Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87728
Momentan online:
643 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
Kim vs. Nox
Eingestellt am 14. 08. 2007 13:39


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Christopher MĂŒller
AutorenanwÀrter
Registriert: Mar 2004

Werke: 4
Kommentare: 2
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Christopher MĂŒller eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Kim vs Nox

Es ist eine verdammte Schande, dass sich auf diesem oder irgendeinem anderen Planten jemals organisches Leben entwickelt hat
- Thomas Ligotti

Kim musterte Nox ausgiebig, der seit Stunden so gesprÀchig war wie ein Taubstummer mit Redeschwall.
»Woran denkst du, Nox?«, brach sie die Stille.
Nox zog heftig an seiner Zigarette, als wÀre er ein Schwarzes Loch, das kurz davor war einen Planeten zu verschlucken.
»Wenn man einem Igel die Stachel abrasiert, sieht er fast aus wie ein Schweineembryo 
 Sowas gibt einem zu denken.«
Kim verschluckte sich heftig und kam aus dem Husten nicht mehr heraus.
»Es hat sich schon mal jemand tot gehustet.
Genau genommen war das der Erfinder des Hustensafts.«
Kims Hustenkrampf steigerte sich daraufhin bis ihr Kopf knallrot war.
»Zoe erzĂ€hlte dauernd solche Sachen. So unglaublich die Stories auch waren, sie brachte die Aussagen so toternst rĂŒber, das man ins Zweifeln kam.«
Kim bekam sich langsam, sehr langsam wieder ein.
»Einmal behauptete sie felsenfest, der Typ von gegenĂŒber sei ein Fetischist, der sich daran aufgeilte, fremde ZahnbĂŒrsten zu benutzen. Zoe Ă€rgerte sich wochenlang, dass er angeblich ihre LieblingszahnbĂŒrste entwendet habe. Das war so eine beknackte KinderzahnbĂŒrste, die aussah wie ein Monster, mit großen Glubschaugen und die BĂŒrsten sahen aus wie die ZĂ€hne des Monsters. Manchmal merkte man halt doch, dass sie noch ein halbes Kind war.
Ich wollte ihr das natĂŒrlich nicht glauben, schließlich hatte sie erst kurz vorher behauptet, eine Mischung aus Cola und Bier sei trinkbar.
Aber sie ließ nicht locker. Redete davon, er wĂŒrde immer die MĂŒlltonnen nach alten BĂŒrsten absuchen oder Kindern auf dem Spielplatz Geld dafĂŒr anbieten. Irgendwann konnte mich Zoe ĂŒberreden, bei ihm einzubrechen, wĂ€hrend er auf Arbeit war. Die TĂŒr war schnell aufgehebelt. Und im Inneren erwartete uns eine große Überraschung.«
Ungeduldig blickte Kim ihn an, aber dieser schwieg und suchte alles nach einer Kippe ab, ohne zu merken, bereits eine hinter dem Ohr stecken zu haben. Als diese entzĂŒndet war, ergriff Nox wieder das Wort.
»Im ganzen Wohnzimmer standen Vitrinen, in denen tausende von gut sortierten und edel arrangierten ZahnbĂŒrsten steckten. Manche waren beschriftet, andere mit Fotos versehen.
Zoe platzte fast der Kragen, als sie ihre MonsterbĂŒrste fand, zusammen mit einem Foto von ihr. Ihre Wut steigerte sich.
Sie ballte die kleinen FĂ€uste, was kein gutes Zeichen war. Als nĂ€chstes wĂŒrde sie grĂŒn anlaufen und zum Hulk werden.
Mich schickte sie weg. Was danach passiert ist, wollte sie nicht sagen. Ich las jedoch Tage spĂ€ter in der Zeitung, dass ein Mann ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, dem zehn, ich wiederhole zehn, ZahnbĂŒrsten im Hintern steckten.«
»Das habe ich auch gelesen. War das nicht der Typ gewesen, der im Kinderfernsehen immer den großen Kuschelhasen gespielt hat?«
»Ja, genau der war es. Schluffy, der lustige GlĂŒckshase 
 mit den ZahnbĂŒrsten im Hintern.«
Kim hÀtte sich nun erneut beinah verschluckt und versuchte Nox nicht anzuschauen, der ein Grinsen aufgesetzt hatte, das anatomisch eigentlich nicht möglich war.
Die beiden waren mittlerweile wieder in der Stadt angekommen. Wie sich herausgestellt hatte, war die ganze Stadt abgesperrt.
Überall waren MilitĂ€rfahrzeuge, die verhinderten, dass jemand die Stadt verließ 
 aus ungeklĂ€rten GrĂŒnden. Kim schlug vor, in ihr LieblingscafĂ© zu gehen, von dem sie in den wĂ€rmsten Farben schwĂ€rmte.
Aber es war gar nicht so einfach dorthin zu gelangen. Aufgrund des Feuers waren die meisten U-Bahnen gesperrt. Unfassbar, dass man dieses Feuer noch immer nicht in den Griff bekommen hatte, schien es doch schon fĂŒr eine Ewigkeit zu lodern und zu zerstören.
Das CafĂ© war ziemlich leer und an einem FlĂŒgel saß ein betrunkener Mann im Anzug, der Malzwhiskey trank, rauchte und traurige Liebeslieder klimperte. Je betrunkener er wurde, desto hĂ€ufiger verspielte er sich. Bis er irgendwann lauthals anfing zu flennen wie ein Baby.
Kim bestellte sich einen dekadenten Milchkaffee und genoss es augescheinlich, hier mit Nox zu sitzen. Als krankhafter Griesgram konnte Nox es logischerweise nicht ertragen, wenn sich jemand in seiner Gegewart so unerhört amĂŒsierte.
In seinem Kopf schmiedet er bereits einen Plan wie er sein weibliches GegenĂŒber so richtig Ă€rgern könnte und zog dabei so genĂŒsslich und versonnen an seiner Kippe, als hĂ€tte er seinen eigenen Schwanz im Mund.
Angeregt von dem jĂ€mmerlich weinenden armen WĂŒrstchen hinter dem Klavier, bestellte Nox ein großes Glas Whiskey.
»Jemand sollte diesen Sterbenden Hund von seinem Elend erlösen. Dieses Gejaule ist ja nicht zum Aushalten.«
Kim konnte und wollte ihm da nicht widersprechen.
»Und wie gefÀllt dir mein Lieblingscafé?«
»Sehr stilvoll eingerichtet. Ein Original Rubens ĂŒber dem Kamin, Britta – die brĂŒnstige Elefantenkuh, wenn ich nicht irre. Kerzen auf den Tischen und getĂ€felte WĂ€nde. Nur der riesige, ĂŒberdimensionale, beleuchtete Schlumpf dort vorne passt nicht so ganz ins Ambiente.
»Sowas nennt man Lokalkolrit.«
»Lokalkolrit, ich verstehe, wie das ausgestopfte Stinktier dort hinten.«
Der Pianist hatte aufgehört zu Weinen und spielte nun zum zwanzigsten Mal dasselbe nervtötende Liebeslied mit dem bescheuerten Text.
Liebe ist wie eine Gartenkralle in deinen Eingweiden. Liebe ist wie HĂ€morrhoiden. Liebe ist wie eine BlasenentzĂŒndung. Genauso ist die Liebe. Er lallte furchtbar. Liebe ist wie Hodenkrebs und Priapismus. Die Liebe ist alles was zĂ€hlt. Ohne Liebe will ich nicht leben 
 Liebe ist wie SalzsĂ€ure in den Augen 

Nox exte seinen Whiskey und leckte sich die Lippen wie ein rattiger Kater.
»Weißt du was der Unterschied zwischen dir und einem schlesischen Mohnkuchen ist, Nox?«
»Ich höre.«
»Der Mohnkuchen hat Geschmack.«
»Wenigstens nisten in meiner Frisur keine Vögel. Wenn man mal ĂŒberlegt wieviel Haarspray fĂŒr deine Frisur notwendig ist, könnte man meinen, das Ozonloch ginge komplett auf deine Kappe.«
»So ein Blödsinn. Was willst du mir noch vorwerfen? Meintest du nicht erst gestern, ich sei fĂŒr das Waldsterben verantwortlich?«
»So hab ich das nicht gesagt. Ich meinte, du seist höchstwahrscheinlich an der Klimakatastrophe schuld, und an dem Waldsterben womöglich auch.«
Liebe ist wie ein warmer Sommerregen, wie ein himmlischer Hauch, der einen umspielt. Liebe ist wie aufgeschĂ€umte Milch, wenn man eine LaktoseunvertrĂ€glichkeit hat. Liebe ist wie ein schmerzhaftes Exzem. Liebe ist wie ein eingewachsener Fußnagel. Die Liebe ist alles was ich will.
Nox grinste wie ein bengalischer Steppenhund.
»Ist ja auch egal, Kim. Ich geh die Eidechse entwÀssern.«
Kim zog eine Grimasse und stibitzte Nox dann eine Zigarette aus der Schachtel, die er auf dem Tisch zurĂŒck gelasssen hatte.
Mit Erschrecken stellte Kim fest, dass es sich um filterlose Kippen handelte. Viel zu stark. Womöglich BluthĂ€ndle oder sowas unsĂ€gliches. Eh sie sich versah, kam Nox wieder an den Tisch und knöpfte noch eben seinen untersten Knopf zu. Hustend fiel Kim auf, dass sich eine blutige Strieme ĂŒber Nox‘ Wange zog, die vorher noch nicht da gewesen war.
»Mein Gott, Nox! Was rauchst du fĂŒr rabenschwarzes Teufelszeug?«
»Sind sie zu stark, bist du zu schwach. Ich nehme das mit dem Lungenkrebs wenigstens ernst. Die Marke heißt Lord Cancer, 1a lettische Zichten. Wusstest du, dass es eine Zigarettenmarke namens Kim gibt? Das sind so ultraleichte DamenglimmstĂ€ngel. Vielleicht solltest du sowas paffen. Ganz schön dreist, sich ĂŒber geklaute Zigaretten auch noch zu beschweren. Ich hĂ€tte auf mein BauchgefĂŒhl hören sollen. Als ich die Form deiner Nase gesehen habe, schellten bei mir die Alarmglocken.«
Kim versuchte gespielt pikiert auszuschauen, was ihr gelinde gesagt, gar nicht gelang.
»Was ist den mit meiner Nase?«
»Die sind irgendwie schnippisch aus. Du siehst aus wie ein Wiedehopf oder Kiebitz. Da muss man aufpassen. Warum zum Teufel gerate ich immer an solche Biester 
 Und ich wĂŒrde das Wort rabenschwarz nicht benutzen, sonst beschwert sich wieder jemand ĂŒber zu viele Klischees in der Formulierung.«
»Wer soll sich denn da bitteschön beschweren? Uns hört doch keiner zu.«
»Man weiß nie, wer heimlich mitlauscht. Vielleicht ist der Klavierspieler ja in Wirklichkeit ein Spion 
 ein guter Musiker ist er auf jeden Fall nicht. Hast du mal auf den Text geachtet? Liebe ist wie eine Zahnbehandlung ohne
Narkose.«
Kim konnte ein Grinsen nicht verhindern.
»Da hat er doch den Nagel auf den Kopf getroffen. Hat dir schon mal wer gesagt, dass du total paranoid bist? Oder hĂ€lst du dich fĂŒr so wichtig, dass man dich ausspionieren muss?«
»Immerhin habe ich den reischsten und mĂ€chtigsten Mann der Stadt, Karl Oz, beklaut. Und wenn man an den Vorfall mit der Asiatin zurĂŒckdenkt, die meinen Wagen in Brand gesetzt hat, wofĂŒr ich auf die grauenvollste Art und Weise Rache nehmen werde, ist meine Pranoia gar nicht so unberechtigt. Paranoid zu sein heißt ja nicht, dass man nicht verfolgt wird. Paranoide Menschen sind nicht wahnsinnig, sie sehen die Welt nur wirklicher als andere Menschen.«
Kim streckte ihre Finger aus, die schmal und lang waren, Langfinger halt, um sich eine weitere Zigarette zu klauen, aber diesmal hatte Nox es bemerkt und haute mit der Hand auf ihre Finger, als wollte er eine Fliege zu Brei schlagen. Kim verzog das Gesicht vor Schmerz und funkelte ihn teuflisch an.
»Leg dich nicht mit mir an, Kleiner. Dann verlierst du. Legst du dich mit den StÀrksten an, wirst du sterben wie alle dann.«
Kim war ein ganzes StĂŒck grĂ¶ĂŸer als Nox, was ihr augenscheinlich sehr gut in den Kram passte.
»Niemand besiegt Nox! Falls ich das noch nicht erwĂ€hnt habe. Außerdem ist Rauchen ungesund. Wenn man es genau nimmt, habe ich etwas fĂŒr deine Gesundheit getan.«
»Indem du mir die Hand zu Brei schlÀgst?«
»Warum mĂŒsst ihr Frauen eigentlich immer das letzte Wort haben? Ist ja furchtbar. In was fĂŒr Zeiten leben wir eigentlich?«
Trotzdem zĂŒckte Nox nun eine Zigarette, tat so als wolle er sie Kim anbieten, zĂŒndete sie sich dann aber selbst an. Er weidete sich kurz an ihrer EnttĂ€uschung und reichte sie ihr dann doch.
»Das letzte Wort, der perfekte Mord!«
»Noch so ein Wortspiel und ich brech dir die Beine.«
»Zwergenaufstand? Komm doch, wenn du dich traust.«
Beide sprangen von ihren StĂŒhlen auf, wobei Nox einen Kellner anrempelte, der beinah das Tablett fallen gelassen hĂ€tte.
Die Zornesröte stieg Nox ins Gesicht und er verlor mal wieder die Kontrolle ĂŒber sich. UnĂŒberlegt stĂŒrmte er auf Kim zu, die ihn mĂŒhelos mit einem Judogriff ĂŒber die Schulter warf.
Unsanft knallte Nox auf den Boden. Es hatte nicht weh getan, aber sein mÀnnlicher Stolz war verletzt.
Kim musste daran denken, wie hart sie mit Noot traniert hatte. Scheinbar war die MĂŒhe nicht umsonst gewesen. Nox‘ Blick war auf jeden Fall unbezahlbar. Sie funkelte ihn ĂŒberlegen an.
Nox zĂŒndete sich eine Zigarette an und trotzte Kims Blick. Ehe Nox einen neuen Angriff starten konnte, war sie auch schon in Richtung Toiletten verschwunden. Kim wunderte sich ĂŒber die deformierten Emailleschilder an den ToielltentĂŒren. Sie erinnerten sie an die Rorschachbilder, die ihr in der Klinik von den Ärzten unter die Nase gehalten wurden. Es war einfach nicht möglich zu erkennen, fĂŒr welche Geschlechter die Schilder standen. KopfschĂŒttelnd stiefelte sie durch die nĂ€chstliegende TĂŒr und sah eine Reihe Pissoirs an der Wand, vor der ein ĂŒbergewichtiger Kerl mit Glatze stand und pfeifend seine Blase entleerte.
Als er Kim gewahr wurde, urinierte er sich fluchend auf die glĂ€nzenden Lackschuhe und schrie DĂŒsteres. Kim schaute mitleidig auf den erheblich kleineren Mann herunter und verschwand in einer der Kabinen.
Nach dem HĂ€ndewaschen schaute sie ihr Spiegelbild an, wie sie es damals immer in der Klinik getan hatte. Das silberne Leuchten war nicht mehr zu erkennen. Ihre Haare knisterten leise und standen zu Berge, extremer als zuvor. Ihr Spiegelbild verblasste und sie sah in Noots Gesicht, der sie streng anschaute. Seine Stimme erschallte nur in ihrem Kopf. Immer wieder warnte er sie vor Nox. Ihm sei nicht zu trauen. Er wĂŒrde Zoes Plan mit der Bombe nicht vereiteln und damit war er eine große Gefahr, die aus der Welt geschafft werden musste. Noot befahl Kim, Nox umzubringen. Widerworte duldete er nicht. WĂŒtend schlug Kim mit der Faust gegen den Spiegel, der in tausend und dreizehn Splitter zerfiel und von Noot war nichts mehr zu sehen.
Am Tisch angekommen war Nox mittlerweile wieder die Ruhe selbst. Er sippte an seinem Glas und blies gekonnt Rauchkringel in die Luft.
»Was denkst du, Nox?«
»Also wenn ich mich hier so umschaue und die komischen Leute in den Straßen sehe, komme ich ins GrĂŒbeln. Das soll die Krone der Schöpfung sein? Das Ergebnis von Millionen Jahren der Evolution und Auslese? Nee, nee, nee. Das kann es echt nicht sein. Vielleicht sollte man diese ganzen Mutanten einfach wegsprengen. Dann wĂ€re auf der Erde ruh.«
Kim rĂ€tselte, ob Nox seine Worte wirklich ernst meinte. Vielleicht hatte Noot ja doch recht. Aber wĂŒrde sie es schaffen, Nox aufzuhalten? Ihn umzubringen? Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, musste sie sich eingestehen, dass sie dabei war, sich in den kaputten Kerl zu verlieben.
»Bei all den LĂŒgen und dem ganzen Blendwerk, was glaubst du jetzt eigentlich ist mit Zoe passiert?«
Nox lies Rauch durch seine Nase entweichen wie ein Drache, der kurz davor war, die holde Jungfrau zu verspeisen.
»Tja, wenn man das so genau wĂŒsste. Sicher ist nur, dass sie tot unter der Erde liegt und verwest.«
»Bist du dir denn da so sicher? Hast du ihren Leichnam gesehen? Vielleicht sitzt sie ja irgendwo grinsend mit einem ZĂŒnder in der Hand, bereit einen neuen Holocaust auszulösen?«
»Du meinst, sie könnte noch leben?«
»Bist du nie auf den Gedanken gekommen? Wenn du sicher gehen willst, dass sie tot ist, gibt es nur einen Weg. Wir mĂŒssen auf den Friedhof gehen und ihren Sarg ausgraben. Dann hast du Gewissheit!«
Nox spuckte den Rest seiner Kippe ĂŒber die linke Schulter.
»Als das wĂ€re auf jeden Fall sehr klischeehaft. Zwei schwarze Gestalten, die nachts ein Grab schĂ€nden. Wenn das raus kommt ist unser Ruf fĂŒr immer ruiniert. Dann kann man sich nirgends mehr hinbegeben, ohne das dumme SprĂŒche kommen.«
»Na, wir könnten ja ganz unauffĂ€llig ans Werk gehen. Und wer dumme SprĂŒche reißt, bekommt eine aufs Maul.«
Nox nickte, grinste und stand auf. Er ging auf den betrunkenen Pianisten zu, der versonnen in sein Whiskeyglas schaute, es so zÀrtlich hielt, als wÀre es die Hand seiner Geliebten. Nox riss ihm das Glas barsch aus der Hand und leerte es in einem Zug aus. Dann schlug er dem armen Kerl hart ins Gesicht.
»Liebe ist wie ein Schlag ins Gesicht.«
Nox bewegte sich auf den Ausgang zu. Kim folgte. Vor einem weiteren RubensgemÀlde blieb er stehen.
»Oh, noch ein geschmackvolles Rubensbild. Julia, das schwĂŒlstige MichelinmĂ€nnchen. Kein Wunder, dass es dein Lieblingsetablissment ist. Wusstest du, wie Rubens gestorben ist?
Er hatte eine Lebenslange Fantasie, die dann irgendwann eingetreten ist. Er wollte, dass sich wÀhrend des Orgasmus eine extrem gewichtige Dame auf ihn warf und ihn damit erstickte. So ist es dann auch passiert. Hab ich mir sagen lassen.«
»Du hast ein Rad ab. Nein 
 ein ganzes Radlager! Wenn ich mir so vorstelle, was in deinem Kopf vorgeht, dann sehe ich immer so komische MĂ€nnchen um einen runden Tisch sitzen. Ein Haufen, Zyniker, ein Spinner, ein Clown und irgendwo in der Ecke liegt das geknebelte Gewissen.«
Nox klopfte Kim auf die Schulter.
»Du bist ja nur neidisch, weil ich die Stimmen hören kann und du nicht.«
Draußen hatte es angefangen, wie aus rostigen Gießkannen zu schĂŒtten. In endlosen BĂ€chen prasselte das schwarze Wasser hernieder. In den Regenrinnen rauschte und schĂ€umte es und auf der Straße bildeten sich Rinnsale, die zu FlĂŒssen anschwollen.
Es war ein Wetter, an dem man Hunde rausjagte, die man nicht leiden konnte und irgendwo löste sich ein alter Mann auf, der aus Zucker war und dem Wasser damit nicht gewachsen war.
Der Sturm heulte durch die Straßen, als hĂ€tte er ein Eigenleben. Wie aus dem nichts tauchte eine dunkle Katze auf und nĂ€herte sich Nox, der sich erschreckte und mit seinem Stiefel nach dem struweligen Vieh trat. Kim schrie auf und versuchte Nox aufzuhalten. Die Katze fauchte wie ein Tiger und kratzte Nox ein Loch in die Hose.
»Lass die Katze in Ruhe, die hat dir nichts getan. Ich mag Katzen.«
»Pah, ich hasse diese Fellmaden. Die sollen mich in Frieden lassen. Eine Exfreundin hatte ein solches Krallenviech, das es scheinbar liebte, heimlich meine Kippenschachteln, mit samt den Zigaretten zu zerfetzen. Ich hab dann einmal mit hochrotem Kopf einen selbst gebastelten Handschmeichler aus Speckstein, den das MĂ€del in einer Spezialklinik fĂŒr Borderliner gebastelt hatte, auf den Fellhaufen geworfen. Dieser war flink wie eine Elfe zur Seite gerobbt, sodass der hĂ€ssliche Stein, mit unermesslichem und unwiederbringlichen persönlichen Wert scheppernd an der Betonwand zerplatzt war. Und ich musste mir eine ganze Nacht Geheule anhören und durchlebte zum ersten Mal in meinem Leben eine ganze lange Woche der Enthaltsamkeit. Das wĂ€re ja noch zu ertragen gewesen, aber das unverschĂ€mte, permanente Grinsen des Katzenviechs war nicht zu ertragen. Wozu hĂ€lt man die Biester ĂŒberhaupt? Die geben ha nicht einmal Milch, wollen statt dessen sogar Milch haben. Mir hat mal ne Katze auf die Ledersitze von meinem Audi uriniert. Die hĂ€tte ich am liebsten aus dem fahrenden Auto geworfen und die Besitzerin mit dazu. Und jetzt will ich kein Wort mehr hören.«
Die Katze verschwand in einem HĂ€usereingang und sprang auf den Schoß eines kleinen MĂ€dchens, das dort saß und Seifenblasen pustete, die dem Sturm trotzten wie ein alter SeebĂ€r dem Wellengang. Die Katze fuhr ihre Krallen heraus und schabte sanft ĂŒber die Rillen der abgewetzten braunen Cordhose, die das junge Ding trug.
Nox und Kim verschwanden in der Dunkelheit. Um schneller zum Friedhof zu gelangen, nahmen sie die AbkĂŒrzung durch den Stadtpark. Als der Regen sich steigerte und zu einem endlosen Wolkenbruch steigerte, fanden die beiden Schutz in einem alten, von Efeu ĂŒberwucherten, Pavillon, ein verfallenes Überbleibsel aus romantischeren Zeiten. Nox stand am Rand und blies Rauchschwaden in die Nacht und Kim konnte nicht davon ablassen, ihn ausgiebig zu betrachten. Ihr Herz schlug schwer und unruhig. Ein niegekanntes GefĂŒhl nahm Besitz von ihr. Sie hĂ€tte es nie fĂŒr möglich gehalten, aber es passierte und sie konnte nichts dagegen tun. All die Jahre hatte der Zynismus sie vergiftet und ihr Herz war so kalt wie Trockeneis geworden.
Und nun war sie dabei, sich von ganzem Herzen zu verlieben. Kleine Eissplitter platzten von ihrem Herzen ab und schmolzen dahin. Liebe ist wie ein Schlag ins Gesicht, dachte sie erschreckt. Der Wind fegte durch Nox' kurze Haare und ließ sie in alle Richtungen abstehen.
Eine völlig zerknitterte Zeitung flatterte durch den Wind. Ein Teil löste sich und wehte auf Kim zu. Sie griff danach und las flĂŒchtig die Headline.
Ein neuer Virus sei in der Stadt aufgetreten und habe bereits mehrere Tausend Menschen infiziert. Ein Gegenmittel sei nicht bekannt. Die Infizierten fielen demnach in einen langen Schlaf, aus dem sie nicht mehr erwachten. Man sprach vom Dornröschen-Syndrom. AuffÀllig war, dass die Erkrankten heftige AlptrÀume durchlebten, man sah ihnen die Agonie im Schlaf geradezu an.
Schrecklich, dachte Kim, ein Alptraum aus dem man nicht mehr erwachen konnte 
 mit dem Tod als einziges Ende. Eigentlich hatte sie auch das menschliche Leben immer so gesehen.
Doch nun hatte ihr Herz die Sicht verÀndert. Plötzlich sah sie die Welt mit anderen Augen. Nie hatte sie sich so an der Natur erfreuen können. Bewundernd betrachtete sie die uralten BÀume, die um den Pavillon standen wie mahnende Zeugen einer lÀngst vergessenen Zeit.
Als der Regen ein wenig abgenommen hatte, zogen die beiden weiter. Nox war auffÀllig still.
Er hatte es seit Kims Auftreten erstaunlich gut geschafft, Zoe aus seinem Kopf zu verbannen. Aber nun war sie wieder erwacht und spukte in seinem Kopf herum. Sie hatte alle Menschen an dem runden Tisch blutig gemeuchelt und selbst das Gewissen befreit, das nun die ĂŒbelsten SchuldgefĂŒhle in Nox Kopf zum Leben erweckte. Was, wenn sie noch lebte. Was wĂŒrde sie sagen, wenn sie erfuhr, wie Nox mit Kim geschlafen hatte.
Aber wenn sie tatsÀchlich noch leben sollte, war die Frage naheliegend, weshalb sie nicht Kontakt zu ihm aufgenommen hatte. Zoe hatte Nox auf die schlimmste Art und Weise korrumpiert.
Ohne Zoe, hÀtte er nie einen Menschen getötet. Sie hatte ihn dazu gebracht, die Waffe zu besorgen.
»Was geht da in deinem Kopf vor, Nox? Denkst du an Zoe?«
Nox schĂŒttelte den Kopf und wich ihren durchleuchtenden Blicken aus, wie ein geschickter Hase dem Jagdhund.
Durch ein Loch im Zaun gelangten die beiden zurĂŒck auf die Straße. Kim war zuerst durch die halb zugewachsene Öffnung gekrochen. Nox war ein wenig schwindlig. Haltsuchend lehnte er sich an die Mauer. Ihm wurde schwarz vor den Augen.
Als er sich wieder gefangen hatte, blickte er direkt auf eine PfĂŒtze. Er sah etwas, das wie die Reflexion einer erschreckend schönen Frau aussah, die ganz in blau gehĂŒllt war. Selbst die Haare waren schillernd dunkelblau. Überirdisch, ja irgendwie unmenschlich sah das Wesen aus und schien Nox warnen zu wollen.
Es sprach verzweifelt, aber Nox konnte die Worte nicht verstehen. Nox blickte sich um, aber nirgends war eine Frau zu erkennen, die fĂŒr die Reflexion verantwortlich war. Er wollte Kim bescheid sagen, aber sie war bereits fort, so wie die Reflexion nun verschwunden war.
Typisch, dachte Nox, wie in den Gruselfilmen. Einer sieht etwas Unglaubliches und wenn er es den anderen zeigen will, ist nichts mehr da und alle halten den Menschen fĂŒr total bekloppt.
Also behielt Nox die Sichtung fĂŒr sich und fand Kim schließlich an der Straße. Kim hatte gerade versucht von einem Passanten eine Zigarette zu schnorren, aber der Kerl hatte laut fluchend auf sie eingeredet, ob sie nicht wisse, wie teuer die Dinger sein und wie dreist man sein könnte. Bei einem Prozent Produktionskosten kamen in etwa 99 Prozent Steuer dazu, aber die nĂ€chste Preiserhöhung war bereits verabschiedet. Kaviar und Champus saufen war lĂ€ngst kein Statussymbol fĂŒr reiche Leute mehr, gab es in jedem Pupsi-Markt, aber Filterzigaretten rauchen, war ein Zeichen von grenzenlosem Wohlstand.
Kim war frustriert schrie sie UnsÀgliches hinter dem Mann her. Nox verstand die ganze Aufregung nicht. Er schlug mit seiner Faust mehrmals gegen einen Zigarettenautomaten bis eine Schachtel Kippen heraussprang.
Jahrelange Übung zahlt sich eben aus. Mit einem verschmitzten LĂ€cheln, das einer Fellmade gut zu Gesicht gestanden hĂ€tte, reichte er ihr die Todbringer.
Kim kĂŒsste ihm im Überschwang auf die Wange und hasste sich gleichzeitig selbst fĂŒr so ein liebestolles Verhalten.
Sicher, sie hatte bereits einigen MĂ€nnern das Herz gebrochen, darin war sie gut, aber selbst einem anderen Menschen verfallen zu sein, ließ einen schwach und machtlos werden.
Und nichts hasste sie so sehr, wie machtlos zu sein. Sie hatte immer das Ruder in der Hand gehabt. Nox hatte einmal gesagt, Liebe ist wie ein Genickbruch, was auch eine gute Strophe fĂŒr das bescheuerte Lied des Kneipenklimperers gewesen wĂ€re.
Und Nox hatte recht. Kim nahm bewusst etwas Abstand und schwor sich, die Contenance zu bewahren. Ihre Selbstbeherrschung war doch immer sprichwörtlich gewesen. GefĂŒhle mussten doch unterdrĂŒckbar sein.
Kim war die erste, die ĂŒber die Mauer kletterte. Oben waren gusseiserne Spitzen, an denen sich Kim unbemerkt die Hose aufriss. Sie war viel zu angestrengt gewesen, um es zu bemerken.
Nox war es natĂŒrlich nicht entgangen. Er war noch immer in Gedanken mit Zoe beschĂ€ftigt. Jetzt wo er ihrem Grab so nahe kam, spĂŒrte er ihre PrĂ€senz fast körperlich. Alles Einbildung?
Schließlich hatte man schon Pferde schon kotzen sehen 
 auch wenn jetzt die Biologen protestieren, das sei biologisch nicht möglich.
Kurze Zeit spÀter stiefelten die beiden durch das Gebeinfeld. Nox hatte einen Spaten aufgetrieben, den er lÀssig auf der Schulter trug. Eigentlich hÀtte nur noch schmissige Musik von Ennio Morricone gefehlt, um die Szenerie zu komplettieren.
Nox hatte schon oft gedacht, das Leben wĂ€re nur so scheiße, weil die Filmmusik fehlte. Unbemerkt fingen vier Schatten hinter den beiden an sich zu bewegen.
Dunkle Schergen, die nur einen Auftrag hatten: Nox töten und den Koffer zu beschlagnahmen. In den FÀusten Schnellfeuerwaffen und in den Taschen Klappmesser. Ausgebildete Killer im Auftrag von Karl Oz.
In diesen Tagen waren die Totenanger nicht gerade stilvoll hergerichtet. Überall klischeehafte Trauerweiden und Gipsengel.
Nox hatte von irgendwoher eine Flasche Bier aufgetrieben, keine Ahnung, wie er das schon wieder geschafft hatte und natĂŒrlich wollte die Blase entleert werden. Wieder einmal konnte er es sich nicht nehmen lassen, an einen besonders kitschigen Todesengel zu pinkeln, der sein Ă€sthetisches Empfinden beleidigte. Manchmal musste man schĂ€nden, hin und wieder brandstiften und alle Nase lang ZĂ€hne ausschlagen, um sein Ă€sthetisches Empfinden zu bewahren. Nox war der Typ Mensch, der schon mal einen Waldbrand auslöste, mit weggeworfenen Kippen, um genau zu sein. Wobei ihm WĂ€lder beiweiten lieber waren, als StĂ€dte, denn die Anzahl an Menschen um einen herum war geringer. Je weniger Menschen, desto besser.
Er erinnerte sich daran, wie eine Horde fettleibiger Nordic Walker an ihm und Zoe vorbei gestampft war, mitten im Wald.
Erst war eine Herde Wildschweine aus dem Unterholz geschossen und Nox war die Kippe aus der Hand gefallen. Eine alte Frau in Radlerganzkörper-, ich sag mal -KostĂŒm, was aussah wie ein Mensch im eigenen Darm, um einen bekannten Komiker zu zitieren.
Nox hatte empört gerufen:
»Das hat mir jetzt fĂŒr eine ganze Woche den Appetit verdorben!«
Zoe hatte ihn auf ihre einmalige Art angeschaaut, halb skeptisch, halb verhöhnend.
»Okay. FĂŒr einen Tag. Ein paar Stunden. Zehn Minuten 
 Du sag mal Zoe, hast du noch was zu essen dabei?«
Immer mehr Erinnerungen an Zoe wurden an die OberflĂ€che gespĂŒlt, wie eine schwarze Ölschicht an einen zauberhaften Sandstrand. Eigentlich keine schlechte Sache, so ein schwarzer Überzug, hatte Zoe vollmundig erzĂ€hlt, nur dass es die Tiere trifft, ist fatal.
Aber gegen eine Ölpest, die schwarzĂŒberzogene Surfer und Schwimmer tot an Land spĂŒlt wĂ€re nichts zu sagen. Da mĂŒsste mal dran geforscht werden. Aber statt dessen kreuzen sie gentechnisch Hamster mit Rindern, um milchspendende Haustiere zu erschaffen, die in kleine KĂ€fige passten und nicht so viel Platz wegnahmen wie KĂŒhe. Eine Rasse, die etwas wie Tomoffeln erfindet, hatte Zoe wĂŒtend gerufen, wĂŒnsche ich den Tod.
Kim stand in einiger Entfernung und sah Nox' hlab belustigt und halb angewidert zu. Frauen konnten einfach nicht verstehen, warum MĂ€nner es so liebten, stehend im Freien der Natur ihren freien Lauf zu lassen. Direkt neben Kim tauchte die Katze von vorhin wieder auf und ließ sich streicheln. Instinktiv hatte sie gespĂŒrt, dass Kim eine Katzenliebhaberin war. Sie hasste Hunde wie die Pest.
Nur Hundehalter fand sie noch verabscheuenswerter. Alleine das Wort Herrchen versetzte ihr eiskalte Schauer.
Nox war wieder an ihrer Seite, was sie erschreckender Weise als sehr angenehm empfand. Sie konnte ihre Hand zurĂŒckfahren, die kurz davor gewesen war, seine zu streifen. Nichts kotzte sie mehr an als HĂ€ndchen haltende Paare. Wenn sie dann auch noch im Partnerlook unterwegs waren, konnte Kim ihre Abscheu nicht mehr im Zaum halten.
»Wer kommt auf die Idee, einen Hund zu zĂŒchten, der aussieht wie ein Mops und auch noch so heißt, Nox?«
»Ich hab mir sagen lassen, der HundezĂŒchter hĂ€tte versucht, einen Hund nach seinem Ebenbild zu erschaffen. Was ihm auch gelungen ist. Eine Marotte, die auch Göttern zu eigen ist. Hat der liebe Gott nicht den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen?«
»Dass du auch immer so religiös sein musst, Nox. Aber wenn ich mir so manche deformierte Menschen anschaue, wie man sie nachts um drei im Bielefelder Fastfood-Milieu antrifft, passt das schon.«
»Wo kommt denn die schreckliche Fellmade schon wieder her? Geh mal ein StĂŒck zur Seite, ich will sie wegkicken. Vielleicht können Schweine nicht fliegen, in meiner Gegenwart können es jedenfalls Katzen.«
»Wenn du der kleinen Katze was antust, mach ich dich kaputt, Nox. Da kannst du Gift drauf nehmen. Ich hab dich schon einmal ĂŒber die Schulter geworfen, du TierquĂ€ler.«
Nox wollte gerade nach der Katze treten, als er in der Bewegung inne hielt und Zoes Grab vor sich sah.
Das Grablicht war aus. Jemand hatte mit Graffiti einen Spruch auf den Stein gesprĂŒht: Selbst Unkraut vergeht. WĂŒtend und völlig außer Fassung schrie Nox auf und raufte sich ohnmĂ€chtig seine Haare. Er fand kein Ventil fĂŒr seine Wut. Die Katze war fort und Kim hatte einen sicheren Abstand eingenommen.
Blind vor Wut sah er nicht, wie sich die Schatten aus dem Dunkel lösten und vier Gestalten strategisch und geordnet auf ihn und Kim zukamen.
Lautlos war ein Mann hinter Kim aufgetaucht und hielt ihr den Mund zu, wÀhrend seine Klinge ihre Kehle aufschnitt. Blutend ging sie zu Boden.
Sterbend lag sie hinter einer Hecke, verborgen vor Nox' Augen, der voller Pein und Schmerz in die Knie gegangen war. Er nahm den Spaten und hob Zoes Grab aus. Ihm fiel nicht einmal auf, dass Kim verschwunden war.
Irgendwann stieß er auf einen schmucklosen Sarg, den er komplett freilegte. Mit letzter Kraft öffnete er den Sarg und ehe er einen Blick in das Innere werfen konnte, traf ihn etwas Hartes am Nacken.
Er taumelte, wÀhrend beinah in den Sarg gefallen, konnte dann aber doch aufstehen und sah vier MÀnner mit gezogenen Messern vor sich.
Mit einem gezielten Schlag mit dem Spaten fĂ€llte er den Mann an seiner Seite. Dann rannte er davon. Mit ganzer Wut trat er einen Grabstein um. Er hatte ihn blitzschnell in den HĂ€nde und schlug ihm einen Verfolger ĂŒber den SchĂ€del, der blutend und schreiend in die Knie ging.
Blieben noch zwei ĂŒber.
In seinen Hochzeiten hatte Nox es mit weit mehr Angreifern aufgenommen. In einem kurzen Gerangel besiegte er den Dritten, der bewusstlos zu Boden sank. Der letzte zögerte und griff nach seiner Knarre, die er einmal abfeuern konnte.
Die Kugel durchlöcherte Nox' Schenkel.
Trotzdem gab er nicht auf. Neben ihm lag der umgetretene Grabstein. Er riss ihn hoch und merkte, wie eine weitere Kugel daran abplatzte, womöglich sein Leben rettete.
Mit aller Kraft schmiss er den Stein nach dem Angreifer. Dieser hatte nicht damit gerechnet und bekam den Stein am Kopf ab.
Ohne einen Ton von sich zu geben kippte er um wie ein SĂ€ufer nach dem letzten Schnaps. Nox nĂ€herte sich und stellte fest, dass die Angreifer alle außer Gefecht waren. Nur Kim war verschwunden. Er ließ sich an Zoes Grab nieder und rauchte eine Zigarette.
Ihm fehlte die Kraft, in das Innere des Grabes zu schauen, wo es dunkel war wie die Nacht, erschöpft wie er war, fiel ihm keine bessere Metapher ein. Aber warum sollte man sich immer so umstĂ€ndlich ausdrĂŒcken? Warum das Kind nicht bei seinem Namen nennen.
Ein Lachen ertönte, das Nox schrecklich bekannt vorkam. Er hatte es vergessen wollen. Aber auch wenn er es noch nicht zuordnen konnte, wusste er, dass er dieses furchtbare Lachen nie wieder hatte hören wollen.
Und wenn sein Verstand nicht total im Arsch war, hĂ€tte er dieses Lachen auch nie wieder hören können, jedenfalls nicht in dieser Welt. Es hĂ€tte ihn wohl nicht ĂŒberrascht, damit in der Hölle begrĂŒĂŸt zu werden, aber hier an Zoes Grab war es ein Ding der Unmöglichkeit.
Und da stand sie nun breitbeinig vor ihm, in einem Catsuit. Aus Latex? Mit offenen blonden Haaren, die im Wind wehten wie die zĂŒngelnden Flammen eines Feuers. Ihre Augen schienen zu leuchten. In ihrer Hand eine Schnellfeuerwaffe, gerichtet auf seinen Schritt. Nox wagte es nicht ihren Blick zu kreuzen.
Statt dessen tastete er sein blutendes Bein ab. Heißes Blut benetzte seine HandflĂ€che. Mit letzter Kraft zog er an seiner Kippe, der Ohnmacht nahe. Bitte keine Ansprache, dachte er, einfach abdrĂŒcken.
Aber vielleicht wĂŒrde ihn ja Kim retten. Irgendwo musste sie ja stecken. Eine Rettung in letzter Sekunde. Dieser Gedanke besiegte die Ohnmacht.
»Sieh an! Der kleine Nox schĂ€ndet das Grab seiner eigenen Freundin. Wie tief bist du Gefallen, ohne meine fĂŒhrende Hand? Ach Nox. Du hĂ€ttest reich werden können an meiner Seite. Statt dessen fickst du die erstbeste Schlampe, die deinen Weg kreuzt. Wirst du denn nie erwachsen? Die Welt lĂ€uft nach bestimmten Regeln und die werden von meinem Vater und mir definiert.«
»Tja, es sieht so aus, als seist du am DrĂŒcker. Also halt einfach die Klappe und drĂŒck ab. Denn nichts ist unertrĂ€glicher als dein verlogenes, dummes Gelaber. Und wenn ich so darĂŒber nachdenke, könntest es du gewesen sein, die den Grabstein beschmiert hat. Ist doch dein Stil. Ich hatte gedacht, du seist tot. Ich habe deine Leiche in den SĂŒmpfen in einer Truhe entdeckt. Hast du neun Leben wie diese Fellmaden?«
»Ich weiß nicht, wen oder was du da in den SĂŒmpfen gesehen hast. Aber es ist ein Ort der TĂ€uschungen und Intrigen. Eins ist sicher, diesmal entkommst du mir nicht. Wo ist das Gegenmittel gegen die Seuche?«
»Es ist kein Gegenmittel. Die Seuche existiert nicht. Das Zeug ins nichts anderes, als eine neue chemische Designerdroge.«
»Das ist auch nur, was du denkst. Wenn du wĂŒsstest. Um dich herum sterben die Menschen und du bekommst nichts davon mit.«
Shayne griff nach dem schwarzen Rucksack, der neben dem offenen Grab lag. Darin entdeckte sie die gesuchte Substanz. Mit ausladenden Schritten kam Shayne selbstsicher auf Nox zu. Sie kniete sich ĂŒber ihn, sodass ihre Schenkel sich wie Fesseln um seine HĂŒften legten. Ihre HĂ€nde schlossen sich um seinen Hals. Nox konnte sich nicht entwinden und stellte mit Ekel fest, wie sich ihre lange Zunge wie eine Schlange in seinen Mund presste. Er schloss die Augen und driftete davon. Irgendwo in der Ferne sah er sich von oben liegen und konnte beobachten, wie Shayne mit ihm spielte, wie eine gefĂ€hrliche Katze mit einem gefangenen Vogel. Als Shayne genug gespielt hatte, fesselte sie Nox und dann schwanden ihm komplett die Sinne. Der Blutverlust hatte lebensbedrohliche Ausmaße angenommen. Wenn die Wunde an seinen Bein nicht versorgt wĂŒrde, war der Tod nur noch eine Frage der Zeit. Zeit ist immer das Problem.
Und seine Zeit schien endgĂŒltig abgelaufen zu sein. Keine rettende Kavallerie. Keine Kim, die in letzter Sekunde das Ruder herum riss. Und das war's dann 

__________________
My madness keeps me sane.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!