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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Kastanienbraun - 1. Teil
Eingestellt am 20. 11. 2001 13:26


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Markus Veith
Routinierter Autor
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Kastanienbraun

Die tr├Ąge Sonne des fr├╝hen Nachmittags schien viel zu m├╝de zu sein, um sich durch die graue Barriere aus wassergetr├Ąnkten B├Ąuchen zu dr├Ąngeln. Von Zeit zu Zeit streute sie zwar eine hoffnungsvolle Brise Strahlen durch einen Zwischenraum, doch sah sie bald ein, wie erfolglos ihre M├╝he war und lie├č sich f├╝r einige Stunden unscheinbar sein.
Die Stra├čen und Gassen des K├╝stend├Ârfchens waren leer. Der Regen nieselte heimlich und leise auf die Pflastersteine, und der Westwind leckte die salzig sch├Ąumenden Wellen ├╝ber den langen Kieselstrand.
In dem Kaffee- und Teehaus an der Promenade war nicht besonders viel Betrieb, da die Bewohner des D├Ârfchens lieber in ihren warmen Stuben blieben und von Tourismus zu dieser ungem├╝tlichen Jahreszeit keine Rede sein konnte. Nur etwa eine Handvoll Leute sa├č an den Tischen verteilt. Sie nippten gen├╝├člich an den dampfenden Tassen, lasen Zeitung oder gingen anderen kleinen Besch├Ąftigungen nach.
Und so schauten sich alle Anwesenden fast erstaunt um, als drau├čen ein dorffremdes Auto hielt und dessen Fahrer wenige Augenblicke sp├Ąter das kleine Wirthaus betrat. Sein schuldbewu├čtes, verkrampftes Nicken bem├╝hte sich um eine stumme Begr├╝├čung und um eine Verzeihung daf├╝r, etwas von dem feuchten Wind und dem Nieselregen hereingebracht zu haben. Sein dunkler Lodenmantel war wie mit Wasserperlen bestickt, seine dunkelblonden Haare klamm. Unsicher blieb er bei der T├╝r stehen und schaute sich um, lie├č seinen sch├╝chternen Blick durch den Raum gleiten. ├ťber die Tischnischen, die naiven Bilder an der Wand, den alten, vert├Ąfelten Tresen, die zigaretterauchende Bedienung, die zur Farbe der Einrichtung passenden Gardinen vor den Fenstern, die anderen paar Besucher, die inzwischen ihr Interesse an dem fremden Neuank├Âmmling verloren und sich wieder unter den gem├╝tlich qualmenden Lichtkegeln ihrer Tische vergraben hatten.
Der suchende Blick des Fremden blieb an einem noch sehr jungen Mann haften, der an einem Tisch bei der hintersten Wand sa├č, den Kopf auf eine Hand gest├╝tzt hatte und auf braunem Papier irgendetwas mit Kohlestift skizzierte. Der Mann im Lodenmantel musterte ihn fast starrend, als h├Ątte er in ihm jemanden erkannt, sei sich dem aber nicht ganz sicher. Als der junge Zeichner dies bemerkte, sah er auf und blickte dem Fremden fragend in das verwirrte Gesicht. Da schien der Herr sich einen Ruck zu geben und ging z├Âgernd auf den Tisch des jungen Mannes zu.
"Verzeihen Sie", sprach er ihn an. "Wenn ich st├Âre, dann sagen Sie's mir einfach und ich bin sofort wieder weg. Aber wissen Sie, ich bin fremd hier und suche jemanden und hoffte, Sie k├Ânnten mir vielleicht helfen, da Sie so ..." Er hielt irritiert inne. "Na ja, ... ich dachte halt, Sie k├Ânnten mir eventuell ... helfen."
Der junge Mann am Tisch l├Ąchelte ihn freundlich an.
"Ich mache ihnen einen Vorschlag", sagte er. "Sie legen Ihren Mantel ab, setzen sich zu mir hin und bestellen sich erst einmal einen hei├čen Tee. W├Ąhrend Sie den trinken, erz├Ąhlen Sie mir, wen Sie genau suchen und dann werden Sie schon herausfinden, ob ich den- oder diejenige kenne oder nicht. Wie w├Ąre es damit?"
Der Herr l├Ąchelte befreit und ging der Aufforderung nach. Und nachdem er auf dem Stuhl gegen├╝ber Platz genommen und die Bedienung die kleine Kanne mit dem Tee gebracht hatte, begann er erneut. "Ich suche eine Frau."
"Sie suchen eine bestimmte Frau, nehme ich an", warf der Junge nach der kurzen Pause grinsend ein und schob seine Zeichnungen und die Stifte beiseite. "Denn wenn nicht, dann w├╝rde ich an Ihrer Stelle in so einem kleinen, keuschen Nest wie diesem hier mit solchen Gel├╝sten besser hinter'm Berg halten."
"Nein, nein ...", sagte der andere rasch. "Ich meine schon eine bestimmte Frau."
"Sie m├╝ssen mir schon ihren Namen sagen oder zumindest, wie sie aussieht", riet der junge Mann, als der andere z├Âgerte weiterzureden. "Hier kennt eigentlich jeder jeden in der Umgebung."
"O ja", leuchteten da die Augen des fremden Herrn auf. "Sie ist schlank. Aber sehr wohlgeformt schlank. Und sie hat lange, braune Haare. Kastanienbraun. Das sch├Ânste Kastanienbraun, das Sie sich vorstellen k├Ânnen. Und dazu blaue Augen. K├Ânnen Sie sich das vorstellen? Kastanienbraune Haare und meerblaue Augen? Augen, so tief wie zwei Bergseen." Die Worte perlten nur so von seinen Lippen, w├Ąhrend er vertr├Ąumt das Tee-Ei austropfen lie├č.
"Doch, das kann ich mir vorstellen", murmelte der Junge leise und sehr ernst.
"Kennen Sie sie? Sagen Sie schon. Kennen Sie sie?" Der Mann zitterte pl├Âtzlich vor Aufregung. Das Tee-Ei fiel klirrend in seine noch leere Tasse. "Lebt sie hier? Bitte, Sie m├╝ssen es mir sagen", bat er aufgebracht und umklammerte fast flehend die H├Ąnde des Zeichners.
"Das habe ich nicht gesagt", antwortete dieser ruhig. "Es tut mir leid, mein Herr. Ich f├╝rchte jedoch, ich kann Ihnen nicht helfen."
Mit einem Seufzer sackte der Mann auf seinem Stuhl etwas in sich zusammen. Er hob matt die Schultern, und seine Stimme klang arg resigniert. "Nun ja ... war ein Versuch. Als ich eben hier hereinkam und sie hier so sitzen sah, dachte ich f├╝r einen Augenblick, da├č ..." Er schluckte. "Hm. War nur so ein Gedanke. Vergessen Sie's."
Der junge Mann nickte und ging nicht weiter darauf ein. "Sie m├╝ssen sie ja sehr geliebt haben", sagte er dann.
"Ich liebe sie immer noch. Und ich glaube sogar, mehr als mein Leben. Wenn ihr etwas zugesto├čen sein sollte ..." Er versuchte, diesen Gedanken abzusch├╝tteln. "Ich k├Ânnte f├╝r nichts mehr garantieren. - Und sie wissen auch ganz genau, da├č so ein M├Ądchen nicht hier irgendwo in dieser Gegend lebt?" fragte er noch einmal nach.
Der junge Mann hob nur leicht die Schultern. "Sagen Sie mir doch ihren Namen, vielleicht kommt der mir ja bekannt vor."
Ein nerv├Âses Zucken glitt nun ├╝ber das vom scharfen Wind noch ger├Âtete Gesicht des Herrn. "Ihren Namen ...", begann er z├Âgernd. "Ich ... kenne ihren Namen nicht."
Im Gesicht des Zeichners war keinerlei Verwunderung zu erkennen. "Sie lieben eine Frau ├╝ber alles und kennen nicht einmal ihren Namen. Hm. - Klingt kompliziert."
"Oh nein," wiedersprach der Mann. "Im Gegenteil. Es war alles so herrlich einfach."
Sein Gegen├╝ber legte den Kopf schief. "Wollen Sie es mir erz├Ąhlen?"
Der Fremde schaute ernst zum Fenster hinaus, in den nieselnden Nachmittag.
"Ich wei├č nicht. - Ich habe es noch nie jemandem erz├Ąhlt." In seinem Gesicht arbeiteten viele bewegte, zweifelnde Gedanken. "Doch warum nicht?" murmelte er dann. "Sie k├Ânnen ja sowieso nichts weiter mit der Geschichte anfangen, als sie als einen interessanten Nachmittagsplausch zu nehmen. Nichts f├╝r ungut." Er nahm einen Schluck aus seiner Tasse.
"Es ist nun zweieinhalb Jahre her, da fuhr ich mit dem Auto nach Hause. Es war ein Sonntag. Ich war ├╝bers Wochenende bei einem Freund gewesen und da ich Zeit hatte, fuhr ich diesmal nicht ├╝ber die Autobahn, sondern ├╝ber die Landstra├čen nach Hause. Nat├╝rlich dauerte das l├Ąnger, aber ich hatte ja Zeit, wie gesagt, und es war ein herrliches Fr├╝hlingswetter. Jedoch ├Ąnderte sich das bald. Es ist schon erstaunlich, wie schnell so ein Gewitter aufziehen kann, nicht wahr? Innerhalb einer halben Stunde ballte sich scheinbar der ganze Himmel ├╝ber mir zusammen und bald sch├╝ttete es in Str├Âmen." Er schmunzelte leise. "Wissen Sie, ich hatte damals ein altes Cabriolet, bei dem das Verdeck klemmte. Das kann in einem solchen Moment zu einer ├╝blen, eigenwilligen Technik werden ... o ja ..."
Sein Zuh├Ârer grinste breit. "Und was haben Sie gemacht?"
"Nun, ich wollte mich nat├╝rlich unterstellen", antwortete der Erz├Ąhler. "Doch wo? Ich war ja mitten in der Kn├╝ste, wie man so sch├Ân sagt. Zudem kam noch, da├č ich mich verfuhr und mich der Irrweg in ein W├Ąldchen f├╝hrte, in dem die vorherige Sta├če bald zu einem selten befahrenen Pfad mutierte.
Es war der reine Horror, wie Sie sich vorstellen k├Ânnen. Mit einem unbedeckten Cabrio im str├Âmenden Regen in einem Wald am Ende der Welt. Schrecklich. Doch es sollte noch schlimmer werden. Der Wagen sackte mit einem Hinterrad in eine Kuhle ab und drehte sich hoffnungslos in dem weichen Waldboden fest. Das war's dann. Endstelle. Himmel, was war ich w├╝tend.
Aber da - wirklich, es war wie im M├Ąrchen - entdeckte ich durch die regenumstr├Âmten B├Ąume hindurch ein Licht und schlo├č auf ein Haus oder eine H├╝tte oder ├Ąhnliches und da der Regen nicht nachlassen wollte, ich eh klitschna├č war und sich das Wasser bereits in meinem Auto sammelte, k├Ąmpfte ich mich halt auf dieses Licht zu.
Ich war sehr erstaunt. Als ich es erreichte, entpuppte sich das H├╝ttenlicht als ein kleiner Bungalow. W├Ąre er nicht beleuchtet gewesen, h├Ątte ich ihn niemals gesehen. Er lag an einem wundersch├Ânen See. Aber zu diesem pudelnassen Zeitpunkt war mir das eigentlich egal. Ich stapfte also zum Haus, klopfte und bat, doch aufzumachen und mich hereinzulassen.
Und da machte sie auf und stand in der T├╝r ... kastanienbraune Haare ..." Er hielt inne und es dauerte eine ganze Weile, bis er weitersprach.
"Kennen Sie diese Augenblicke, die nur Sekunden andauern, die man jedoch nie vergi├čt. Bei denen man aber daf├╝r vergi├čt, was kurz darauf geschah? - Das war so ein Augenblick. Ich h├Ątte mir niemals ertr├Ąumt, hier, an diesem gottverlassenen Ort mitten im Wald, so einen Menschen ... so ein wundersch├Ânes M├Ądchen zu treffen. Es war wohl wirklich ein M├Ąrchen, glaube ich."
Sein in die Hand gest├╝tzter Blick sank tief in die Teetasse vor ihm. Erst nach einer ganzen Weile tauchte er l├Ąchelnd aus der Tiefe wieder auf und fand nickendes Verst├Ąndnis in den Augen des Zuh├Ârers.
"Dann bat sie mich herein und gab mir eine Decke, so da├č ich meine Kleidung trocknen konnte. Es gab einen gro├čer Kamin, in dem ein Feuer brannte und jede Menge dicke Felle als Teppiche und Wandbeh├Ąnge. Die M├Âbel waren alle aus Holz. Das Bett, der Tisch, die St├╝hle, der Schrank. Sie kochte uns Kaffee und wir redeten. Na ja, ├╝ber dies und jenes halt. Wor├╝ber man eben spricht, wenn man sich gerade erst kennengelernt hat.
Wissen Sie, normalerweise war ich sonst immer wahnsinnig sch├╝chtern in solchen Situationen und eigentlich h├Ątte ich es in dieser erst recht sein sollen, denn schlie├člich sa├č ich ja halbwegs nackt, nur in eine Decke gewickelt, mit ihr am Tisch ... Aber ... das war nicht so wie sonst ... Sie sprach so offen mit mir, so frei, so ... anders, so ... sch├Ân, verstehen Sie? Und ich sa├č da und h├Ârte ihr zu und wenn ich erz├Ąhlte, dann plapperte ich wie ein kleiner Junge. So m├╝ssen Stunden vergangen sein. Jedenfalls wurde es Nacht und keiner von uns beiden hatte es bemerkt.
Wir wurden auch gar nicht m├╝de. Ich erz├Ąhlte ihr von mir, von meinem Leben als freier, jedoch recht erfolgloser Schriftsteller, woher ich komme, und sie erz├Ąhlte, sie k├Ąme aus einem kleinen Dorf und sei dort, in dieser H├╝tte am See, nur ab und zu.
Irgendwann, schon sp├Ąt, fiel mir pl├Âtzlich auf, da├č wir unsere Namen noch gar nicht kannten, und ich fragte sie daraufhin, wie sie denn ├╝berhaupt hie├če. Da wurde sie mit einem Male sehr ernst und mein erster Gedanke war, da├č dieser Ausdruck gar nicht zu ihr pa├čte. Sie schaute vor sich nieder, sah dann wieder auf und blickte mir direkt in die Augen.
Ich wei├č genau, mir hatte bis zu diesem Tag nie ein M├Ądchen so in die Augen gesehen. Sie hat blaue Augen - meerblau sind sie. Und es wollte mir schwindelig werden. Die ganze Welt ├╝ber meinem Verstand zusammenschwappen ...
Doch dieser Ausdruck in ihren Augen ... der war so ... ernst. Und sie sagte: 'Nein. Ich m├Âchte dir meinen Namen nicht sagen.'
Ich fragte sie, aus welchem Grunde sie dies denn nicht wolle und wollte ihr eben meinen Namen nennen, da legte sie mir ganz sacht ihren Finger auf die Lippen. 'Nicht. Bitte ...', hat sie l├Ąchelnd gesagt und den Kopf gesch├╝ttelt. - Versuchen sie dann, solchen Augen zu widersprechen.
Ich glaube, ich habe nur noch stumm genickt und nichts mehr dazu gesagt.
Wir redeten in dieser Nacht noch sehr lange und sehr viel. Am n├Ąchsten Morgen hatte es aufgeh├Ârt zu regnen und ich h├Ątte eigentlich in die Stadt zur├╝ck gemu├čt, da ich an jenem Tag Termine hatte. Aber als sie mich bat, doch noch zu bleiben, waren die mir v├Âllig egal. Ich lie├č sie einfach sausen und blieb noch volle zwei Tage bei dem M├Ądchen an dem See.
Das sch├Ânste Fleckchen Erde, das ich jemals kennengelernt habe. Mitten im Wald. Die lautesten Ger├Ąusche dort machen die V├Âgel und der Wind. Rings herum dichtbelaubter Buchenwald, aus dessen Boden hier und da moos├╝berzogene Findlinge herauslugen.
Der See ist nicht gro├č. Ist mehr ein Teich. Mit einem Bach als Zulauf auf der einen und einen weiteren als Ablauf auf der anderen Seite. Das Wasser ist so sagenhaft klar. Man kann es so absch├Âpfen und trinken.
Etwas abseits vom Haus ist ein kleiner, eingez├Ąunter Garten, in dem sie allerlei Gem├╝se, Kohl, Kr├Ąuter und sogar Blumen angepflanzt hat. Und neben dem kleinen Holzbungalow steht eine gro├če Buche. Ein riesiger, ein m├Ąchtiger Baum, gr├Â├čer und ├Ąlter als irgendein anderer Baum um den See herum. Majest├Ątisch. Ein herrlicher Ort.
Wir machten dort lange Spazierg├Ąnge in den Wald. Mittendurch. Da waren keine Wege. Doch sie kannte sich genau aus. Und die Tiere ... Sie st├Ârten sich gar nicht an uns. Da waren Rehe und Hirsche, die uns sahen, aber nicht davonliefen. Sie schienen nur zu z├Âgern, noch n├Ąher zu kommen. Und sie ging ganz ruhig voraus, zu den Tieren hin. Die lie├čen sich von ihr streicheln und beruhigen. Doch sie sprach kein Wort mit ihnen. Sie l├Ąchelte sie einfach nur an." F├╝r einen kurzen Moment hielt er erinnernd inne. "Haben Sie schon einmal einen wilden Fuchs aus ihrer Hand fressen lassen?"
Der Gefragte sch├╝ttelte etwas ungl├Ąubig den Kopf.
"Nun, glauben Sie mir einfach oder lassen Sie es sein", sagte der Mann und lie├č ein L├Ącheln ├╝ber sein nun sehr jugendlich wirkendes Gesicht huschen. "Es ist ein ganz eigenes, ... ein ... besonderes Gef├╝hl von Stolz. Ich wu├čte auch zun├Ąchst nicht, ob ich meinen Augen wirklich trauen sollte. Und auch nicht, ob und wie ich meinem Herzen trauen sollte ...
Ich war schon einige Male verliebt gewesen, wissen Sie, und ich bin dabei auch von einigem wilden Herzklopfen begleitet worden.
Aber dieses Mal ... auch wenn ich dieses M├Ądchen erst zwei Tage kannte ... wenn ich sie ansah ... das war kein Klopfen mehr, verstehen Sie ... das war ein ... Flattern ... ein Fortfliegenwollen. Und ich meinte, das auch bei ihr erkennen zu k├Ânnen."
"Und?" fragte sein Zuh├Ârer, der bisher aufmerksam den Worten gelauscht hatte. "War dem denn so?"
Doch der Fremde ging scheinbar nicht darauf ein.
"Am Abend des zweiten Tages sa├čen wir zusammen in dem dicken Moosteppich, der sich vor dem Haus bis zum Seeufer hinzieht und warteten auf den Sonnenuntergang. Am n├Ąchsten Morgen mu├čte ich nach Hause, bevor man mich noch vermi├čt melden w├╝rde. Es war f├╝r uns jedoch v├Âllig selbstverst├Ąndlich, da├č ich wiederkommen w├╝rde und trotzdem war die Stimmung an jenem Abend seltsam sentimental.
Ich wei├č noch, wie vertr├Ąumt sie in die Krone dieses m├Ąchtigen, alten Buchenbaumes hinaufschaute.
'Ist er nicht wundersch├Ân?' hat sie gefl├╝stert. 'H├Âre doch mal genau hin. - H├Ârst du das auch? Glaubst du nicht auch, zu h├Âren, wie er uns ruft: Kommt! So kommt doch! Klettert in mir. Klettert in mir empor. Und dann holt euch ein St├╝ckchen Wolke, einen Funken Sonnenuntergang. Doch bringt mir etwas davon mit und h├Ąngt es mir zwischen die Bl├Ątter. Kommt doch. So kommt. - H├Ârst du's?'
Darauf sprang sie lachend auf und lief zu der gro├čen Buche hin, hangelte sich auf den untersten Ast des Baumes und kletterte empor. Ich folgte ihr nat├╝rlich. Es war gar nicht so einfach, mit ihren flinken Bewegungen mitzuhalten, doch ich f├╝hlte mich pl├Âtzlich wie ein kleiner Junge und es machte mir wahnsinnigen Spa├č, immer h├Âher und h├Âher zu steigen, immer weiter hoch mit ihr, bis hinauf in die oberste Krone, wo die ├äste uns gerade noch trugen. Dort setzten wir uns so bequem wie m├Âglich in das Astwerk und beobachteten, wie die untergehende Sonne die entfernten Waldkronen abendrot entz├╝ndete.
Wir sa├čen sehr lange dort und blickten auf den See. V├Âllig ruhig und glatt war er, und still. Wie ein Spiegel. Irgendwann fragte ich dann noch einmal, m├Âglichst leise und vorsichtig, welchen Grund es denn g├Ąbe, warum sie mir ihren Namen nicht nennen und den meinen auch nicht wissen wolle.
'Keinen Grund', sagte sie da kopfsch├╝ttelnd. 'Ich m├Âchte nur dich und nicht deinen Namen. Wer keinen Namen hat, der ist auch unschuldig und wer unschuldig ist, den kann man auch nicht hassen. Und wen man nicht hassen kann, dem weint man auch nicht nach.'
Daraufhin sah sie mich wieder so an ... ein Blick, f├╝r den ich alles getan h├Ątte ... und sie fl├╝sterte: 'Es gibt da keinen Grund, glaube mir. Es f├Ąngt doch alles so hoffnungsvoll an, oder nicht? Finde mir doch einen Namen ... aber suche bitte nicht nach ihm.'
Und dann nahm sie meine Hand und legte sie sich ans warme, weiche Herz. 'Ich sp├╝re hier etwas', sagte sie leise. 'Ich wei├č, da├č es daf├╝r einen Namen gibt, aber ich wei├č auch, da├č dieser eine Name nicht alles umfassen kann, was ich hier in diesem Moment f├╝hle. Dieses Gef├╝hl in f├╝nf einfache Buchstaben zu h├╝llen, hie├če, es einzusperren. Meinst du nicht auch? ... Hm?'
Ja-a, und dann k├╝├čten wir uns."
Der Mann schwieg. Er sa├č da und sah etwas an, das irgendwo jenseits des Raumes und wohl schon sehr lange zur├╝cklag. Schlie├člich l├Ąchelte er und sah zu seinem Gegen├╝ber auf.
"Das m├╝ssen Sie sich mal vorstellen. Wir sa├čen wie Kinder in der Krone einer Buche und k├╝├čten uns, w├Ąhrend vor uns langsam die Sonne hinter den Baumwipfeln verschwand.
Ist das nicht wahnsinnig kitschig, hm? Aber glauben Sie mir: Wenn Sie dort gewesen w├Ąren, an meiner Stelle, es w├Ąre das Gr├Â├čte f├╝r Sie gewesen." Er nahm einen Schluck von seinem Tee, der inzwischen schon kalt sein mu├čte. "Irgendwann kletterten wir den Baum wieder hinunter. Unten nahm sie mich ganz, ganz fest in den Arm und sagte z├Ąrtlich einen Namen in mein Ohr: 'Noah.'
Ich glaubte zun├Ąchst, nicht recht verstanden zu haben. 'Noah', sagte sie. 'Du hei├čt heute f├╝r mich Noah. Der floh auch vor einem Unwetter.'
'Ja-a', sagte ich. 'Und er fand auch das gelobte Land.' Da lachte sie und ich schaute sie an und nannte sie dann - Suzanne.
'Suzanne ...' wiederholte sie, als wolle sie den Namen anprobieren und legte dabei ihren Kopf schief. Ich nickte und sagte: 'Ein Name wie ein Lied.' Und ich nahm mein Taschenmesser und schnitzte den Namen in den Stamm der Buche. Ganz gro├č.
SUZANNE - Und sie schnitzte ein gro├čes & NOAH in die Rinde.
Dann fuhr sie mit den Fingerspitzen ├╝ber ihren neuen Namen. 'Suzanne', murmelte sie. 'Der Name gef├Ąllt mir sehr.' Und ich fragte, ob das denn vielleicht ihr richtiger Name sei.
'Nein', lachte sie da. 'Nein. Dann w├╝rde er mir doch nicht so gut gefallen. Aber f├╝r heute ... f├╝r diese Nacht ... f├╝r diese Nacht hei├če ich so - Suzanne ...'
Oh, mein Herr, ich schw├Âre Ihnen: In jener Nacht habe und wurde ich so geliebt wie noch nie in meinem Leben zuvor. Der ganze Wald h├Ątte abbrennen k├Ânnen."
Sie lachten beide in sich hinein und r├╝hrten beide ein klein wenig verlegen in ihren Teetassen. Das leise Klingeln der L├Âffel vertonte die entstandene Stille und erleichterte ihnen ihre Gedanken.
"Die darauf folgenden zweieinhalb Jahre waren die wohl sch├Ânste und freieste, aber auch die seltsamste und geheimnisvollste Zeit meines Lebens. Ich schrieb vier erfolgreiche B├╝cher und jede Menge Geschichten, die ebenfalls Anklang fanden. Alle wurden unter dem Name Noah verlegt und sie verkaufen sich pr├Ąchtig. Man hat mal ├╝ber sie gesagt, da├č diejenigen, die sie lesen, sich unweigerlich irgendwann fragen w├╝rden: Wo nimmt dieser Mann solche Gedanken her?
Dieses M├Ądchen ist meine Muse. Mit jedem Ku├č von ihr ist stets eine Bombe, randvoll mit Ideen, in meinem Kopf zerplatzt.
Na ja, dadurch verdiene ich nicht schlecht und ich bin nur noch in der Stadt, wenn dies wirklich n├Âtig ist. Manchmal kam sie dann auch mit. Doch sie f├╝hlte sich dort nie so recht wohl. Es war ihr zu laut, zu schnell, zu unruhig und irgendwie auch ... Wie sagte sie noch? ... zu tot. Die meiste Zeit waren wir daher bei unserer kleinen H├╝tte am See. Zweieinhalb Jahre lang. Und an jedem Tag gaben wir uns einen neuen, einen anderen Namen."
"Jeden Tag?" fragte der junge Zeichner dazwischen. "Sie haben sich jeden Tag einen neuen Namen gegeben?"
Der Mann nickte und zuckte die Achseln. "Nicht genau an jedem Tag. Wie gesagt, ich war ab und zu mal ein paar Tage fort und manchmal gaben wir uns an einem Tag auch mehrere Namen, wenn die Situationen es erforderten und oft blieben wir auch bei unseren allerersten Namen. Aber alle diese Namen schnitzten wir in die Rinde der alten Buche."
"Alle Namen?" fl├╝sterte der junge Mann ungl├Ąubig, und wieder nickte der andere.
"├ťberall im ganzen Baum verteilt. Auf jedem Ast, auf jedem Zweig. Doch unten am Stamm kamen keine mehr hin. Da stehen nur zwei Namen. Unsere allerersten, gemeinsamen Namen."
"Und wieviele folgten?" wollte der Zeichner wissen.
"Oh, das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe sie nie gez├Ąhlt und das werde ich wohl auch nicht. Sind schon einige. Und die wenigsten sind g├Ąngige Namen. Aber ich kann mich an alle erinnern.
Ich wei├č noch, da├č sie mich an dem Tag, an dem ich mich zum ersten Mal in das kalte Wasser des Sees traute, Schmelzwasser nannte und sie hie├č an jenem Tage einfach nur Fisch. Sie sah aus wie eine Nixe, wie sie so auf den See hinausschwamm. Im Sommer bedecken dort herrliche Seerosen die halbe Wasseroberfl├Ąche. Sie steckte sich dann immer eine davon ins Haar ... Eine Nixe mit langen, kastanienbraunen Haare in denen eine Seerose steckte ...
Und an dem Tag, an dem wir uns einen Drachen bauten und ihn auf einer entfernteren Lichtung steigen lie├čen, da hie├č sie Windbraut. Und mich nannte sie Sturmschimmel.
Als wir die Sonnenfinsternis beobachteten, da war sie Firmamentia und ich war Saturnaris.
Einmal - das war im Sommer - da haben wir gemeinsam Bilder gemalt. In ├ľl auf Leinwand. Wir haben uns nackt vor die Staffelei gestellt und einfach angefangen. Immer abwechselnd. Jeder einen Pinselstrich." Bei dieser Erinnerung schlich ein spitzb├╝bisches Grinsen ├╝ber sein Gesicht. "Wer gerade nicht am Zuge war, liebkoste eben den gerade Malenden. Sie sollten die Bilder mal sehen, die an jenem Tag entstanden sind." Sein Grinsen wurde nun zu einem der unschuldigsten L├Ącheln der Welt, begleitet von einem kurzen, nicht minder unschuldigen Schulterzucken. "Da nannte ich sie Venus und sie mich Vincent, da meine Linien meist kurz, gerade und breit waren.
Im Herbst warf ich mal w├Ąhrend eines Spazierganges mit einem Stock eine reife Kastanie vom Baum. Als ich den Stachelpanzer ├Âffnete, waren zwei Fr├╝chte darin. Jede an einer Seite flach, wie zwei Halbkugeln. Sie bekam die eine H├Ąlfte und ich die andere. Seit diesem Tag hat jeder von uns seine Kastanie bei sich ..." Er kramte kurz in seiner Hosentasche und holte die Kastanie hervor, die schon l├Ąngst nur noch matt gl├Ąnzte und an einigen Stellen abgeschabt und etwas runzelig aussah. "Ihre hei├čt Kastanielle, diese hier Kastaniotto.
Zu Weihnachten wollte sie mich erst Owie nennen, doch da hatte ich was gegen. Wir einigten uns dann auf Schawanalelia, das war sie, und Kosanario, das war ich.
Als wir uns Liebesbriefe auf den tief gefrorenen und zugeschneiten See schrieben, unterzeichnete sie mit ihrem Handabdruck und bei mir mit ..." Er kniff die Augen zusammen und ├╝berlegte kurz. "... Snorrfretje. Und ich dr├╝ckte meinen nackten Fu├č daneben in den Schnee und schrieb unter ihren Handabdruck ... Kaschnamiriken.
Und als wir uns im Sommer in der hohen, bl├╝henden Wildwiese liebten ... Kalaranaa und Salvestio ..." Langsam nickte er.
"Wie konnten Sie sich nur alle diese Namen merken?" wollte der junge Mann wissen, und der Erz├Ąhler l├Ąchelte geheimnisvoll.
"So etwas brennt sich ein. Ganz fest und unausl├Âschlich zusammen mit der Erinnerung. Wie ein wohltuendes Brandmal."
"Und ...?" Der Zeichner z├Âgerte zun├Ąchst, weiter zu fragen. "Und seit wann ... Weshalb suchen Sie sie jetzt?"
Der Mann r├╝ckte tr├Ąge und ungem├╝tlich auf seinem Stuhl hin und her. Sein Gesicht wurde zu einer ernsten und doch auch traurigen Maske.
"Ich war f├╝r ein paar Tage in der Stadt, um mal wieder ein Lebenszeichen von mir zu geben. Bei meinen Eltern, meinen Freunden, die mich meist nur noch aus Briefen kennen.
Als ich wieder zur├╝ckkam, war sie fort. - Weg. - Einfach so ... Und das ist jetzt zwei Monate her." Wieder kramte er in der Hosentasche herum und holte nun einen schon recht zerknitterten Zettel hervor, den er dem jungen Mann reichte. "Nur dies hier fand ich."
Ihre Schrift war k├Ânigsblau und fraulich rund.

Mein Noah!
Sei der wei├čen Taube, die dich in das gelobte Land f├╝hrte, nicht b├Âs'.
Wer keinen Namen hat, ist auch unschuldig.
Wer unschuldig ist, kann nicht geha├čt werden.
Und wen man nicht hassen kann, dem kann man auch nicht nachweinen.

Suzanne

Nachdenklich ernst faltete der junge Mann das Papier zusammen und gab es zur├╝ck.
"Weshalb suchen sie hier nach ihr?" fragte er nach einer gr├╝belnden Weile.
"Im letzten Herbst war es mal sehr st├╝rmisch", antwortete der Mann. "Und wir standen vor dem Haus und lauschten dem Wind, wie er sich an jenem Tag wild in den hohen B├Ąumen verfing und es so schien, als wolle er sich wieder freisch├╝tteln. Da sagte sie wie beil├Ąufig, da├č sie den Westwind sehr lieben und vermissen w├╝rde. - 'Wie er vor mir mit der Brandung na├č gegen die Steine prescht und mir salzig durch das Haar krault ...' - So hat sie's gesagt."
Sein ausdrucksloser Blick fixierte starr und leer einen Punkt an der holzvert├Ąfelten Wand und seine Stimme murmelte sich von ganz weit weg heran, stieg auf, wie aus einer fernen Tiefe. "Hatte ich gesagt, da├č es braun war? ... Kastanienbraun ... Lange, kastanienbraune Haare ..."
Der junge Zeichner glaubte, etwas sagen zu m├╝ssen. "Glauben Sie mir", versicherte er, "ich w├╝nschte, ich k├Ânnte ihnen helfen. Bitte glauben Sie mir, das w├╝nschte ich wirklich."
"Ja", machte der Mann und zwang sich ein Zucken in den Mundwinkel. "Ich denke, das tun Sie wirklich." Er erhob sich langsam und legte etwas Geld neben die kleine Teekanne auf den Tisch. Dann reichte er dem jungen Mann, der nicht viel j├╝nger war als er selbst, die Hand.
"Ich danke Ihnen, mein Freund", sagte er dann. "Leben Sie wohl. Und seien Sie sich sicher: Sie haben mir sehr geholfen." Daraufhin zog er sich den dunklen Lodenmantel ├╝ber und wandte sich dem Ausgang zu. Kurz bevor ihn die T├╝r in den windigen, feuchten, halbdunklen Abend schluckte, l├Ąchelte er dem jungen Zeichner, der da am Tisch bei der gegen├╝berliegenden Wand sa├č, noch einmal freundlich zu. Wenig sp├Ąter brauste drau├čen ein Auto davon.

(Fortsetzung: "Kastanienbraun - Ende")

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