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Leselupe.de > Erzählungen
Krieg ist...
Eingestellt am 17. 02. 2010 19:05


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Grand
Hobbydichter
Registriert: Jun 2009

Werke: 8
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Sie schaute auf ihn herab. Die schulterlangen Haare standen ihm zerwühlt ab, seit dem Morgen ungekämmt. Sein herber Mund lag in einem dunklen Stoppelfeld eingeschlossen und eine Zigarette brannte stets an ihm ab. Er war Soldat einer amerikanischen Spezialeinheit und harrte derzeit im Urlaub aus. Wie Gefallene lagen die Tage und Stunden um ihn herum und er mauerte sich in ihnen einen. Isolierte sich.
Sie seufzte. Die lebende Legende! Sie hatte zu ihm reisen dürfen, welch eine Ehre! Ihre Kameraden hatten sie beneidet, sie sollte einmal einer Spezialeinheit angehören. Ein Grinsen erhängte sich in ihrem Gesicht. Irgendwo in der Isolation zwischen North Slope und Alaska Interior, weit von Fairbanks und nahebei den Ausläufen der Brookskette weilte sie jetzt. Inmitten im Nirgendwo also.
Sie roch den braunen Whiskey an ihm, er verkohlte seinen Atem. Die Flasche trug noch den halben Bauch voll, bis Mitternacht würde sie glasklar sein. Ihr Herr aber voll. Wie jeden Abend.
Das Mädchen stellte sich vor ihm hin. „Snake“, seufzte sie, ihre Glieder zitterten. Es war kalt hier, denn der Eiswind infiltrierte die dunklen Ritzen der alten Hütte.
Sie zog die Flasche weg und sogleich klebte ihr der Whiskey an den Fingern. Er murrte, doch rührte er sich kaum. Seine linke Hand klammerte sich an dem schweren Whiskeyglas fest, während seine Finger die Zigarette umarmten. Ruhig hüllte er sich in einem Schmauch im weißen Dunst ein. Verdruss grollte zwischen ihren Zähnen. „Du bist mein Mentor“, knurrte sie und rieb sich die Hand an der Hose sauber. Ballte sie zusammen. „Bislang lernte ich aber nur, deinen betrunkenen Leichnam ins Bett zu schleifen.“
Er hob den Mundwinkel hoch. „Vorlautes Gör“, spuckte er bloß aus und in der nächsten Minute polterte schon der Whiskey seine Kehle hinunter. Zufrieden stellte er dann das leere Glas vor sich auf, schaute hindurch. Die Zigarette glimmte.
Sie bibberte und der Whiskey schwankte in der Flasche. Alaska: Sie spürte den ganzen Staat in ihren Gliedern hocken, den Schnee und die Kälte. Aber es musste noch Amerika sein! Sie verzog das Gesicht. Patrioten! Welch besserer Ort existierte für einen Amerikaner auf der Flucht vor sich selbst?
„Du sollst mich ausbilden“, bemerkte sie nüchtern. „Zum Soldaten.“
Da hob er den Blick zu ihr auf: Seine Augen verschwammen, aber nicht trunken; das hoffnungsvolle Blau war längst neutralisiert. Sie hatten zu viel gesehen. Zu lange. Er zählte fünfunddreißig Jahre und hatte im Golfkrieg und im Kosovo gekämpft; hatte im Regenwald überlebt und Sierra Leone befreit. Zuletzt setzte man ihn offiziell in Israel ein. Eine lebende Legende: Jeder Soldat eiferte ihm nach. Träumte davon wie er zu sein.
„Das willst du nicht“, sagte er bloß und zog neuerlich an der Zigarette. Sie glühte rot. Er schaute seine Schülerin nicht mehr an. „Außerdem“, er klopfte die Asche an der Schale ab, „bild ich nicht aus. Hab ich noch nie gemacht. Ich kämpfe allein.“ Er hob das Whiskeyglas an, sah sich selbst verzerrt darin. Sogleich suchte er nach der Flasche.
„Es ist ein Befehl“, wandte sie ein, ihre langen Fingernägel tippten gegen den Whiskey. Unverzüglich hörte er sie an. „Richtig“, nickte er, „als Soldat sollst du gehorchen. Also: Gib mir die Flasche!“
Ihre Pupillen verengten sich und ihr Kiefer spannte sich an, sodass die feinen Knochen an ihrem Hals hervortraten. „Alter Säufer!“, sie schmetterte die Flasche an die Wand neben ihm. Das splitternde Glas streifte sein dunkles Haar, doch blieb er ruhig sitzen. Leckte sich die Whiskeyspritzer von der Wange. Er zog bloß an seiner Zigarette. Und grinste.

***


Er bildete sie aus.
„Es gibt für dich keinen Frieden mehr, wenn du Soldat wirst“, warnte er sie eingangs.
Sie schickte ihm einen überheblichen Blick zu. „Ich bin schon Soldat“, erwiderte sie bloß und hob die Beretta zu sich auf, zielte nach ihm. „Ich bin schon zwei Jahre zum Militär gegangen“, verkündete sie ihm stolz.
Er schüttelte den Kopf. „Das zählt nicht“, er trat zu ihr hin, „du kannst immer noch in die Welt zurückkehren. Leben wie jeder andere.“ Mit einer flinken Bewegung entwaffnete er sie da, trat hinter sie und hielt ihr den Waffenlauf an die Schläfe. „Hast du einmal das Schlachtfeld betreten“, fuhr sein nüchterner Atem in ihr Ohr ein und streichelte ihren Nacken, „verlässt du es nur als Toter.“
Sie wand sich in seinem festen Griff, spürte seinen Herzschlag an ihrem. Sie wollte nicht nahe bei ihm sein. „Ich gehe meinen Weg immer bis zum Ende“, stieß sie hervor und zog an den wehenden Enden seines Bandanas; es löste sich von seiner Stirn ab. „Sonst hätte ich dich schon am ersten Abend betrunken in deiner Hütte zurück gelassen.“
Er ließ von ihr ab und sie stellte sich vor ihm auf. Hielt triumphierend das Bandana in den Händen. „Eine echte Kämpferin, hm?“, lachte er sie aus.

Er exerzierte jeden Tag mit ihr.
Sie wusste Waffen zu tragen, ob nun die M9, eine SIG-Sauer oder eine Five SeveN. Allerdings trainierte er sie, die Waffen als einen Teil von sich zu sehen und ihre jeweiligen Vorteile situativ effektiv einzusetzen.
An einigen Tagen rangen sie im Schnee miteinander, um ihren Nahkampf aufzubessern. Regelmäßig stieß er sie in den Schnee ein und rieselte ihr das Eiswasser in den Nacken. Zur Abhärtung. Ein Grinsen kippte seinen Mundwinkel hoch. Doch zerschlug sie sogleich einen harten Schneeball an ihm und riss ihn zu Boden. Goldener Sonnenschein zerbrach an diesem Tag den vereisten Himmel. Zwischen ihren Oberschenkeln hielt sie ihn gefangen. Das Eis begann auf den Felsen zu schmelzen. Es wurde wärmer. Sie lachten und sein Lachen klang wunderschön.

Dann der erste Einsatz. Er nahm sie mit nach Israel.
Zunächst ließ er sie im Stützpunkt zurück. In Sicherheit. Doch am nächsten Tag folgte sie ihm aufs Schlachtfeld hinaus. Trat dem Feind gegenüber. Kämpfte und schoss. Zerstörte Leben. Sie tötete zum ersten Mal.
„Der erste Tod ist niemals leicht“, sagte er am Abend zu ihr, als der Wind in den Bäumen ein leises Lied weinte. Die Sterne verbluteten in den nächtlichen Wolkenfetzen. Einer nach dem anderen.
Er breitete eine Decke um ihre bebenden Schultern aus; sie duftete nach ihm. Herber Tabak. „Du darfst dich niemals an ihn gewöhnen“, fuhr er fort und seine Augen drangen durch ihren Tränenschleier. Sie zog die Decke fester um sich, nickte dann. „Es ist einfach den Abzug durchzudrücken, doch schwer dem Menschen sein Leben wiederzugeben.“ Er erhob sich und sein langer Schatten fiel über sie. „Töten ist niemals eine Lösung, manchmal aber der einzige Ausweg.“
Sie hielt die Knie an ihren Körper gepresst und starrte in die Dunkelheit der Sträucher ein. Ihre Finger klammerten sich aneinander, sie wollte sich nicht verlieren. Sie hatte Angst.
„Dir ist kalt“, stellte er fest und reichte ihr einen heißen Tee. Sie nahm die Tasse zwischen ihren zitternden Händen an. „Danke“, stammelte sie nur und in den Brombeertee fiel eine geschwärzte Träne. Wortlos setzte er sich neben sie hin. Das silberne Feuerzeug klickte in die Nachtstille hinein.

„Krieg ist eine welkende Zeit“, bemerkte er, als sie von einem Truppentransporter absprangen, um die hart umkämpften Straßen einzunehmen. Sie zitterte neben ihm, denn die Sonne färbte die Stunde rot ein. „Denke niemals nach, was der nächste Moment dir bringen könnte. Du könntest ihn nicht erleben.“ Er hob sein Sturmgewehr an und lief voraus. Sie biss die Zähne zusammen und folgte ihm nach. In die Kriegszone. In die Zerstörung.
Menschen weinten und starben hier. Sie rannten und kämpften. Um ihr Leben. Häuser wurden mit Granaten eingeworfen; sie explodierten wie herabfallende Sonnen in ihnen. Die Erde erschütterte und Leben stürzten ein: Sie wurden niemals mehr wieder gefunden. Die Welt bekam Risse, doch die Politik deckte sie gut zu. „Wahre Soldaten kämpfen nicht für Politik“, verriet er ihr, so am Abend im Stützpunkt eine Ansprache des Präsidenten gezeigt wurde. „Politik ist eine Hure.“ Er klopfte die Asche von seiner Zigarette und schaute sardonisch zum Colonel auf, der im Schatten des Präsidenten salutierte. Ihr Mentor spuckte verächtlich ein Lachen aus seinem hoch gezogenen Mundwinkel.
„Was ist es dann?“, fragte sie ihn leise und beobachtete die anderen Soldaten und Soldatinnen: Sie hingen alle an den Lippen des Präsidenten fest. Wie Kaugummi. Sie liebten, glaubten an ihn.
Er lehnte sich zurück. „Sag es mir“, forderte er und grinste, „wofür kämpfst du hier? Du bist keine Amerikanerin. Du magst Amerikaner nicht einmal.“
Sie errötete, doch hielt sie seinem Blick stand, als sie antwortete: „Ich suche die Herausforderung, den Kampf.“ „Vielleicht für Sieg, vielleicht für Ruhm“, ergänzte er. Er rauchte aus, hustete ein wenig. „Vielleicht für das Vaterland. Oder für sich selbst“, er zuckte die Schultern. „Es gibt vieles, wofür sie kämpfen.“
Sie beugte sich ein wenig vor, berührte beinahe seine Hände. „Was ist mit dir?“, fragte sie da und hob eine Locke aus ihrer Stirn.
Seine blauen Augen zielten kalt auf den betagten Colonel. Der Präsident auf der Leinwand hatte seine Rede beendet; er hob nun seine Papiere auf und schaute sie erwartungsvoll an. Sogleich wütete Applaus auf, viele Soldaten standen auf und pfiffen beifällig.
Ihr Mentor drückte die Zigarette auf dem kleinen Tisch aus, es stand kein Aschenbecher bereit, und erhob sich. „Für Erlösung“, raunte er und straffte die Schultern.

Sie berührten sich niemals. Nur im Kampf.
Und wenn sie verletzt war. Er kühlte ihre Prellungen und grub schwarze Kugel aus ihrem Fleisch heraus. Ein feindlicher Soldat drehte ihr in einem Kampf den Arm aus und rammte ihr ein Überlebensmesser in den Bauch. Er rettete sie, renkte ihr das Gelenk wieder ein. Sie keuchte im Schmerz und ihre Sicht befleckte sich. Fieber übermannte sie. „Lass mich sterben“, bat sie ihn.
Doch er schüttelte den Kopf. „Du bist Soldat“, erwiderte er und legte ihr einen Wickel um die Stirn. Danach wusch er ihr die Wunde aus und verband sie provisorisch. „Es gibt immer einen Grund zu leben“, fuhr er fort und band ihren Arm in eine Schlinge ein. „Und wenn es nur das Überleben ist.“ Er brachte sie ins Lazarett. Viele Soldaten starben hier. Doch sie stand schon bald wieder im Feld ein. Neben ihm.
Nachts suchten sie die Schreie der Toten heim, sie krümmte sich unter ihrem eigenen Gewissen. Zerfetzte Brustkörbe starrten offen wie kaputte Schalen und zertrümmerte Münder froren ein: die Anschuldigung ewiglich auf den Lippen. Ihre Glieder zitterten noch nach, obschon die Augen schon zu dunklem Glas wurden. Langsam welkten sie dahin, um sie herum ein Schwall aus Blut wie dicke rote Milch.
Familien und Bekannte zeigten mit dem Finger auf sie, die Mörderin, und verfolgten sie. Doch sie tötete immer wieder. Konnte nicht anders, denn sie war Soldat.
Auf dem Schlachtfeld schrien die Toten nach ihr, sie kamen. Um sich zu rächen. Es waren so viele. Sie versuchte zu fliehen. Doch ihr Weg endete bald: Wunder Stacheldraht schloss sie ein. Es gab keinen Ausweg, sie musste die Waffe aus dem Holster an ihrer Hüfte ziehen.
Der Schweiß brannte auf ihrer Stirn, ihr ganzer Leib bebte. Sie würgte an einem Schrei, erstickte beinahe an ihm. Kalte Hände griffen nach ihr, wollten sie hinunter ziehen in die ausgehobene Grube. Verzweifelt zog sie den Abzug der Waffe zurück. Der laute Schuss weckte sie.
Noch immer hielt sie ihre Beretta in den Händen, der ganze Lauf glühte noch. Sie hatte geschossen. Aufschreiend warf sie die Waffe von sich und bedeckte mit den Händen ihren Kopf. Was hatte sie getan? Was war sie geworden?
Er hockte bei ihr, die Nacht fiel auf ihn. Es war still und der Mond verkroch sich feige in der Dunkelheit. Wie das Augenlicht der Sterbenden plötzlich in den sinistren Schädel rutschte.
„Trink“, forderte er sie auf und hielt ihr seinen silbernen Flachmann hin. Zunächst schaute sie ihn groß an, wollte ablehnen. Doch warf sie dann den Kopf in den Nacken und trank. Der Whiskey zerbiss ihr die Kehle, sie hustete. Für den Moment wärmte er sie von innen auf. Erfüllte sie. Sie wurde ruhiger, die Erinnerungen verschwammen. Das Schlachtfeld leerte sich.
Sie reichte ihm den Flachmann zurück. Hierbei erkannte sie wie er das Blut an seinem Oberarm stillte. Sie erstarrte. „Es ist gut, dass du so eine schlechte Schützin bist“, knurrte er bloß.

Zwei Jahre lang waren sie im Feld gewesen, als sie wieder in Alaskas weiße Schneehüllen einkehrten. „Bleib in Fairbanks“, wies er sie harsch an, als sie auf dem Flugplatz landeten. Er hob das Gepäck von den Ladeflächen und schaute sie kaum an. „Du frierst zu sehr im Nirgendwo.“
Sie schob ihre Schultern unter die Riemen des Rucksacks. „Ich komme mit dir“, sagte sie entschieden. Dienstwillig wollte sie ihm eine Tasche abnehmen, doch er wehrte sie ab. „Nein“, seine Augen gleißten sie an, „ich will dich nicht da haben.“
Also ließ er sie in einer kleinen Wohnung im zentralen Fairbanks zurück. Enttäuscht biss sie sich auf die Lippen: Sie hatte sich an ihn gewöhnt, an eine Freundschaft geglaubt.
„Freundschaft und Liebe gehören nicht aufs Schlachtfeld. Sie können dort nicht überleben“, sagte er Wochen später zu ihr. Er stand am Wohnzimmerfenster und klopfte die Taschen ab, suchte nach seinen Zigaretten. Ihm hang der Whiskeygeruch an wie ein siegreiches Banner.
Unregelmäßig besuchte er sie und trainierte mit ihr, unterwies sie. Bildete sie aus.
Er fand eine letzte Zigarette in der zerdrückten Schachtel. Allerdings kein Feuer. Er murrte unwirsch. Er hatte es in seiner Hütte vergessen. „Hast du jemals eine Blume an der Front blühen sehen?“, fuhr er jedoch unbeirrt fort und pflückte die Zigarette wieder aus dem Mund. Nervös spielten seine Finger mit ihr. Sie schüttelte den Kopf. „Eine Blume kann im Staub nicht überleben, sie wird von uns Soldaten nieder getrampelt. Unweigerlich stirbt sie. Früher oder später.“ Seine Augen schauten sie eindringlich an. „Im Krieg stirbt alles.“ Sie glaubte ihm nicht.
Manchmal gingen sie noch zusammen aus, blieben aber nie zusammen. Sie tranken dann ein Glas Rotwein miteinander. Sie erzählte ihm von ihrem Leben in Europa, ihre Jahre beim Militär. Zwischen den Männern. Er hörte ihr zu, verriet aber nichts über sich. Sie kannte die Geschichten über ihn.
Die Kerze brannte auf dem Tisch ab, doch er verließ sie, sobald die Spitze in sich zerschmolzen war. Das Essen kühlte unberührt aus, aber sie aß jedes Mal weiter. Mitleidig schauten der Ober und die anderen Gäste sie an. Sie zuckte die Schultern. Er war ihr Mentor.

Weiße Wolken rollten wie Panzer über den Himmel. Fernab im Soldatenlager spielte einsam die Mundharmonika ein verlorenes Lied.
Sie streckte die langen Beine aus. Das Gras atmete erleichtert aus, als ihre hohen Absätze losließen. „Wir sind aber nicht allein“, wandte sie ein. Auf ihrem nackten Zeh kletterte eine Ameise. „Wir gehen nicht alleine aufs Schlachtfeld. Jeder trägt für sich alleine, aber wir helfen uns. Zumeist.“
Der Sommer war groß. Sonnenlicht und bunte Blüten gaukelten ihnen Frieden vor. Die Hummeln summten eine Harmonie und flogen dann in den blauen Himmel davon.
Sie hielt eine duftende Myrtenblume in der Hand und die weißen Blüten strichen über ihre roten Lippen. Ein Zitronenfalter flatterte über ihren Köpfen, von seinen Flügeln tropfte die goldene Sonne herab. Ihr Mentor holte aus und wollte nach ihn schnappen, verfehlte aber. „Ich bin keine Legende“, wisperte er da.
„Bist du auch nicht“, lachte sie nur und band ihm die Myrte hinter das Ohr fest. „Du bist ein Mensch.“ Dann stahl sie ihm eine Zigarette aus der Schachtel und steckte sie sich in den Mundwinkel ein. Sie grinste.
„Ein Mörder“, grummelte er, doch sie hörte es kaum. Er hielt ihr das silberne Feuerzeug hin, die Flamme loderte zwischen ihnen. Sie zog die Zigarette tief ein. Schmauchte aus.
Jäh hob er sich dann aus dem kitzelnden Gras. „Komm“, sagte er und hob den Rucksack auf. Die Waffen klirrten. „Es ist Zeit zu gehen. Die Schüsse nahen.“ Seine dunkle Augenbraue senkte sich ab, so er ihre hohen Absätze betrachtete. „Damit könntest du töten“, knurrte er und ging vor.
„Deinen Zeh sicherlich!“, rief sie ihm nach und klopfte sich Blütenstaub und Zigarettenasche von den Kleidern.

Einmal lud er sie noch zum Essen ein. Drei Jahre war sie schon bei ihm.
Sie strich sich ein wenig Rouge auf die Wangen und steckte mit dünnen Haarnadeln ihre Locken auf. Ein dunkelrotes Abendkleid schmeichelte ihren Leib ein und sie legte die Hundemarke ab; stattdessen schloss sie ein silbernes Kollier um ihren Hals.
Als sie die Treppe hinab stieg, wartete er bereits auf sie. Er trug ein edles Jackett mit einem schwarzen Hemd. Einen Moment lang zögerte er bei ihrem Anblick, reichte ihr dann aber den Arm. „Du bist schön“, sagte er leise und sie errötete.
Nach dem Essen lud sie ihn noch zu einem Whiskey bei sich ein. Als sie ihm einen Eiswürfel holte, hatte er bereits ein Glas geleert. Er stand am Fenster und starrte über die künstlichen Lichter in die Dunkelheit hinein. „Was siehst du?“, fragte sie ihn und griff nach seiner Hand, doch wechselte er schnell das leere Glas in sie. „Nichts“, knurrte er nur und wandte sich von ihr ab. Er füllte sich Whiskey nach und warf den tropfenden Eiswürfel hinein. In einem Zug stürzte er ihn hinunter und atmete dann aus. Er wühlte schon nach einer Zigarette, doch hielt sie ihn fest. Sie schauten sich an.
Ohne Vorwarnung warf sie ihn auf das Bett und setzte sich auf ihn. Wie sie es gelernt hatte. Er wehrte sich nicht, als sie ihm das Hemd auszog. Ihn entblößte. Sein Körper trug eine rote Narbe. Wie eine Schlange krümmte sie sich über seinen Brustkorb. Sein Name, erkannte sie da und hielt einen Herzschlag inne. Ich weiß nicht einmal seinen richtigen Namen.
Ihre Finger verschränkten sich in seine, doch hielt er sie sicher von sich. In seinen blauen Augen entdeckte sie die spukenden Albträume. Ein Loch klaffte in seiner Seele wie in einem Boot. Seine Muskeln spannten sich hart an. Doch lächelte sie bloß und kämpfte weiter gegen seine Barriere an. Bis er einbrach.
Sie beugte sich über ihn und küsste ihn vorsichtig. Öffnete ihn.
Sie kannten sich. Wussten wie sich der andere bewegte. Sie ließ ihn los, doch zog er sie wieder an sich heran. Hielt sich an ihr fest. Der Atem hing verloren und heiß an seinen Lippen. Und sie nahm ihn in sich auf.

Sie musste gehen. Er hatte sie ausgebildet. „Soldaten sind Nomaden: Sie ziehen über die Schlachtfelder der Welt, immer auf der Suche nach einem guten Kampf“, sagte er noch zu ihr. Es waren seine letzten Worte.
Letzte Woche hatte das Stabsbüro sie zu sich gerufen. „Wollen Sie bei ihm bleiben?“, hatte der Oberst sie gefragt. Einen Bund mit Amerika eingehen, glänzten seine Augen. „Sie sind gut zusammen.“
Sie pustete ihren Atem weg und schüttelte den Kopf. „Nein“, hatte sie ausgestoßen, ihre Arme hangen stramm an ihrem Leib. „Nein, ich will weg.“ Der Oberst nickte und sie salutierte ihm.
Seit jener Nacht hatte sich ihr Mentor wieder zurückgezogen. Sein Schweigen lynchte sie. Er wollte zurück nach Alaska.
Doch schielte sie noch nach ihm. Immer wieder. Allein saß er auf der Steintreppe vor der Kaserne. Schaute nicht einmal zu ihr hin. Er zog nur an seiner Zigarette und stieß den Rauch aus sich heraus. Es interessierte ihn nicht. In wenigen Stunden war sie fort. Er hatte bloß genickt, als sie ihn vor einigen Tagen davon unterrichtete. Seine Zigarette sättigte ihn.
Sie wandte sich wieder dem Kameraden Paul zu, lächelte ihn an. Der Rotwein zitterte in ihren Händen. „Hast du endlich genug von ihm?“, scherzte er und seine Wimpern zwinkerten. „Er ist schwer zu ertragen, schon wahr. Ein richtiger Mistkerl.“
Sie schüttelte den Kopf. „Er ist ein guter Mentor.“ Ihre schwarzen Locken glitzerten im Mondschein.
Kamerad Paul lächelte entwaffnend, hob die Hände auf. „Es sollte kein Angriff sein.“ Sein Blick marschierte auf ihren ehemaligen Mentor zu. „Er ist eine Legende und Legenden leben allein. Kämpfen allein.“ Er sah gut aus, war in ihrem Alter. Lachte viel, sprach mit ihr. Einige Male waren sie zusammen essen gewesen. Richtig essen. Bis zum Ende. Er hatte die Kerze stets ausgepustet. „Wohin gehst du jetzt hin?“, fragte er sie.
Sie umfasste den zerbrechlichen Glasstiel fester. „Ich bin wie er“, wisperte sie, „ein Nomade. Ich ziehe in die Welt aus.“ Ihr Zeigefinger umrundete den zerbrechlichen Rand. Verharrte dann aber jäh, als sie lächelte. „Zunächst gehe ich aber nach Europa zurück. Ich werde mich dem Oberst auch alleine beweisen müssen.“
Der Kamerad lachte laut. „Sie brauchen dich nicht zu überprüfen!“, er nahm einen Schluck aus seinem Weinglas. Seine Augen funkelten belustigt, in seinen Grübchen wälzte sich ein bezaubernder Charme. „Befehl ist Befehl, er kommt ihm immer ehrenhaft nach. Und an deinen guten Erfolg ist auch nicht zu zweifeln, sonst hätte er dich nicht bei sich behalten.“
Sie nickte nur, die geringelten Locken tarnten ihr Gesicht. Sie war gut, sie wusste es. Besser als gut. Sie war zu Snakes Partnerin geworden. Zusammen hatten sie Missionen und Operationen erfüllt. Zusammen gekämpft. Sich ergänzt. Zu einer Einheit. Sie kannte ihn, wenngleich sie nichts über ihn wusste.
„Entschuldige mich“, stieß sie da hervor, drückte Paul ihr schwankendes Weinglas in die Hand und schob sich davon. Sie musste noch einmal mit ihm reden. Noch einmal bei ihm sein.
Flink drückte sie sich an den anderen Soldaten und Soldatinnen vorbei, sie lachten und plauderten miteinander. Tranken und sangen heiter. Wie andere Menschen auf einer Abschiedsfeier.
Sie war fast bei ihm. In der Isolation. Die Musik hallte hier bloß nach. In seinem Mundwinkel hielt er noch immer eine Zigarette fest.
Ihr Schritt stotterte nun und das vorlaute Aufkommen ihrer hohen Absätze verzagte. „Hey“, grüßte sie ihn beinahe schüchtern.
„Hey“, raunte er zurück, schaute sie aber nicht an. Einzig die Zigarette hob er von seinen Lippen. Wie eine geisterhafte Erinnerung floh der Qualm in die Dunkelheit der Nacht.
Er rutschte auf der Stufe ein wenig beiseite, bot ihr Platz an. Sie ließ sich zu ihm nieder, wenngleich der Stein auch seine Kälte durch ihr schwarzes Kleid sandte. Verlegen zupfte sie den Saum zurecht; um ihren linken Oberschenkel hang ein enges Holster. Ihr Herz schlug. Zu schnell, sie wusste es.
Er atmete den Zigarettenrauch aus, schwieg aber.
Sie beobachtete seine weißen Fingerspitzen und erinnerte sich.
Sie hatten miteinander geschlafen. Er hatte sie die ganze Nacht an seiner Brust festgehalten. Er war ihr erster Mann gewesen. Sie schüttelte den Kopf aus. Es war nichts gewesen, ein kleines Intermezzo. Er hatte zu viel getrunken, sie war zu jung für ihn: dreiundzwanzig Jahre.
Aber sie hatte sich in ihn verliebt, in den alten Säufer: ihre erste Liebe. Sie schluckte. Es tat weh.
Er drückte den Zigarettenstummel aus und es wurde dunkel. Stille.
„Ich hole uns etwas zu trinken“, sagte sie dann und erhob sich. Sie konnte nicht hier bleiben. Sie wollte jetzt gehen. Doch er griff nach ihrer Hand, umschloss sie. Behielt sie bei sich. Ihr Herz stolperte. „Ana“, seine tiefe Stimme ließ sie erbeben. Sie schaute ihn an und ihre Augen trafen sich. Eine Locke bebte im Herzschlag auf ihrer Brust und der Äther füllte sich süßlich aus: Kleine Wildrosen blühten nahebei, doch verwoben fette Spinnen die Dornen miteinander und fingen die Fliegen in den klebrigen Netzen ein.
„Ana“, sagte er noch einmal, sein Griff war fest. „Keinen Rotwein. Bring mir einen doppelten Whiskey mit.“ Er ließ sie sodann los. Und sie ging.

***


Jetzt stand sie ihm wieder gegenüber. Nach fast zwei Jahren. Sie erkannte ihn sogleich, obschon er noch die Balaclava trug. Und die feindliche Uniform. „Snake“, atmete sie ungläubig, ihre Hände zitterten.
Er zog die Maske ab: Sein Gesicht war im Gram gealtert und sein Haar lockte sich neckisch im Nacken. Er war es wirklich! Die Archive verschluckten seinen Namen als tot, umgekommen bei einem Anschlag in Kabul. Aber er lebte.
Sie ließ die Beretta absinken, sie würde nicht auf ihn schießen. Wenngleich er sie auch erschießen mochte.
„Ana“, wisperte er endlich, hielt seine M9 aber aufrecht. Auf ihr Herz gerichtet.
Es hatte sich nichts geändert.

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Marschiere oder stirb

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