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Leselupe.de > Erzählungen
Kuckuckskind
Eingestellt am 12. 09. 2004 10:54


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Tochter des Ozeans
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Registriert: Nov 2003

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Kuckuckskind

Schreiend, dunkelrot angelaufen renne ich die leere, kalte Vizemoosstraße hinab. Bei jedem Schritt rutsche ich erneut an das Ende meiner Halbschuhe und nehme ein unangenehmes Gefühl wahr. Mir wird immer heißer, ich glühe förmlich und der Reißverschluss meiner Weste schlägt auf die nackte Haut.
Es ist dunkel, zu dunkel finde ich. Die vereinzelt aufgestellten Straßenlaternen flackern in die Nacht, doch Licht spenden sie nicht wirklich. Ich schreie noch lauter. Meinen Hals spüre ich kaum noch. Immer und immer wieder füllt sich meine Lunge mit Luft, mit kalter Luft, die mich keineswegs abkühlt.
Keuchend renne ich in den Wald. Am ersten Baum bleibe ich stehen, lehne mich an den Stamm. Mein Kopf pocht, meine Hände zittern und mein Puls rast. Ich rutsche an der rauen Rinde auf den Boden, setze mich auf den kalt feuchten Lehm. Es ist still. Bis auf die zirpenden Grillen. Friedlich. So dunkel ist es gar nicht, bemerke ich. Die Sonne geht gerade unter, überzieht die Felder in einem warmen orange.
Mein Brustkorb hebt und senkt sich schnell, ich habe Seitenstechen, der Achselschweiß saugt sich in die Baumwolle meiner roten Weste. Ich starre auf die Felder auf denen Weizen, Gerste oder Roggen angebaut wird. Oder Mais? Ich hab keine Ahnung, irgendein Getreide jedenfalls, ist mir ja auch egal.
So wie mir alles egal ist. Soll der Bauer doch sein Zeug anpflanzen. Ob er es düngt? Schließlich haben sich die Borkenkäfer in den letzten Jahren sehr verbreitet. Greifen Borkenkäfer Getreide überhaupt an? Vergehen die sich nicht an Bäumen?
Oh je, wie wenig ich doch weiß...
Und doch wieder zu viel. Warum konnte ich nicht einfach meine Klappe und Ohren halten? Weshalb bin ich nicht weiter gegangen und habe so getan, als habe ich nichts gehört? Warum muss ich mich in alles einmischen? Sieht man doch, was dabei herauskommt!
Aber wollte ich mein Leben in einer Lüge leben?
"Wir wollten es dir schon früher sagen. Wir wussten nie, wann der richtige Moment kommen würde, wann du so weit wärest..." Schweigen. Verzweiflung. Zittern. "So viel ändert es doch gar nicht, oder? Tom ist doch immer noch dein Vater! Er liebt dich, hat dich aufgezogen – so als seiest du sein Kind."
Sicher düngt der Bauer sein Feld mit Chemie. Die ist sicherer als Kuhmist. Außerdem wirkungsvoller. Wen kümmert es schon, wie er sein Zeugs einsprayt? Dünger ist Dünger – oder nicht?
"Und wer ist mein wirklicher Vater?" hab ich gefragt.
Nein, Dünger ist nicht gleich Dünger.
Schweigen. Warten. Unsicherheit. "Ich..." Sie wendet sich von mir ab. "Wer ist mein Vater?" wiederhole ich streng und ziehe sie am Arm zu mir. Tom steht in der Tür. Er ist starr – was für ein Hecht!
"Ich weiß es nicht." antwortet sie, ihre Lippen zittern, ihre Augen sind glasig.
"Du weißt es nicht?! Was soll das heißen?"
"Ich war jung, habe meine Semesterferien in Italien verbracht..."
"Soll das heißen ich bin nur ein kurzer Fick?"
"Nein!" schreit sie "So darfst du nicht reden!"
Schweigen, Kopfschütteln.
Dann bin ich abgehauen und gerannt.

Langsam kühlt mein Körper ab, dennoch brennt mir der Schweiß salzig in den Augen.
"Nur ein Fick." wiederhole ich.
Wie ein Echo hallt es durch meinen Kopf. Immer wieder, unaufhörlich.
Ich möchte schreien, toben, die Welt zerstören und gleichzeitig in den Arm genommen werden... Aber von wem? Von meinem Vater? Meinem Pseudovater? Oder etwa von meiner verlogenen Mutter?
Jetzt ist die Sonne ganz untergegangen. Die Grillen zirpen. Es riecht nach frischem Heu. Sommer.
Im Sommer spürt man das Leben in den Adern pulsieren, sagt man. Im Sommer erwacht alles zum Leben.
Ja ja, das Leben. Was ist das nun? Ist das Leben eines Kuckucks das selbe wie das einer Amsel? Ein Kuckuckskind bin ich. In ein falsches Nest gefallen, geschmissen worden. Nicht von den Amseln aufgezogen, nur von einer Amsel. Und von einem Kuckuck.
Jetzt eine rauchen, das wäre sicher gut. Oder mir was spritzen, und nichts mehr spüren. Eine Pille einwerfen oder einen Joint drehen, und weg! Weg von all dem Bullshit hier!
Das Problem ist nur, dass ich nichts da habe. Auch zuhause nicht.
Ich lächle ironisch: zuhause – ist es denn noch mein "zuhause"?
Ich kenne aber auch niemanden, der was für mich haben könnte. Oder jedenfalls weiß ich von niemandem, dass er Zeugs hat.
Der Heugeruch wird intensiver, die Grillen zirpen lauter und die Luft kühlt ab. Ich stecke meine Hände in die Westentaschen. Eine Gänsehaut kriecht über meinen Arm, weil ich dem Wind im Weg stand. Mal wieder bin ich ein Hindernis, am falschen Ort.

Ich stehe auf, laufe den Weg entlang, komme wieder in die Stadt. Es ist nicht viel los, selten fährt ein Auto an mir vorbei.
„Na du Wunderfitz?“
Gott! Ich zucke zusammen, drehe mich hastig um.
Vor mir steht ein langhaariger Typ, grinst mich an. Der Wind wirft ihm seine braunen Haare ins Gesicht, was ihn nicht zu stören scheint. Sein Grinsen, welches mich eigentlich zur Weißglut getrieben hätte, wird durch seine zarten Gesichtszüge, sowie durch seine warmen, braunen Augen wieder wettgemacht.
„Was ist?“ frage ich genervt.
„Ich bin Stefan.“
„Ich habe nicht gefragt, wer du bist, sondern was du von mir willst.“
„Was macht ein junger Bursche wie du um diese Uhrzeit alleine auf den Straßen?“ fragt Stefan heiter, ohne sich von meiner Stimmung beeindrucken zu lassen.
Er geht einen Schritt, nimmt meinen Arm und zieht mich mit.
„Hey! Was soll das?“ fahre ich ihn an.
Doch Stefan läuft weiter, zieht mich mit. Widerwillig laufe ich neben ihm. Er lässt mich los.
„Und, mit wem habe ich also das Vergnügen?“
„Mit Joscha.“
Er riecht ganz normal, ist also nicht besoffen oder bekifft. Was allerdings nicht heißt, dass er ungefährlich ist.
„Und warum bist du so spät noch alleine unterwegs?“ fragt er weiter.
Obgleich ich mich auch wundere und frage, ob der Kauz noch ganz richtig tickt, antworte ich: „Weil die Welt sich umgedreht hat und ich nicht weiß, wie sie wieder zu richten ist.“
„Du willst sie also wieder zurücksetzen?“ fragt er und dreht sich einmal um sich selbst.
Ich lache. „Sozusagen.“
„Vergiss es.“
„Bitte?“
Er bleibt stehen. „Du kannst die Welt nicht umdrehen. Du musst die Dinge so nehmen, wie sie kommen und dich damit auseinandersetzen.“ Er streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und fügt achselzuckend hinzu: „Oder auch nicht.“
Verwirrt frage ich, was er damit meine.
„Nun ja“ beginnt er und zieht mich über eine leere Straße. „Entweder du akzeptierst die Welt und setzt dich damit auseinander oder es ist dir egal. Wobei die „Egal-Haltung“ meist feige, aber bequemer ist.“
„Es ist mir nicht egal!“ erwidere ich energisch.
Warum rede ich mit dem überhaupt? Er ist ein Fremder, nervt und hat überhaupt nichts mit mir zu tun!
Dennoch, weggehen oder schweigen kann ich nicht.
Er nickt. „Und genau das ist das Problem! Es ist dir nicht egal, also entstehen Konflikte.“
Ich schüttle den Kopf: „Das bringt mir auch nichts.“
„Wieso bringt es dir nichts?“ wendet er sich mir zu. „Wenn du das Problem erkannt hast, musst du es nur noch lösen. Oder du akzeptierst, dass es NICHT gelöst werden kann. Jedenfalls nicht so, wie du es gerne hättest.“
„Ich kann es aber nicht ändern.“ meine Stimme zittert.
„Dann musst du es akzeptieren.“
„Und wenn ich das aber nicht kann, geschweige denn will?“ ich suche seinen Blick.
„Dann gehst du vor die Hunde.“ antwortet er schlicht.
Entsetzt über seine Antwort, möchte ich ihm widersprechen, doch mir fällt nichts ein. Geräuschvoll stoße ich Luft aus.
Ich rupfe ein Büschel Blätter aus einem an der Straße wachsenden Busch. Nach und nach zupfe ich ein Blatt ab und schmeiße es hinter mich.
Stefan führt mich in einen Park. „Hier ist es nicht so laut.“ meint er. Obwohl die Straßen um diese Zeit nicht mehr sehr befahren sind – aber was soll’s...? „Außerdem ist das Licht der Parklaternen schöner, nicht so grell.“ fügt er hinzu. Mir ist das Licht grad vollkommen egal – aber wen kümmert‘s?
Wir schweigen. Der Wind rauscht durch die Blätter und ich „fühle“ die Nacht. Fühle mich plötzlich voll und ganz von ihr umgeben; aufgenommen.
Ich muss an meine Adoptiveltern denken. Sie machen sich sicher Sorgen. Mama heult sich die Augen wund und „Papa“ steht mit einem kühlen Bier am Fenster. Ob sie die Polizei informiert haben? So schnell machen die nichts. Da muss man erst drei Tage verschwunden sein, das weiß ich.
Mama, Papa...
Stefan sieht mich an und durchbricht meine Gedanken: „Und, willst du vor die Hunde gehen?“
„Nein.“, ich schüttle den Kopf.
„Gute Entscheidung.“ er grinst. Fragt jedoch ernst: „Willste nicht sagen, was wirklich ab geht?“
Ich entweiche seinem Blick, kicke einen Stein zur Seite. „Stell dir vor, man würde feststellen, dass der Mars in einer falschen Umlaufbahn kreist.“
Stefan zuckt mit den Schultern. „Dann müsste man ihn eben wieder zurecht setzen.“
„Es geht aber nicht.“, meine Stimme zittert.
„Naja“ überlegt der Dunkelhaarige, „wenn man ihn nicht wieder zurück setzen kann, dann ... war es eben immer falsch und das Wiederherstellen der alten Ordnung ist gar nicht notwendig.“
Er wirkt zufrieden, ich bin es jedoch nicht. „Das reicht nicht...“
„Nun, vielleicht ist es gar nicht wichtig, in welcher Bahn der Mars kreist.“ Seine Stimme wird leiser. „Möglicherweise zählt nur dass und wie er kreist.“
„Meinst du?“
„Woher wissen wir denn, welches die richtige Umlaufbahn für den Mars ist?“
Mehr als ein gestottertes „Na ja, wir... weil...“ bekomme ich nicht heraus.
Eine Weile schweigen wir. Dann steht Stefan auf, schlägt mit der Hand auf meine Knie und meint: „Ich ziehe jetzt weiter. Machs gut, Kleiner und fall nicht aus der Umlaufbahn. Ganz egal, welche es ist.“ Der junge Mann verschwindet in der Dunkelheit.

Ich sitze noch eine Weile auf der Bank und denke über die letzten Worte Stefans nach. „Fall‘ nicht aus der Umlaufbahn...“ – es gibt keine Lösung, kein Richtig und kein Falsch. Kein Happy End. Ist es wirklich egal in welcher Bahn ich segle, welchen biologischen Vater ich habe? Zählt nur das Aushalten, das Nicht-Abrutschen, das stetige Vorankommen in meiner Bahn?
Ich seufze und stehe auf. Irgendwo geht jetzt die Sonne auf. Ich hebe eine Kastanie auf und lege sie auf eine Mauer. Die gehört da gar nicht hin. Ich gehe einige Schritte zurück, gucke es mir aus einiger Entfernung an.
Sieht schon etwas komisch aus, die braune, glatte Kastanie auf dem hellgrauen, rauhen Stein. Keinem würde sie auffallen, keiner würde sich dran stören. Nur ich sehe sie, weil ich sie drauf gelegt habe.
Hat auch was für sich, überlege ich. Kunstfotografen könnten das Bild „herausholen“ und fett Geld verdienen.

„Da bist du ja, endlich!“ meine Mutter schließt mich erleichtert in die Arme. Tom steht in der Küche und macht den Abwasch. Er nickt mir zu.
Mama löst sich von mir. „Geht es dir gut?“
Ich nicke abwesend, ziehe mir Schuhe und Jacke aus. Die Wohnung wirkt leer. Auf dem Küchentisch liegen gebrauchte Papiertaschentücher.
Wortlos ziehe ich mich in meinem Zimmer zurück. Ich lege mich in mein Bett und schließe die Augen. Wie ein Film spult der heutige Tag an mir vorbei. Tom, Mama, der Wald, Stefan und der Park. Hängen bleibe ich bei der Kastanie auf der Mauer. Ihre Oberfläche glänzt – Kastanien wirken immer so perfekt, finde ich. Auch wenn sie vom Rutschen auf dem Teer etwas zerkratzt sind.
Kann aus einem Kuckuck eine Kastanie werden?

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