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JuliNacht
Eingestellt am 09. 04. 2005 10:46


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claudi
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JuliNacht

Leander schlief.
Blasses Mondlicht fiel durch die Dachfenster und zeichnete zarte Bilder auf seine nackte Brust. Traumbl├╝ten.
Leander. Er war sch├Ân. Der t├Ątowierte Drache auf seiner Schulter schimmerte samtschwarz, die Haut darunter wie fl├╝ssiges Karamell. Das Verlangen, ihn zu ber├╝hren, kribbelte Maia in allen Fingerspitzen. Aber sie wollte ihn nicht wecken. Ein Abschied ohne Worte sollte es sein.
Leander. Ihr K├Ârper war noch warm von seiner Umarmung, das Haar im Nacken noch feucht von Schwei├č. Sie l├Ąchelte, als er sich im Schlaf bewegte. Dann lag er wieder reglos, die Lippen leicht ge├Âffnet, sodass sie die kleine L├╝cke zwischen den Schneidez├Ąhnen erkennen konnte. Er duftete nach N├Ąhe, nach Liebe, nach Wir. Einem Wir, das es nie gegeben hatte. Die Sprachlosigkeit hatte sie von Anfang an begleitet. Das Ende w├╝rde nicht anders sein.
Was hast du dir zum Geburtstag gew├╝nscht?
Ein Gewitter, sagte Maia.
Du bist verr├╝ckt! Leander rollte sich auf den Bauch und lachte, bis er Schluckauf bekam. Willst du nach drau├čen?
Nein, sagte Maia. Ich mag deine Wohnung. Ich kann von hier aus den Himmel sehen.
Leander. Sie sa├č neben ihm auf dem Bettrand, in den H├Ąnden das rote Kleid und betrachtete ihn. Lange. Ein letztes Mal. Der Gedanke an die, die nach ihr kommen w├╝rden, um den Platz an seiner Seite einzunehmen, brannte wie Feuer. Ein heiseres Keuchen stahl sich aus Maias Mund und erschreckt presste sie die Hand auf die Lippen.
Doch Leander schlief weiter. Ahnungslos, tief. Nur eine winzige Falte zeigte sich auf seiner Stirn, als sei etwas in seinen Traum eingedrungen und h├Ątte ihn verwirrt.
So ├Ąhnlich hatte er ausgesehen, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren. An einem Taxistand ohne Taxis, fluchend, im str├Âmenden Regen.
Ich bin Atheist, sagte Leander. Der alte Herr l├Ąsst mich jeden Tag aufs Neue daf├╝r b├╝├čen.
Maia blinzelte. War verunsichert. Wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Als h├Ątte sie verlernt, mit fremden M├Ąnnern zu sprechen. Kein Grund zu weinen, sagte Leander. Wischte ihr die Regentropfen von den Wangen und lachte. Kein Spott blitzte aus seinen blauen Augen. Nur jungenhafte Neugier.
Sie waren in ein Caf├ę gefl├╝chtet und hatten sich verliebt. Absichtslos, aber mit einer Heftigkeit, die Leander faszinierte und Maia best├╝rzte. Er hatte ihr nasses Haar mit einer Serviette getrocknet, jede Str├Ąhne einzeln liebkost, bis ihr ganzer K├Ârper von G├Ąnsehaut ├╝berzogen war. Sie hatte geraucht, um ihre Verlegenheit zu verbergen, doch es war zu sp├Ąt. Sie wussten es beide. Ihr erster Kuss schmeckte nach Nikotin und Hemmungslosigkeit. Leanders H├Ąnde waren warm und liebevoll. Hast du Angst?
Nein, sagte Maia und meinte es ernst.
├ťber ihr Alter sprachen sie nicht. ├ťberhaupt redeten sie nicht viel. Lachen, das taten sie. Sie badeten in ihren Gef├╝hlen wie Kinder, planschten herum, vergn├╝gten sich und sp├Ąter gingen sie zum Abendessen. Verw├Âhnten sich mit vegetarischen H├Ąppchen und teurem andalusischen Sherry. Stolperten einander zu Flamencokl├Ąngen ├╝ber die F├╝├če, denn keiner von ihnen hatte t├Ąnzerisches Talent. Aber sie gaben nicht auf. Lachten sich m├╝de dabei.
Meine Zauberfee, nannte Leander sie z├Ąrtlich. Was hast du eigentlich an diesem Taxistand gemacht?
Ich wollte mein Kleid retten, sagte Maja. Vor dem Regen.
Es war nicht wert, gerettet zu werden, sagte Leander. Es war viel zu blau. Blau steht dir nicht, Zauberfee.
Sie trafen sich wieder. Maia spielte Klavier. Leander lag nackt auf dem Teppich und lauschte. Was ist das f├╝r Musik?
Meine eigene, sagte Maia und err├Âtete. Gef├Ąllt sie dir nicht? Ich kann nichts anderes spielen.
Doch, sagte Leander. Das kannst du. Komm her. Spiel noch ein bisschen mit mir.
Sie gingen ins Kino. Dort, im Dunkeln, f├╝hlte Maia sich wohl. Sie liebte Filme, den Geruch nach frischem Popcorn, das F├╝├čescharren, das unterdr├╝ckte Husten.
Leander kuschelte sich an ihre Schulter. G├Ąhnte.
Du kitzelst mich, sagte Maia vorwurfsvoll. Dein Haar! Ich verpasse den Film.
Vergiss den Film, sagte Leander und k├╝sste sie aufs Ohr.
Maia verga├č den Film. Atmete N├Ąhe und weinte. Als sie das Kino verlie├čen, war sie in Tr├Ąnen aufgel├Âst. Leander brauchte lange, um sie zu tr├Âsten. Was ist los mit dir?
Ich wei├č nicht, sagte Maia. Vielleicht nichts.
Er fragte nicht weiter. Liebte sie. Langsam, geduldig.
Aber es waren zu viele Jahre, die sie trennten. Und Maia war zu alt, um an das ewige Gl├╝ck zu glauben. Sie wollte gehen, bevor er es tat. Bevor sein Lachen den unbeschwerten Klang verlor und seine Begeisterung allm├Ąhlich umschlug in Gereiztheit. Sie wollte gehen, bevor sein Verlangen sich tr├╝bte und seine Lust im Alltag versickerte. Er sich an sie gew├Âhnte wie an ein allmorgendliches Zahnputzritual.
Sie wollte wieder allein sein. Allein mit sich. Aufatmen. Nicht l├Ąnger den Haaransatz nachf├Ąrben, den Bauch einziehen, die M├╝digkeit wegschminken. Nur noch sie selbst sein.
Die sanften Spuren der Verg├Ąnglichkeit zulassen. Ohne Angst, ohne Trauer. Das war an Leanders Seite nicht m├Âglich. Wenn sie blieb, w├╝rde ihre Fremdheit weiterwachsen. Jeden Tag ein St├╝ckchen mehr. Und sie wusste, er w├╝rde es nicht verstehen.
Das rote Kleid. Sein Geburtstagsgeschenk. Ein s├╝ndhafter Traum in Rot. Wehm├╝tig strich Maia ├╝ber den k├╝hlen Stoff, der sich weich um ihre Knie schmiegte. So z├Ąrtlich wie unnahbar. War sie das f├╝r ihn?
Zieh es an, sagte Leander, die Stimme rau vor Lust. Ich will dich darin sehen.
├ängstlich war sie hineingeschl├╝pft. Hatte bef├╝rchtet, es k├Ânnte zu eng sein. Doch es passte perfekt. F├╝r einen Mann besa├č Leander ungew├Âhnliches Augenma├č.
Wow, murmelte er. Ich wusste es! Du siehst fantastisch aus, Zauberfee. Er vergrub sein Gesicht im Duft ihres frisch gewaschenen Haares und biss sie ins Ohrl├Ąppchen. Wie machst du das blo├č?
Was? fragte Maia.
Du haust mich um! Seine Umarmung wurde dr├Ąngender.
Maia schwieg und lie├č es geschehen. Es tat gut, sich begehrenswert zu f├╝hlen. Begehrt zu werden. Sie wollte nicht, dass es aufh├Ârte.
Sehns├╝chtig glitt ihr Blick ein letztes Mal ├╝ber den schlafenden Geliebten. Leander. Sie hatten etwas geteilt, das nur im Heute stattfinden konnte. Wenn Maia die Augen schloss, verlor sie ihre Vergangenheit und er seine Zukunft. Es war an der Zeit, die Augen zu ├Âffnen.
Das Mondlicht war entschwunden, ohne dass sie es bemerkt hatte. Nachtschatten str├Âmten durch die Dachfenster und tauchten Leanders K├Ârper in Dunkelheit. Aus der Ferne grollte ihr Geburtstagsgewitter herauf.
Stumm erhob sich Maia von der Bettkante, auch das rote Kleid gab keinen Laut von sich, der Stoff zu fein, um zu rascheln. Behutsam wand sie sich hinein und zog die hauchd├╝nnen Tr├Ąger ├╝ber die Schultern.
Ich werde es tragen, versprach sie. Heimlich. Zur Erinnerung an dich und die Zeit, die du mir geschenkt hast.
Sie hauchte einen letzten Kuss in Richtung des schwarzen Drachens, sammelte ihre Schuhe auf und schlich barfu├č aus der Wohnung. Trug den Schmerz mit sich fort.
Die Luft im Treppenhaus war k├╝hl und schwer. Maia stieg die Stufen hinab. Trat hinaus in die Nacht. Tr├Ąnenlos.
Weit oben, unter dem Dach, schlief Leander.

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