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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Konrad Adenauer
Eingestellt am 26. 05. 2004 11:28


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paisible
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Apr 2004

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Konrad Adenauer. Konrad Adenauer geh├Ârt zu den Menschen, ├╝ber die jeder Hobbyautor gerne schreibt, kann man so von seinen eigenen Fehler absehen. Schliesslich ist Konrad Adenauer so normal, dass die eigene Normalit├Ąt, der eigene Versuch auszubrechen aus dem System der Normalit├Ąt der Langeweile, schon fast einer Hollywood Revolution im 16:9 Format mit Dolby Digital Untermahlung gleicht. Deshalb sind Konrad Adenauers dieser Welt auch gerne Objekte von Texten wie diesem. Zu Konrad Adenauer ist zu sagen, er ist Mitte 40 hat ein gepflegtes ├Ąusseres, welches sich perfekt in die vielen Regale der Migros integriert. Er ist weder schwul, noch hat er das Bed├╝rfnis kleinen Kindern an die W├Ąsche zu gehen. Konrad Adenauer ist ein wenig farbenblind, gerade soviel, dass es gereicht hat f├╝r den Milit├Ąrdienst. Er hat Angst vor dem Dunkeln und auch vor dunklen Menschen. Seine sch├Ânsten Erlebnisse geh├Âren der Vergangenheit an, was er nicht bereut, denn dies waren schliesslich Jugends├╝nden. Mit seiner Brille, Filemann was sonst?, bildet er sich seine Meinung vom Leben. NZZ. Blick. Konrad Adenauer geh├Ârt zu den Menschen die noch echte Prinzipien haben. Gefickt wird in Missionarstellung. Steuern werden bezahlt. Das WC Papier muss Qualit├Ąt 4 haben, weich aber nicht flauschig. Schliesslich soll es ein wenig Schmerzen, wenn er seine Scheisse abwischt. Konrad Adenauer. Ein Mensch den wir alle kennen. Ein Mensch mit dem man stundenlang reden k├Ânnte ohne Angst haben zu m├╝ssen er wirft einem aus der Bahn. Konrad Adenauer. Ein Christenhasser.

Letzten Sonntag, nichts ahnend sass ich in der Kirche, wollte wieder mal ein wenig Gott zuh├Âren, von Gott h├Âren, ├╝ber Gott h├Âren, was Gott so gemacht hat erh├Âren, wollte h├Âren, und eigentlich war mir nur langweilig, oder besser gesagt ich hatte kein Schlafplatz, und die Kirche war offen und die neuen B├Ąnke waren flauschig und da ich so oder so Kirchensteuer zahle nahm ich mir das Recht auch mal dort zu n├Ąchtigen, eigentlich spielt es keine Rolle, ich war da, und Konrad Adenauer auch und so kam es, dass meine erste Begegnung mit Konrad Adenauer in der Kirche von statten ging.

Die Predigt nahm seinen ├╝blichen Lauf. Aufstehen. Hinsetzen. Aufstehen. Hinknien. Abliegen. Aufstehen. Heil Christi. Absitzen. Kopf sch├╝tteln. Absitzen. Ich sitz ja schon? Aufstehen. Weiter gehen. Vergehen. Langeweile. Mitsingen. Denken. Vergeben. Beten. Abliegen. Knien. Einnicken. Aufwachen. Aufstehen. Abgehen. In sich gehen. Gott f├╝hlen. Sack kratzen. G├Ąhnen. Abknien. Auf die Uhr schauen. Aufstehen. Stehen bleiben. Stehen bleiben. Stehen bleiben. Wie lange verdammt muss ich noch stehen bleiben. Endlich absitzen. Wieder aufstehen. Absitzen. Knien. Das ├╝bliche halt.

So in Mitte der zweiten H├Ąlfte, knapp 40 Minuten waren gespielt, der alte Pfarrer (ob dieser Pfarrer sich echt auch an Kinder vergreift?) hatte gerade sein Rezeptbuch f├╝r gute Menschen beiseite gelegt, und fing an vom immer wiederkehrenden Abendmahl zu reden. Seine Worte lauschend machte ich mich, Hey alle haben Hunger, auf und stellte mich in die Reihe. In die Reihe voller Christen, vor mir Konrad Adenauer, um darauf zu warten, bis ich die Ehre habe den Leib Christi entgegen zu nehmen.

„Und das ist der Leib Christi!“
Konrad Adenauer verweigerte. Er ist Vegetarier. Doch nicht genug. Ein einfaches, „Sorry aber den Leib Christi zu verspeisen, wiederspricht mir als Vegetarier“ h├Ątte gen├╝gt. Gleich die ganze Schlange als barbarische Menschenfresser zu betiteln war wohl ein wenig gar unerwartet f├╝r die L├Ąmmchen Gottes, die vor und hinter mir und ├╝ber mir und ├╝berall um mir verdutzt auf Konrad Adenauer schauten. Um seiner Abneigung noch einen gewissen theatralischen Effekt zu geben, begann er gen├╝sslich am Zehen des gekreuzigten Jesus zu lecken. Um den faden Geschmack des Steins ein wenig zu untergraben, griff er auf atheistische Weise nach der Senftube, die er anscheinend dabei hatte. „OH ja, Jesus, dein Leib ich will dein Leib, aaahhh du geiles St├╝ck Fleisch, Jesus jaaaaaaa, lass mich dein Leib essen“. Emp├Ârung. Aufschrei. Nochmals verzeihen. Christen sind Muschis. Schweizer sind Muschis. Schweizer Christen sind das Ergebnis von Muschi + Muschi. So waren zwar alle emp├Ârt ja sogar entsetzt, eingeschritten oder gar aufrichtig Konrad Adenauer blutig niedergeschlagen weil man halt selber Prinzipien hat, hatte niemand. Und so lag das Schicksal des Jesus Zehen und der Dauer dieser Situation im allgemeinen nur an der Menge Senf die Konrad Adenauer mitgebracht hatte. Da Senf nun mal nicht g├Âttlich und deshalb auch nicht ewig ist, konnte das Abendmahl in die zweite Runde gehen.

Beim Griff zum Kelch, „und das ist das Blut Jesus, sein Lebenssaft, den er f├╝r euch vergossen hat“, konnte man als rational denkender Mensch der selbsternannt die Zusammenh├Ąnge sieht, schon erahnen das dies das Stichwort f├╝r Konrad Adenauer sein musste. Mit bestimmten Schritt lief er Richtung Altar. Entweder war sein Knopf an der Hose nicht die beste Qualit├Ąt oder er hat bewusst daran rumgespielt, was z├Ąhlt war das Endergebnis: Konrad Adenauer stand als gut angezogener Mann von seiner neuen Bank die von Kirchensteuer bezahlt wurde auf, und hielt nur noch in Unterhosen, er trug einen dieser h├Ąsslichen M├Ąnnerslips, bei denen man aufrichtig zu seinen knappen 14cm stehen muss, bekleidet vor dem Altar. Mit einem stundenlang ge├╝bten Griff, schlug er den Kelch des Lebens aus der Hand, des bleich werdenden Priesters und machte einen Herzhaften Sprung auf den Altar. Seiner erh├Âhten Position bewusst, ergriff Konrad Adenauer das K├Ârperteil, was ihn ohne Zweifel zum Mann machte. „Oh Lord, oh Lord, Jaaaa, Oh LOOORD“ onanierend schreiend, schreiend onanierend, versuchte er die Anwesenden davon zu ├╝berzeugen, endlich den waren Lebenssaft zu trinken. Das dies, gerade bei den ├Ąlteren Anwesenden nicht gerade zu „Go Jesus, Yeah Jesus“ – Anfeuerungsrufe verhalf, war irgendwie verst├Ąndlich.

Was bleibt, ich habe Konrad Adenauer nachdem sich die Messediener den Mut gefasst haben, Konrad Adenauer vom Altar zu stossen und diesen aus der Kirche zu vertreiben, nie mehr gesehen. Ich selber, ging selbst nicht mehr zu Kirche. Irgendwie ist es mir einfach zu viel. Diese Christen.

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

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Hallo paisible,

sch├Âne, heitere Story. Ein paar lustige Stellen sind da drin, so dass ich den Text am├╝siert gelesen habe. Im Nachhinein sind mir zwei, drei Sachen aufgefallen:

Es geht um Konrad Adenauer und es wird ja wohl Bezug auf die reale Person genommen, die 1967 starb. Die Story scheint aber in der Gegenwart zu spielen. Adenauer soll eine Filemannbrille tragen und ist 40. Also doch wohl eher eine allegorische, symbolische Figur f├╝r den deutschen Normalb├╝rger. Also kein Charakter, sondern ein Allgemeinbild.

Dass dieser Konrad Adenauer so normal ist und die Missionarsstellung favorisiert ÔÇô ein Hinweis auf eher christliche Einfl├╝sse ÔÇô widerspricht m.E. seinem Verhalten in der Kirche. Warum flippt er so pl├Âtzlich aus? Und ausgerechnet gegen das Christlich-Kirchliche, dessen bieder-verklemmte Auspr├Ągung ihn charakterisiert. Was hat er die Jahre vorher gemacht: Ist er nie zur Kirche gegangen oder hat er ruhig in der Kirche gesessen? Und warum nun die gro├čer, am├╝sante Show?

Eine ├Ąhnliche Frage stellt sich beim Ich-Erz├Ąhler. Er gibt sich durch viele (ironische) Hinweise als progressiv zu erkennen. Ich frage mich ein wenig, warum er ├╝berhaupt in der Kirche sitzt. ("Letzten Sonntag nichtsahnend sa├č ich in der Kirche..." "Die Predigt nahm ihren ├╝blichen Verlauf...") Warum tut er sich das an, jemand, der sich eigentlich als kritischer Intellektueller entpuppt? Am Ende sagt er ganz deutlich, dass es nichts mit der Kirche ist. Es war auch vorher nichts f├╝r ihn, so wie er ja das Ritual des Hinsetzens und Aufstehens entsprechend beschreibt.

Mir scheint aus dieser Story stark die Intention zu sprechen, gegen etwas anzuschreiben und politisch zu schreiben. Dabei geht es mir nicht um die Anschauung an sich, bekannterma├čen habe ich ja das Kommunistische Manifest zum Monfouistischen umgedeutet und runderneuert, doch Literatur eignet sich nur bedingt zum Transport von Anschauungen. Erst wenn die Figuren leben, die Szenen authentisch sind, spricht die Literatur ihre Sprache. Erst dann ├╝berzeugt sie, erst dann lesen wir auch aus ihr Einsichten, die durchaus unsere politischen ├ťberzeugungen und unsere Haltung beeinflussen k├Ânnen.

Ungeachtet dieser Gedanken von mir eine Story mit vielen gelungenen Passagen und einer spannenden, witzigen Grundkonstellation. Vielleicht sollte man sie mehr als Satire sehen?

Liebe Gr├╝├če
Monfou

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xzar
Guest
Registriert: Not Yet

habe den text mit einem stirnrunzeln gelesen. einige stellen sind absolut gelungen. ich denke, je verbissener eine situation ist, umso mehr schreit sie nach einem ventil. dass du als situation einen gottesdienst aussuchst ist insofern passend.
die frage, wieso der protagonist ├╝berhaupt in der kirche sitzt, hat monfou schon erw├Ąhnt, deswegen m├Âchte ich hier nicht verdoppeln.
weil ich gerade beim verdoppeln bin: hier sind mir einige dinge aufgefallen, die du vielleicht ├╝berdenken solltest. an und f├╝r sich schreist du sehr flott, was gut ist.
die stellen:

Das WC Papier muss Qualit├Ąt 4 haben, weich aber nicht flauschig. Schliesslich soll es ein wenig Schmerzen, wenn er seine Scheisse abwischt.

Ich denke, raffinierter k├Ânnte es sein, das mit dem Schei├če abwischen wegzulassen. Erw├Ąhn die Schmerzen, aber dass er sich mit dem Klopapier die Schei├če abwischt ist ja im Klopapier schon vorhanden. (was soll er sich sonst damit abwischen?)

Noch eine Stelle, wo ich kurz aus dem Lesefluss drau├čen war:

Die Predigt nahm seinen ├╝blichen Lauf. Aufstehen. Hinsetzen. Aufstehen. Hinknien. Abliegen. Aufstehen. Heil Christi. Absitzen. Kopf sch├╝tteln. Absitzen. Ich sitz ja schon? Aufstehen. Weiter gehen. Vergehen. Langeweile. Mitsingen. Denken. Vergeben. Beten. Abliegen. Knien. Einnicken. Aufwachen. Aufstehen. Abgehen. In sich gehen. Gott f├╝hlen. Sack kratzen. G├Ąhnen. Abknien. Auf die Uhr schauen. Aufstehen. Stehen bleiben. Stehen bleiben. Stehen bleiben. Wie lange verdammt muss ich noch stehen bleiben. Endlich absitzen. Wieder aufstehen. Absitzen. Knien. Das ├╝bliche halt.

Eine gelungene Stelle. Anmerkung: Hier wirkt das "Langeweile" auch als Verdopplung. Die Wiederholung der T├Ątigkeiten (Aufstehen, hinknien usw.) geben schon die Langeweile wieder.

lg
constantin

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