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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Klos sammeln
Eingestellt am 16. 11. 2002 10:27


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Rolf-Peter Wille
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Klos sammeln


© Rolf-Peter Wille


(Auch diese Geschichte spielt wieder in Taiwan.)


WĂ€re es nur möglich, lieber Leser, so wĂŒrde ich diese Geschichte gern in der Mitte anfangen. Es handelt sich nĂ€mlich um die Geschichte von Herrn Ma..., — aber Sie sehen schon, daß ich auf diese Weise meine Geschichte nicht beginnen kann. Wer interessiert sich schon fĂŒr irgendeinen Herrn Ma. ‘Ma’s’ gibt es vielleicht eine Millionen oder noch mehr in unserer erhabenen Republik, und woher sollen Sie, lieber Leser, ĂŒberhaupt wissen, ob es die Geschichte vom ‘Ba-Tsang’* VerkĂ€ufer Ma oder vom Herrn Minister Ma ist. WĂ€hrend Sie im ersteren Falle die Geschichte sicherlich gelangweilt aus den HĂ€nden legen wĂŒrden, so bin ich fast sicher, daß Sie im zweiteren Falle interessiert weiterlesen wĂŒrden, obwohl ich den Herrn Minister Ma ĂŒberhaupt nicht kenne und noch nicht einmal weiß, ob es in unserer Republik ĂŒberhaupt einen Minister mit dem ehrenwerten Namen ‘Ma’ gibt.

Wenn ich nur den richtigen Titel aussuche, habe ich die halbe Geschichte bereits erzĂ€hlt, und die restliche HĂ€lfte schreibt sich mehr oder weniger von alleine. WĂ€hrend der Herr Minister Ma nur maßgeschneiderte AnzĂŒge trĂ€gt sowie Schuhe, welche erst gestern aus Italien speziell eingeflogen wurden, so trĂ€gt irgendein Ba-Tsang VerkĂ€ufer Ma wahrscheinlich ĂŒberhaupt gar keine Schuhe oder nur eine bestimmte Sorte von Latschen — Sie wissen schon, welche ich meine. Wie leicht ist es doch, einen bestimmten Typus zu beschreiben. Der Ba-Tsang VerkĂ€ufer kann natĂŒrlich niemals Minister werden, wĂ€hrend der Minister seine italienischen Schuhe sicherlich auch noch im Bett anbehĂ€lt. Doch gibt es leider auch Leute — wie Sie, lieber Leser, und auch ich — die stĂ€ndig ihre Rolle wechseln, und die man daher gar nicht so leicht beschreiben kann. Zwar treten wir wohl nie als Minister auf und auch Ba-Tsang mĂŒssen wir nicht verkaufen, doch brauchen wir nur auf die Straße zu gehen — und sofort sind wir ein FußgĂ€nger. Ein wenig spĂ€ter winken wir ein Taxi heran — und sofort sind wir ein Fahrgast. Dann gehen wir in den Department Store und sind ein Kunde, im Konzert sind wir ein Zuhörer, und wenn wir ins Ausland fahren, werden wir sogar zu AuslĂ€ndern.

Den meisten von uns ist dieses Neben- und Durcheinander von verschiedenen Rollen nicht bewußt. Wir schlĂŒpfen stĂ€ndig in eine neue IdentitĂ€t, so als wĂŒrden wir lediglich ein frisches Hemd anziehen. Doch gibt es auch ganz andere Personen, die in diesem Wirr-warr nicht blind umhertappen sondern zielbewußt nach oben streben. Sie beginnen als LumpenhĂ€ndler und sind wenig spĂ€ter MillionĂ€r. Ich merke es schon, lieber Leser, Sie glauben mir nicht...; doch gerade dieses ist die Geschichte von jenem Herrn Ma, der sogar ohne besondere eigene Energie — nur wie der ‘Surfer’ auf den Wellen tanzt — von der Kraft der Gesellschaft selbst nach oben getragen wurde und in nur sehr kurzer Zeit von einem gemeinen Klosammler zu einem Ă€ußerst wichtigen Kulturabgeordneten..., — doch jetzt habe ich mich bereits verplappert. Durch meine Schwatzerei erreiche ich noch, daß Sie ĂŒberhaupt nicht mehr weiterlesen wollen. Wenden wir uns also schnell dem Helden unserer Geschichte — dem guten Herrn Ma — zu.

Am Anfang war dieser Herr Ma ĂŒbrigens weder Klosammler noch Kulturabgeordneter sondern lediglich ein gemeiner Cellist. Das ist zwar nichts besonders tiefstehendes, aber eine hervorragende Position ist es auch nicht gerade. Bereits unter den Musikern hat der Cellist zumeist nur eine recht sekundĂ€re Funktion. Der ĂŒberragende Intellekt eines Pianisten, oder manchmal auch Dirigenten, zum Beispiel sind ihm zumeist völlig fremd. Aber auch die starke Persönlichkeit einer Primadonna fehlt dem Cellisten, obwohl viele durchaus wie eine Primadonna auftreten. Auch die Brillanz eines Geigers ist fĂŒr die Cellisten unerreichbar, und obgleich viele von ihnen mit Vorliebe in den hohen Lagen des Cellos wie wild mit ihren Bögen herumfuchteln, so entlocken sie ihren bedauernswerten Instrumenten doch zumeist nur ein schmerzvolles Jammern, welches jedoch von ihnen selbst als der Inbegriff des edlen Klanges an sich verehrt wird, weshalb sie in ihrer Bewunderung fĂŒr sich selbst bestĂ€ndig den Kopf schĂŒtteln.

Eine TĂ€tigkeit wie das Cellospielen kann nicht ohne Einfluß auf den Charakter bleiben. Man sagt hĂ€ufig, daß ein Hund nach einiger Zeit die Charaktereigenschaften und sogar GesichtszĂŒge seines Herrchens annimmt. Dies ist natĂŒrlich etwas einseitig gesehen, und jedem klar-denkenden Hund wĂŒrde es sich genau andersherum darstellen, nĂ€mlich daß der Mensch die ZĂŒge des Hundes angenommen hat.

Nun will ich nicht behaupten, daß die Cellisten nach einer Weile die ZĂŒge ihres Cellos annehmen, wenngleich dies in den meisten FĂ€llen nur zum Vorteil der Spielenden wĂ€re. Doch behaupten manch böse Zungen, daß viele Cellisten aufgrund der besonderen Form und weiblichen Rundung ihres Instrumentes einen gewissen Hang zum Charmeur und Frauenhelden haben. Ich möchte hier keine großartigen Spekulationen entwickeln, doch wird man zugeben mĂŒssen, daß das stĂ€ndige Tragen des Cellos sowie die besondere Spielhaltung ein gewisses BedĂŒrfnis nach körperlicher NĂ€he wecken können, welches wohl bei einigen Cellisten hin und wieder dazu fĂŒhrt, daß sie in einem Anfall von geistiger Abwesenheit ihre SchĂŒlerinnen mit dem Cello verwechseln. Übrigens werden derartige Fehlgriffe gerne entschuldigt und gehören sozusagen zum Berufsbild eines Cellisten — genauso wie die italienischen Schuhe zum Minister. Man muß den Cellisten auch zugute halten, daß derartige romantische BedĂŒrfnisse stets charmant und in wĂŒrdigem Stil befriedigt werden. Die Wahl des Objektes ist deshalb eher nebensĂ€chlicher Natur. Schließlich ist das Cello ja nicht irgendein Holzkasten (wie zum Beispiel die Gitarre) sondern ein altehrwĂŒrdiges beseeltes Instrument.

Daher mag es auch kommen, daß der gute Ma — der ĂŒbrigens in allen Eigenschaften dem hier beschriebenen Bild eines Cellisten völlig entsprach — einen ganz besonderen Hang zu den Ă€lteren und edlen Sachen entwickelte (mit Ausnahme der SchĂŒlerinnen natĂŒrlich, die in der Regel noch nicht das sechzehnte Lebensjahr erreicht hatten). Er besaß nicht nur eine Sammlung von recht wertvollen Streichinstrumenten, sondern wußte auch recht ausgefallene chinesische Instrumente in seinem Besitz. Die Pfeifensammlung von Herrn Ma war genauso umfassend und wertvoll wie seine Kollektion alter chinesischer Teekannen. In typisch cellistischer Schlampigkeit hatte Herr Ma seine Kunstobjekte durchaus nicht geordnet, sondern sie standen recht willkĂŒrlich in seiner kunstvoll schlampigen Wohnung.

Lieber Leser, ich merke schon, daß Sie recht ungeduldig werden — zu Recht, wie ich zugeben muß. Ein gewöhnlicher Cellist, der hin und wieder seine SchĂŒlerinnen verfĂŒhrt und Pfeifen sammelt — hieraus kann sich bestimmt keine interessante Geschichte entwickeln. Doch warten Sie noch einen Moment, bevor Sie diese ErzĂ€hlung aus den HĂ€nden legen. Meine Geschichte beginnt nĂ€mlich erst hier. Sicher — der alte Ma ist kein besonderes Genie — noch nicht einmal ein anstĂ€ndiger Professor — und ein Minister schon gar nicht. Doch haben mitunter auch ganz gewöhnliche Personen das Zeug zu genialen Leistungen, wenn nur der Zufall etwas behilflich ist. Zwar will ich auf keinen Fall behaupten, daß das Sammeln von Klos und Pißpötten genial ist, aber merkwĂŒrdig kann man es schon nennen, wie der alte Ma es fertigbrachte, mit solch einer nichtsnĂŒtzigen und skurrilen Sammlung eine derart ungerechtfertigte PopularitĂ€t zu erlangen.

Dabei haftete dem Erwerb dieser Sammlung ĂŒberhaupt nichts Außergewöhnliches an. Ma, der auch eine Sammlung blau-weißen Porzellans besaß, entdeckte eines Tages zufĂ€llig ein blau-weißes Klo in der Sammlung eines Freundes und Ă€ußerte sich ĂŒber diese Entdeckung in so ĂŒberschwenglichen Worten, daß der Freund gar nicht anders konnte, als ihm das Klo letztendlich zu schenken. Als geborener Sammler kaufte sich Ma noch in kurzer Zeit eine Reihe weiterer Klos von Ă€hnlichem Alter und Farbe, die er meistens in ein paar obskuren AntiquitĂ€tengeschĂ€ften auftrieb. Bei den Pißpötten handelte es sich um recht grobe, dickbĂ€uchige Kannen, welche vorne eine kleinere Öffnung hatten, so daß ihr Gebrauch ganz offensichtlich von Angehörigen des mĂ€nnlichen Geschlechts betrieben wurde. ‘Weibliche’ Pißpötte konnte der alte Ma merkwĂŒrdigerweise nicht auftreiben — eine Tatsache, die mir bei meiner fortschrittlich gesinnten weiblichen Leserschaft sicherlich noch zum Nachteil gereichen wird.

Es versteht sich von selbst, daß Ma seine neueste Sammlung nicht irgendwo in der Garage versteckte sondern sie voll Stolz im Wohnzimmer unter seine Teekannen und Pfeifen mischte. Dem empfindsamen Leser sei hier versichert, daß Ma seine Teekannen nicht mehr zum Trinken benutzte. Eine zufĂ€llige Verwechslung schien also ausgeschlossen.

Ich muß an dieser Stelle ĂŒbrigens zugeben, daß sich Ma seine Sammlung nicht nur aus alberner Eitelkeit zugelegt hatte sondern allmĂ€hlich in der Tat einen gewissen Geschmack an den Objekten fand, wenngleich die Rundungen jener GefĂ€ĂŸe sehr viel unedler waren als die seiner Cellos oder SchĂŒlerinnen.

Seltsamerweise war Ma auch nicht der einzige, der von dieser Zuneigung ergriffen wurde. WĂ€hrend seine Pfeifensammlung frĂŒher nur allgemeines GĂ€hnen hervorgerufen hatte, erfreute sich seine Klosammlung wachsender Beliebtheit, und einige Besucher schienen ĂŒberhaupt nur gekommen zu sein, um jene antiken Klos zu sehen, obgleich dies natĂŒrlich niemand zugab. Eine leichte Neigung zu Zweideutigkeiten und zum AnzĂŒglichen scheint in allen Gesellschaften stark verbreitet zu sein. Die eigenartige Diskrepanz zwischen dem ordinĂ€ren und dreckigen Objekt einerseits und einem historischen Abstand und scheinbar kultureller Bedeutung andererseits erschien von fast unwiderstehlichem Reiz.

Es ließ sich also sozusagen gar nicht vermeiden, daß die Kunde von Ma’s Klosammlung allmĂ€hlich in die Öffentlichkeit drang, zumal der cellistische Charm von Ma einige Zeitungsreporterinnen zu verschiedenen ‘Klo-artikeln’ inspirierte. Berichte ĂŒber Klosammlungen sind im allgemeinen politisch neutral und werden gern gelesen. Die Wirkung dieser an sich sehr kurzen Zeitungsnachrichten ĂŒbertraf dann auch alle Erwartungen bei weitem.

Obgleich Ma’s frĂŒhere Konzerte und öffentliche Auftritte meist ein durchaus respektables Echo in der Presse gefunden hatten, so schien sich jedoch niemals ein Leser ernsthaft interessiert zu haben. Wie anders hingegen die Begeisterung fĂŒr Klosammlungen! Bereits wenige Stunden nach Erscheinen des ersten Artikels erhielt Ma GlĂŒckwunschanrufe und wurde auf der Straße angesprochen.

Einige AntiquitĂ€tenhĂ€ndler meldeten sich durch bestimmte MittelmĂ€nner bei Ma und ließen anfragen, ob dieser noch an weiteren Erwerbungen interessiert sei. Hierdurch geschah es, daß Ma’s Sammlung in kurzer Zeit auf das zehnfache anwuchs und sicherlich die umfangreichste Klosammlung der Welt (wahrscheinlich mit Ausnahme derjenigen von Prinz Charles) genannt werden konnte. Die Klos verdrĂ€ngten mehr und mehr die Teekannen und Pfeifen in Ma’s Wohnung, und sein Wohnzimmer konnte man ohne weiteres als ein riesiges ĂŒberdimensioniertes Scheißhaus bezeichnen.

Die cellistische Eitelkeit von Herrn Ma ließ ihn allmĂ€hlich die Perspektive fĂŒr Anstand und Sitte verlieren. Er kaufte sich eine riesige Wohnung, die er als großartigen Ausstellungsraum fĂŒr seine Sammlung umbauen ließ. Er lebte mehr und mehr fĂŒr seine Klos und vergaß sowohl seine Cellos als auch seine SchĂŒlerinnen.

Der Klosammler Ma — so mĂŒssen wir ihn nun leider nennen — erdreistete sich sogar, eines seiner Klos an Prinz Charles zu schicken — so behauptete er jedenfalls. Ein Antwortschreiben, in dem sich der Prinz ĂŒberschwenglich fĂŒr das wertvolle Geschenk bedankte, ließ Ma in Gold rahmen. Ob dieser Brief echt war? Wer weiß — ich persönlich glaube es jedenfalls nicht. Immerhin jedoch erschien dieses Schreiben in allen wichtigen Tageszeitungen, und der Klosammler Ma war mit einem Schlage eine nationale BerĂŒhmheit geworden. Fast tĂ€glich drĂ€ngten sich die Fernsehreporter in Ma’s Wohnung. Ma selbst, der nur noch die teuersten Dauerwellen trug, erschien regelmĂ€ĂŸig bei TV Quiz-sendungen sowie als besonderer Gast bei zahlreichen kulurellen Veranstaltungen. Ma ließ sich Visitenkarten anfertigen in der Form von Klos, und eine bestimmte Fabrik begann tatsĂ€chlich, Teekannen fĂŒr den ‘Lau Ren Cha’** in der Form von Ma’s maskulinen Miniaturpißpötten anzufertigen.

Im ĂŒbrigen jedoch wurde Ma jetzt fast nur noch ‘AntiquitĂ€tensammler’ und ‘Kulturexperte’ genannt. Man fragte ihn hĂ€ufig um Rat in Bezug auf unsere kulturelle Vergangenheit.

Der AntiquitĂ€tenhĂ€ndler Ma fĂŒgte sich durchaus in diese Rolle. Er vermied es, westliche AnzĂŒge zu tragen und trat nur noch wie ein chinesischer Gelehrter in schwarzer Robe auf. Auch seine Kontaktlinsen hatte er nun durch eine Brille ersetzt. Er trug auch keine Lederschuhe (wie ein gewisser uns nunmehr bekannter Minister), auch keine Latschen (wie ein uns bekannter Ba-Tsang VerkĂ€ufer) sondern bekleidete seine FĂŒĂŸe historisch bewußt mit ‘Bu Shië’ [Stoffschuhe] .

Sein Ausstellungsraum war ĂŒbrigens schon seit einiger Zeit einem richtigen AntiquitĂ€tenmuseum — dem ‘Ma Museum’ — gewichen. Die Spezialbusse aus dem SĂŒden und auch die klimatisierten mit den japanischen Touristen, welche bisher nur beim Palastmuseum und PrĂ€sidentengebĂ€ude haltgemacht hatten, fuhren nun auch zum Ma Museum, und die erfreuten Touristen zahlten gern den stark ĂŒberhöhten Eintrittspreis.

Das Ma Museum hatte eine bestimmte intime AtmosphĂ€re, welche man oft bei anderen Museen vermißt. Ma war immer persönlich anwesend und weihte die GĂ€ste in die besonderen Geheimnisse unserer alten Kultur ein. Die Klos waren jetzt ĂŒbrigens nur noch ein kleinerer Teil dieser Ausstellung und eher von sekundĂ€rer Bedeutung.

Der AntiquitĂ€tensammler Ma wurde wegen seiner besonderen Verdienste um den Wiederaufbau unserer Kultur als einer der zehn ‘Outstanding Gentlemen’ unserer Republik ausgewĂ€hlt und erhielt auch kurze Zeit spĂ€ter einen Lehrstuhl fĂŒr Kulturgeschichte an der XY UniversitĂ€t.

Lieber Leser — Sie protestieren? Kann ein Klosammler wirklich zum Kulturabgeordneten promovieren? Unsere Gesellschaft ist — zugegebenermaßen — etwas oberflĂ€chlich, aber so absurd ist sie doch nun wieder nicht. Fast glaube ich es auch nicht, lieber Leser, aber lassen Sie mich weitererzĂ€hlen, da unsere Geschichte noch keinen Schluß hat — und eine Geschichte muß ja bekanntlich einen Schluß haben. Sollen wir also den Herrn Professor Ma noch weiter hinaufsteigen lassen und ihn sogar noch zum Minister (mit italienischen Schuhen) ernennen? Aber nein — das wĂ€re dann doch etwas ĂŒbertrieben. Auch meine Karriere als Schriftsteller wĂ€re dann sicherlich beendet.*** Wir könnten den guten Ma natĂŒrlich einfach ins Klo fallen lassen und einmal tĂŒchtig ziehen. Damit hĂ€tten wir alle Probleme weggespĂŒlt. Aber dieses Ende ist doch recht absurd und lĂ€ĂŸt die ganze Geschichte — die ja zum Teil wahr ist — wieder recht unwahrscheinlich erscheinen.

Ma könnte natĂŒrlich auch alle seine Klos an einen reichen Japaner verkaufen und sich mit dem Geld ein Haus in Kalifornien kaufen — aber so einen Schluß hatten wir schon einmal bei einer frĂŒheren Geschichte.****

Lassen Sie mich also lieber die Wahrheit erzĂ€hlen, die — wie so hĂ€ufig — noch merkwĂŒrdiger ist als alle Phantasie. Der Ruhm von Ma’s Sammlung war natĂŒrlich inzwischen auch ins Ausland gedrungen. Doktorarbeiten wurden geschrieben, und auch eine spezielle Kommission amerikanischer ArchĂ€ologen schickte sich an, Ma’s AntiquitĂ€tensammlung zu untersuchen. Doch kam es hierbei leider zu einer recht bösen Überraschung: Die Fachleute analysierten die organischen RestbestĂ€nde der Klos und Pißpötte recht grĂŒndlich im Labor und stellten dabei ĂŒberraschenderweise fest, daß das Ă€lteste von Ma’s Klos ein ehrwĂŒrdiges Alter von ungefĂ€hr vier oder fĂŒnf Jahren hatte.

Lieber Leser — ich brauche wohl nicht mehr zu erzĂ€hlen, daß Ma nach dieser Entdeckung noch viel berĂŒhmter wurde und tĂ€glich in der Presse erschien — nur — sein Museum mußte leider geschlossen werden. Auch die XY UniversitĂ€t teilte ihm alsbald mit, daß sich dieses Semester leider nicht genĂŒgend Studenten fĂŒr seine Vorlesung eingeschrieben hĂ€tten.

Was sollen wir nun also mit ihm machen — dem KlobetrĂŒger Ma? Steht er jetzt an der Ecke und verkauft Ba-Tsang? Vielleicht sogar unechte Ba-Tsang ohne Ba [Fleisch] (wie es gar nicht so selten vorkommt)?

Nein — durchaus nicht! Der alte Ma wurde wieder das, was er schon eigentlich immer war: ein gemeiner Cellist.


* ‘Chung-Tze’ auf Mandarin: ‘KlĂ¶ĂŸe’ aus ‘klebrigem’ Reis, fettem Fleisch und anderen Zutaten, in aromatische BlĂ€tter als Tetraeder eingewickelt und gedĂ€mpft (etwas Ă€hnlich wie griechische gefĂŒllte WeinblĂ€tter, aber viel grĂ¶ĂŸer), werden auch von fahrenden VerkĂ€ufern auf der Straße ausgerufen (heute nur noch ĂŒber Lautsprecher...).

** ‘Alte Leute’ Tee: UrsprĂŒngliche chinesische Zubereitung des Tees mit winzigen Kannen und Tassen, die im Teebad erhitzt und gewaschen werden.

*** Diese Geschichte entstand zur Zeit des 'Martial Law' (Kriegsrecht). Heute könnte ich Ma sicherlich sogar zum PrÀsidenten der Republik aufsteigen lassen.

**** Die Moritat vom RotkÀppchen und dem Klavier

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