. Abtr├╝nnige, die den friedliebenden einfachen Gl├Ąubigen in den R├╝cken fallen, in ihrem Bem├╝hen, das Land zu befrieden?
       Wo sind die Menschen in Seymour Hill, die den marodierenden Schl├Ągern Einhalt gebieten? Ihrer entarteten Brut. H├Ârt niemand Schreie, vernimmt niemand den Tumult?
       So nimm dein Kreuz und gehe hinaus nach Golgatha.

3
Vor kurzem erst ist Harry aus dem Knast gekommen. Vor zwei Wochen eigentlich erst. 15 Monate hat er gesessen. Joyriding. Ist ihm teuer zu stehn gekommen, so gesehn. Autos knacken, nur so zum Spa├č, eine Runde damit drehn, eine sch├Âne gro├če Runde. Sie dann irgendwo abstellen. Nur so zum Spa├č. Die B├╝rgerwehren, wie sie sich nennen, hatten ihn deswegen auf dem Kicker. Asoziales Verhalten war das f├╝r sie. So hie├č auch die Urteilsbegr├╝ndung. So oder so ├Ąhnlich. Antisocial Behaviour.
       Jetzt f├Ąllt er. Stolpert. Die Jungs von der Gang lachen.
       Wo wollt ihr hin mit mir? Was habt ihr vor? Ihr Schweine! Baseballschl├Ąger, mit N├Ągeln gespickt. Nichts kriegt ihr aus mir heraus! Nichts! Ich klaue keine Autos! Schon gar nicht hier, in diesem verfluchten Drecksviertel.
       Wie? Du hast noch einen langen Weg vor dir, du Katholikenarsch! Hast doch bestimmt mal was vom Kreuzweg geh├Ârt.

4
Harry denkt an seine Mutter. Immer diese l├Ąstigen, dummen Ermahnungen. Mach das nicht, Junge. H├Âr auf damit. Was hast du denn davon. Als ob sie vielleicht ihr erb├Ąrmliches Leben ihm vorhalten d├╝rfte. Man mu├čte so leben, wenn man ein bi├čchen Spa├č haben wollte. Und er wollte, verdammtnochmal, ein bi├čchen Spa├č haben. Nicht so armselig dahinvegetieren wie sie. Alice McCartan. Jetzt denkt er an seine Mutter. Nicht an den Vater. Henry. Oder eben auch Harry. McCartan. Der Alte und der Junge. Die Mutter war ein ruhender Pol, auch wenn sie minderbemittelt war. Das war sie.
       Es sind h├Âllische Schmerzen, die er ertr├Ągt. Er beginnt zu halluzinieren. F├╝r ein paar Sekunden sieht er die Mutter dort stehn.

5
Im letzten Monat hatte London die T├Ątigkeit der nordirischen Exekutive beendet. Schlu├č, aus mit einer Regierung, an der alle teilhatten. Diese reformierten Spione, die waren dran schuld.
       Also war der Karfreitag des Jahres 1998 ein sinnloser Tag. Dieser britische Good Friday.
       Seine Kumpels und er waren sich da einig. Er sa├č noch im Knast, als die Meldungen im Radio kamen. Nie, nie w├╝rde es hier Frieden geben. Frieden in Ulster. Ulster geh├Ârte zu Irland. Und so lange sich die Protestanten hier breit machten, mit ihrem Luther, diese englischen Heuchler, so lange gab es keine echte Chance. F├╝r niemanden.
       Er hatte sich mit Simon verabredet, gestern abend. Warum war der nicht da, der alte Sack. Dann w├Ąre alles anders gelaufen.
       Jetzt machen die mich alle.

6
Die Erinnerung ├╝berkommt ihn. Fiona. Das war ein Jahr, bevor er seine Frau kennengelernt hatte. Da war er noch sechzehn. Fiona, die Tochter des Bankers. Die hatten eine deutsche Lutherbibel in ihrem Appartement stehn. Trotzdem war da irgendwas, das ihm sagte, das ginge. Damals.
       Einmal, als er vom Fu├čball kam, als sie ihn auch verpr├╝gelt hatten, da hatte sie ihm k├╝hle Binden auf die Stirn gelegt. K├╝hle wei├če Binden.
       Ach, wenn jetzt jemand k├Ąme, wenigstens f├╝r ein paar Minuten, mit solch einer k├╝hlen wei├čen Binde. Sein K├Ârper ist blut├╝berstr├Âmt.
       Unbarmherzig schlagen sie auf mich ein. Unbarmherzig. Unbarmherzig. Bis ich die Schl├Ąge nicht mehr sp├╝re. Darauf l├Ąuft es hinaus.

7
Ich bin kein Mensch. Ich bin ein Wurm. Ich krieche im Staub. Ich winde mich auf der Erde. Ich hab es so gewollt. Ich hab es so gewollt. Dieses dreckige Belfast. Ich bin ein Belfast Child. Da├č ich nicht lache, Mister Kerr. Die Street Fighting Years gehn immer weiter.
       When the Belfast Child sings again.
       Es h├Ârt nicht auf. Sie bringen mich um. Und keiner da. Keiner da, der mich versteht. Ich versteh mich ja selbst nicht.

8
Er denkt an die, die vielleicht um ihn weinen werden.

9
Welcome to Loyalist Seymour Hill. Am Eingang zur Siedlung steht das. In un├╝bersehbar gro├čen Lettern. Ein sch├Ânes Wandbild. Hier sind die B├╝rgersteige rot gestrichen. Rot, wei├č und blau. Die Farben, die ├╝berall in Ulster protestantisches Territorium markieren. Fahnen der UDA und der Ulster Freedom Fighters h├Ąngen aus den H├Ąusern. Ein sch├Âner Fu├čweg durch die hier beginnende Landschaft, gleich dort hinten.

10
Es ist ein Uhr und f├╝nf Minuten. Vielleicht. Sie ziehen ihn auf ein Feld. Dort schlagen sie ihn. Dort foltern sie ihn. Dort martern sie ihn. Dann bringen sie ihn zur├╝ck auf die Stra├če und nageln ihn mit seinen H├Ąnden an einen Holzzaun. An dicke Holzpfosten. Sie spie├čen ihn auf. Mit rostigen Sechsinchn├Ągeln. Sie biegen die N├Ągel um, mit einer Zange, in die Handfl├Ąchen hinein. Damit es m├Âgliche Retter schwerer haben, ihn zu befreien. Es ging nicht so gut. Die Jungs brauchten mehrere Versuche.

11
Das Opfer wird gefunden. Zusammengesackt. An dieser Umz├Ąunung. Auf dieser Landstra├če in der N├Ąhe vom Lilac Walk. Was f├╝r ein sch├Âner Fliederweg, im Mai. Das Opfer. Nur noch halb bei Bewu├čtsein. Das Holzgatter f├╝hrt auf ein Feld am Rande der Siedlung. Eine Blutspur f├╝hrt von seinem K├Ârper zu einem roten Auto ganz in der N├Ąhe. Ein roter Metro. Ein roter Rover. Kennzeichen LIW 7500. Blutige Kleidung darin. Dokumente von Harry dicht daneben. Das verdammte Auto hatte man f├╝r 90 Pfund Sterling in einem Pub in Portrush verkauft. Oben in Antrim. Letzten Monat. Zwei M├Ąnner hatten es gekauft, die keine Steuern daf├╝r bezahlen wollten. Jetzt sind die Sanit├Ąter da. Jemand hat die Feuerwehr gerufen. Gegen drei Uhr f├╝nfundvierzig. Das Opfer wird gefunden in der treu loyalen Siedlung von Seymour Hill. 22 Kilometer s├╝dlich vom Zentrum Belfasts, aber nur zwei Meilen entfernt von seinem Zuhause in der nationalistischen Siedlung von Poleglass. Mit r├Âmisch katholischen Bewohnern. Im Westen von Belfast.
       Die Sanit├Ąter m├╝ssen die Pfosten abs├Ągen, um ihn zu befreien.
       Der Beamte, der die Jagd auf die Bande leitet, die das getan hat, sagt, er glaube nicht, da├č dies eine Sektenattacke gewesen sei.
       Der Superintendent Garry Murray gibt ein Statement ab. Er leitet als Polizeioffizier die Ermittlungen. Ich habe, sagt er, noch nie so etwas Barbarisches erlebt. Es ist ein junger Mann, der angegriffen wurde von einer unbekannten Gruppe, Leuten, die ihn brutal geschlagen haben und dann an einen Pfosten genagelt.

12
Man bringt ihn ins Hospital. Halb bewu├čtlos. Es ist kurz nach vier. Lange vor Sonnenaufgang. Aber die Sonne geht hier ohnehin nicht auf. Dieser Herbst ist ein endlos verregneter Herbst. Noch immer sind seine H├Ąnde an den Zaunspfahl genagelt. Die Feuerwehr hat ihn befreit. Aber sie konnten die Wundenmale nicht unsachgem├Ą├č behandeln. Nun soll ein Ventilator f├╝r sein blutverkrustetes Gesicht wenigstens etwas K├╝hlung bringen. Er dreht sich ├╝ber ihm.
       Die Chirurgen im Royal Victoria Hospital k├Ąmpfen um seine H├Ąnde. Sie wollen sie retten.
       Die Detektive haben eine Spur. Ein BMW, mit zwei blutbefleckten Baseballschl├Ągern. Gestohlen im Viertel von Dunmurry, sehr fr├╝h am Samstagmorgen. Man hat ihn sp├Ąter im Kennedy Centre in Andersonstown gefunden.

13
Siehe, der da gebeugt ist ├╝ber den Geschundenen, ist sein Vater. Kennt er ihn? Kann er ihn kennen? Er tr├Ągt ein Tattoo.
       Es ist ein Horror, ihn so sehen zu m├╝ssen, nach dieser grausigen Qual. Er ist f├Ârmlich bedeckt mit Dreck, mit Mist. Er blutet aus den Augen. Er blutet aus den Ohren. Sein Gesicht ist unkenntlich. Der Vater mu├č ihn anhand eines Tattoos identifizieren. Es befindet sich auf seinem Arm. Es zeigt Chloe, seine f├╝nfj├Ąhrige Tochter. Chloe.
       Ein Sprecher des Hospitals sagt doch, Mister McCartan sei in einer stabilen Verfassung.

14
Am Sonntagmorgen erlangt Harry sein Bewu├čtsein wieder. Aber bis zum Abend sagt er nicht ein Wort, zu den Leuten aus seiner Familie. Seine Schwester hei├čt Cherie. Sein Gesicht ist so geschwollen, da├č es dreimal so gro├č wirkt wie normal. Noch immer sickert Blut aus seinen Ohren und Augen. Ein Bein ist gebrochen. Sharon, die andere Schwester, ist gegangen. Sie hatte zuerst davon erfahren. Viertel sechs, gestern, hatte der Vater angerufen. Viertel sechs am Morgen. Das ist jetzt 40 Stunden her. Was wird aus Harrys H├Ąnden.
__________________
weghenkel

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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 17
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Hallo Harry,

und Willkommen in der Lupe.

wollte mich bedanken f├╝r das Werk.
Es ist ein St├╝ck Literatur, welches mir den Atem raubte.
Ich wei├č nicht warum - vielleicht durch die vielen kurzen, knallharten S├Ątze oder durch die lebhaften Bilder, das Wissen um Eirinn und seinem Konflikt oder weil dort auf der Insel das Gr├╝n gr├╝ner ist und die Schafe wie Schafe aussehen. Ich wei├č es wirklich nicht, aber es hat mir gefallen.
Die englichen W├Ârter k├Ânntest du kursiv schreiben und dadurch noch mehr Ausdruck in den Text legen. Der Zeilenumbruch ist verschoben, dadurch wirkt der Text zerhackt und die Silbentrennung funktioniert in der Lupe nicht.

liebe Gr├╝├če
Rene├Ę

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weghenkel
Manchmal gelesener Autor
Registriert: May 2003

Werke: 23
Kommentare: 37
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Dank an Rene├Ę

Hallo Rene├Ę, hab Dank f├╝r die Kritik. Wie das technisch hier so funktioniert, mit Zeilenumbr├╝chen etc., mu├č ich erst noch herausfinden. Dann werd ich den Text nochmal richtig abschicken.
Das mit der kursiven Schrift f├╝r englischsprachige Ausdr├╝cke ist eine ├ťberlegung wert. Aber ich glaube, das bruchlose Ineinander von Faktischem und Fiktivem ist ein Merkmal dieses Texts, das dadurch abgeschw├Ącht w├╝rde.
__________________
weghenkel

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Wow!

Dieser Text f├╝llt eine L├╝cke in der Lupe. Er bringt mir das Irland-Thema von einer grausigen Seite n├Ąher.
Und ich sehe die Arbeit die in diesem Text steckt.
Hoffentlich kommt noch mehr davon.

Willkommensgruss
Socke

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
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Anscheinend hast Du den Text jetzt ├Ąu├čerlich "repariert", denn jetzt kann man ihn fl├╝ssig herunterlesen.

Und ja, ich kann mich den anderen nur anschlie├čen. Eine Kunst, solche Gr├Ąuslichkeiten so atemberaubend n├╝chtern zu erz├Ąhlen. Dann der Schlu├čsatz - gro├čartig, wie ein Aufschrei.

Bitte mehr davon!
lG, Zefira
__________________
schmollfisch

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