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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Kastanienherbst(1)
Eingestellt am 09. 09. 2003 14:56


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Stefan J.W.
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2002

Werke: 5
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EINS



Katharina Rohde, wie nach dem Fiasko einer Ehe mit dem Chefredakteur Armin Rohde ihr Name immer noch war, hatte an einem Sonntagnachmittag von ihrer Wohnung in der Tulbeckstra├če zu M├╝nchen aus alleine einen weiten Spaziergang unternommen. Verspannt und zerm├╝rbt von dem noch bestehenden Arbeitsverh├Ąltnis in der Redaktion ihres Noch-Gatten, das sie zerrieb und eben jetzt in diesen Tagen einem blutigen Kampf gleichkommen wollte, hatte sie spontan nach ihrer mitt├Ąglichen Tasse Kaffee entschieden, sich ins Freie zu begeben, gleichwohl ihr Augenmerk allein auf den Beruf gerichtet sein sollte: eine Reportage ├╝ber gescheiterte Ehen, und somit eine Farce in ihren Augen angesichts des unsch├Ânen Verlaufs ihres eigenen Lebens.
Freilich, es war doch letztlich ihr Wille gewesen; ihr Wort, das den ehelichen Bund besiegelt hatte. Ein Wort nur, dessen Bedeutung ihr g├Ąnzlich unbewusst gewesen, als sie in Hochstimmung die Hand des Auserw├Ąhlten hielt, ihm den Ring, das Zeichen ihrer tiefsten Verbundenheit vor Gott und den Menschen, zart und voller freudigem Hoffen um das Zuk├╝nftige ├╝ber den Finger schob und ihn k├╝sste: "Ja!" Verflucht h├Ątte sie denjenigen, der es h├Ątte wagen wollen, Wort gegen den Geliebten zu erheben, als die Gelegenheit gegeben war! Und voller unb├Ąndiger Freude w├Ąre sie dem vermeintlichen Schurken an diesem Tag um den Hals gefallen, sich zu bedanken, vor welcher H├Âlle sie bewahrt worden war. Doch hatte sie stattdessen einen jener schicksalhaft unbestimmten Pfade betreten, auf den einen das Leben, wenn es gerade der rechten Laune ist, mitunter f├╝hrt und war letztendlich dorthin zur├╝ckgekehrt, wo sie ihr Lebtag nimmer hatte sein wollen.
Es war Anfang September, und nach einem kurzen, hei├čen Sommer hatte recht bald der Herbst und mit ihm fester Regen eingesetzt. Doch nach bitteren Wochen fast winterlicher K├Ąlte und eisiger Schauer hatten am Morgen erste scheue Boten der wiederkehrenden Sonne den von tiefschwebenden, grauen Wolken besetzten Himmel durchbrochen, mittags war ein beachtliches St├╝ck davon befreit und nun, am sp├Ąten Nachmittag, schimmerte die strahlende K├Ânigin einsam droben, nur noch umspielt von ein paar lichten Inseln wei├čer Wattebausche, und lie├č die erwachende Stadt in wei├člich-tr├╝bem Schein erstrahlen. Auf der Tulbeckstra├če flanierten einige Senioren und zahlreiche Paare mit ihren Kindern, die sich eifrigst ├╝ber ihre Eiscremet├╝ten hermachten, als seien diese die letzten des sich neigenden Jahres, und sie belachten heiter in ihrer kindlichen Art die milde K├╝hle des Tages. Katharina sah ihnen nicht gerade mit unbedingtem Wohlwollen hinterher, denn war es doch ihr ersehnter Wunsch gewesen, eine eigene Familie zu gr├╝nden, mit freudestrahlenden Kindern in den verlockend duftenden Park zu gehen, mit einem liebenden Mann in trauter Harmonie entz├╝ckte Beobachter zu sein. Doch nun war diese klaffende Wunde in ihr, ein spitzer Dorn, der sich ihr tief und unerbittlich ins gepeinigte Herz gedr├╝ckt hatte, und wie der heimt├╝ckische Widerhaken eines Bienenstachels sich je mehr festsetzte, desto st├Ąrker sie daran zog. Denn nichts von alldem, was sie ertr├Ąumt, war ihr beschieden, und so lie├č sie ab von den tristen Gedanken, denn ihr wollte nicht weiter danach sein, das was h├Ątte werden k├Ânnen, ausgiebig zu betrauern. Die so belebte Stra├če war nicht gerade recht nach ihrem Sinn, und so ├╝berquerte Katharina z├╝gig die Ganghoferstra├če, wich ├╝ber die Geroltstra├če den Spazierlustigen aus und bog ein in Richtung Gollierplatz, der sie ├╝ber einen kastanienges├Ąumten Weg hin zum Kiliansplatz f├╝hrte, wo sie sich auf den steinernen Stufen zur Sankt-Ruppert-Kirche niederlie├č und, aus innerem Antrieb heraus versuchte, sich zu beherrschen - und f├╝r einen verzweifelten Moment sogar zwang -, ihrem mitleidigen Gedankenspiel ein Ende zu bereiten.
Die Bl├Ątter der Kastanien hatten vereinzelt schon das gelblich-braune Muster des baldigen Scheidens erhalten, sie waren dem Stamm zusehends eine Last und fielen leicht und schwebend zu Boden; wie gro├če H├Ąnde griffen sie nach ihm und hielten ihn bedeckt, w├Ąhrend je und je stachelige, blassgr├╝ne H├╝lsen mit dumpfem Schlag auf die Erde fielen und den rot-braunen Fr├╝chten mit ihrem Aufplatzen die Freiheit gaben. Es roch kr├Ąftig nach sterbender Natur, die aller ├ťppigkeit ein notwendiges Ende bereitete; dem nahenden Winter Tribut zollend, verblassten schleichend die satt-gr├╝nen Gew├Ąnder, in denen die Welt im Fr├╝hling sich gekleidet. So klar zu erfassen die Zeichen der Natur sind, die sich auf den Ausklang des Jahres vorbereitet, so exakt hatte Katharina die Signale ihrer scheiternden Beziehung zu interpretieren gewusst, doch willig schloss sie die Augen - ja schon zornig war sie gegen jeden Anflug von Zweifel an ihrer Ehe -, wider besseren Wissens - bis ihr die Gewissheit verschafft wurde, da der starke Stamm Armin ihr, dem welkenden Blatt Katharina, peu a peu die Liebe entzogen hatte, und sie mit einem Male zu Boden fallen lie├č.

An der Ecke zur Anglerstra├če angelangt, bemerkte die Tr├Ąumende, langsam im Erwachen und noch zu F├╝├čen der Kirche sich w├Ąhnend, erschrocken, dass sie ein St├╝ck gegangen war. Die D├Ąmmerung hatte bereits eingesetzt und weit hinter dem Heimeranplatz lagen die D├Ącher im blutroten Abglanz der sich verneigenden Sonne. Ausgestorben und leergefegt lag die Kazmairstra├če da, ein leiser Fluss inmitten der alten H├Ąuserschluchten des Westend, des Fleckerlteppichs, wie die M├╝nchner den Stadtteil nennen, in dem Katharina aufgewachsen war, und in den es die Ungl├╝ckliche wieder zog, als sie den Schlussstrich unter ihre Ehe gesetzt hatte. Im Heimgehen begriffen, w├Ąhrend die Dunkelheit beh├Ąnde die Vormacht zu gewinnen suchte und die Stra├čenlaternen eine nach der anderen ihr k├╝nstlichtr├╝bes Licht auf den zerfahrenen Asphalt warfen, da kamen in Katharina verblichene Schleier der doch so nahen Vergangenheit vor Augen. Als Kind war sie dort zur Schule gegangen, war sie tagt├Ąglich diesen Weg heim nach ihrer Wohnung gelaufen, die d├╝ster und ungastlich in der dritten Etage eines schlichten Altbaus aus Vorkriegszeiten, an der Ecke zur Ligsalzstra├če lag. Ihre Gro├čmutter war meist am K├╝chenfenster gestanden, das hagere Kinn auf die knochigen H├Ąnde und die knochigen Ellenbogen auf das gr├╝nlackierte Fensterbrett gest├╝tzt; hatte in dieser beobachtenden Pose verharrend auf Katharina gewartet, bis diese ums Eck zur Gollierstra├če gebogen kam. Katharina hasste diese z├Ąhen Augenblicke, da ihr nur wenig Zeit von der freien, weiten Welt ├╝ber das khakifarben gestrichene Treppenhaus hinauf in den olivgr├╝nen Flur verblieb. Da steht sie wieder in dem engen, verwinkelten Gang, dessen alterskr├Ąftige D├╝fte ihr immer den Atem nehmen. Der Gro├čvater kommt zu ihr, begr├╝├čt sie scheu, doch mit helfender Hand, wenn er Katharina den geflickten beigen Anorak von den schm├Ąchtigen Schultern nimmt und an die Messinggarderobe h├Ąngt, die sie noch nicht zu erreichen vermag, und mit schmalem L├Ącheln streicht er seiner Enkelin ├╝bers rotblonde Haar. Dann sagt er mit matter Stimme, das Rot habe sie von ihrer Mutter und zieht sich seufzend zur├╝ck ins Wohnzimmer, von wo er die an ihm vorbeiziehenden Tage nicht mehr herauskommen will. Die Gro├čmutter hatte ihr stets ein warmes Essen auf den Holztisch gestellt, den sie t├Ąglich mit Sorgfalt f├╝r vier Personen deckte. Nie hatte sie es ├╝berwinden k├Ânnen, dass die Tochter, Katharinas Mutter, schon so fr├╝h von der Welt gegangen war und sie einsam zur├╝ckgelassen hatte. Mit dem Introvertierten im Wohnzimmer verband sie schon lange Zeit nicht viel mehr, als die gemeinsame Trauer um das gestorbene Kind und zu Katharina hatte sie ebenso wenig Zugang gefunden wie diese zur Gro├čmutter. So verbrachte Katharina Kindheit und Jugend als einzig Lebendige im dunklen Schatten einer toten Frau, an die ihr keinerlei Erinnerung mehr geblieben war, als die Sekunden einiger Augenblicke, in denen sich ihr vage die nebul├Âsen Bilder einer nicht existierenden Mutter auftaten, und der blo├čen Gegenwart der Gro├čeltern, die sich nichts mehr ersehnten als das baldige Wiedersehen mit der innig geliebten Tochter. Nichts gab es, was den beiden zu ungezwungener Freude am Dasein des Kindes verhalf; anstatt unbedingter Liebe zu ihm oder zumindest dem verbliebenen Teil der Tochter, der dem Enkelkind mitgegeben worden war, waren sie unselig bestrebt darin in Katharina nur den Spiegel ihrer schmerzenden Qual zu erkennen. Der Himmel einzig mag die Frage beantworten, was sonst aus dem rothaarigen M├Ądchen geworden w├Ąre, h├Ątte nur es das w├Ąrmende Gef├╝hl des Geliebt- und des Gewolltseins geb├╝hrend versp├╝ren d├╝rfen.

Doch sei's drum! So war Katharina in emotionaler Armut erwachsen, ihr scharfer, jedoch hoffnungslos verspielter Intellekt konnte den Mangel daran wohl mindern. Ihn zu beheben, dar├╝ber mag es keine Zweifel geben, reichte er ihr kaum. Woher auch h├Ątte sie das Vorbild dazu finden sollen, da sie sich so wenig den Menschen anvertraute, wie sie es von daheim gewohnt war? War sie nach au├čen hin verschlossen und meist allein gelassen, in ihrer stillen Aura der Sch├╝chternheit, so reifte in ihr eine starke Person heran, die, einem L├Âwen gleich, der in der Enge des Zoogeheges auf- und abschreitet, nur darauf sann, das karge Quartier zu verlassen, die versperrenden Mauern zu ├╝berwinden und in die wilde Freiheit zu streben. Dass dies endlich einmal geschehe, war erpichtes Anliegen, war schwelende Glut immerw├Ąhrender Hoffnung, die Katharina letztlich verhalf, schwerm├╝tige Zeiten ohne weiteren Schaden zu ├╝berstehen.

Die aufkeimenden Gedanken der einsamen Kindheit hatten sie gen├Âtigt, sich auf einer Bank vor dem M├Ąnnerwohnheim niederzulassen, die Schritte schon schwerf├Ąlliger geworden, so dass sie es vorzog, eine Rast einzulegen, ehe sie nach Hause gehen wollte. Kleine Scheinwerfer warfen quadratische Lichtkegel auf die rote Backsteinfassade des sich hoch erstreckenden Geb├Ąudes und das abwechselnde Spiel von Licht und Schatten verliehen dem Wohnheim das Muster eines Schachbretts, und Katharina gab sich willig der Illusion hin, die ihr gef├Ąllig zur Ablenkung verhalf. Die erschreckende Vitalit├Ąt und die verzehrende Macht, die ihre Erinnerungen noch ├╝ber sie hatten, erschienen Katharina schon absurd, zumal sie doch best├Ąndig darin bem├╝ht war, sich von dem Rattenschwanz, den sie, l├Ąnger und l├Ąnger werdend, hinter sich herzog, zu l├Âsen; und hatten sich doch ihre M├╝hen gelohnt, als sie in Armin einen wahren Freund, der sich mit schier ma├čloser Toleranz ihrer Probleme annahm, einen bem├╝hten Werber, der mit unendlicher Geduld um ihre Gunst buhlte und schlie├člich einen vertrauten Partner gefunden, der r├╝ckhaltlos und liebevoll zu ihr stand. Erstmals hatte sie das erdr├╝ckende Gewicht ihrer Geschichte nicht mehr als Last empfunden, waren die fl├╝sternden Stimmen des Gestern verstummt, die sie wach und m├╝de zugleich gehalten hatten, und das weit ausschwingende Pendel ihrer ruhelosen Seele hatte endlich das ersehnte Gleichgewicht gefunden. Katharina hatte sich auf einem tr├╝gerischen Flecken vermeintlicher Sicherheit gebettet, sie war dem Trugbild einer ewigw├Ąhrenden, bedingungslosen Liebe aufgesessen. Armin hatte ihr den Ansporn gegeben, zu einem emotionalen H├Âhenflug anzusetzen, der freilich st├╝ckweise zu stagnieren drohte und etappenweise auch innehielt, die existente Wahrscheinlichkeit des Abst├╝rzens jedoch niemals aufkommen lie├č. Und so kometenhaft ihr Aufstieg, so erbarmungslos der freie Fall, der sie nicht tiefer h├Ątte st├╝rzen lassen k├Ânnen als zur Selbstaufgabe hin, den vornehmlich jedoch ihr Stolz hatte abfangen und schlie├člich bremsen k├Ânnen. Und so hatte sie sich letztlich einen, ihrer eigenen Wertsch├Ątzung nach gewaltig-fatalen, Schritt zur├╝ck getan. Ein Schritt, der ihr schmerzlich aufgezeigt hatte, dass es um ihre eigene St├Ąrke nicht eben gut bestellt war.

Sp├Ąt am Abend, als sie vor der m├Ąchtigen Holzt├╝r ihres Wohnhauses stand, apathisch mit z├Âgernden Bewegungen den Schl├╝sselbund in den Taschen ihrer Jeans suchend und mit murmelndem Fluchen begleitend, da hatte ihre selbst gew├Ąhlte Odyssee ein Ende gefunden. Sie hatte sich schon auf dem Weg nach Hause befunden, als sie z├Âgerlich zwar, aber ohne das Ausma├č ihrer Entscheidung bedenkend in Richtung der Ligsalzstra├če eingebogen war, zum Haus hin, in dem sie erwachsen wurde, dem sie jedoch noch immer nicht entwachsen schien. Katharina war schlie├člich den Weg gelaufen, der sie als Schulkind schon t├Ąglich dorthin gef├╝hrt hatte. Sie hatte hoch zum erleuchteten K├╝chenfenster geblickt, doch statt sch├Ąbig-vergilbter Vorh├Ąnge, hatten nun wei├če Gardinen platz gefunden. Die Fassade war frisch gestrichen, in aufdringlichem Minzgr├╝n get├╝ncht, das in der Dunkelheit leicht zu schimmern begonnenen hatte. Der Schauer, den sie beim Zugehen auf die T├╝re empfunden hatte, war jedoch schnell einer n├╝chternen Entt├Ąuschung gewichen, als sie das unaufdringliche Klingelbrett gewahrte und feststellen musste, dass sich anstatt des alten, aber edel anmutenden Bretts aus goldlackiertem Metall ein neues aus wei├čem Kunststoff befand. Als ob sie erwartet h├Ątte, dass die Zeit stehen geblieben war, suchten die Augen ihr bekannte ? bekannt klingende ? Namen: Gillich, Treuleben, Kubicki; doch standen nur solche auf den Schildern, die ihr bislang nicht untergekommen waren und sie war einen Schritt zur├╝ckgetreten und hatte einen letzten Blick nach oben geworfen, dann auf den Nachhauseweg gemacht und sich geschworen, nicht einmal mehr dorthin zugehen.

So bitter die Erinnerungen auch sein mochten, die f├Ârmlich aus Katharina quellten, so weitreichend war die Erkenntnis, die der Spaziergang ihr hatte zuteil werden lassen. Alles hatte sich ver├Ąndert: die H├Ąuser hatten andersfarbige Fassaden, die B├Ąume an den Stra├čen waren gewachsen, die Menschen hatten sich ver├Ąndert, wenn es sich noch um dieselben handelte, die Katharina zu kennen glaubte, was allerdings der seltenste der F├Ąlle war. Und bei all dem Wechsel, der rund herum stattfand, hatte sie aus einer seltsam-logischen Empfindung heraus entschlossen, einen Neuanfang in einer Umgebung zu beginnen, die ihr nur zu gut bekannt war. Dass sie selbst das einzige Relikt in einer empfindlich gewandelten Umwelt war, das hatte sie erst durch diesen Nachmittag begriffen und dieses Dilemma galt es nun zu ├╝berwinden, auch bei ihr war die Zeit der Entwicklung nach der falschen Re-Evolution einmal gekommen und ihr blieb daraufhin die Wahl, diese Option wahrzunehmen. Ohne Zweifel sollte sie ihre Energien statt auf die Bew├Ąltigung ihrer Vergangenheit auf die Neugestaltung ihres zuk├╝nftigen Lebens richten, das endlich einen anderen - besseren - Verlauf zu nehmen hatte. Und das Gelingen dieses Vorhabens war ihr nur garantiert, wenn sie ihre gesammelten Kr├Ąfte daf├╝r aufbringen konnte.
Das helle Ger├Ąusch des klimpernden Schl├╝sselbundes lie├č Katharina schlussendlich zur├╝ck in die Wirklichkeit gelangen und sie war gerade darin begriffen aufzusperren, als die T├╝r von der Gegenseite ge├Âffnet wurde, und sie - die Hand noch um den T├╝rknauf gelegt - unsanft ins Treppenhaus bef├Ârdert wurde und auf die matt beleuchtete Figur eines Mannes prallte. Erschrocken, mit dem Kopf noch immer nicht in der Situation angekommen, stie├č die Verwirrte einen erstaunten Schrei aus, st├╝tzte sich mit beiden H├Ąnden von der Brust ihres Gegen├╝bers ab und n├Âtigte sich, den Kopf gesenkt, einen schnellen Schritt seitw├Ąrts zu tun.
" - Entschuldigung..."
Verloren in unverst├Ąndlichem Murmeln schickte Katharina sich an, in ├Ąngstigender Panik schon, denn ihr waren Missgeschicke dieser Art ein Gr├Ąuel, der prek├Ąren Situationen eilenden Schrittes zu entkommen und die Treppen zu ihrer Wohnung hinauf zu st├╝rzen. Doch der Gerempelte hielt sie mit sanfter Gewalt zur├╝ck, die Hand des Mannes hielt sie an der Schulter fest und Katharinas Fluchtversuch war ein abruptes Ende gesetzt.
"He, Katharina! Geht es dir gut?"
Der sorgenvolle Unterton der Bassstimme und der leichte, ihrem Empfinden nach charmante, t├╝rkische Akzent lie├čen die Gehetzte h├Ârbar aufatmen. Sie h├Ątte sich bestimmt den Abend lang den Kopf zerbrochen, an wessen Brust sie wohl geprallt sei und was derjenige nun von ihr denke, doch hatte sie das Gl├╝ck gehabt, dem einzigen Menschen in die Arme zu laufen, zu dem sie Kontakt gefunden, mit dem sie sich eine Art Freundschaft geschaffen hatte, seit ihrer R├╝ckkehr ins Westend. Sie drehte auf dem Absatz herum und sah scheu l├Ąchelnd in das junge, gutaussehend-dunkle Gesicht mit Dreitagebart, das, einmal in Sorgenfalten gelegt, eher dem eines Greisen ├Ąhnelte als dem eines jungen Mannes. Allein die tiefbraunen, gl├Ąnzend-freundlichen Augen verrieten dann die Jugend des Musternden, der sie nun mit aufmerksamem Blick ansah, um dann die Augenbrauen rhythmisch einige Male hinaufzuziehen, was das L├Ącheln Katharinas in das ihr typische glucksende Kichern verwandelte.
"Ah, was sag ich dir!" sagte der Mann milde, dessen Gesichtsz├╝ge sich langsam wieder normalisierten. "Dir geht es gut!"
"Danke, ja."
Als Katharina wieder in ihrer Wohnung war und dar├╝ber nachdachte, was Mesut ihr im Treppenhaus gesagt hatte, beschloss sie so spontan zu sein, seinen Ratschlag anzunehmen und sich ein paar Wochen Urlaub zu g├Ânnen. Freie Zeit war im Augenblick das, was sie wirklich n├Âtig hatte. Der Spaziergang hatte etliche Fragen in Katharina aufgeworfen, die es zu beantworten galt, wollte sie ihren Entschluss in die Tat umsetzen und endlich nach vorne blicken. Einen kurzen Gedanken verlor sie an ihre Arbeit, doch war sie schon dabei, die Koffer zu packen. Sie w├╝rde morgen fr├╝h ein kurzes Telefonat mit Armin f├╝hren, ihn vor vollendete Tatsachen stellen und notgedrungen, im Falle von Komplikationen, sogar ihre Stelle aufgeben. Denn gut genug war sie, jederzeit eine neue Anstellung zu bekommen. Und war dies nicht vielleicht das Beste, wenn sie endg├╝ltig abschloss? Aber dann in W├╝rde und mit Selbstvertrauen. Ach, sollten sie doch alle gern haben!

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"Unser Leben ist das,wozu unsere Gedanken es machen." (Marc Aurel)

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Rainer
???
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hallo stefan,

ich muss zugeben, dass es dein text schwer hatte bei mir. die ersten s├Ątze kamen mir wie die replik eines dostojewskieartigen stiles vor, ohne an das original heranzureichen. aber dann hatte ich mich eingelesen, und der konsequent durchgezogene stil wurde eigenst├Ąndig und nachvollziehbar-fesselnd.
einzig und allein die h├Ąufigen wiederholungen einzelner w├Ârter kann ich noch nicht zuordnen: ├╝bersehe ich einen inneren zusammenhang, oder warum tauchen im text immer wieder inseln auf, die wortwiederholungen enthalten, das meer ist aber "durchformuliert"?

deine liebe zu hesse merkt man, aber ich mag den hesse auch; vielleicht gef├Ąllt mir dein text deshalb so ausnehmend gut.

der langen rede kurzer sinn:
von dir w├╝rde ich mir ein buch kaufen.

viele gr├╝├če

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Stefan J.W.
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2002

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Hallo Rainer,

zuerst einmal vielen lieben Dank f├╝r deine Einsch├Ątzung!
Zugegebenerma├čen hat mich ein anderes Buch dazu inspiriert, mit Kastanienherbst zu beginnen: Thomas Manns "Der Tod in Venedig". Das mag mit der Grund daf├╝r sein, dass es gewisse Zeit braucht, um sich einzulesen, eben bis der Text seine Eigenst├Ąndigkeit bekommt. So war es der erste Absatz (bis "Es war Anfang September...") der mir auch die meiste M├╝he bereitete.

Ich hoffe, die n├Ąchsten Kapitel gehen mir ebenso leicht von der Hand und halten das Niveau, denn das sind meine gr├Â├čten Schwierigkeiten: zum Ende zu kommen und den Stil so beizubehalten.

Ich w├╝rde mich auch weiterhin ├╝ber deine Kritik freuen (egal wie sie ausf├Ąllt), denn der Satz "von dir w├╝rde ich mir ein Buch kaufen" geht schon "runter wie ├ľl" und ist enormer Ansporn!

Viele Gr├╝├če

Stefan

PS: Einen innerne Zusammenhang der Wortwiederholungen gibt es tats├Ąchlich nicht, das ist auch eine Eigenheit, an der es zu arbeiten gilt. Du hast also nichts ├╝bersehen, im Gegenteil.

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"Unser Leben ist das,wozu unsere Gedanken es machen." (Marc Aurel)

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