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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Kinderteller
Eingestellt am 09. 11. 2000 09:52


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Kinderteller
Als Kind versuchte ich immer strukturiert zu essen. Speisen, die ich nicht mochte, die ich aber aufessen mu├čte, waren mir ein absolutes und leider allzu allt├Ągliches Greuel. Es beruhigt mich fast, da├č wohl jedes, ausnahmsweise noch autorit├Ąr erzogene Kind dies hat durchmachen m├╝ssen. Diese p├Ądagogischen Rituale fingen meist sehr harmlos an. Zuerst wurde strahlende Sonne f├╝r den n├Ąchsten Tag versprochen, wenn der Teller leergegessen wurde. Wobei mir stets schleierhaft blieb, was es mit diesen Wetter beschw├Ârenden Fre├čopfern auf sich hatte. Ich kann mich im nachhinein nicht mehr daran erinnern, ob es sich irgendwann einmal gelohnt hat. Dann, als sich dieses fadenscheinige Versprechen als kein ausreichendes Argument erwies, ging meine elterliche Zwangsverk├Âstigungsarbeitsgemeinschaft dazu ├╝ber, jeden einzelnen Bissen einem Verwandten zu widmen, was h├Âchst unappetitlich war, wenn ich diese sowieso nicht mochte.
Irgendwann war ich es leid. Ich ergab mich meinem Schicksal und versuchte, das beste draus zu machen. Und so entwickelte ich die Strategie, immer erst das zu essen, was ich nicht mochte, um mir die Leckerbissen, die zwischen dem Ekel durchaus auch vorhanden waren, f├╝r den Schlu├č aufzuheben.
Ich w├╝rgte Spargel hinunter, stets in der bangen Bef├╝rchtung, er k├Ânne auf dem Weg nach unten mein Rachenz├Ąpfchen erdrosseln. Wie eine Urwaldliane schl├Ąngelten sich die von Mama unsorgsam gesch├Ąlten Spelzen in meiner Speiser├Âhre hinab, nur notd├╝rftig mit Sauce Hollandaise beschmiert, die damals liebevoll "Schmecklecker-So├če" genannt wurde, was mich immer schon argw├Âhnisch werden lie├č. Zumal das eigentliche i-T├╝pfelchen dieser Tunke, der "Spritzer" Zitronensaft, den Vergleich mit einer Flutwelle nicht zu scheuen brauchte, und in mir zusammenzog, was sich zusammenziehen lie├č. Mama neigte dazu, beim Kochen immer ein bisschen vor sich hin zu tr├Ąumen und so war ihre Auffassungen von Prise, Schuss und Messerspitze sehr wankelm├╝tig. Aber neben dem langen Spelzengem├╝se lag oft der k├Âstliche, rosarote, pfannenger├Âstete Lachs aus dem Aldi auf dem Teller.
Oder Rosenkohl. Trotz des sch├Ânen Namens raspelte er mir stets bitter an der Zunge entlang, auch wenn ich mir enorme M├╝he gab, das empfindliche Sinnesorgan nicht zu streifen, da diese Ber├╝hrungen den Brechreiz zu sehr herausforderten. Allein bei dem Gedanken an das unumg├Ąngliche Schlucken unter Mamas Ungehorsam-feindlichen Blicken verbogen sich mir die Mageninnenw├Ąnde. - Doch neben den verhassten Kohlkn├Ąuln, die die Farbe der mi├čgl├╝ckten Mischversuche in meinem Malkasten hatten, lockten mich die Kartoffelpuffer und das Schnitzel mit der Parniermehlhaut - die ich stets peinlich penibel von dem Gem├╝sesud fernhielt. Nichts war schlimmer, als die goldbraunen R├Âstkartoffeln in dieser verkochten Gr├╝nton-Pf├╝tze d├╝mpeln zu sehen.
Oder der gef├╝rchtete M├Âhreneintopf. Diese eingestampfte Pampe mit verkochten Kartoffelbrocken. Das damalige Ger├╝cht, aus ihnen und aus nichts anderem w├╝rden auch jene herrlichen Kartoffelpuffer gefertigt, war eins der gro├čen Mysterien meiner Kindertage. Ich konnte der Einverleibung dieses Breis nur dann ein wenig Spa├č abringen, wenn ich ihn so essen durfte, wie ich wollte. N├Ąmlich in Mustern. Wenn mir Nahrung schon nicht schmeckte, sollte sie mich wenigstens unterhalten.
Ich formte kunstvolle Windrosen in die Matsche, und kleine Landschaften, Labyrinthe und lustige M├Âhrenschattenrisse, denen ihre Ekel-Konsistenz scheinbar nichts ausmachte. Ich a├č sie zu Gesichtern und Figuren, die mir in meiner Phantasie lebensecht erschienen und mich zu ihrem Verzehr noch freundlich aufforderten. Also kehrte ich sie mit dem Schieber, den ich damals noch hatte, auf der Gabel zusammen und balancierte diese so weit es ging, ganz hinten in meinen Mund hinein, mit zusammengekniffenen Augen und tief an den Unterkiefer geduckter Zunge, um nichts was schmecken konnte, meine Bilder auf der Gabel vernaschen zu lassen. Diese phantastischen Gebilde wollte ich in mir aufnehmen, in mich hineinf├╝ttern, damit sie f├╝r immer in mir blieben. Die Bilder wohlbemerkt - nicht das, woraus sie bestanden. Die Vorstellung einer kleinen Speisengalerie in meinem Innern, einer Art Buffet-Vernissage, bei der alles Ekelige einen freundliche und kunstvolle Form erhielt, erweckte in mir eine Euphorie, die mich alles ├ťbel dieser Karotin-strotzenden, gut-f├╝r-die-Augen-seienden Wurzeln vergessen lie├č. Bis Papas entnervte Stimme mich dazu aufforderte, anst├Ąndig zu essen, wie jeder normale Mensch auch, und die gef├Ąhrliche Brisanz in seiner Stimme nach der f├╝nften Ermahnung, lie├č mich widerstandlos gehorchen.
Also a├č ich anst├Ąndig. Von au├čen nach innen. Von "mittlerweile kalt" nach "mundwarm". Wie es sich angeblich geh├Ârte und wie es sinnvoll war.
Und heute? Was ist heute? Wie legt man Gebilde mit D├Âner-Salat? Wie i├čt man Pizza am besten? In Streifen? Oder zers├Ąbelt man den Rand? Oder i├čt man sie, zu Ecken zers├Ąbelt, gleich aus der Hand? Und wenn, macht es dann noch so viel Spa├č wie fr├╝her, wo man sich so k├Âstlich und relativ ungetadelt Finger und Front einsauen durfte? Und was ist mit Spargel oder Kohlrabi, Rosenkohl und Wirsing oder dem allkindisch verha├čten Spinat, den im Vor-Blubb-Zeitalter doch niemand wirklich mochte? Irgendwann haben mich wohl die guten Manieren eingeholt. Wo sind sie hin, die guten alten Zeiten der ├ťbelkeit, der Nahrungszufuhrphantasie und der M├Âhrenbrei-Clowngesichter, die man verspeisen konnte? Was spart man sich heute f├╝r den Schlu├č auf?" fragte ich dich, die du verf├╝hrerisch l├Ąchelnd neben mir lagst, zum Anbei├čen nackt und von der Sommersonne braun gebraten.
"Aber wenn mir etwas wirklich schmeckte," f├╝gte ich grinsend hinzu, "dann leckte ich nachher sogar den Teller ab."
Und als ich dann meinem Hei├čhunger auf dich nachgab und wir nicht unbedingt den Regeln entsprechend daf├╝r sorgten, da├č es am n├Ąchsten Tags sch├Ânes Wetter gab - einmal f├╝r Opi, einmal f├╝r Omi, einmal f├╝r Onkel Otto - da hauchtest du, und es klang wirklich erschreckend verdorben: "Naschen zwischendurch? Wenn das deine Eltern w├╝├čten."

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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 115
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Zu sp├Ąt. - Allerdings mu├č ich dazusagen, da├č speziell meine Frau Mama recht angetan war. Sie ist eine hervorragende K├Âchin und wei├č sehr genau, da├č ich zugunsten der Dramaturgie, die Wahrheit auch mal und ohne Skrupel ver├Ąndere. - Was ich vor jeder Lesung dieser Geschichte erw├Ąhne. Ehrlich.

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Juni
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2000

Werke: 8
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grinsel

Gut ausgefeilte Geschichte.
Da erkennt sich ja fast eine gesamte Generation wieder.
Ich nicht ganz, trotz autorit├Ąrer Erziehung, aber M├Ądchen haben es ja vielfach einfacher mit strengen V├Ątern.
Warum m├Âgt Ihr blo├č alle keinen Rosenkohl?

Tasha

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maskeso
Festzeitungsschreiber
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Ich muss sagen, am Schluss flacht die Geschichte ein wenig ab, da ist langsam die Luft raus. Gerade die letzte beiden Abs├Ątze nehmen ihr dann die "Unschuld", indem das zarte Kindsgem├╝t weggesto├čen und durch den Mann ersetzt wird. Schade eigentlich, denn den Gro├čteil (und an sich auch insgesamt) fand ich wirklich gut.

..ICH mag Rosenkohl
__________________
Die H├Âlle sind wir selbst.

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Juni
Wird mal Schriftsteller
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*lol*

Die Rosenkohlbande gegen den Rest der Welt...

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Ariel Frey
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Registriert: Not Yet

Wieder diese Kleinigkeiten,

die sich im Leben so markant einpr├Ągen. Geniale Idee, wer kennt das nicht? Ich musste unwillk├╝rlich nicken. Aber ich finde, du verl├Ąsst die "Kinderposition" an einigen Stellen. So sch├Ân du Papas strenge Reden und Mamas Blicke schilderst und wie kreativ du die Bilder zeichnest, die man (mit M├Âhreneintopf auf der Gabel?) von au├čen nach innen isst, aber interessiert einen kleinen Jungen, aus welchem Laden der Fisch stammt oder wie gro├čz├╝gig Mama eine Messerspitze oder einen Schuss kalkuliert? An dieser Stelle bricht die Sicht des Erwachsenen leider diese herrliche Kindheitsskizze. Und auch mit dem Schluss realisierst du sehr, obwohl der Vergleich nicht schlecht ist. Schokok├╝sse?

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