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Leselupe.de > Erzählungen
Klagelied für einen Kurden
Eingestellt am 28. 04. 2003 15:32


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Zarathustra
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 108
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Ich möchte eingangs feststellen, dass es mir fern liegt, durch diese Erzählung irgend eine rassistisch gefärbte Stimmung zu erzeugen oder Ausländer und Fremde zu diskreditieren, mir geht es vielmehr darum festzustellen:
Alle sind Opfer!

Klagelied für einen Kurden

1. Lied: PROLOG oder – DIE PROPHEZEIUNG DES BARUCH

(nach den Klageliedern des Jeremia)

Du bist Kurde,
ein Mann
der Leid erleben wird, endlose Pein
durch die Messer ihres Zornes.

Dich werden sie vertreiben; - fort,
dorthin wo Dunkel ist, nicht Licht,
immer wieder schlagen sie mit ihrer Faust –
gerade dich.

Darüber müssen Menschen weinen,
Augen fließen über von den Tränen.
Ach wie fern ist alles was uns tröstet
um unsre Seele froh zu stimmen.

Ganz verstört sind meine Kinder,
weil der Feind so stark erscheint!

2. Lied: – DER AUFTRITT SEINER FEINDE

München, Hauptbahnhof – Untergeschoss; - 21:30 Uhr. –
Oder auch irgendeine andere Stadt der Welt.

Neonlicht erhellt das kalte Dunkel.Und sonst ist alles wie immer:
Rolltreppen, viele Menschen und Gedränge. Oben an der Brüstung lehnen ein paar coole Typen:
Achmed, Hakan und der Ali.

Billige Lederjacken von der Stange, die Ärmel zu lang.
Haare mit Pomade verklebt. Dünne Bärtchen umrahmen rosige Wangen.
Lange Kotletten machen Männer! Starke Kerle. Coole Typen.
Die Hosen aber, hängen runter bis zum Schritt.
Wie bei Babies, nur die Pampers fehlt!

Mit den Händen in den Taschen
tief vergraben;
halten sie fest – alles was sie haben.
Und das scheint mir nicht sehr viel zu sein.

Weiße Leggins kleiden Mädchen. Voll die Bunnys!
Kaum 14 oder 15, und wurden schon zur Frau; - zu Achmeds Braut!Ist das nicht krass?
Grelle Lippen in blassen Kindergesichtern ziehen an der Fluppe. Zwanzig werden es schon sein am Tag.
So bekommen sie ihr Gewicht in den Griff,
und den Abscheu vor sich selbst.
Trotzdem; sie sind lässig, frei und unabhängig. (Fick dich, Spießer!)


3. Lied: – DER KURDE MIT DER KAMELLIPPE

Gegenüber, auf der anderen Seite:
Knoblauchwolken über rosaroten Fliesen
Döner Kebap – scharfer Duft. – verführerisch und fettig.

Hinten auf einem Packen Neuigkeiten, die rote Schlagzeilen herausschreien:
- wo versteckt sich Saddam?
darunter ein Bild
blutende Kinder, noch lebendig – oder schon tot?
Kam jede Hilfe zu spät?

Dort sitzt der Kurde. Ausgelatschte Badeschlappen an den Füssen. Sie sind grindig und schmutzig, genauso wie die Wahrheit die er verkauft. Samstagsausgabe für Eineurozwanzig. Bild dir eine Meinung Mensch!

„Hey Kurde! Kamellippe, - fettig, cooler Kurde! Schenk mir eine Kippe,“
kräht eine von den Bräuten.
Die Kleine mit dem blonden Haar!
Kommt keck näher – stellt die Buffalos mit den rosa Schleifchen auf den hohen Zeitungsstapel! Die Jeans um ihre Hüften sind zu eng. Knappe Tangas zeichnen durch den Stoff ein bisschen Sex für Ali, Achmed und Hakan.
„Geil, die Braut; - ganz professionell;“
Ali, Achmed und Hakan grinsen.
Die anderen Bunnys kichern nur.

Der Kurde mit der Kamelfresse, unrasiert und übernächtigt,
Mitte 40 – schätze ich;
schaut verloren in ihre Augen – zuerst verklebte, schwarze Wimpern,dann nichts als Leere.

Ein Blick auf ihre Brüste, groß und prall, viel zu groß für die Kleine, viel zu schwer für Ali oder Achmed oder Hakan.

Der Kurde aber, denkt an seine Tochter.
Schador, - schwarze Mode aus dem Import – Export Laden.
Lange Röcke aus Synthetik. Dunkler Flaum auf Oberlippe und schwer verknallt in irgendwen.
Schlechte Noten in der Schule. 9. Klasse, Westendviertel. Kurden, Türken und Afghanen alle in der Überzahl.

„Glotz nich so, du Kurdenbock,
dreh mir eine Kippe, schnell!“
Seine Kurdenfinger sind fast schwarz; - da hat die Wahrheit abgefärbt.
Fast schwarz sind auch die Tabakfäden.

Blaue Fingernägel; - abgekaut und eingerissen.
Sie stecken die Fluppe gierig zwischen rote Lippen.
Hastu Feuer?
Kurdentabak, der ist stark!
Stark und giftig in der Lunge.
Sie hustet wie ein alter Mann.

4. Lied: - ECCE HOMO, SEHT WELCH EIN MENSCH....

Der Kurde schaut auf ihren Nabel,
schwulstig nackt, mit Straßsteinpiercing.
Was hat er hier zu schaffen?
Am Hauptbahnhof im Untergeschoss, Freitag Nacht so um 22:00Uhr.
Intefada? Speichellecken, oder einfach – ein bisschen leben?

Sein Sohn, der Älteste, der macht Ernst:
Uni Kairo, Stipendium in Damaskus:

Burn America,
burn down;
surrender Evil,
US - Devil
so schreibt er auf Plakate.

„Hey Kurdenbock, träumst du?“

„Verpiss dich, Schlampe!“
Der Kurde hat genug! Genug für heute, genug von Deutschland... genug von ...
Er dreht sich weg! Weg von uns.
Er schaut nicht blöd wie ein Kamel,
schaut mehr wie ein dummer Hammel,
auf den die Schlächter warten...

Der Kurde hat nicht aufgepasst!
Sein Pech!
Von hinten kommen Ali, Achmed und Hakan.
Die Hände nicht mehr in den Taschen,
Die Hände vor der Brust.

Der Kurde hat ihr Bunny angemacht,
das lassen sie sich nicht gefallen!

Der erste Schlag
trifft ihn ins Genick.
Achmeds Schlag war schwach; - er ist ja fast noch ein Kind!

Der Kurde wirft sich herum,
und schaut die Faust von Ali.
„Ich polier dir die Kurdenfresse, aber ganz fett heftig“!
„Wir werden dich aufklatschen,
die Fisage ver-ritz-ratzen.“

Der Kurde hört den Hohn nicht mehr.
Blut tränkt jetzt die Zeitungsstapel.
Rotes Blut,
Kurdenblut.
Er blutet wie ein Lamm...

5. Lied: – APOKALYPSE NOW

Der Hakan hat ein Messer,
ein langes, scharfes Messer.
Der Kurde hat es jetzt im Bauch.
Er liegt wie auf einer Schlachtbank da!

Irgendwer ruft Polizei!
Ali, Achmed und Hakan werden blass.
Die kleine, blonde Schlampe kotzt!
Der Krudentabak, - Kurdenblut und Ekel.
Die andren Mädchen flennen.

Blut ist kurdisch,
Gewalt ist international.

Zucht und Ordnung müssen her,
stöhnt der feine Herr.
Der alles sah,
zu allem schwieg,
Bild dir eine Meinung, Mensch...
Nur der feine Kaschmirmantel weht eilig hinter ihm.
Wir mischen uns nicht ein!
Wo kämen wir dann hin.

6. Lied: – STABAT MATER DOLOROSA

Stabat Mater Dolorosa
iuxta crucem lacrimosa,
dum pendebat filius

Es stand die schmerzensreiche Mutter
weinend bei dem Kreuz,
während ihr Sohn daran hing....

(nach Psalm 22)
Schau den Kurden, schaut den Menschen,
hingegossen ist wie Wasser,
das bisschen Leben –
auf den Boden unserer Stadt.
Auseinandergerissen
sind seine Eingeweide,
vor Schreck und Schreien –
ist vertrocknet seine Kehle,

wem klebt da nicht vor Gram und Scham
die Zunge fest am Gaumen ?

Sancta Mater, istud agas,
crucifixi figa plagas
cordi meo valide.

Heilige Mutter,
präge diese Wunden
der Todesmarter
tief in meinem Herzen ein...

7. Lied: – EPILOG; AUFERSTEHUNG

Übrigens:
Bei der Aufnahme der Personaldaten wurde festgestellt, dass es sich bei den noch jugendlichen Gewalttätern um den 16 Jährigen Ali Yerdabakan, einen Türken mit deutscher Staatsangehörigkeit,
um den 15 jährigen Deutschen Kevin Meister und um einen 17 jährigen Polen namens Jan Tubilski handelte. Alle sind geständig
Die Mädchenclique? – mit gehangen – mit gefangen!

Der Mann, der alles bezeugen kann,
doch zu allem weiter schweigt.
Eilte dann, so schnell er konnte
heim zu seinem großen Sohn.
Zu spät –
auch hier, war er zu spät!

Der Sohn war fort!
Für immer fort –
Der Drogentot hat ihn geholt!

Der Kurde aber lebt!
Mit einer langen, roten Narbe.
Einer Narbe von der Hüfte bis zur Brust!

Er hat noch mal Glück gehabt!
Bis zum nächsten mal!

__________________
Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! (Bertold Brecht)

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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...unkonstruktives glückwunschtelegramm...

hallo zarathustra,

ein ergreifender und nachvollziehbarer text.für mich am befriedigensten ist die diffuse stimmung, die aus dem klischee kurde = dealer (hier die bild-zeitung, göttlich) und dem drogentoten wohlstandssohn erwächst.
sehr vielschichtig, hat mir ausgezeichnet gefallen - ich habe nichts zu meckern.


grüße

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Zarathustra
Routinierter Autor
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@ Rainer

Danke für deinen Kommentar,

ich habe lange überlegt, ob ich den Text ins Forum stellen soll.

Ich wollte eigentlich nur eine ganz kurze Scene schreiben, als ich am Mittwoch vor Ostern durch das Untergeschoß im Münchner Hauptbahnhof geschlendert bin; - da hat mich dieses Bild von den Zeitungsverkäufer und den herumlungernden Typen total angemacht. Dann aber in der Karwoche, bin ich von den klagenden Gesängen in meiner Pfarrei immer wieder an dieses Bild im Bahnhof erinnert worden. Ich konnte dann nicht mehr anders und habe dieses Bild in die Klagepsalmen eingewoben und die Scene weitergesponnen.
Und die allgemeine politische Lage tut ein Übriges...

Schön dass es dir gefallen hat..
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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

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hallo zarathustra,

herzlichen glückwunsch für diesen gelungenen text! auch ich habe nichts z meckern. ganz lieb grüßt
__________________
Old Icke

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laetitia
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Zarathustra,

Oh Mann, das ging unter die Haut. Inhaltsmäßig. Was mir sehr gut gefällt - stilistisch - ist die Mischung aus Lyrik und Prosa. Gewollt?
Es grüßt

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Zarathustra
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 108
Kommentare: 471
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@Laetitia

Hallo Attila Jo

freut mich, dass dir die Geschichte gefällt.
Das sie unter die Haut geht, war beabsichtigt, aber es ist halt so, dass nicht jedes Stilmittel die Leser anspricht.

Bei dieser Geschichte war die Mischung zwischen Lyrik und Prosa beabsichtigt.

1) Weil ja die Sprache der Jugendlichen im allgemeinen und der Täter im speziellen ja sehr abgehackt ist; kurze Sätze, wenig Text... und so.

2) Wurde ich inspiriert von den Klageliedern des Jeremias und des Baruch in der Bibel. Diese Klagepsalmen sind ja auch eine Mischung zwischen Lyrik und Prosa.

3) Dann dachte ich beim Schreiben auch an die Klageweiber bei Beerdigungen und ihrem Sing Sang.

Das selbe Stilmittel habe ich in der Erzählung:
Der Garten Gethsemane oder der Tod des Jürgen Knappersbusch... gewählt.(aber nicht so exzessiv sondern nur als Test)
Beide Texte sind in der Nacht von Karfreitag auf Karsamstag entstanden...

__________________
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