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Leselupe.de > Erzählungen
Kälteeinbrüche II
Eingestellt am 31. 12. 2006 19:15


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
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Bei den Sanftlebens starben die Männer früh. Friedemann Sanftlebens Vater mit einundsechzig. Sein einziger Onkel, der Bruder seiner Mutter, fiel als sechzehnjähriger Flak-Helfer im letzten Kriegsmonat. Und sein Großvater, Gardegrenadier bei Kaiser Wilhelm II. und selbständiger Tischlermeister wurde nur achtundfünfzig.
Friedemann, inzwischen vollkommen unerwartet in seinem sechsundsechzigsten Lebensjahr angekommen, liebte einst seinen Opa, der unter anderem auch eine philosophische Ader besaß. Oft saß Friedemann als Junge auf dem Schoß seines Opas, der in seinem alten Sessel, der mit Schaffellen behängt war, Platz genommen hatte. „Junge, das Leben ist kein Holzbaukasten, mit dem du dir aus ein paar Holzklötzern dein Schicksal zusammenbauen kannst.“ Friedemann verstand nicht, was sein Opa meinte, auch wenn er zur Erklärung anfügte, man könne sich das Leben nicht aufzeichnen, um nach Vorlage zu leben.
Friedemanns Opa starb am letzten Novembertag. Deswegen hasste sein Enkel diesen Monat, obwohl der in diesem Jahr zwei Tage vor seinem Ende ausgesprochen mild ausfiel. Selbst die in der Jahreszeit üblichen Nebel blieben aus. Und so konnte er gestern die Fußgängerzone hinunterschlendern und sich von der blassen Sonne den Nacken wärmen lassen.
Vor der Buchhandlung Bronsky sprach ihn ein Mann an, der etwa so alt war wie er selbst. „Was stehn Sie hier rum und beobachten Leute? Glauben Sie, die finden das angenehm?“
Friedemann Sanftleben sah dem Mann, der ihm bekannt vorkam und wie früher sein Großvater einen grauen wadenlangen Lodenmantel und einen schwarzen breitkrempigen Hut trug, kurz in die Augen und wollte weitergehen.
„Laufen Sie nicht weg. Sie sehen Menschen ohnehin nicht, wie die sind.“
Friedemann wollte ausweichen. Der Fremde stellte sich ihm breitbeinig in den Weg, schob den Hut ein wenig in den Nacken und taxierte Friedemann von den Augen bis zu den ungeputzten Schuhen.
Friedemann Sanftleben holte Luft, machte einen Ausfallschritt zur Seite, kam, nicht ohne ihn anzurempeln, an dem Mann vorbei, hastete voran, senkte den Kopf und vermied, die entgegen kommenden Passanten anzusehen. Noch einmal blickte er sich um und entdeckte in der Menge hinter sich den schwarzen Hut auf- und abwogen.
Außer Atem kam er zu Hause an und erzählte Anna, mit der er über vierzig Jahre dasselbe Ehebett teilte, von seinem Verfolger. Sie strich sich ihre dünnen grauen Haare aus dem Gesicht, lächelte und meinte mit gewohnt sanfter Stimme, nur eingebildete Männer fühlten sich ständig verfolgt. „Wer bist du eigentlich? Dir läuft doch keiner hinterher.“
Anna behauptete gern und oft, Frauen seien grundsätzlich anders. Deswegen bat er sie kaum noch um ihre Meinung, wenn er von ihr etwas über sich erfahren wollte.
Wollte sie ihm großes Interesse vorheucheln, legte sie den Kopf besonders schief. „Friedemann, ich mach mir Sorgen.“
Er fror, setzte sich in den Sessel an der Heizung und zog die Beine zum Schneidersitz an.
Anna nahm den anderen Sessel, auf dem Schaffelle lagen und beobachtete ihn, die Hände im Schoß knetend und die Stirn in Falten gelegt.
Er musste husten und sich mehrmals räuspern. „Meine Haut wird dünner. Die Kälte dringt von Tag zu Tag leichter ein.“
Anna streichelte seine Hand. „Früher habe ich dich wegen deiner warmen Hände geliebt.“
Friedemann musste sich erneut räuspern. Manchmal denke ich, es sind gar nicht meine Hände.“ Anna zeigte ihm für Momente ein glattes junges gerötetes Gesicht. Dann erblasste es und ihm fielen die blauen Ringe unter ihren Augen auf und die Falten an ihrem schon dürren Hals.
Er wich ihrem Blick aus. „Ich geh noch mal eben zum Fritz.“

Fritz zapfte Bier und winkte kurz. „Ein Pils, einen Kurzen, wie immer?“
Friedemann nickte.
Herbert Hostel saß wie immer um die Nachmitagszeit allein am Stammtisch, erhob sich stöhnend und stellte sich zu Friedemann an die Theke. Sie trafen sich nur hier. Nicht einmal, wo Herbert wohnte, wusste Friedemann. Über Politik sprachen sie vor allem und waren sich einig, alle Politiker seien Lügner. „Die ehrlichsten Politiker geben wenigstens zu, dass sie lügen.“ War eines der geflügelten Worte Herberts, der vor seiner Pensionierung als Sachbearbeiter im städtischen Amt für öffentliche Ordnung arbeitete und davor Modelltischler gelernt hatte. Wenn er ein geflügeltes, oft eher flügellahmes Wort von sich geben wollte, richtete er sich auf, seufzte, nahm die Pose eines durch und durch engagierten Redners ein, rückte seine Hornbrille zurecht und winkte mit der rechten Hand kurz und verächtlich ab. „Tritt ein Politiker einem harmlosen Bürger auf die Füße, schreit der Politiker vor Schmerz so laut auf, dass der Getretene glaubt, sich bei ihm entschuldigen zu müssen.“ Damit keiner die Pointe verpasste, begann Herbert sofort ansteckend zu lachen. Friedemann lachte mit. „Jetzt wolln die uns wieder die Rente kürzen!“
Herbert nickte. „Politik ist nicht die Kunst des Möglichen sondern die, Unmögliches als möglich zu verkaufen. Sie verkaufen dir soziale Kälte als Freiheit und meinen damit ihre Freiheit, dich als Bürger eiskalt für dumm zu verkaufen.“
Friedemann sah ihm in die tief liegenden dunkelblau umrahmten Augen. „Wir sind doch ungefährt gleich alt? Frierst du auch?“
„Ja, immer öfter.“
Friedemann schüttelte unwillig den Kopf. „Ich dachte immer, im Alter gelassener zu werden und meine Angst zu verlieren.“
„Du hast Angst?“
„Irgendwie bring ich mich mit meiner Angst in Lebensgefahr und spüre schon die Kälte in mir aufsteigen.“ Friedemann gab Herbert hastig die Hand und warf Fritz ein paar Münzen auf die Theke. „Stimmt so.“

Kaum auf der Straße, blickte er sich wieder ständig um. In seinem Kopf begann es zu schwindeln. Kälte kroch durch die Füße in die Beine und von den Fingern in die Arme. Er kniff sich in den Oberarm, spürte keinen Schmerz, kniff kräftiger, stieß sich mit der Faust in die Seite, empfand den Stoß und wieder keine Schmerzen.
Von der anderen Straßenseite winkte Nachbar Kramer. Friedemann ging zu ihm hinüber. Der Nachbar, klein und drahtig, schüttelte ihm kräftig die Hand. Es war als überließe er Kramer einen hölzernen schlackernden Puppenarm, den der wild auf und ab bewegte.
„Wie geht’s?“
Friedemann zuckte mit den Schultern.
Kramer lächelte. „Tage gibts, da stehst du ständig neben dir.“ Er beeilte sich, weiter zu gehen.
„Stehen bleiben!“ hörte Friedemann sich brüllen.
Kramer riss die Arme in die Höhe, drehte sich um und ergriff die Flucht.
Friedemann lief ihm ein paar Schritte hinterher, blieb stehen, sah dem Davonhastenden nach und setzte frierend seinen Weg fort.
Als Friedemann Sanftleben die Fußgängerzone verließ, begann es zu dämmern und leicht zu regnen. Er schlug den Kragen seiner alten Lederjacke hoch.
Viele Fenster der Häuser, an denen er vorbeikam, waren erleuchtet. Nur wenige zugehängt. Kinder sah er vor Fernsehapparaten sitzen, Leute essen, Frauen bei der Hausarbeit und Männer Zeitung lesen. Sie waren zu Hause. Natürlich wusste er nicht, ob sie sich in ihren Wohnungen wohl fühlten.
Der Regen nahm zu. Am liebsten hätte er an einer der Haustüren geklingelt. Schließlich stellte er sich unter das Vordach eines kleinen Ofenladens und sah sich die Auslagen an. Ein Kaminofen gefiel ihm. Leider konnte sie so einen in ihrer Wohnung nicht anschließen, da es keinen passenden Kaminanschluss gab.
Am Wohnzimmerfenster im Nebenhaus stand eine schlanke wohlgerundete Frau, deren Gesicht er im Gegenlicht nicht erkennen konnte. Sie goss mit einer kleinen Messingkanne die Zimmerpflanzen auf der Fensterbank, sah ihn und verschwand hinter der Wand. Friedemann ging unwillkürlich einen Schritt auf das Haus zu. Wieder erschien die Frau und begann mit einem Lappen die Fensterbank zu wischen. Als er noch einen Schritt weiter ging, schütze ihn das Vordach nicht mehr vor dem Regen.
Die Frau verschwand erneut. Gerade wollte Friedemann unter den Schutz des Vordach zurückkehren, da flammte Licht hinter der Glastür neben dem Fenster auf. Sie wurde geöffnet und eine Hand winkte, ihr zu folgen. „Das ist nett von Ihnen. Vielen Dank.“
Die Frau stand im schwach erleuchteten Treppenhaus und zeigte mit dem Zeigefinger auf ihre geschlossenen Lippen, schüttelte den Kopf und bewegte den Zeigefinger der anderen Hand hastig hin und her.
Friedemann folgte ihr schweigend durch das Treppenhaus und einen kleinen dunklen Flur. Im Wohnzimmer zeigte sie mit der Hand auf einen alten mit Schaffellen behängten Sessel.
Friedemann setzte sich, wollte sich bedanken. Auch diesmal zeigte die Frau auf ihre verschlossenen vollen Lippen, holte aus der Schublade eines Sideboards ein Blatt Papier, legte es vor ihn auf den Tisch, nahm einen Bleistift und schrieb in Druckbuchstaben auf den Zettel: ICH SCHWEIGE. Mit ungelenker Anmut schob sie ihre lange braunen Haare aus dem geröteten Gesicht und lachte ihn an. Sie mochte knapp dreissig sein.
Friedemann nahm ihr vorsichtig den Bleistift aus der Hand und schrieb ICH FRIERE.
Sie hielt sich die Hand vor den Mund, kicherte prustend, tätschelte ihm besänftigend den Oberarm, setzte sich auf die Sessellehne, legte einen Arm um seinen Schultern, drückte seinen Kopf behutsam gegen ihre volle Brust und streichelte ihm mit der freien Hand zärtlich die Wange.
Regungslos saß Friedemann da, blickte auf ihre schlanken von einer dünnen hellgrauen Stoffhose umhüllten Oberschenkel und war versucht, eine Hand darauf zu legen. Sie hörte auf, ihn zu streicheln.
Er nahm den Bleistift. ICH FRIERE NICHT MEHR.
Sie ließ ihn los, schüttelte widerwillig den Kopf und sagte leise: „Jetzt friere ich“, ging ohne Hast zur Wohnzimmertür und hielt sie ihm weit auf. Als Friedemann fragte, ob er wiederkommen dürfte, legte sie lächelnd den Zeigefinger auf ihre geschlossenen Lippen und schob ihn behutsam hinaus.

Draußen regnete es nicht mehr. Friedemann blickte sich um. Offenbar hatte sie das Licht gelöscht. Und im kahlen Geäst einer Kastanie hinter dem Haus hing der zunehmende Mond und spiegelte sich auf dem nassen Straßenpflaster.

__________________
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Josie
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Hallo Karl

Eine schöne Erzählung. Das Besondere an ihr ist, dass du die eigentliche Geschichte `zwischen den Zeilen´ erzählst und der geschriebene Text als eine Art Schauplatz fungiert. Selten habe ich eine so "fein gewebte" Erzählung gelesen. Gefällt mir sehr gut.

Zwei Stellen sind mir aufgefallen, wo du eventuell noch verbessern könntest.

^Sie aufhörte, ihn zu streicheln.^ - : °Sie hörte auf, ihn zu streicheln.°

^Offenbar hatte sie das Licht gelöscht und im kahlen Geäst einer Kastanie hinter dem Haus hing der zunehmende Mond...^ - : ° Offenbar hatte sie das Licht gelöscht. Im kahlen Geäst einer Kastanie hinter dem Haus, hing der zunehmende Mond...°

LG Josie

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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Liebe Josie,
herzlichen Dank für deine positive Kritik und die beiden Hinweise. Ich werde sie sofort ändern.
Herzliche Grüße
Karl
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