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Leselupe.de > Erzählungen
Jongleure
Eingestellt am 27. 10. 2011 12:40


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Bardenbart
Hobbydichter
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Dalamir hatte sie rumgekriegt, sein Redeschwall war diesmal brachial gewesen, auch ein bisschen Druck hatte geholfen. Wer, wenn nicht er – nach seiner Jugend in der Kasbah, wo jeder lauter sein musste als hundert andere...? War es das, was ihn zu einem Grinsen verleitete – gerade jetzt, nach der Krisensitzung des Kollegiums von „Rating T&S“, seiner Analysten-Agentur? Ja, er hatte sie in den letzten sieben Jahren zu dem gemacht, was sie heute war: eine respektierte Rating-Institution. Regierungen vertrauten ihr, Banken fürchteten sie, einige „Theorie-Eierköpfe“, wie er sie nannte, haßten oder verfluchten sie. Aber heute war es soweit: Sie waren um ein Urteil gebeten worden und - hatten den Daumen gesenkt. Schon die Unsumme an Honorar, die er rausgekitzelt hatte, zeigte die Bedeutung des Auftrags an. Und wer am „Drücker“ ist, muß seine Macht nutzen – so war seine Familie hochgekommen, hatte die Kontrolle über eine Provinz erobert, schickte die Jungen zum Studium, konnte sie auf wichtigen Posten platzieren: in Ministerien, Botschaften Finanzhäusern, Handelsriesen. Und er hatte es bei den Analysten geschafft - bis auf den Chefsessel von T&S. Seine Gedanken kehren zurück – ja, wie nutzt man die Chance des großen Augenblicks aus? Morgen schon weiß es die halbe Welt, dass einem großen, westlich zivilsierten Land die Bonität wegbricht; die erste Aktion muß unbedingt vorher, und zwar von ihm, gestartet werden... Also musste etwas ganz Schnelles geschehen. Geldmäßiger Gewinn? Das ist zu heiß – die Neutralität der Agentur ist ihre Lebensbasis! Machtgewinn? Na klar – wenn seine Entscheidung bedeutend für die Wohlfahrt eines Landes war, hatte jede Bank, jede Regierung Respekt vor ihm! Vielleicht würden sie ihn als den neuen Wirtschafts-Weisen küren - was kann man für die Zukunft mehr erwarten als solch einen götterähnlichen Status? Die Fachwelt soll es wissen – ein Interview oder so. In Blitzesschnelle geht er die Namen der Journaillen durch. Wer kann das - oder wer ist diese Info wert? Spontan fällt ihm Frank ein – sein Studi-Kumpel aus den Sause-Zeiten, wo er nicht nach den Regeln der Familie gelebt hatte. Sein Vater war gekommen und hatte ihn „zusammengefaltet“ wie einen Sklaven – ihn, den kaltblütigen, fintenreichen, auf seine Status bedachten Dalamir. Und Frank war zufällig Zeuge gewesen, ohne dies jemals auszunutzen. Ja, Frank sollte es als erster erfahren; eine dicke Schlagzeile von ihm würde auch sein Journalisten-Image heben! „Hey – ich hab’ eine gute Geschichte für Dich – und die ist auch noch wahr! Bist Du in der Nähe? Gut – in zwei Stunden etwa? Und bring eine Kamera mit.“
Er fährt selbst nach unten, um Frank reinzulassen: „Hey, Mann – ewig nicht mehr gesehen!“ – „Willst du etwa ein bisschen ergrauen?“ – „Na, und du erst...“ Mit solchen Frotzeleien fahren sie nach oben. Dort, versunken in flauschigen Sesseln, wird Frank ernster:
„Du rufst doch nicht nachts an, um mit mir einen Whisky zu trinken...? Und“, jetzt lehnt er sich vor, kommt nah an Dalamir’s Gesicht, „jetzt keine Tricks – nicht zwischen uns!“ „Ja, natürlich - Offenheit“, Dalamir hebt die Handflächen nach oben, sein Blick wird nachdenklich, „vielleicht wäre es am besten, wenn Du mit mir ein Interview machst, wie die Agentur so tickt, was wir bewirken, was die aktuellen Themen sind. Und da könnte ja“, ein schelmisches Grinsen kommt in seine Züge, „etwas Spektakuläres rauskommen – vielleicht...“
„Und das können wir nicht morgen machen, bei einem guten Frühstück? Komm schon“, Frank ahnt etwas, „da steckt mehr dahinter. Du bist in Zeitdruck!?“ „Ja. Es gibt aktuelle Analysen, die starke Konsequenzen haben können – besonders finanzpolitisch. Und wenn schon die Geld-Burschen daraus Kapital schlagen werden

– soll unsereins nicht auch etwas davon haben? Und für dich wäre das auch ein guter Schub: ‚der Journalist mit dem heißen Draht’!“ Frank denkt kurz nach, dann nickt er leicht: „Also los. Ich stelle Dir meine Fragen, Du sprichst ins Mikro. Der Laptop schreibt simultan mit, dann gehen wir es durch und überarbeiten das Ganze.“, schon stehen die Geräte verkabelt auf dem Tisch. Die erste Frage: „Sie als Chef von T&S tragen sicher eine hohe Verantwortung...“
Nach Mitternacht fährt Frank wieder los; den Chip in seiner Hemdtasche spürt er wie einen Explosivkörper. Seine Gedanken arbeiten schnell: ‚Wohin damit? Die Morgenzeitungen sind im Druck, außerdem ist dann schon alles in den Tickern. Natürlich: die Ticker!! Gleich hier rechtsab, zur Redaktion der Ticker-Agentur. Dort könnte es sofort rausgehen. Aber dann’, hier stockt sein Mitteilungsdrang, ‚dann ist das Ganze raus – und ich: Was habe ich davon?’, sein Fuß bremst automatisch, direkt neben einem Nachtcafe. Bei einem Espresso wird ihm klar, dass die Neuigkeit als Schnell-Info nur hilfreich für Dalamir ist; ihm selbst fehlt die Zeit für die „große Story“. Und wie angelt er sich sein Stück vom Kuchen? Wie von allein wählt sein Daumen die Nummer von Ronald: „Morgen, es ist Null Uhr zwanzig!“ – „Duuu? Bist Du verrückt – ich will grade Zähne putzen!“ – „Machst du das immer an der Bar? Komm schon – ich höre doch im Hintergrund, wo du rumhängst!“ – „Ja ja – du alter Puritaner! Aber wenn sogar du noch wach bist – hast du grade ein brandheiße Sache?“ – „Bingo - und zwar so eine, die dich wieder ziemlich ernüchtern müsste. Kannst du dich freimachen?“ – „Wie – jetzt sofort? Und die zwei Blondinen in meinem Arm...? Können wir nicht morgen früh...“ – „Bist du nun ein Schmusekater oder ein Finanzmann, der ein gutes Geschäft machen will? Und das geht eben nur heute! Aber nur dann, wenn du mir einen guten Anteil garantierst!“ – „Also gut – wann und wo...?“
Ronald kann es nicht glauben: „Weißt du, was du da sagst – das ist...“, seine Hände fuhren haltsuchend durch die Luft, „damit kann man einen ganzen Staat pleite machen! Der ist dann praktisch nichts mehr wert - der Premierminister kann nicht mehr handeln, ohne vorher die Gläubiger zu fragen!“ – „Also die Banken...“ – „...oder Versicherungen, Fondsgesellschaften und so weiter – alle, die dort Geld haben. Aber wieviel Rendite man dort rausholen kann...?“, in Gedanken versunken nimmt Ronald den Kaffeelöffel, schnippt ihn durch die Luft, „Und womit? Weitere Privatisierungen, Lohnkürzungen, zumindest eine Kosten-Nutzen-Analyse wird das Finanz-Konsortium dann machen.“, er sieht Fran jetzt direkt an, „so eine Situation hatten wir noch nie.“ „Geht denn das überhaupt – dass Ihr Finanz-Leute einen Staat dirigiert?“, Frank kommen Zweifel, „müßte man dazu nicht den Großteil der Schuldverschreibungen im Besitz haben? Und wer will schon solche fast wertlosen Papiere kaufen?“
„Die Frage ist doch nur, wann du sie kaufst!“, Ronald lehnt sich grinsend zurück, „jetzt kriegst du den normalen Zinssatz dafür – wenn das Land in der Krise steckt, muß es viel höhere Zinsen zahlen. Erst dann machst du den Reibach – und kannst praktisch noch mitregieren dazu! Aber ich habe noch was Besseres“, seine Augen werden zu Schlitzen, „nicht ganz seriös, aber hat in den letzten Jahren riesige Gewinne erbracht: die Bonitäts-Wette!“
„Ihr mit euren Tricks!“, ein Kopfschütteln zeigt Frank’s Abwehrhaltung zu Ronald’s Geld-Jonglieren an. „Aber du willst doch selbst etwas von dem großen Kuchen!“ – „Ja, schon; Geld regiert nun mal die Welt... Also: Gibst du mir 30 Prozent von dem, was du damit als Gewinn machst?“ – „Ach nee – aber das ganze Risiko, der Einsatz liegt voll bei mir!?“, Ronald’s Blick wird urplötzlich kühl. So kennt ihn Frank, hält sofort dagegen:

 
„Und ohne mich – da hättest du gar keinen Nutzen davon!“ – „Also gut – 20 Prozent.“ – „Abgemacht – das schreiben wir jetzt auf, mit Datum und Unterschrift.“ Als sie fertig sind, springt Ronald sofort auf. Frank sieht erstaunt hoch: „So eilig? Ich dachte, nur ich muß schnell sein wegen der Neuigkeiten...!“ – „Was denkst du denn, was bei mir jetzt losgeht? Die Tokio-Börse macht bald auf – da werden die Transfers gleich veranlasst!“, schon im Gehen läßt Ronald ein paar Münzen auf den Tisch klimpern, „wir mailen heute noch mal miteinander. Ciao!“ Frank geht die letzten Meter bis zur Ticker-Agentur und holt den Nachtredakteur vom Kaffeeautomaten. Nachdem das Honorar ausgehandelt ist, überspielt er sein Interview ins Netzwerk der Agentur. Und dann, wieder an der frischen Luft, legt sich die Müdigkeit plötzlich wie ein Schleier auf seine Augen.
Ein zarter Sonnenhauch durchbricht den Morgennebel, tastet über die taufrische Erde, berührt die Pferdeboxen, verfängt sich im aufsteigenden Dampf der schweren Leiber. Dalamir ist fertig zum Joggen, nimmt dem Diener die Hundeleine ab – und los geht’s, quer über seine Wiesen, in den Wald, auf dem Trampelpfad im Dämmerlicht. Am Mummelteich sind die ersten Kilometer abgespult, er bleibt stehen, sieht über die noch schlafenden Gräser. Von seinem Ächzen und Stöhnen bei den Dehnungsbewegungen wird das Ufer langsam aufgeweckt: Vögel beginnen zu zetern, die ersten Frösche krabbeln auf die Seerosenblätter. Bevor er weitertrabt, sieht er versonnen in die Ferne: War es das – dieser Moment des Bestimmens, des Beherrschens von Ländern, der Macht? Sein Auge registriert nicht wie sonst die erwachende Schönheit um sich herum; der Blick geht nach innen: Wollte er nicht dort immer hin, dafür die ewig langen Arbeitstage, das Gerangel um die Posten - für den anerzogenen Ehrgeiz seit dem Elite-Gymnasium, für das Gefühl des Stärkeren? Ja, er kann jetzt sagen: Ich schalte im großen Weltgetriebe! Und zu wem - zu seinen Brüdern und Cousins beim alljährlichen Treffen, wenn es um die Wette geht mit Besitz, Macht, Einfluß, wo jeder dem anderen das Mehr, den Vorsprung neidet...? Macht er es dafür? Sein fanatischer Onkel kommt ihm in den Sinn – wieso eigentlich, nach zwanzig Jahren? Von ihm kannte er nur eifernden Tiraden, sein „wir sind besser als sie!“ Mit einem unbewußten Kopfschütteln setzt er sich wieder in Trab, wieder wandern die Gedanken ab: Für seine Frau wohl kaum – sie steckt in den alten Traditionen, lebt für ihr Heim und die Kinder. Die Kinder, seine „kleinen Paradies-Vögel“, wie er sie abends immer ruft – erkennen sie, was ihr Vater geschafft hat? Ja, schon irgendwie, mit ihrem Horizont... Und dann - ist da vielleicht noch jemand, mit dem er den Erfolg teilen kann? Er lässt viele Gesichter vorübergleiten; manche bleiben kurz hängen, andere verblassen sofort - viele Brücken sind abgebrochen; kein Name bleibt wirklich hängen. Nein – Schluß mit der Sentimentalität! Er atmet tief durch, hebt den Brustkorb und joggt weiter, das Echo auf sein Interview interessiert ihn.
Die heiße Nachricht wirkt wie eine Bärentatze im Bienenkorb – die Finanzer starten hektische Transaktionen, gehen mit Abstößen auf „Nummer Sicher“ oder mit gewagten Käufen auf volles Risiko, die Politik redet alles harmlos. Aber der Schneeball ist schon im Rollen, wird zur Schneemann-Kugel und schließlich zur Lawine:
Die Liquidität von Borgland sinkt rapide, damit rutscht das Rating noch tiefer nach unten. Andere Länder machen Stützungskäufe, erhöhen dabei ihre eigene Schuldenbelastung weiter, dann werden auch sie angezählt von den Agenturen.

 
Bei der Welt-Finanzbank jagt eine hektische Konferenz die andere: Das sorgsam in Jahrzehnten aufgebaute Geld-Gleichgewicht an den großen Finanzmärkten wird von der Geldwirtschaft selbst torpediert – und das kurz nach deren Bauchlandung durch Immobilien-Spekulationen! Ein hochrangiger Diplomat bringt es auf den Punkt:
„ Die Geld-Geier haben keine Scham: Sie spekulieren noch alles in Grund und Boden für ihre Boni! Eigentlich müsste man den ganzen Börsenhandel auflösen!“ „Und woher kriegt Ihre Regierung dann das Geld für die Staatskredite? Die hätte ja auch solide wirtschaften können, ohne Schulden zu machen!“, der Präsident der Welt-Finanzbank kann sich ein leises Lächeln nicht verkneifen, als der Diplomat mit einer dramatischen Geste die Hände hebt: „Mein Haus ist abgezahlt, ich bin schuldenfrei. Aber ich bin nicht unser Finanzminister...“, eine vieldeutige Geste weist in die Höhe, „...und ich ahne auch nur gewisse Zusammenhänge zwischen Wahlversprechen, ehrgeizigen Regierungs- Vorhaben und sicher auch eingefahrenen Kosten-Strukturen...“ er sieht den Präsidenten treuherzig an, „aber ist Ahnen Gewissheit?“, nun schmunzelt er auch. „Madame, meine Herren“, der Präsident sieht abschließend in die Runde, „dieses informelle Gespräch außerhalb des Protokolls war sehr aufschlussreich. Wir sind wieder mitten in einer Finanzkrise, diese kommen in immer kürzeren Abständen und mit immer höheren bewegten Geldströmen. Es ist, als ob der globale Moloch der Geldwirtschaft in immer kürzerer Zeit sich selbst zerstört – durch Spekulationen, riskante Geschäfte, diesmal ganz simpel durch geänderte Kredit-Bewertungen – innerhalb weniger Wochen sinkt die Kreditwürdigkeit ganzer Staaten, nachdem jahrelang die gleiche Bonität herrschte, und zwar bei fast gleichem Schuldenstand... Generell haben die Staaten die Chance, ihre Zahlungsunfähigkeit zu verhindern, in dem sie ihre Schulden-Obergrenze heraufsetzen. Aber wie lange geht das gut...? Und nicht jeder hat den Mut, die Staatsschulden einfach zu streichen wie die Südamerikaner. Um im Bilde zu bleiben, schlage ich ein gleiches Treffen in einer Woche vor.“
Dazu kommt es nicht – Vier Tage später verliest der Premier von Borgland eine Erklärung, dass die Regierung aufgrund der Zahlungsunfähigkeit zurücktritt und die Polizei angewiesen hat, die Banken gegen „pöbelnde Menschen“ zu verteidigen, auch mit harten Maßnahmen. Kaum ist die Rede verklungen, füllen sich die Straßen und Plätze in Borgland mit Menschen, wütenden, schreienden, hilflosen Menschen. Alles strömt zu den Banken, um noch schnell alles flüssig zu machen, was möglich ist. An Kredite ist nicht mehr zu denken – Hauptsache, man kriegt sein eigenes Gespartes heraus!! Aber die Banken sind zu - geschlossene Portale, heruntergelassene Eisengitter, kein Licht im Innern. Und dann hören sie es, das Grummeln von hinten, es kriecht langsam heran. Die Menschen sehen sich an, mutmaßen über das Geräusch, dann fliegt ein Wort auf: „Panzer!“ Erschrecken in den Augen – die eigene Armee, mit Panzern: Warum? Und einer wiederholt das Wort aus der Bankrotterklärung: „..mit harten Maßnahmen“. Man kennt ja vieles – Schlendrian, Bürokratie, Korruption; es ging ja lange gut. Auch Wasserwerfer und Tränengas sah man im Fernsehen. Aber Panzer – gegen das Recht der Menschen auf ihr Erspartes?? Und niemand weiß, was morgen sein wird – Arbeitslosigkeit, Hunger, jeder klaut dem anderen das Letzte weg...?
Dann biegen sie um die Ecke, die Rohre schwingen auf die Bankportale zu – dorthin, wo Tausende stehen. Die Gesichter erstarren, erschreckt, ungläubig. „Scheißkerle!“ – „Schnell weg!“ – „Die werden nicht schießen...“ Stimmen schwirren durcheinander; jeder ist unsicher, wie gelähmt; keiner kommt vom Fleck. Dann die Salve: Drei Maschinengewehre, gleichzeitig, über die Köpfe hin. Alles wirft sich auf den Boden,

 
Totenstille. Dann laufen die ersten los, weit nach hinten, andre springen auf, stoßen die Nachbarn um, alles wirbelt durcheinander, jeder tritt nach rechts und links – nur weg von hier!! Nach zwanzig Minuten steht niemand mehr auf der Magistrale, nur fünfzehn Leute liegen auf dem Asphalt, still, bewegungslos.
Dieser Tag bringt landesweit hundertachtzig Tote, allein durch die Massenpanik - ausgelöst von der Armee.
„Na, Frank - ist das ein schönes Gefühl, wenn einem so blanko die Kohle ins Haus flattert...?“, Ronald’s Stimme klingt gönnerhaft; der Geldsegen durch seine Bonitäts- Wetten floß bisher fast stündlich! Und mit Frank hat er alles redlich abgerechnet – man ist ja schließlich ein Ehrenmann! Nur dessen Antwort klingt etwas grüblerisch: „So ne Menge...! Aber aus Borgland ist doch bisher nichts rauszuholen.. Wo kommt das alles her?“
„Hab’s dir doch gesagt: Mit Bonitätswetten kannst Du heute viel Geld scheffeln! Wie? Also: Ich wette zum Beispiel, dass Borgland den Bach runtergeht, irgendein Naiver hält dagegen. Und – bingo: Durch meinen Wissensvorteil hab’ ich ganz gut gewonnen, findest du nicht? Und du natürlich auch – genau deine 20 Prozent!“
„Also – einfach so, ohne Gegenleistung oder so...? Ist das nicht wie beim Pokern, wenn du die Karten der anderen kennst...?“ „Frank – he – nicht so viel nachdenken – man muß die Glückssträhne greifen, oder? Übrigens, ich kriege heute vielleicht noch eine: Ich soll den Abtransport unserer Geldreserven aus Borgland steuern! Und ich fliege heute abend rüber.“
„Direkt nach Borgland - in diesen Hexenkessel?“ – „Für mich gibt es dort ein sicheres Plätzchen, wo ich alles dirigieren kann und trotzdem gut geschützt bin.“ „Du – da muß ich mit!“, das riecht für Frank nach großem Artikel, „du machst einfach ein zweites Zimmer klar. Einverstanden? Ich will wissen, was dort abgeht, live berichten!“ – „Aber viel Bewegungsraum hast du dort nicht...“ – „Egal – wer dort ist, hat mehr Gewicht als ein Reporter im Studio.“ – „Also gut. Wir sollten uns gegen vier treffen, direkt am Abflug-Terminal.“ Aus dem Düsen-Jet geht es direkt in einen Hubschrauber. Der uniformierte Pilot hebt ab, sobald die Kabinentür einklickt. Nach zwanzig Minuten landen sie in einem kahlen, fußballfeldgroßen Innenhof. Frank kommen Erinnerungen hoch: „Sieht aus wie ein Exerzierplatz.“ – „Ist es auch - wir sind in einem Armeecamp stationiert.“, Ronald wirkt etwas hektisch, „ich muß noch etliches organisieren. Und in drei Stunden steigt die erste große Aktion. Bleibst du bis dahin in der Nähe?“ „Mach man los – ich sehe mich hier etwas um.“ Mit Aufnahmegerät und Presse-Ausweis zieht Frank kurz darauf los. Seine persönliche Begleit-Ordonnanz weist ihm den Weg zum Casino. Neben einem Kaffee-Automaten sieht er ein bekanntes Gesicht. Sein Begleiter bemerkt sein Erstaunen: „Richtig, das ist unser Finanzminister. Er ist zu einer Konferenz gekommen.“ Frank’s Instinkt ist erwacht, er macht drei Schritt zur Seite: „Gestatten Sie - geht es heute um den Finanz-Transfer an die Banken?“ – „Wissen Sie, es geht um mehr“, die Ringe unter den Augen des Ministers sprechen Bände, „es geht auch um Würde, nationale Selbstbestimmung... Aber haben wir eine Wahl?“ – „Und wo sehen Sie die Ursachen dieses Erdrutsches?“ – „Etwas Sorglosigkeit, etwas Generosität, etwas Disziplinlosigkeit, der Gedanke, es wird noch so weitergehen...“ – „Das klingt nach Selbstkritik...“ – „Junger Mann, hinterher ist man immer schlauer.“, die schweren Augenlider zeigen Müdigkeit. Ronald tritt zu den beiden, er legt Frank die Hand auf die Schulter:

 
„Ich muß seine Exzellenz jetzt entführen, wir werden einige Formalitäten besprechen.“ Frank öffnet die Tür zum Casino. Irgendwie hat er den Eindruck, dass die Gespräche leiser werden. Sein Begleiter beugt sich zu ihm: „Was darf ich ihnen bringen?“ – „Etwas Landestypisches?“ – „Da sind Sie der Erste, der das möchte“, über sein dienstlich-ernstes Gesicht huscht ein freudiges Lächeln, „ich werde Ihnen etwas aussuchen.“ „Und Sie sind Journalist...?“, die beiläufig Frage beim Essen kommt aus einem hellwachen Gesicht. „Ja, hauptsächlich für Wirtschafts-Fragen. Und da ich die Chance hatte, hierher mitzufliegen... Vor Ort hört man mehr.“ - „Nervenkitzel...?“ Dieses Wort lässt Frank aufhorchen. Er forscht im Gesicht seines Begleiters – es scheint unverbindlich und kühl. „Vielleicht auch ein bisschen davon – das ist wohl berufsbedingt. Aber ohne Inhaltliches“, er schüttelt den Kopf, „da kommt kein seriöser Wirtschafts-Bericht heraus.“ „Haben Sie schon Interview-Termine?“ - „Es ging alles zu schnell – der Flug mit drei Stunden Vorlaufzeit... Hätten Sie denn einen Tip für mich?“ „Ich bin Soldat – das steht mir rangmäßig nicht zu!“ – „Ach, die Ränge und Positionen...“ Frank muß schmunzeln, „wenn dies hierzulande immer ordentlich gelaufen wäre, sähe die Lage wohl nicht so aus.“ „Vielleicht haben Sie recht“, der Begleiter dreht nachdenklich sein Glas in den Händen, „ viele stehen auf ihrem Posten – aber die meisten nutzen ihn nur aus. Und nun ist das Ganze an die Wand gefahren.“, er sieht Frank ernsthaft an, „ich könnte Ihnen ein paar Interview-Partner besorgen. Haben Sie Interesse?“ - „Leute aus der Armee?“ – „Auch. Und andere – Leute mit Verstand, auch mit Unzufriedenheit...“ „Gemacht! Das wäre ein gutes Spektrum für meine Arbeit.“, Frank hat schon einen breiten Situations-Bericht vor Augen.
In der Nacht schrecken in vielen Städten von Borgland die Leute aus dem Schlaf: Hubschrauber fliegen über den Dächern, nähern sich den Stadtzentren, landen. Keiner denkt mehr an Schlaf, Fenster schlagen auf, Gerüchte schwirren durch die Gassen. Die jungen Burschen machen sich auf, fahren mit den Mopeds in die Zentren. Aber die breiten Straßen sind abgeriegelt: Die Armee lässt keinen durch. Zwei Stunden später, im Morgengrauen, heben die Helikopter wieder ab. Man telefoniert im ganzen Land herum – niemand weiß etwas Genaues. Dann kommt ein Hinweis: Ein Hubschrauber ist notgelandet, nahe der Hauptstadt; es gab einen Kampf an Bord; die Fracht ist herausgefallen, es waren Goldbarren und Container mit Banknoten.
Frank wird wach durch ein Geräusch – nein, es ist mehr: Rufen, Kommandos, Stiefel über Fußböden. Dann ein Klopfen: „Frank, mach mir auf!“, es ist Ronald’s Stimme, sie klingt besorgt, „wir müssen uns sputen. Dann steht er im Zimmer, übernächtigt und trotzdem hellwach:
„Wir müssen ausfliegen, jetzt sofort. Es gab einen Zwischenfall...“ - „Wobei? Was ist passiert? Heute nacht etwa? Ich hab’ geschlafen.“, Frank gähnt herzhaft, doch Ronald fasst seine Schultern, schüttelt ihn: „Jetzt geht’s nicht nur um Geld, jetzt geht es um unsere Sicherheit! Also, in acht Minuten geht der Hubschrauber.“
Sie hetzen zum Exerzierplatz; der Hof ist unter Flutlicht; Scheinwerfer-Strahlen schwingen hin und her. Ihre Begleiter haben die Waffen gezogen, sie steigen mit in den Hubschrauber. Später nehmen sie einen LearJet, der hebt sofort ab.

 
Als sie allein in der Kabine sind, sieht Frank Ronald fragend an. Der druckst herum, dann rückt er heraus: „Letzte Nacht ist der Abtransport des Geldes aus den Banken von Borgland passiert. Es waren hundertfünfzig Hubschrauber unterwegs, fast die gesamte Armee-Flotte. Und dabei gab es einen Zwischenfall: Als eine Besatzung mitbekam, dass die Borgland-Gelder außer Landes geflogen werden sollen, haben sie die Wachen angegriffen und bei dem Kampf ist der Hubschrauber verunglückt. Und so kam die ganze Aktion ans Tageslicht.“
In Frank’’s Kopf wirbeln die Gedanken, erst allmählich ordnen sie sich: „Moment, Moment - mal langsam zum Mitschreiben: Du meinst, niemand sollte erfahren, dass die Goldreserven und flüssigen Gelder außer Landes gebracht werden sollen? Gelder, die die Menschen in Borgland gespart hatten und das man ihnen, den eigentlichen Besitzern, verweigert hat – und jetzt kriegen es die ausländischen Banken? Wenn das geklappt hätte, könnte niemand ahnen, wo die Werte geblieben sind – und ihr hättet ein paar Milliarden mehr in Gold gehabt.“, hatte er „ihr“ gesagt?, „Und die Armee sollte es ausführen, nach der Devise ‚Denen gibst du das Kommando, da muckst ja keiner’. Und jetzt haben ein paar Staatsbürger in Uniform das ‚Staat’ mehr als die ‚Uniform’ betrachtet und die ganze Aktion wird publik und die Dunkelmänner sind auf einmal keine Saubermänner mehr...“ „Aber es geht doch auch um dich“, ruft Ronald dazwischen, „um deinen Gewinn bei der Sache!“ „Meinst du, ich lege da jetzt noch Wert drauf“, Frank schüttelt den Kopf, „jetzt, wo ich weiß, wie ihr es macht?“ „Hast du das vorher nicht gewusst?“ – „Nein – in der Öffentlichkeit gebt ihr euch ja seriös, human, es fließen sogar dicke Spenden nach Afrika... Und du mischst da noch kräftig mit... übrigens: unsere finanzielle Vereinbarung kannst du schon mal als hinfällig betrachten.“, der Blick aus Frank’s Augen ist eisig und so bleibt der gesamte Rückflug. Dennoch rumort tief im Innern das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben – einen großen Fehler.
Am nächsten Abend, als die Kinder im Bett sind, geht Frank mit seiner Frau in die kleine Laube am Ende des Gartens. Von der Tür aus sieht sie die Überraschung: „Du hast ja schon eingedeckt! Und so einen edlen Tropfen..“, sie prüft das Etikett, „schon acht Jahre alt. Und Musik dazu – welche ist es denn?“ - „Mach sie an...“ Nach einem Knopfdruck erklingt Vivaldi - schöne Melodiebögen auf zarten Geigen.
„Etwas zum Nachdenken“, Frank sucht nach einer Einleitung, „ich wälze etwas im Kopf herum und du sollst daran mitdenken.“ „Doch keine andre Frau...?“, die Drohung soll scherzhaft klingen, doch ihre Augen sind abschätzend.
„Nein nein“, abwehrend hebt er die Hände, „es geht mehr um unsere Finanzen.“ – „Ach, um die.. da haben wir doch jetzt ein dickes Polster -- dank deiner Cleverness“, sie hängt sich an Frank, küsst ihn auf den Hals. „Das ist es ja eben – es ist nicht nur Cleverness dabei, sondern langsam wird das Ganze unschön“, und er erzählt ihr die ganze Entwicklung , angefangen von den Bonitäts-Wetten.
„Das ist schon ein dicker Hund“, ihr Gesicht zeigt Verwirrung, Entrüstung, Ratlosigkeit, auch ein bisschen Wut. Dann kommt die Frohnatur wieder durch: Sie nimmt ihr Glas, stößt es an Frank’s: „Erstmal schön, dass wir es haben – so plötzlich einen achtstelligen Betrag!“ Frank stößt mit an: „Bis vor kurzem hat auch weniger gereicht... zumindest war es nicht auf diese Weise verdient... Und ganz wohl ist mir dabei auch nicht...“

 
„Ich versteh’ dich“, sie wirkt schlagartig ernsthaft, „ich kenne dich doch lange genug. Und was willst du machen – das Ganze zurückgeben? Komm schon, du hast doch was ausgeheckt!“ Ja, sie kennt ihn gut... Er grient seine Frau an:
„Aus den Scheinen Schiffchen bauen und in den Fluß setzen... nee, im Ernst: Was hältst du von einer Stiftung?“ - „Für Waisenkinder oder so was?“ – „Ich dachte mehr an solche Organisationen, die sich mit diesen Praktiken beschäftigen, sie aufdecken. Da gibt es Transparency International, ATTAC, auch unabhängige Politik-Institute.“ „Ja, klingt nicht schlecht. Laß mich mal in den nächsten Tagen recherchieren, wer da so in Frage käme.“
‚Sie empfindet es wie ich’, Frank ist froh, mit dieser Frau zusammenzusein. Und schon kommt der Schalk wieder durch: „Sag mal: Liebst du mich denn noch, wenn der Segen nicht mehr so ins Haus fließt?“ – „Na ja, dafür musst du als Ehemann dann etwas mehr tun...“
Und so beginnt eine aufregende Nacht für beide – Frank muß ja schon mal üben...
Ronald kommt schwitzend, aber erleichtert aus dem Büro seines Vorstands-Chefs. Nein, es gab keine Dusche wegen des Patzers beim Gold-Transfer, aber es war festgelegt worden, dass dieses Risiko in Zukunft minimiert würde. Dafür würde man zwar etwas opfern müssen, aber der Einsatz einer zivilen Söldner-Firma würde reibungsloser ablaufen, und zwar als verdeckte Geheim-Operation – der Chef nannte es ‚emotionsneutrale Aktionen’. Und er sollte dies ins Rollen bringen, die geeigneten Schutztruppen – oder waren es hier nicht eher Eingreif-Truppen...? – suchen, prüfen, evaluieren. Zwanzig Tage hat er dafür, vierhundertachtzig Stunden und keine Minute länger. Denn es gab fast wöchentlich neue Übernahme-Kandidaten – der Sog der Zinsexplosionen hatte die nächsten Staaten pleite gemacht. Und diesmal geht es um dreistellige Milliardenbeträge.
Ronald’s Gehirn schweift von der eigentlichen Aufgabe ab, läuft wieder in die antrainierte Richtung: ‚Woher hat die Bank derart riesige Schuldbelastungen dieser Länder? Sowas kauft man nicht in einigen Wochen grad mal so zusammen... Und von welchem Geld - die Bank allein schafft das nicht? Da müssen noch andre Interessengrupen dahinterstecken...’ Er schüttelt kurz den Kopf, ruft sich selbst zur Ordnung – jetzt darf er nicht abschweifen, er muß sich auf die Auswahl der Privat- Armeen konzentrieren, auch wenn er auf diesem Gebiet noch total blind ist.
Das nächste Geld-Ausfliegen ist eher ein Tauchen – die Eingreif-Truppe geht vor wie in alten Bankräuber-Filmen: gleichzeitig in mehreren Städten die Ware aus den Tresoren in die Kanalisation, unterirdisch fließt die Beute in die Hafenbecken, wird dann zu U–Booten bugsiert - und ab über’s offene Meer. Aber die Übergabe klappt nicht: Nach drei Tagen ist noch immer nichts im Insel-Geheimversteck. Ronald wartet ungeduldig an der kleinen Seebrücke, auch sein Verbindungsmann der Eingreif- Firma wirkt unruhig:
„Auch im ungünstigsten Szenarium hätten wir maximal zwei Tage gebraucht... Ich versteh’ das nicht!“, sein Schulterzucken scheint wirklich ratlos, auch in seinen Augen sieht Ronald blanke Offenheit. ‚Eigentlich passt er gar nicht zu einer Geheim-Firma’, laut sagt er, „Was haben Sie eigentlich bisher in Ihrem Laden gemacht?“
„Alles querbeet, am längsten war ich mit Finanz-Analysen zugange.“ – „Finanzen? Ich denke, es geht um verdeckte Militär-Aktionen?“ – „Das ist die Haupt-Richtung. Aber man will ja wissen, wer die Gegner und die Verbündeten sind – auch finanziell.

 
Das Aktuellste war sehr interessant - es ging um die Zukunft der angeschlagenen Staaten: wer dort finanziell das Sagen, wie er die Mittel einsetzt, mögliche Verbündete und so weiter.“ – „Und – haben Sie Ihren Chefs gute Ergebnisse liefern können?“, Ronald versteckt seine wachsende Erregung hinter einer gleichgültig klingenden Frage.
„Das war ja das Komische“, der Mann schaut ihm ohne jeden Arg in die Augen, „auf einmal war das unwichtig, keiner wollte die Details der Ergebnisse sehen, darauf aufbauen... Und dann kam der Einsatz hier, sozusagen als ‚Geldzähler’“, der Mann lacht, aber in Ronald keimt ein Verdacht:
Sind sie beide hier auf einem verlorenen Posten – nicht nur weitab vom eigentlichen Geschehen, sondern wegen ihres Wissens auch im Abschuß-Bereich? Die wippenden Fächerkronen der Palmen, die sirrenden Zikaden in der süß-schwülen Luft – das exotische Paradies wirkt auf einmal schal, trügerisch. Er nimmt sich vor, ab sofort höllisch auf sich aufzupassen. Und er will möglichst noch viel von seinem Partner wissen – wer weiß, ob man das verwenden kann...
Die Versorgung ist nicht ohne, an alles ist gedacht, auch an die Prozente. In der Dämmerung zieht er den Mann ein Stück weg von der beleuchteten Bar, in das tiefhängende Blattwerk alter Bäume. Und was er dann nach dem dritten Whisky erfährt, treibt Roland den Schweiß noch stärker aus allen Poren. Vor dem Einschlafen berichtet er nochmal über die geheime Leitung an den Bank-Vorstand, er spricht sogar mit dem großen Chef. Morgen früh wird ihn ein Wasserflieger abholen. Und dann hat er eine Idee: Er dreht seine Bettdecke zu einer langen Rolle und nimmt sich einen Schlafsack aus dem Fach. Damit geht er abseits unter ein paar duftende Strächer. Als er eine einigermaßen weiche Kuhle findet, rollt er sich zusammen und schläft ein.
Am Morgen erwacht Ronald vom Brummen entfernter Motoren. Als die Maschine auf dem Wasser aufsetzt, ist er schon an seinem Bungalow, greift zu dem stets einatzbereiten Rucksack. Mit einem Blick streift er nochmal durch seine Behausung der letzten Tage, ein Detail an seinem Bett zwingt ihn zum Hinsehen: Irgendwas ragt aus der Decken-Rolle. Ein Schauder springt auf seine Haut: Sind das Pfeile? Oder Harpunen? Auf jeden Fall – ein Mordversuch! Sein erster Reflex reißt ihn mit: sofort weg!! Mit großen Sprüngen rennt er zum Strand, meidet den Weg, macht einen Zick- Zack-Kurs. Dann ist er am Schlauchboot, der Kopilot sieht seine Angst in den Augen: „Was passiert?“ – „Los weg hier – eigentlich hätte ich auch tot sein können!“, diese Erkenntnis schmeckt bitter - was ist sein schönes Leben, sein Geld wert, wenn man dabei mal kurz abgemurkst werden kann... Als sie im Handy-Netz sind, macht Ronald zwei wichtige Anrufe, dann steckt er sein Handy unauffällig zwischen die Sitz-Wulste des Fliegers.
Beim Vorstandschef von Ronald’s Bank meldet sich ein Besucher an – ein hochrangiger Geldgeber der letzten Monate. Der Chef führt ihn sofort in sein Büro, bietet ihm Kaffe oder Champagner an. „Nur einen Kaffee, bitte – ich brauche einen klaren Kopf.“ – „Bei Ihren Einlagen und unserer Dividende“, der Vorstandschef breitet die Arme aus, „da sind doch Sorgen fehl am Platz...“ „Keine Sorgen...?“, der Gast dehnt diesen Satz ungewöhnlich lang, „Eigentlich sollte ich gestern meine Einlagen zurückbekommen, aber Sie haben nichts überwiesen!“ „Wir dachten, dieses Geschäft sollte länger laufen – so wie bisher“, er überspielt es gekonnt, „aber wenn Sie es unbedingt wollen, in einer halben Stunde ist es

 
transferiert!“, doch im Hinterkopf weiß er: Es geht gar nicht - dazu wären die Milliarden von der Kaper-Firma nötig! Als hätte der Gast es erraten: „Sie können gar nicht zahlen – Ihnen fehlt das flüssige Geld...“ – „Kennen Sie etwa unsere Tages-Bilanzen?“, der Bankchef unterbricht ihn mit einem jovialen Schmunzeln, doch sein Gegenüber sagt ganz einfach: „Ja – bis auf den letzten Cent.“, und da keine Erwiderung kommt, „und da in den nächsten Tagen Rückzahlungen von weiteren 38 Milliarden anstehen, die Sie ebenso wenig bedienen können, sind Sie dann pleite.“ Die wenigen Sekunden der Erwiderung haben gereicht, dass der Bankchef wieder klar sieht: „Sie kennen also unsere Geldströme, unsere Bilanzen. Demnach haben Sie nicht nur Agenten in unserer Bank, sondern sind auch bei den Sicherheits-Diensten“, die Ironie ist deutlich zu hören, „am Geschäft beteiligt.“ Wieder ein klares „Ja“. „Also nutzen Sie das Zurückhalten unseres eigenen Geldes, um uns zu erpressen!“ – „War denn das alles so rechtens, wie Sie es eingetrieben haben?“ Beide sehen sich an - in Jahrzehnten des Hyänen-Geschäfts listig, trickreich, skrupellos geworden. Beide jonglieren mit moralischen Vokabeln, vordergründig, als Wortspielereien, als Tarnung für ihre schmutzigen Wege. Und beide wissen: Einer wird heute verlieren – nicht, weil er rhetorisch weniger gewieft ist, sondern weil die Taktik des anderen hinterhältiger ist. Der Bankchef hatte schon vorher unauffällig eine Tastenkombination seines Handys gedrückt. Jetzt, Minuten später, spielt er seinen letzten Trumpf aus: „Das alles wussten wir schon, aber nicht, wer genau dahintersteckt. Nun haben wir alles beisammen“, er drückt auf einen Summer, der andere wirkt nun doch etwas unsicher, „und jetzt können wir unser Geld einfordern – mit Ihrer Hilfe!“, er weist zur Tür. Als der Gast sich umdreht, erstart das Lächeln auf seinen Zügen: „Sie hier...?!“ – „Gesund und munter, mit vielen Informationen,“ Ronald sieht den Mann haßerfüllt an, „und gegen Ihre Absichten!“ „Wir sollten die Emotionen jetzt beiseitelassen“, der Bankchef will die Zügel in der Hand behalten, „Sie werden uns jetzt zu einem Hubschrauber begleiten, aber erst, wenn Ihr Double die Bank sicher und weiträumig verlassen hat. Sie sind ja jetzt sozusagen Milliarden wert... Und bitte,“ ein Blick zu Ronald ,„den Herrn gründlich durchsuchen, alles an ihm austauschen – das volle Programm!“ Er gibt sich siegessicher, aber er weiß: Das ist ein gewonnener Coup – der Wettlauf ist noch lange nicht entschieden.
Es wird seine letzte Aktion sein – nicht, weil er jetzt viel Geld hat, sondern weil er fast kein Leben mehr hat, zumindest nach dem Willen seiner Gegner. Aber diese Aktion will er noch durchziehen, weil sein Haß jetzt ein Gesicht hat und weil er wissen will, was diese Leute eigentlich vorhaben. Und tief in seinem Hinterkopf spukt noch ein „Weil“ herum, verwoben mit einem Lachen Frank gegenüber, mit einem Spruch seines Großvaters oder mit einer Warnung eines Studien-Kumpels – oder aus all dem zusammen...?
Sie fliegen nordwärts, einem kleinem Lager zu. Ronald schmunzelt grimmig: Soviel haben ihm die letzten Wochen wenigstens gebracht - er kennt jetzt alle qualifizierten Privat-Dienste. Und für Geld und die Erklärung, dass dies ihrer Konkurrenz mächtig Schaden bringt, kann er bei einigen mit stummer Kooperation rechnen. Aber es soll mehr werden als nur eine Geisel-Verwahrung: Sie wollen wissen, was diese Typen mit den unduchdringlichen Augen umtreibt, was ihr letztendliches Ziel ist. Deshalb sind mehrere Leute dabei – Frank als Wirtschafts-Analytiker, die Bewachung durch

 
Leute aus Dalamir’s Familie – Jungs aus der Steppe, sie kennen nur ihren Dialekt - und er. Ronald weiß nicht, ob es klappt; vielleicht fehlt noch ein Psychologe...? Aber sie können nicht zu viele einweihen, das dichteste Netz ist ein kleines Netz.
Er hört, wie eine Tür sich öffnet, tritt durch einen schwachen Lufthauch. Dann nehmen sie ihm die Augenbinde ab. Die Tür schließt sich, er steht im Dunklen, kein Licht, nicht ein winziger Schimmer. Und das nach drei Tagen mit verbundenen Augen... Sein Verstand weiß, dass es Psychologie ist; sie gehen nicht bis zum Letzten. Aber irgendwo in sich drin spürt er noch etwas anderes – verletzten Stolz, Entwürdigung, Angst? Wie wagt es, so etwas mit ihm zu machen...? Es wird hell mit einem Schlag, sein Kopf zuckt zurück vor dem grellen Strahl, von weit oben. Er will ausweichen, geht zur Seite – immer noch sticht der volle Strahl. „Sie können nicht ausweichen – nicht dem Scheinwerfer und nicht unseren Fragen“, es kommt aus allen Ecken, wie eine Welle, eine verzerrte Stimme. Aber er ist trotzdem froh – das erste menschliche Wort seit Tagen. „Lassen Sie die Psycho-Masche“, er will lässig wirken, „ich war mal bei der Marineinfanterie.“ – „Aha – geistig fix dabei... Dann haben Sie sicher nichts gegen eine intellektuelle Diskussion, oder?“ – „Sind Sie mir denn gewachsen?“ – „Das wollen wir ja herausfinden – deshalb gleich die erste Frage: Was will ein Mensch mit soviel Geld – Sie sind etwas über fünfzig, vielleicht werden Sie noch dreißig Jahre leben. Aber auch danach bleiben noch viele Milliarden übrig. Sollen das Ihre Kinder erben, damit sie ein sorgenfreies Leben haben?“ „Meine Kinder....“, er ahnt nicht, wie sich sein Gesicht zu einem verächtlichen Ausdruck verzieht, „die sind Künstler, Völkerkundler und so was – nichts Handfestes.“ „Über Ihre Auffassung von ‚handfest’ kann man auch verschiedener Meinung sein... Aber zurück zur Frage: Wozu brauchen Sie selbst soviel?“ „Warum soll ich Ihnen das erläutern – vielleicht können Sie mir gar nicht folgen?“ „Jetzt zu unseren Regeln: Wenn Sie im Gespräch beginnen abzublocken wie jetzt, wird es sofort beendet. Wir sehen uns morgen wieder.“
Die letzte Nacht war bisher die schlimmste, obwohl er gestern wenigstens ein paar Stimmen hören konnte. Aber dieser plötzliche Abbruch, mitten im Reden – wie ein psychisches Fallbeil: Schluß! Danach war er wieder allein, ohne Wort wurde das Essen reingegeben. Er hatte schnell ein paar Worte hervorgesprudelt – aber nichts, keine Reaktion des Wärters. Nur die Augenbinde hatten sie ihm abgenommen. Später kam das Grübeln – die Frage stand ja noch im Raum... Und er hatte abwägen müssen – reden und vielleicht etwas offenbaren oder im Schweigen verharren.
Doch niemand kommt. Er spürt schon die Abendkühle, da holen sie ihn. Wieder der gleiche Raum, wieder der Strahl und die Welle: „Die erste Frage ist noch offen... Wollen Sie mit uns reden oder möchten Sie wieder in ihr Appartment?“, das letzte Wort klingt nach wie in einem leeren Saal.
„Geld... irgendwann ist das Vermögen wichtiger als alles andere, auch als der Name. Man wird nach der Summe eingestuft, von anderen Vermögenden, Konkurrenten, von Manager-Magazinen. Wo es herkommt, welche Mittel und Wege nötig waren, ist egal...nur der große Batzen zählt.“
„Und das war für Sie das Zeichen: Egal, welche Methoden – Hauptsache, es wächst und wächst, möglichst schneller als bei den anderen.“ „Ich habe nie“, er strafft sich unwillkürlich, „nie jemanden tätlich belangt, erpresst...“ – „Wie nennen Sie dann Ihre Taktik gegenüber der Bank – Überredungskunst, garniert mit Vertragsbruch, Mordversuchen, Erpressung...?“

 
„So läuft das nun mal – der Wind weht eisiger bei so großen Summen...“ „Gibt es dann keine moralischen Skrupel mehr?“ Er zuckt unwillkürlich die Schultern. Da kommt die Welle wieder: „Angenommen, Sie hätten die Bank geschluckt – wie wäre es dann weitergegangen: Hätten Sie sie liquidiert?“
Jetzt kommt ein Grinsen in seine Mundwinkel. Er lässt sich Zeit mit der Antwort – soll er überhaupt antworten, ihnen die geheimen Pläne einfach so servieren...? Da ertönt die Welle: „Schluß für heute.“
‚Nicht jetzt!’, sein Hirn reagiert panisch; es drängt aus ihm heraus: „Aber ich will...“, doch wieder ist nur Finsternis um ihn.
Diesmal dauert es lange. Jeden Tag hofft er, dass sie ihn holen, mit ihm reden, ihn herausfordern. Aber nichts – nur Dämmerlicht, kein Geräusch außer das der Klappe in der Tür und seine eigenen... Lange Stunden dämmert er vor sich hin, dann geht die Tür wieder auf. Lichtstrahl und Welle sind mittlerweile wie eine Hoffnung für ihn, ein Faden zur eigentlichen Welt. Er will versuchen, ihn fester zu machen:
„Ihre Spielregeln kenne ich langsam. Aber ich weiß nicht worauf es hinausläuft: Lassen Sie mich gehen, wenn ich alles gesagt habe, was ich weiß? Oder bringen Sie mich um?“ „Was würden Sie denn nach unserem bisherigen Verhalten vermuten – einen Rachefeldzug, nur eine Diskussion unter Geldleuten, eine Geheimoperation gegen Ihre Geschäftspartner, eine Auslieferung nach Borgland?“ Bei diesem Namen zuckt er zusammen – bei einer Überstellung, ergänzt mit ausreichenden Informationen, könnte es ihm dort schlecht ergehen. Sie sind eiskalt – aber war er das nicht auch immer? „Die Bank war finanziell nicht sehr bedeutsam. Sie hat jedoch einen gewissen Vorteil: Sie ist ein starker Gläubiger von Borgland und auch von weiteren Staaten.“ „Ja und – diese Länder sind jetzt pleite. Wollen Sie sie aufkaufen?“ „Zumindest wollen wir dort mehr Einfluß – die Finanzen neu aufbauen, die Wirtschaft kreditieren, eine Verwaltung nach unseren Vorstellungen.“ „Sozusagen eine feindliche Übernahme - und eine staatliche Organisation nach Ihrem Gutdünken. Und was soll dabei auskommen für die Menschen dort? Denen fehlt es ja jetzt schon an vielem...?“ „Die Menschen?“, jetzt muß er wieder grinsen über die Naivität seiner Bewacher, „ist das denn so entscheidend? Für uns hat erstmal eine gute Rendite den absoluten Vorrang.“ „Gute Rendite? Und das bei etwa dreißig Prozent Ertragssteigerung pro Jahr...?“, die Welle klingt fragend. Er nickt: „Dreißig Prozent etwa. Oder mehr. Das hängt von der jeweiligen Branche ab.“ „Und wie wollen Sie das hinkriegen? In den heutigen Industriestaaten sind zwanzig Prozent schon Traum-Quoten – und nur bei starken Wachstumsmärkten möglich.“ „Deswegen brauchen wir ja die komplette Kontrolle.“ „Dann müssten Sie sich dort wählen lassen – ob die Leute Sie wohl wählen...?“ „Demokratie?“, er schüttelt amüsiert den Kopf, „dort wird überall ein Konsortium eingesetzt, die Leute werden zur Arbeit gebracht, von uns entlohnt, abends wird mit Unterhaltung bespaßt – alles wird geregelt sein, von der Unterbringung über die Arbeit bis zur Freizeit. Alles wird ihnen ermöglicht, aber auch alles von uns finanziell übernommen – vom Arbeitslohn bis zum Bordell-Besuch.“, jetzt muß er sogar kichern. „natürlich gibt’s nicht den Luxus-Lohn wie heute und nicht nur Spaß und Freude...“

 
„Jetzt wird es schon klarer – tolle Rendite auf Kosten der Leute: längere Arbeitszeiten, der Lohn wird nach unten ’angepaßt’, zur Not kann man ja die Preise für’s Vergnügen etwas hochsetzen...“ „Das wäre in der Zielrichtung - Sie kennen das Spiel ja auch: Höherer Gewinn durch niedrigere Kosten oder mehr Leistung.“ „Eine Sache haben Sie aber noch vergessen.“ „Wieso? Welche?“ „Der Ertrag kommt ja erst, wenn die Waren verkauft sind.“ „Das sollen ja die Menschen auch konsumieren... Und dass sie das machen – da bringen wir sie schon dazu: Werbe-Kampagnen, neue Trends und so.“ „Aber wenn denen das Geld immer knapper wird, wenn sie zu kaputt sind, um abends noch was groß zu unternehmen...?“ „Ach, da fällt uns schon noch was ein...“, die Antwort klingt leichthin, doch der Gedanke setzt sich fest in seinem Kopf – tatsächlich, hier hat der große Plan noch eine Lücke: Mit dem sinkenden Lohn sinkt auch die Kaufkraft... „Das klingt alles wie ein Arbeitslager,“ die Welle rollt wieder durch den Raum, „alle unter Kontrolle, womöglich in Fünf-Mann Schlafräumen... Wie groß ist eigentlich Ihr Domizil?“ „Sie meinen, das Chalet?“, der Gedanke an seine Farm mit Schlößchen macht ihm das Herz warm, „es hat genau elf Schlafzimmer, siebenhundert Quadratmeter Wohnfläche, Personal-Räume zusätzlich, und fünfhundert Hektar Land dazu.“ „Wäre das denn in Ordnung – Sie so und die anderen in einer Art Verwahrung...“ „Was wollen Sie?“, unwillkürlich breitet er die Arme aus, „ wir investieren schließlich unseren Reichtum dafür, organisieren alles, versorgen sie...“ – „...wie unmündige Bürger!“ „Zumindest hat es dort, wo es praktiziert wurde, immer ganz gut funktioniert“, er weiß, sein Argument steht auf dünnem Eis. Da kommt schon die Antwort: „So wie in Konzentrationslagern, GULAG’s oder Guantanamo – sorry, dort wurde ja nicht gearbeitet...“, der letzte Satz klingt etwas höhnisch. Er zuckt zusammen: Damals hatte er die Versorgung realisiert – das war ein fetter Happen mit sattem Gewinn gewesen! Das wissen sie also auch von ihm... „Übrigens“, etwas Vertraulichkeit liegt in der Welle, „unsere Gespräche haben wir aufgezeichnet. Sie gehen direkt danach an die Presse und an die Hacktivisten.“ „Denkt Ihr denn, die wichtigen Medien bringen das...?“

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