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Kulinarisches auf dem Lande
Eingestellt am 03. 03. 2010 11:39


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Elmar Feische
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2001

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Kulinarisches auf dem Lande

Das „Haus Germania“ ist der einzige Gasthof im Dorf und seit dem Bau und der Eröffnung im Jahr 1739 in ununterbrochener mĂ€nnlicher Erbfolge im Besitz der Familie Bremes.

Die derzeitigen Besitzer Alois Bremes und Frau Vera Bremes, geborene Karge, sind 48 bzw. 40 Jahre alt und sie sind kinderlos.

Im zweiten Jahr ihrer Ehe war Vera Bremes schwanger geworden. Nach einer eigentlich problemlosen Schwangerschaft verstarb das Kind im Mutterleib wenige Tage vor dem errechneten Geburtstermin. Unter großen Schmerzen brachte Vera Bremes auf natĂŒrlichem Wege einen toten Jungen zur Welt. Der behandelnde Arzt riet dem Ehepaar Bremes zunĂ€chst von einer weiteren Schwangerschaft ab.

Alois und Vera Bremes hielten sich an diesen Rat. Einige Jahre lang gelang es den beiden, die Gedanken an die Erbfolge zu verdrĂ€ngen. Die FĂŒhrung des „Hauses Germania und notwendig werdende Renovierungen fĂŒllten die Jahre aus. Es blieb nicht viel Zeit fĂŒr GrĂŒbeleien und Zukunftsgedanken.

Aber verdrĂ€ngte Gedanken fĂŒhren ein Eigenleben.. Sie nisten sich im Unterbewusstsein in einem versteckten Winkel ein. Plötzlich erscheinen sie wieder an der OberflĂ€che. Meistens haben sie dann auch noch an Gewicht und GrĂ¶ĂŸe zugenommen. So auch bei Alois und Vera Bremes. Zum ersten Mal kommt bei ihnen die Angst auf, die traditionelle Erbfolge der Familie könnte mit Alois Bremes ein Ende nehmen.

An einem Abend, die letzten GĂ€ste hatten das „Haus Germania“ verlassen und das AufrĂ€umen und SpĂŒlen der GlĂ€ser war beendet, setzten sich die beiden noch zu einem GlĂ€schen Wein zusammen. Man sprach, wie ĂŒblich, noch ĂŒber die Ereignisse des zu Ende gehenden Tages.


Dann war es Vera, die das jahrelange Schweigen brach. Alois und sie fanden die Kraft zu einer Entscheidung. Sie einigten sich, ihren Arzt um einen GesprĂ€chstermin zu bitten. Sie wollten mit ihm die Möglichkeit und die Risiken einer neuen Schwangerschaft besprechen. Bereits am nĂ€chsten freien Dienstag im „Haus Germania“ bekamen sie einen Termin. Einem lĂ€ngeren GesprĂ€ch schlossen sich sehr eingehende Untersuchungen von Alois und Vera Bremes an. Untersuchungskriterien, die bei der ersten Schwangerschaft noch nicht bekannt waren, ergaben ein positives Bild. Eine Schwangerschaft im Alter von 43 Jahren sei zwar nicht problemlos, erklĂ€rte der Arzt in seinem AbschlussgesprĂ€ch mit Alois und Vera Bremes. Aber das Risiko sei auch nicht grĂ¶ĂŸer, als bei einer Schwangerschaft in jĂŒngerem Alter. Wichtig sei, bei einer eintretenden Schwangerschaft, sich voll auf diese zu konzentrieren. Wenn möglich, sollten grĂ¶ĂŸere körperliche Anstrengungen vermieden werden.

Alois und Vera erwogen in langen GesprĂ€chen das FĂŒr und Wider und entschieden sich dann, eine weitere Schwangerschaft von Vera zu wagen.

Einige Wochen vergingen. Eines Abends, wieder bei einem GlĂ€schen Wein zum Feierabend, sagt Vera Alois, dass sie wieder schwanger ist. Die Freude ist groß und wird von allen im „Haus Germania“ geteilt. Nachdem der Arzt nach der ersten Untersuchung die Schwangerschaft bestĂ€tigt, gibt Vera auf Bitten von Alois das tĂ€gliche GeschĂ€ft auf und man stellt zur UnterstĂŒtzung befristet eine Angestellte ein. Vera konzentriert sich ganz auf ihre Schwangerschaft und folgt den Anregungen und Anweisungen des Arztes. Als der Arzt bei einer der nĂ€chsten Untersuchungen feststellt, dass Vera Zwillinge, und zwar ein MĂ€dchen und einen Jungen, in sich trĂ€gt, verstĂ€rkt sich die Freude, nach einem ersten, schnell ĂŒberwundenen Schreck, noch weiter.

Die Schwangerschaft ist nicht unproblematisch und kostet viel Kraft, aber Vera Bremes bringt nach neun Monaten eine gesunde Tochter und einen gesunden Sohn zur Welt. Die Geburt erweist sich als sehr schwierig. Der Arzt wird spÀter Vera bei einer Nachuntersuchung sagen, dass eine nochmalige Schwangerschaft aus Àrztlicher Sicht definitiv unmöglich ist. Die beiden Kinder werden auf die Namen Franz und Franziska getauft.

Die Zwillinge gedeihen prĂ€chtig, körperlich wie geistig. Allerdings konzentriert sich im Hause Bremes alles auf Franz, den Jungen, der jetzt die jahrhunderte alte Tradition der Bremes als Besitzer des „Hauses Germania“ fortfĂŒhren kann. Ganz langsam, aber sehr intensiv, entwickelt sich bei Franziska eine tiefe Eifersucht auf ihren Bruder. Ihm wird einfach jeder Wunsch erfĂŒllt. Franziska muss jedoch auch nur um die kleinste Anerkennung sehr kĂ€mpfen.

Es konnte niemals geklĂ€rt werden, wie es zu dem Unfall kam, bei dem Franz zu Tode kam. Franz und Franziska waren allein losgezogen, um die nĂ€here Umgebung zu erkunden. Das UnglĂŒck passierte im nahe gelegenen Steinbruch. Dort fand Alois Bremes, der sich wegen des langen Fortbleibens der beiden Sorgen machte, Franziska wie versteinert am oberen Rand des Steinbruchs stehen. Franz, offensichtlich vom Rand abgestĂŒrzt, lag am Fuße des Steinbruchs. Ein Blick auf den blutĂŒberströmten Körper genĂŒgte Alois Bremes, zu erkennen, dass fĂŒr Franz jede Hilfe zu spĂ€t kam.

Er nahm seinen toten Sohn auf den Arm. Seine Tochter Franziska, die inzwischen vom Rand des Steinbruchs herabgestiegen war, nahm er an die Hand und ging zurĂŒck zum Gasthof. Niemand begegnete ihm unterwegs. Vera Bremes erlitt beim Anblick von Franz einen Schock und musste sich hinlegen. Alois schien sehr gefasst zu sein. Er hĂ€ngte ein Schild mit der Aufschrift: „Wegen einer familiĂ€ren Angelegenheit heute geschlossen“ an die EingangstĂŒr und schloss diese ab.
.
Franz legte er in sein Zimmer in sein Bettchen und deckte ihn sorgfĂ€ltig zu. Dann nahm er Franziska an der Hand und ging mit ihr auf ihr Zimmer. Er schloss die TĂŒr hinter sich und seiner Tochter. Sie blieben etwa eine halbe Stunde dort. Alois informierte nur Vera ĂŒber den Inhalt des GesprĂ€ches mit Franziska. Niemand sonst hat je erfahren, was damals auf Franziskas Zimmer besprochen wurde.

Am nĂ€chsten Tag waren die bei einem Todesfall ĂŒblichen FormalitĂ€ten zu erledigen. Diese wichen nur in einem Punkt von den ĂŒblichen FormalitĂ€ten ab: Alois und Vera Bremes baten darum, ihre tiefe Trauer zu akzeptieren und ihnen zu gestatten, die Reinigung, Ankleidung und Aufbahrung von Franziska selbst zu ĂŒbernehmen. Außerdem wolle man den Anblick des von dem tiefen Sturz entstellten MĂ€dchens niemanden zumuten.

Den Totenschein, der den Tod von Franziska durch einen Sturz im Steinbruch ohne Fremdeinwirkung bescheinigte, erstellte der Hausarzt. Er war seit langer Zeit ein guter Freund der Familie. Die von Alois Bremes vorgetragene Bitte konnte er nicht abschlagen. Dieser hatte ihn, beilĂ€ufig, an ein Ereignis erinnert, dass weit zurĂŒck im Dunkel der Vergangenheit lag und dessen Geheimnis sie beide, und auch der Pfarrer und der Bestatter, seit vielen Jahren teilten.

So wurde die von Alois und Vera Bremes gesĂ€uberte, in ein schlichtes, weißes Kleid gekleidete Franziska in der Auferstehungskapelle des Dorfes aufgebahrt. Alois und Vera Bremes hatten einen einfachen, schwarz lackierten Sarg gewĂ€hlt, der in einem wunderschönen Kontrast zu dem weißen Kleid und der LeichenblĂ€sse von Franziska stand. Der kleine Sarg versank fast in einem Meer von Kerzen und Maiglöckchen.

Am nĂ€chsten Tag wurde in einer schlichten Todesanzeige in der lokalen Tageszeitung und durch Totenbriefe den GĂ€sten, Freunden und Bekannten der plötzliche, sinnlose und tief erschĂŒtternde Tod von Franziska bekannt gegeben. Drei Tage spĂ€ter wurde Franziska, nach einer ergreifenden Totenmesse, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in der Familiengruft der Familie Bremes beigesetzt. Franz hatte man den schweren Abschied von seiner Schwester erspart und ihn fĂŒr die Zeit der Beisetzung unter Obhut einer Pflegerin zu Hause zurĂŒckgelassen.

Es heißt, Zeit heilt Wunden, und so gingen auch die Jahre im Hause Bremes weiter. FĂŒr Franz wurde einige Zeit nach der Beerdigung seiner Schwester ein Hauslehrer bestellt. In Abstimmung mit der Schulbehörde ĂŒbernahm dieser die schulische Ausbildung von Franz. Seine Eltern gaben als BegrĂŒndung an, der Tod seiner Schwester habe Franz psychisch so schwer getroffen, dass er nicht in der Lage sei, seine Schulausbildung zusammen mit anderen Kindern an der öffentlichen Schule des Ortes fortzusetzen.

Franz wurde nur selten im Dorf gesehen. Er nahm an den ĂŒblichen dörflichen Feiern nicht teil. Viel Zeit verbrachte er allein auf seinem Zimmer. Alois und Vera Bremes hegten und pflegten ihren Sohn aufopfernd und gaben ihm stets alles, was er benötigte. Nach dem erfolgreichen Schulabschluss verließ Franz das Dorf. Es hieß, dass er zur Fortsetzung seiner Ausbildung in der Gastronomie in einer abgeschiedenen Gegend irgendwo im SĂŒden in einem sehr gut renommierten Haus untergekommen sei.

Jahre gingen ins Land. Das Grab von Franziska war in jeder Jahreszeit mit frischen Blumen geschmĂŒckt; besonders das von Franz angepflanzte Knabenkraut zierte das Grab von Mai bis Juli. Das „Haus Germania“ erfreute und verwöhnte seine GĂ€ste weiter, wie in all den Jahrhunderten vorher. GĂ€ste kamen, sĂŒchtig nach Erholung, verbrachten herrliche Tage im Haus und fuhren gut erholt nach Hause, mit dem Versprechen, unbedingt wiederzukommen.

Aber die Zeit forderte auch von Alois und Vera Bremes ihren Tribut. Sie konnten zwar weiter mit arbeiten, aber es war doch eine jĂŒngere Hilfe im Hause erforderlich. So kehrte nach Jahren der Abwesenheit Franz zurĂŒck in das „Haus Germania“. Im Speiseraum aufgehĂ€ngte Zertifikate bescheinigten eine mit Auszeichnung absolvierte Ausbildung, die zur FĂŒhrung eines so traditionsreichen Hauses befĂ€higte. Besonders als Koch hatte Franz sich große Talente angeeignet. Schon bald war seine Speisekarte ĂŒber den Ort und den Kreis hinaus bekannt und beliebt. Franz verbrachte die meiste Zeit in seiner KĂŒche, wĂ€hrend Alois und Vera Bremes, mit UnterstĂŒtzung einiger Bediensteten, den normalen Gasthofbetrieb meisterten. Das „Haus Germania“ wurde zu einer „ersten Adresse“ unter GĂ€sten, die Wert auf kulinarische Kostbarkeiten, familiĂ€re Umgebung und gepflegte AtmosphĂ€re legten.

Einmal im Jahr schließt das „Haus Germania“ fĂŒr drei Wochen. Dann werden erforderliche Renovierungen durchgefĂŒhrt und man erholt sich von den Strapazen der FĂŒhrung eines so großen Hauses. Franz fĂ€hrt in diesen Wochen immer zurĂŒck an den Ort, an dem er seine Ausbildung absolviert hat. Wer ihn sieht, wenn er zurĂŒckkommt, kann erkennen, wie gut ihm diese drei Wochen immer bekommen.

Einige Wochen nach RĂŒckkehr von einem dieser Jahresurlaube wird im Hause Remes wieder ein, sagen wir, Sechs-AugengesprĂ€ch zwischen Alois, Vera und Franz erforderlich. Wieder wird ĂŒber den Inhalt dieses GesprĂ€ches nichts nach außen dringen. Möglicherweise ging es um die weitere positive Entwicklung des „Hauses Germania“, denn etwa drei Monate nach seiner RĂŒckkehr aus dem Jahresurlaub geht Franz erneut ins Ausland. Wie Alois und Vera Bremes auf Nachfrage sagen, fĂŒr eine etwa sechsmonatige Fortbildung, die Franz auf den allerneusten Stand in der Gastronomie bringen soll.

Irgendwann im Juni kommt Franz dann von seiner Fortbildung zurĂŒck. Er bringt ein neu geborenes Zwillingspaar (ein Junge und ein MĂ€dchen) mit. Die Geschichte, die er dazu erzĂ€hlt, ist voller Tragik. In seinem letzten Jahresurlaub hatte Franz, wie er erzĂ€hlte, eine junge Frau kennen gelernt. Er habe eine wundervolle Sommernacht mit ihr verbracht, dessen nach außen sichtbares Ergebnis das ZwillingspĂ€rchen war. Bei der Geburt der Zwillinge sei die junge Frau verstorben. Da sie keine weitere Verwandtschaft habe, habe er sich bereit erklĂ€rt, die Kinder mit nach Deutschland zu nehmen und fĂŒr ihre weitere Zukunft zu sorgen.

Am nĂ€chsten freien Tag des „Hauses Germania“ lud Franz Alois und Vera zu einem privaten Essen ein. Wie er sagte, wolle er ihnen seine auf der letzten kulinarischen Reise neu erworbenen Kenntnisse vorfĂŒhren.

Franz hatte einen großen Tisch mitten in einem Speisesaal des Hauses gedeckt, der fast in einem Meer von Kerzen und Maiglöckchen versank. Nach der Vorsuppe brachte Franz auf einem großen, mit Deckel verschlossenem silbernen Tablett das Hauptgericht herein. Er wĂŒnschte seinen Eltern einen guten Appetit und verließ den Raum. Als Alois den Deckel von dem Tablett entfernte und er und Vera sahen, was Franz dort fĂŒr sie angerichtet hatte, gellte beider entsetztes Schreien durch das Haus und vermischte sich mit dem Knall eines Schusses, der aus der KĂŒche zu kommen schien.

Aus dem Polizeibericht des Polizeihauptmeisters Edgar Brauer:

Am gestrigen Dienstag, abends um 18.46 h erreichte unser Revier ein Anruf. Der Anrufer nannte seinen Namen und erklĂ€rte, er sei Nachbar des „Hauses Germania“. Gerade habe er aus diesem Hause gellende Schreie und einen Knall gehört, der möglicherweise ein Schuss gewesen sein könnte. Anschließend sei alles ruhig gewesen, aber jetzt höre man aus dem Haus auch das Weinen eines kleinen Kindes.

Ich begab mich unverzĂŒglich mit meinem Kollegen, Polizeimeister Clemens Freisen, zum
„Haus Germania“. Wir fanden die TĂŒr unverschlossen. Der vordere Gastraum war leer. Aus einem hinteren Speiseraum fiel Licht unter der TĂŒr her. Wir öffneten die TĂŒr und sahen einen mit vielen Kerzen und Maiglöckchen geschmĂŒckten Tisch. Die Inhaber des „Hauses Germania“, Alois und Vera Bremes, die uns bekannt sind, saßen an diesem Tisch. Sie schienen völlig unter Schock zu stehen und starrten wie versteinert auf etwas, das auf einem silbernen Tablett in der Mitte des Tisches angerichtet war.

Auf den ersten Blick sah das, was auf dem Tablett lag, aus wie ein kleines, gebratenes Spanferkel. Bei nĂ€herer Inaugenscheinnahme sahen wir jedoch, dass es sich um einen kleinen, mĂ€nnlichen SĂ€ugling handelte. Umgeben war der SĂ€ugling mit GemĂŒse- und Salatbeigaben der Saison. Um das kleine Glied des SĂ€uglings war eine Schleife gebunden, wie sie das „Haus Germania“ zur Dekoration fĂŒr aus dem Haus gehende Speisen benutzte. Die an den Enden mit den Landesfarben schwarz-rot-gold versehene Schleife trug die Aufschrift: „Das Beste aus dem Haus Germania“. Mein Kollege, Polizeimeister Clemens Freisen, verschloss das Silbertablett mit dem auf der Erde liegenden Deckel und fĂŒhrte die unter Schock stehenden Alois und Vera Remes in den leer stehenden Gastraum. Ich bat ihn, bei ihnen zu bleiben und begann mit der Durchsuchung der weiteren RĂ€ume des Gasthauses.

In der KĂŒche fand ich, auf dem Boden in einer Blutlache liegend, Franz Remes. Er trug seine Kochbekleidung und hatte sich, allem Anschein nach, mit einer großkalibrigen Waffe in den Kopf geschossen. Ich fĂŒhrte eine sofortige Untersuchung durch. Franz Remes war tot.

In diesem Augenblick setzte wieder das Wimmern eines kleinen Kindes aus einem der RĂ€ume im oberen Stock des Gasthauses ein. Ich fand in einem Kinderbett mit großen offenen Augen
einen SĂ€ugling, in einem rosafarbenen Schlafsack liegend.

Da offensichtlich ein Gewaltverbrechen vorlag, informierten wir die zustĂ€ndige Kriminalpolizeibehörde, zwecks weiterer Beweismittelaufnahme. Die unter Schock stehenden Alois und Vera Bremes wurden ĂŒber Nacht im Altenheim unter Aufsicht gestellt. Wegen des Kindes informierten wir das Jugendamt, das sofort eine Mitarbeiterin schickte, die sich des Kindes annahm und es zunĂ€chst in einer Pflegefamilie unterbrachte.

Epilog

Das „Haus Germania“ wurde nach der Beerdigung von Franz und dem SĂ€ugling nicht wieder eröffnet. Alois und Vera Bremes hatten den Schock nicht ĂŒberwunden. Sie wurden nach einiger Zeit in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Die einzige wirklich Überlebende dieser Tragödie, ein kleines hĂŒbsches MĂ€dchen, wurde zunĂ€chst in die Obhut eines Waisenhauses gegeben.

Als das „Haus Germania“ nach einigen Monaten zum Verkauf angeboten wurde, fand sich zunĂ€chst kein KĂ€ufer. Im Ort meinte man, dass die schrecklichen Dinge, die im Haus geschehen waren, potentielle KĂ€ufer von einem Kauf abhielten. .

Nach Ablauf von etwa einem Jahr kam dann ein italienischer Hotelier und Gastronom mit Namen Vittorio de Luca in das Dorf. Er kaufte das „Haus Germania“ zu einem inzwischen sehr gĂŒnstigen Preis. Durch einen Gentest konnte er beweisen, dass er der Vater des ĂŒberlebenden MĂ€dchens und somit auch des verstorbenen Jungen war. Er nahm das Kind, fĂŒr das er eine Pflegerin und Erzieherin anstellte, zu sich und kĂŒmmerte sich sehr liebevoll um seine Tochter, der er den Namen Francesca gab. Die drei Toten in der Gruft der Familie Remes ließ er umbetten an einen schönen Platz auf dem Friedhof. Die Grabsteine trugen jetzt die richtigen Namen. Vittoria de Luca hatte auf jedem Grabstein eine ErklĂ€rung anbringen lassen: „Franz Remes, er durfte nicht tot sein“; „Franziska Remes, sie durfte nicht leben“ und „Francesco de Luca, ,er starb, bevor er leben konnte“. Vittorio und spĂ€ter, als sie grĂ¶ĂŸer war, auch Francesca, pflegten die GrĂ€ber mit viel Liebe und sie verbrachten viel Zeit dort. Alois und Vera Remes, die inzwischen in einem Altenheim lebten, besuchten Vittorio und Francesca nicht.

Das „Haus Germania“ begann schon bald wieder zu florieren. Vittorio konzentrierte sich auf sĂŒdlĂ€ndisches Ambiente. Seine KĂŒche war bald ĂŒber die Grenzen des Landkreises hinaus bekannt und beliebt. Irgendwann bekam das Haus dann auch ein neues Äußeres, das dem sĂŒdlĂ€ndischen Ambiente angeglichen wurde. Das alte, noch aus dem 18. Jahrhundert erhaltene Gasthof-Schild „Haus Germania“ wurde durch ein Schild mit de Aufschrift „Casa Francesca“ ersetzt. FĂŒr die Farben des Schildes hatte Vittoria de Luca warme Farben gewĂ€hlt. Wenn man das Schild ansah, hatte man den Eindruck, selbst in dunkelsten Tagen, die Schrift „Casa Francesca“ wĂŒrde von der Sonne beschienen.

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