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Leselupe.de > Erzählungen
Kuh - Rah - Schee
Eingestellt am 19. 12. 2011 21:53


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FrankK
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Kuh – Rah – Schee

   â€žFĂĽrchterlich!“ – „So wat asozialet!“
   Anne runzelte die Stirn. Die tuschelnden Stimmen hinter ihr in der FuĂźgängerzone wusste sie nicht zuzuordnen. Sie waren laut genug, um nicht ĂĽberhört zu werden, aber sie bezog sie nicht auf sich.
   â€žMitten am Tag schon besoffen, sowas gehört doch verboten!“
   Anne stöhnte innerlich auf, sie hasste diese neunmalklugen Moralprediger, die sich immer und jederzeit ĂĽber andere Menschen das Maul zerrissen. Sie schaute kurz von ihrem Buch auf und hatte sofort das bunte Kapuzenshirt ihrer Tochter Maja im Blick. Unbeschwert von der Welt spielte das Mädchen auf der Holzeisenbahn, turnte durch die Wagen und kletterte an der Lok herum. Anne lächelte versonnen, wer mochte wissen, welche Abenteuer ihr Kind gerade wieder in seiner Fantasie erlebte.
   Die Oktobersonne war warm und kräftig an diesem strahlend blauen Dienstag. Aus der nahen Pommesbude dröhnte die sonore Stimme des Besitzers ein „Jo, machs gut!“ in die Umwelt. Der Duft nach Fritten und Grillhähnchen wĂĽrzte die Luft.
   â€žMan sollte die Polizei rufen!“
   Anne verzog gequält die Mundwinkel. „KĂĽmmert euch um euren eigenen Dreck!“, wollte sie den Störenfrieden am liebsten zurufen, sie beherrschte sich aber. „So was macht man nicht!“, hätte ihre Mutter doziert. Genau das Gleiche hatte sie auch gesagt, als Anne an der Schule Einspruch einlegen wollte. „Noch nicht reif genug fĂĽr die Einschulung“, wurde ihr mitgeteilt, fĂĽr den Kindergarten war Maja aber mit sechseinhalb Jahren schon zu alt, da musste sie raus. Anne versuchte, sich wieder auf das Buch zu konzentrieren.

   â€žMama?“
   Es war fĂĽr Anne immer wieder ĂĽberraschend, was sie aus dem glockenhellen Stimmchen ihrer Tochter an Emotionen heraushören konnte: Neugierig, etwas besorgt, aber nicht ängstlich. Das Buch verschwand im Korb, der neben ihr auf der Bank stand, hundert Prozent Aufmerksamkeit auf Maja gerichtet, die Schwätzer waren ausgeblendet. Das Mädchen stand in der Holzlok, schaute auf etwas hinter dem Spielplatzzug, dass sie von ihrem Platz aus nicht erkennen konnte. Anne stand auf, jetzt erst bemerkte sie die Gruppe der tuschelnden Leute, die seitlich des Spielzuges standen und die Szene beobachteten.
   â€žWas ist, mein Schatz?“, fragte sie sanft ihre Tochter, die nur den Arm ausstreckte und auf etwas deutete. Anne ging um die Holzlok herum und entdeckte einen zitternden Mann, am Holzzaun hinter der Spielfläche angelehnt und zusammengerutscht. Seine Augen verdreht, schweiĂźnasse Stirn, Speichelfäden, die aus einem Mundwinkel liefen.
   â€žWas haben Sie? Kann ich Ihnen helfen?“ Anne kniete vor dem Mann, als er nicht reagierte ergriff sie seine zitternde Hand, die kraftlos wirkte. Sie berĂĽhrte mit ihrem HandrĂĽcken die Stirn des Mannes, sie fĂĽhlte sich kĂĽhl an. In Anne klingelten Alarmglocken, Maja beobachtete von oben aus der Lok heraus. „Schnell, Maja, hol mir deine Tasche!“
   Maja wusste sofort, worum es ihrer Mutter ging. Flink wie ein Wiesel war sie aus der Lok geschlĂĽpft, hatte aus dem Korb ein kleines Etui geholt. Noch im ZurĂĽcklaufen packte sie den Inhalt aus, reichte die Stechhilfe weiter und steckte einen Messstreifen in das Gerät.
   Anne setzte die Stechhilfe auf die Kuppe eines Mittelfingers des fast Bewusstlosen, es klickte leise, dann konnte sie einen winzigen Blutstropfen auf der Fingerkuppe erkennen. Mit kindlich gespielter wichtiger Miene, wie bei einer Herzoperation, nahm Maja die Stechhilfe zurĂĽck und gab das betriebsbereite Messgerät weiter. Anne musste, trotz der angespannten Situation, schmunzeln. Es piepste leise, als das Messgerät genĂĽgend Blut aufgenommen hatte, wenige Sekunden später piepste es erneut, die Anzeige blinkte: siebenundzwanzig.
   â€žIch hol `ne Cola“, flĂĽsterte Maja und rannte auch schon los, Etui und Stechhilfe hatte sie auf den Boden gelegt.
   Anne blickte zur Gruppe der Schwätzer: „Könnte bitte jemand einen Notarzt rufen?“
   Betroffen und demonstrativ unbeteiligt drehten sich die meisten um, bekamen gar nicht mit, was geschah. Nur ein junger Mann hatte zu lange gezögert, Anne schaute ihm direkt und auffordernd in die Augen.
   â€žIch hab nur ein Prepaidhandy!“, entschuldigte er sich stotternd und verschwand.
   â€žArschloch“, formten Annes Lippen lautlos. „Was ist, hat keiner ein Handy dabei?“, rief sie der Schwätzergruppe entgegen, aber offenbar hatte sie niemand gehört. Anne schloss verärgert die Augen, ihr eigenes Handy lag zu Hause auf dem KĂĽchentisch.
   Maja kam zurĂĽck, eine Dose in der Hand. Noch während Anne dem Mann in kleinen Schlucken das sĂĽĂźe Getränk einflößte, donnerte eine Stimme quer durch die FuĂźgängerzone.
   â€žHeh, Anne! Ist was passiert? Brauchst du Hilfe?“
   â€žEinen Notarzt!“, rief sie zurĂĽck. Aus den Augenwinkeln hatte sie bemerkt, wie die Gruppe Unbeteiligter bei Onkel Heinis GebrĂĽll zusammengezuckt war. „Hol mal unseren Korb etwas näher“, flĂĽsterte sie ihrer Tochter zu.
   Maja war dabei, das Etui wieder zusammenzupacken, sie nickte nur, wechselte gerade mit geschickten und flinken Fingern die Nadel in der Stechhilfe.
   In endlos kleinen Schlucken flößte Anne dem Mann das sĂĽĂźe Getränk ein.

   â€žDarf ich mal durch!“
   Mit energischer Stimme versuchte ein Mann sich Gehör zu verschaffen.
   â€žBitte, machen Sie doch Platz, ich bin Arzt!“
   Eine zähe Gaffertraube hatte sich um Anne und ihre Tochter gebildet. Der fremde Mann war immer noch nicht ansprechbar, das Zittern hatte aber bereits nachgelassen.
   MĂĽhsam quetschte sich der Arzt zwischen den Leuten hindurch, seine Tasche wie einen Rammbock vor sich herschiebend. Im Hintergrund blitzte es Blau ĂĽber den Köpfen der Umherstehenden, der Rettungswagen kam ebenfalls nur langsam näher.
   â€žMan könnte glauben, hier wären Marsmenschen gelandet“, brummte der Arzt, als er endlich den Kranken erreicht hatte.
   Anne fĂĽhlte sich nicht angesprochen.
   â€žIhr Freund?“, fragte der Arzt weiter. Anne schĂĽttelte den Kopf. Stumm beobachtete sie, wie der Arzt den Puls fĂĽhlte, die Pupillen untersuchte und schlieĂźlich ein kleines Messgerät aus seinem aufgeklappten Koffer nahm.
   Messstreifen, Stechhilfe, piepsen des Messgerätes: genĂĽgend Blut.
   â€žSiebenundzwanzig, vor `ner Viertelstunde“, flĂĽsterte Anne tonlos.
   â€žWie ...“ setzte der Arzt an, und als er den Blick hob, blieben seine Augen auf dem kleinen Etui hängen, dass Maja in der Hand hielt, dann nickte er verstehend.
   Das Messgerät piepste leise.
   â€žNun sinds achtundfĂĽnfzig, das hört sich doch wesentlich besser an.“
   â€žWir haben ihm eine Cola zu trinken gegeben!“, berichtete Maja stolz.
   â€žDas war eine sehr gute Idee“, lobte der Arzt. „Trotzdem werde ich ihm noch eine Glukosespritze geben. Einverstanden, Kollegin?“ Er lächelte Maja an, diese nickte mit wichtiger Miene.
   Irgendwo in der Menge klang ein Tuscheln auf.
   â€žStatt mit der Mutter des Kindes zu flirten, sollte sich der Arzt lieber um seinen Patienten kĂĽmmern“ – „Unglaublich, und dafĂĽr kriegen die auch noch so einen Haufen Geld!“
   Anne stand kurz davor, zu explodieren. Ganz, ganz kurz.

   â€žHeini, ich bin dir noch eine Cola schuldig.“
   Anne und Maja waren sofort, nachdem der Mann abtransportiert worden war, nach Hause gelaufen. Anne musste sich umziehen und wollte duschen. Während sie dem Fremden die Cola einflößte, hatte sich dessen Blase entleert. Minutenlang hatte sie unbemerkt in einer PfĂĽtze gekniet. Jetzt, zwei Stunden später, war in der FuĂźgängerzone alles wieder wie gewohnt. Maja hatte gedrängelt, zu Onkel Heini zu gehen. Als Kind hatte Anne vor diesem Mann mit dem mächtigen Stimmorgan Angst gehabt. Der Duft von BratwĂĽrstchen ĂĽber Holzkohle hatte sie aber immer wieder angelockt. Maja liebte diesen Mann, der von der ganzen Stadt „Heini“ gerufen wurde, obwohl sein Name Heinrich lautete.
   â€žDu trinkst doch gar keine Cola?“, fragte der Mann hinter dem Tresen zurĂĽck. Seine Augen fixierten sie, während er eine Currywurst zubereitete.
   Anne schĂĽttelte den Kopf.
   â€žNa, siehst du, dann bist du mir auch keine Cola schuldig.“ Die Schale mit der Currywurst in der Hand, kam er halb um den Tresen herum, stellte sie ab und half Maja, auf den fĂĽr sie viel zu groĂźen Hocker zu klettern. Er zuckte mit dem Kopf in Richtung des Speiseraums: „Georg wĂĽrde dich gerne sprechen.“
   Georg war der stadtbekannte Zeitungsmensch.
   Anne wusste ihre Tochter gut versorgt, also ging sie durch den Torbogen in den benachbarten Raum. Der beleibte Reporter saĂź gleich vorne am ersten Tisch. Stumm erwiderte sie seinen fragenden Blick, dann legte er sein Besteck zur Seite, erhob sich und reichte ihr die Hand: „Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“
   Den Händedruck kurz erwidernd, setzte sie sich schweigend an den Tisch.
   â€žSie haben dem Mann das Leben gerettet, wissen sie das? Ich war vorhin im Krankenhaus, da habe ich erfahren, dass er nicht nur eine Hyperglykämie ...“
   â€žHypoglykämie“, verbesserte sie ihn. „Eine Unterzuckerung nennt man Hypoglykämie.“
   Der Reporter stutzte, dann nickte er. „Sie haben recht, entschuldigen Sie bitte. Jedenfalls hatte er wohl auch einen Schlaganfall.“
   Anne blickte auf: „Das tut mir leid. Ist er ĂĽbern Berg?“
   Georg nickte: „Ja, das ist er wohl. Ich wollte Sie bitten ... ich meine ... Sie haben sehr viel Courage gezeigt. Ich hätte gerne ein ausfĂĽhrliches Interview mit Ihnen, ich möchte Ihren Namen nennen und vielleicht auch ein paar Fotos mit Ihnen und Ihrer To...“
   â€žNein.“ Es klang nicht barsch oder schroff, es war noch nicht einmal besonders laut.
   Georg schwieg, er wartete auf eine nähere Erklärung. Anne hatte das GefĂĽhl, die ganze Imbissstube schwieg und lauerte auf eine Erklärung. Sie war doch die Heldin, ihr stand es doch zu, in der Ă–ffentlichkeit gefeiert zu werden, Ruhm und Glanz und Ehre zu empfangen.
   â€žIch schäme mich“, unterbrach sie das bedrĂĽckende Schweigen. „Ich schäme mich fĂĽr meine Mitmenschen.“ Anne atmete tief durch. „Wenn Sie Namen nennen wollen, schreiben Sie doch ĂĽber einen Schuldirektor, der Angst hat, ein diabeteskrankes Kind in die erste Klasse zu nehmen. Oder von denen, die nur dumm herumstanden und darin glänzten, nichts zu tun.“
   Der Zeitungsmensch nickte nach einem Moment, dann schaute er sich im Lokal um: „Die meisten davon scheinen hier zu sitzen. Sei es drum ...“, er zwang sich zu einem aufmunternden Lächeln. „Trotzdem werde ich den Namen ihrer Tochter weitergeben.“
   Anne wollte empört widersprechen, aber er hinderte sie flĂĽsternd: „Der Mann im Krankenhaus hat nach einem kleinen Mädchen gefragt.“

   â€žOnkel Heini?“ Majas Beine baumelten im Takt einer unhörbaren Musik.
   â€žHmm?“ Der Imbissbesitzer kaute an einem StĂĽck Currywurst und betrachtete das Mädchen mit einem auffordernden Blick.
   Sie angelte mit einer Plastikgabel nach einem StĂĽck Currywurst, bevor sie, merkwĂĽrdig gedehnt, fragte: „Was heiĂźt Kuh – Rah – Schee?“
   Onkel Heini zögerte kurz, zog die Augenbrauen zusammen, als mĂĽsse er sich die Antwort erst noch zurechtlegen. „Es ist ein französisches Wort und man spricht es nicht so gedehnt: Courage“, verbesserte er zunächst ihre Aussprache. „Courage“, dozierte er deutlich lauter „bedeutet, den Mut zu haben, etwas zu tun, was sich andere nicht trauen.“ Dann beugte er sich vor und flĂĽsterte lächelnd: „Damit meine ich aber keine Dummheiten, Prinzesschen.“

__________________
Leben und leben lassen.

Version vom 19. 12. 2011 21:53
Version vom 28. 02. 2014 14:02

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USch
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Frank,
Chapeau, eine sehr gut geschriebene couragierte Geschichte. Hat mich gefesselt. Reif fĂĽr die Bestenliste
Ein paar Kleinigkeiten sind mir aufgefallen:

quote:
„So was macht man nicht!“, hätte ihre Mutter doziert. Genau das Gleiche hatte ihre Mutter sie wegen Doppelung auch gesagt, als Anne an der Schule Einspruch einlegen wollte.

quote:
Neugierig, etwas besorgt, Komma! aber nicht ängstlich.

quote:
„Ich schäme mich“, Komma! unterbrach sie das bedrückende Schweigen.
Noch etwas übersichtlicher wird der Text, wenn du jeweils nach wörtlichen Reden eine neue Zeile beginnst.
LG USch

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DocSchneider
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Hallo Frank, das ist eine sehr schöne Geschichte, spannend und lebensnah erzählt.
Wenn man auch rasch ahnt, weshalb das kleine Mädchen so gut Bescheid weiß.
Die Teilnahmslosigkeit der anderen, die sich nur in Glotzen sprichtwörtlichen Raum verschafft, hast Du gut dargestellt.

LG Doc

P.S. Ein Fehler noch :

quote:
es klickte Leise,


__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂĽdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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USch
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Frank,

quote:
quote:Noch etwas übersichtlicher wird der Text, wenn du jeweils nach wörtlichen Reden eine neue Zeile beginnst.

An welcher Stelle genau empfindest Du da ein Problem / eine Schwierigkeit?
Ach, ein Problem wäre zu viel gesagt. Ein Beispiel:
quote:
Anne verzog gequält die Mundwinkel. „Kümmert euch um euren eigenen Dreck!“, wollte sie den Störenfrieden am liebsten zurufen, sie beherrschte sich aber. „So was macht man nicht!“, hätte ihre Mutter doziert.
Anne verzog gequält die Mundwinkel.
„Kümmert euch um euren eigenen Dreck!“, wollte sie den Störenfrieden am liebsten zurufen, sie beherrschte sich aber.
„So was macht man nicht!“, hätte ihre Mutter doziert.

Muttu nich ändern
LG USch


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