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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Kopflos unterhalb der Burg
Eingestellt am 06. 10. 2010 11:24


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Sir Charles Blackwood
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2010

Werke: 17
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von Sir Charles Blackwood

Einen Gro├čteil meines Lebens habe ich im Bergischen Land verbracht. Dort, wo die W├Ąlder noch gr├╝n, die Wiesen saftig sind. Und da, wo es noch Burgen und Traumschl├Âsser gibt. Ein Landstrich, der voller Mythen, Sagen und M├Ąrchen ist. Wo es aber auch Geschichten gibt, die auf den ersten Blick gruselig, d├Ąmonisch und unwahrscheinlich klingen, jedoch der vollen Wahrheit entsprechen. Meistens jedenfalls.

Es war im vergangenen Herbst, fast schon beginnende Weihnachtszeit, als meine Frau und ich zum mittelalterlichen Markt in Schlo├č Burg fuhren. Die Burg tront ├╝ber dem Tal der Wupper. Eine starke, wieder aufgebaute und restaurierte Feste der einstigen Grafen von Berg. F├Ąhrt man von Wuppertal dorthin, geht der Weg ├╝ber Solingen erst durch einen tiefen Wald hinunter nach Unterburg. Dort hat man die Wahl, entweder mit der Seilbahn hinauf zu fahren, oder der gewundenen Stra├če zu folgen, bis man die Burg erreicht. Im Dunkeln wirkt es richtig schaurig. Und im Lokal, dort wo wir uns das Schnitzel schmecken lie├čen, h├Ârten wir eine Geschichte, die sich einige Einheimische erz├Ąhlten.

Es mu├č so in den 60ern gewesen sein. Fabrikant M├╝ller kam mit seiner Frau von einem Empfang aus Solingen und wollte ├╝ber Schlo├č Burg weiter nach H├╝ckeswagen fahren. Dort bewohnten sie eine prachtvolle Villa. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, da├č die Mitternachtsstunde nicht weit war. Er g├Ąhnte laut und heftig, w├Ąhrend er das Steuer des Mercedes fest hielt. Die Scheinwerfer schafften es gerade noch mit ihrem tr├╝ben, gelben Licht, den aufkommenden Nebel zu durchsto├čen. Vorsichtig und langsam fuhr er die Serpentinen hinunter nach Unterburg, w├Ąhrend seiner Frau die Augen langsam immer schwerer wurden, ihr Kopf immer wieder leicht wegnickte. Die Heizung im Fahrzeug tat ihr Scherflein dazu, die bleiernde M├╝digkeit zu f├Ârdern. Fast schon unten im Tal stotterte der Diesel auf einmal. W├Ąhrend er aus seinen Gedanken aufschreckte, seine Frau ebenfalls die Augen aufschlug, erstarb das Motorger├Ąusch vollends. Mit letztem Schwung schaffte er es auf den ins Blickfeld kommenden Parkplatz. Als der Wagen ausgerollt war, versuchte er den Motor erneut zu starten. Ein Blick auf die Tankuhr zeigte ihm, da├č dies vergebene Liebesm├╝h war. Er hatte einfach vergessen zu tanken. Bevor seine Frau ihm Vorw├╝rfe machen konnte, hatte sie ihm doch schon mittags empfohlen, den Tank aufzuf├╝llen, stieg er aus. Dies war ihm n├Ąmlich in Vergessenheit geraten, da ein wichtiger Telefonanruf seines Verwalters seine volle Aufmerksamkeit erforderte.
Er stieg aus und holte den Reservekanister aus dem Kofferraum. Zu allem Ungl├╝ck war dieser ebenfalls leer. Er beruhigte seine Frau. Er w├╝rde schnell hinunter ins Dorf gehen. Er wu├čte, da├č dort eine Tankstelle war. Sie solle es sich im Auto gem├╝tlich machen. L├Ąnger als eine halbe Stunde w├╝rde es sicher nicht dauern, bis er wieder da w├Ąre.
Und w├Ąhrend Frank M├╝ller mit hochgeschlagenem Kragen, eine dampfende Zigarre zwischen den Lippen, loszog, um 5 Liter Diesel zu besorgen, sa├č seine Frau im Auto und horchte auf die Ger├Ąusche der Umgebung. Als es ihr langweilig wurde, machte sie das Radio an. Aber au├čer einschl├Ąfernder Musik war nichts zu vernehmen. Und einen anderen Sender bekam sie hier im Tal nicht herein. Also machte sie es wieder aus und blickte hinaus, wo sie allerdings nur schemenhafte Umrisse des Waldes wahrnahm. Viertel vor eins, stellte sie mit Blick auf die Uhr im Armaturenbrett fest. Langsam k├Ânnte Frank auch wiederkommen. In diesem Moment hatte sie das Gef├╝hl, als w├╝rde jemand aufs Autodach steigen, hinaufkriechen. Der Wagen wackelte bedenklich und dann h├Ârte sie ein kratzend, schabendes Ger├Ąusch, dem anschlie├čend ein monotones Klopfen folgte. Da die T├╝ren fest verschlossen waren, hielt sich ihre Angst in Grenzen. ÔÇ×Sicher ein Fuchs oder anderes TierÔÇť, dachte sie bei sich. Sie machte kurz die Scheinwerfer an. Jedoch konnte sie nichts Verd├Ąchtiges feststellen. Lediglich, so schien es ihr, h├Ârte das Klopfen f├╝r eine Sekunde auf, um danach jedoch wieder monoton fortzufahren.
Da vernahm sie schnell n├Ąherkommende Motorenger├Ąusche. Mit ihre Augen blendendem blauem Blinklicht und Martinshorn kamen vier Polizeiautos auf den Parkplatz gefahren. Sie wollte schon die T├╝re aufrei├čen, hinauslaufen, ihrer aufkommende Panik folgen, als eine Lautsprecherstimme ert├Ânte: ÔÇ×Bleiben Sie unbedingt im Auto sitzen, verriegeln Sie die T├╝ren, es kann Ihnen nichts passieren!ÔÇť
W├Ąhrend sie diese Stimme, die die Nachricht noch einmal wiederholte, h├Ârte, erstrahlten einige Scheinwerfer, die sie blendeten, jedoch ├╝ber das Auto hinauf auf das Dach zeigten.
ÔÇ×Haben wir dich endlich!ÔÇť, dachte Kommissar Wolf bei sich. Er sah den Mann genau, der sich mit der einen Hand die Augen geblendet zuhielt, mit der anderen den abgetrennten Kopf von Frank M├╝ller immer wieder auf das Autodach schlug.
ÔÇ×Endlich ist der Alptraum zuende!ÔÇť murmelte er. Wochenlang jagten sie ihn schon. Immer wieder verschwand er auf geheimnisvolle Weise. Nie hatte man ihn direkt zu Gesicht bekommen. Doch jetzt sah er ihn ├╝berdeutlich. Langes, zotteliges Haar, d├Ąmonisch funkelnde Augen. Als er seine Z├Ąhne bleckte, schien ihm ein gelbes Raubtiergebi├č entgegen zu lachen. Ein Schauer lie├č seine Nackenhaare reagieren. Er merkte, wie sie sich aufstellten. Seine Kleidung schien aus einem anderen Jahrhundert zu kommen. Jedenfalls war sie zerschlissen und altmodisch. Ein irres Knurren schien seinen Kehlkopf zu verlassen - tief und bedrohlich. Und da passierte es auch schon. Er setzte zum Sprung vom Autodach an. Bevor Wolf nur eine Anweisung geben konnte, krachten die Sch├╝sse aus sieben Polizeipistolen. Eine Salve nach der anderen. Es schien, als w├╝rden die Kugeln durch ihn hindurchgehen, ihm nichts anhaben zu k├Ânnen. Zwei, drei weite S├Ątze und er hechtete ├╝ber die Polizeiautos hinweg, war weg. Lediglich der abgerissene Kopf des Fabrikanten rollte ├╝ber den Parkplatz, um dann in grotesker Pose liegenzubleiben.
All das hatte Frau M├╝ller, starr vor Schreck, aus dem Autofenster heraus betrachten k├Ânnen. Was die Polizisten jedoch nicht sahen, war der Umstand, da├č sich der K├Ârper des Untiers mitten im Sprung ├╝ber die Polizeifahrzeuge in der Luft aufzul├Âsen schien. Er war von einer Sekunde zur anderen weg, ohne den Boden jemals wieder ber├╝hrt zu haben, war verschwunden. Einen tiefen Seufzer aussto├čend umarmte sie eine erl├Âsende Ohnmacht.
Als sie 6 Monate sp├Ąter aus der Nervenklinik entlassen wurde, war sie immer noch nicht wieder hergestellt. Immer wieder hatte sie Alptr├Ąume. Immer wieder kam das Monster in der Nacht zu ihr, lie├č sie schwei├čbedeckt aufwachen, zitternd den Rest der Nacht bei voll erleuchteten R├Ąumen verbringen. Solange, bis sie es nicht mehr aushalten konnte. Sie st├╝rzte sich Wochen sp├Ąter von der M├╝ngstner Br├╝cke in den erl├Âsenden Tod. Und nie wieder hat man bis heute von dem Monster geh├Ârt, hat es nie wieder zugeschlagen.


So, und jetzt entscheiden Sie selber:
Kann es sein, das diese Geschichte, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag, der reinen Wahrheit entspricht? Oder habe ich Sie einfach nur geschickt hinters Licht gef├╝hrt? Vieles ist doch bei n├Ąherer Betrachtung anders, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Ist es ein moderner Mythos, der selbst Fachleute in die Irre f├╝hrt?


__________________
Solange man den Krieg als etwas B├Âses ansieht, wird er seine Anziehungskraft behalten. Erst wenn man ihn als Niedertracht erkennt, wird er seine Popularit├Ąt verlieren. (Oscar Wilde)

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