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Leselupe.de > Erzählungen
Kinza
Eingestellt am 11. 10. 2002 17:17


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Inge Anna
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Gitta Heimers hatte ihre H√§nde noch l√§ngst nicht in den Scho√ü legen wollen, leider jedoch - ausgerechnet an ihrem 75. Geburtstag - erlitt sie einen schweren Schlaganfall, dessen unbeugsame H√§rte die Zukunft dieser warmherzigen Frau zerst√∂rte. Das Schicksal hatte f√ľr sein grausames Walten jenen feierlichen Augenblick gew√§hlt, als der Jubilarin ein pr√§chtiger Rosenstrau√ü √ľberreicht wurde, den sie gl√ľcklich l√§chelnd in Empfang nahm. Sie bedankte sich in bewegenden Worten, als j√§h ihre Stimme versagte, der Strau√ü ihren H√§nden entglitt und sie kraftlos neben den Blumen niedersank.

Der sofort herbeigerufene Notarztwagen kam unverz√ľglich und brachte die Besinnungslose in das n√§chstliegende Krankenhaus. Im Nebenzimmer des Festlokals unterhielten sich die besorgten G√§ste ged√§mpft. Man wartete bedr√ľckt auf Lianes R√ľckkehr, die noch bei ihrer Mutter im Krankenhaus weilte und - wie jeder hier hoffte, mit keiner allzu schlechten Nachricht von dort zur√ľckkommen m√∂ge.

"Endstation Pflegeheim", t√§uschte ich mich oder hatte wirklich jemand aus der Runde diese bitteren Worte ausgesprochen? Und pl√∂tzlich musste ich an Kinza denken, Gittas schwarz-wei√üen vierbeinigen Sch√ľtzling. Sie hatte das K√§tzchen aus dem Tierheim geholt und ihm bei sich ein neues, behagliches Zuhause geschenkt. Kinza war ein wichtiger Teil ihres Lebens geworden. Und nun w√ľrde das so liebevoll umhegte brave Tierchen vielleicht lange - sehr lange auf Frauchen warten m√ľssen. W√ľrde Liane sich um das K√§tzchen k√ľmmern? Ihr Mann mochte Tiere nicht im Hause dulden. Walter war ein R√ľpel und Gittas Entsetzen war gro√ü, als sie einmal nicht hatte verhindern k√∂nnen, dass er der lebhaften Kinza ungehalten einen heftigen Fu√ütritt versetzte und diese sich kl√§glich maunzend verkroch. Liane war inzwischen mit nichts Erfreulichem aus dem Krankenhaus zur√ľckgekehrt; die Mutter sei rechtsseitig gel√§hmt und das Sprechen bereite ihr gro√üe M√ľhe. Sie sorge sich trotz allem sehr um Kinza und deren k√ľnftige Betreuung. "Ab mit ihr ins Tierheim, von dort ist sie ja schlie√ülich auch hergekommen; man k√∂nnte sie auch einschl√§fern lassen, aber das kostet Geld. Mir w√ľrde da schon was einfallen und das Katzenproblem w√§re gel√∂st", meinte Walter. "Kinza kann f√ľrs erste bei mir leben. Wir m√∂gen uns und wir werden uns bestens vertragen", schaltete ich mich ein. Walter grinste h√§misch, wandte aber nichts ein. Liane ging am Abend dieses traurigen Tages mit mir in Gittas Wohnung, und ich nahm die etwas ver√§ngstigte Kinza mit zu mir.

Ich lernte Gitta Heimers einen Tag vor Heiligabend kennen. Damals arbeitete ich als Helferin in Dr. Hilbigs Tierarztpraxis. Die Frau war mir auf den ersten Blick sympathisch. Die Art, wie sie beruhigend auf ihren kleinen Liebling einsprach und ihm die Angst zu nehmen suchte, ber√ľhrte warm mein Herz. Weihnachten stand vor der T√ľr und hatte wohl ganz leise, aber dennoch vernehmlich angeklopft. So erfuhr ich, dass sie in Kinza ihr sch√∂nstes Weihnachtsgeschenk sah. "Ich habe sie vorgestern aus dem Tierheim zu mir nach Hause geholt. Wir beide werden es uns √ľber die Festtage so richtig gem√ľtlich machen. Meine Tochter mag die Feiertage ja lieber im Ausland verbringen." Letzteres sagte sie mit belegter Stimme, denn die Last der Entt√§uschung wog schwer. Sacht strich meine Hand √ľber Kinzas seidiges Fell. Es gab keinen Grund zur Besorgnis. Dr. Hilbig zeigte sich sehr zufrieden und nach der Untersuchung gab's f√ľr die brave Patientin ein leckeres H√§ppchen.

Frau Heimers kam seitdem des √∂fteren zu uns in die Praxis, denn die Gesundheit ihres Katzenkindes war ihr wichtig. Gitta und Kinza wuchsen mir von Tag zu Tag n√§her ans Herz. Wir besuchten einander, wann immer dies m√∂glich war. Die wohltuende Atmosph√§re ihrer sehr geschmackvoll eingerichteten kleinen Wohnung mochte ich nicht mehr missen. Vertrauen schuf die Festung einer wunderbaren Freundschaft. Und eines Abends tat Gitta sehr geheimnisvoll. Sie √ľberreichte mir freudestrahlend ein in buntes Seidenpapier geh√ľlltes P√§ckchen. "Warte noch, Anna, √∂ffne es sp√§ter - als Betthupferl", stoppte sie mich. Sie hatte jedoch meine Neugier geweckt und so trat ich fr√ľher als sonst den Heimweg an. Die √úberraschung war gelungen. Ich hielt ein B√ľchlein in H√§nden - Gitta Heimers - "Das Gl√ľck hei√üt Kinza". Ich dr√ľckte das B√§ndchen mit feuchten Augen an mich. Bis tief in die Nacht hinein las ich Gittas beeindruckende Aufzeichnungen und f√ľhlte mich mit jeder Zeile der Verfasserin noch enger verbunden.

Ihren 75. Geburtstag wollte Gitta im Kreise von etwa 30 Gästen feiern. Es sollte das Fest der Feste werden, und so stellten wir ein buntes Programm zusammen, das diesem besonderen Tag auch die besondere Note geben sollte und alles wäre zweifellos bestens gelaufen, wenn, ja wenn des Geschickes Mächte sich nicht störend eingemischt hätten.

Gitta ging es zusehens schlechter. Ich besuchte sie t√§glich. Das Sprechen verlangte ihr h√∂chste Anstrengung ab. An einem Mittwoch - es war der 10. Juli - hatte ich bei meinem Besuch das Gef√ľhl, dass eine leichte Besserung eingetreten war. Das Sprechen schien sie weit weniger anzustrengen als bisher. Sie gew√§hrte mir an diesem Sp√§tnachmittag Einblick in den Teil ihres Lebens, den sie stets streng verborgen gehalten hatte. So verging die Zeit schnell und ich musste ans Heimgehen denken. "Anna, ich habe eine gro√üe Bitte. Bring' doch bei deinem n√§chsten Besuch Kinza mit; es wird sich doch sicher einrichten lassen." Ich versprach es ihr, all meine Bedenken beiseite schiebend, dass sich dem Herzenswunsche meiner schwerkranken Freundin ein un√ľberwindbares Hindernis entgegenstellen k√∂nnte. Ich dr√ľckte zur Bekr√§ftigung des gegebenen Versprechens fest ihre Hand und verlie√ü leise das Krankenzimmer. Gegen halb elf schrillte das Telefon. Lianes Stimme klang traurig und fern. Gitta hatte uns am sp√§ten Abend dieses Julitages f√ľr immer verlassen. Ich stand wie erstarrt, und da pl√∂tzlich lie√ü mich ein langgezogenes wehes Wimmern bis ins Mark erschauern. War dieser Schmerzenslaut Kinzas Abschiedsgru√ü? Sp√ľrte das anh√§ngliche Gesch√∂pfchen die Endg√ľltigkeit dieser Trennung? Sp√§ter lag sie auf einem weichen Kissen neben mir, ganz still lag sie und duldete meine reichlich flie√üenden Tr√§nen in ihrem dichten Fell.

Heute ist es drau√üen bitterkalt; doch hier drinnen haben wir's mollig warm. Kinza hat es sich auf meinem Scho√ü bequem gemacht. Im Schein dreier Kerzen suchen meine Gedanken den Weg zu dir. Gestern gab es den ersten Schnee. Kinza fand den Tanz der vielen wei√üen Fl√∂ckchen √§u√üerst aufregend. Jetzt kuschelt sie sich n√§her an mich und schnurrt sich in den Schlaf. Ja, Gitta, das Gl√ľck hei√üt Kinza - und morgen ist Heiligabend.

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Zefira
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Liebe Inge Anna,
das ist eine sehr schöne Erzählung - wirklich aus dem Leben gegriffen! Ich habe sie sehr gerne gelesen!
Vielleicht ein paar Tips zum Stil: Die Wucht des Schicksalsschlages, den Du im ersten Teil beschreibst, k√§me noch besser zur Geltung, wenn Du hin und wieder ein Abs√§tzchen einschalten w√ľrdest, vor allem hinter
>... und sie kraftlos neben den Blumen niedersank. <
Hier braucht man eine Atempause, um sich die Szene richtig vorzustellen.
Auch vor "Endstation Pflegeheim" w√ľrde ich einen Absatz machen und schlie√ülich auch vor
>Liane war inzwischen mit nichts Erfreulichem aus dem Krankenhaus zur√ľckgekehrt;<

Dann Walters Verhalten - polarisierst Du da nicht ein bißchen zu sehr? Viele Leute mögen keine Tiere im Haus haben, das ist eine Sache; aber das arme Tier gleich einschläfern lassen zu wollen, wo doch zu diesem Zeitpunnkt durchaus noch Hoffnung besteht, daß die Patientin irgendwann wieder nach Hause kann - das ist mehr als herzlos. Ich hätte dem Kerl eine gelangt. Das solltest Du vielleicht doch ein wenig entschärfen...

>Gitta und Kinza wuchsen mir von Tag zu Tag näher ans Herz. Die wohltuende Atmosphäre ihrer sehr geschmackvoll eingerichteten kleinen Wohnung mochte ich nicht mehr missen.<
Hier ist ein kleiner Bruch - vielleicht wäre ein Satz dazwischen "Hin und wieder besuchten wir einander" o.ä. angebracht.

Ja, und hier schließlich bin ich mächtig gestolpert:
>Sie gewährte mir an diesem Spätnachmittag Einblick in den Teil ihres Lebens, den sie stets streng verborgen gehalten hatte.<
Das klingt ja, als hätte die Dame eine Leiche im Keller! Entweder solltest Du hier genauer werden - oder die dunkle Andeutung ganz weglassen und nur etwa schreiben, daß sie der Erzählerin mit großem Vertrauen vieles aus ihrem Leben erzählte. Vielleicht litt sie unter der Lieblosigkeit ihres Schwiegersohnes? Ein leichtes Desinteresse der Tochter ist ja weiter vorne auch schon mal angedeutet, iim Zusammenhang mit Weihnachten...


Sind aber alles keine gro√üen Sachen; mir gef√§llt die Geschichte sehr, so liebevoll und einf√ľhlsam geschrieben!

Herzliche Gr√ľ√üe
Zefira

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