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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Kur-"Schatten"?
Eingestellt am 16. 04. 2003 10:26


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karlkarl
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Registriert: Apr 2003

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Kur"Schatten"

November

An der Saale hellem Strande....
Der Fluß ist dunkel, fast schwarz, die Ufer eingehĂŒllt in Nebel, der frĂŒh gefallen ist. Nur ab und zu ein farbiger Fleck, golden, rot, oder von der Farbe alten Kupfers, je nach der Art des Baumes, der sich von der Last seiner BlĂ€tter in der Erwartung des ersten Frostes befreit hat. Die kahlen Kronen der riesigen BĂ€ume verlieren sich in dĂŒsterem Grau. Wo tagsĂŒber eine bunte Schar von Wasservögeln den von gutmĂŒtigen Passanten gespendeten Brotkrumen nachjagte, zieht ein einsamer Schwan seine Bahn im dunklen Wasser. Lautlos gleitet er dahin, ich schaue ihm nach, bis ihn die graue Wand verschluckt hat.
Was ihn zu dieser Zeit noch umhertreibt, ich weiß es nicht. Stille breitet sich aus, GerĂ€usche aus der Ferne klingen gedĂ€mpft, wie durch eine dicke Watteschicht. Der Fluß folgt lautlos seinem begradigten Bett, kaum eine Welle krĂ€uselt die OberflĂ€che, nur vorbeitreibende tote BlĂ€tter lassen seine Bewegung ahnen. Der Kurpark liegt verlassen, nur gelegentlich irrt ein Passant umher, ein Kurgast vielleicht, vergeblich bemĂŒht, die Ă€rztlich verordnete Laufleistung doch noch zu erfĂŒllen. Die Springbrunnen murmeln ihr ewig gleiches, monoton plĂ€tscherndes Lied, doch niemand hört zu, bald wird der Frost sie zum Schweigen bringen. Die Stadt ist menschenleer. Die hell erleuchteten Schaufenster zeigen ihre Pracht, vergeblich, da niemand sie bestaunt und sie nicht fĂ€hig sind, sich selbst zu bewundern. Rot...blau...grĂŒn...rot...blau...,das Farbenspiel im Fenster der Boutique am Markt malt ein geisterhaftes Farbenspiel in die dichter werdenden Schwaden.

Der Tag erwacht. Nur langsam gewinnt das Tageslicht den Kampf gegen das dunkle Grau der Nacht. Die SchwĂ€ne und Enten haben sich wieder unter der BrĂŒcke auf dem Fluß eingefunden, wohl wissend, daß hier ab und zu ein Brocken Brot zu ergattern ist. Es herrscht eine strenge Ordnung in der bunten Schar. An erster Stelle in der Hierarchie stehen die SchwĂ€ne, groß und stark, in hochmĂŒtigem Weiß gewandet, beanspruchen sie die besten Brocken und hacken erbarmungslos nach den kleineren Enten. Auch bei diesen haben die grĂ¶ĂŸeren Bunten den Vorrang vor den kleineren Graubraunen, und die ganz kleinen Schwarzen gehen meist leer aus. Ich versuche meine BrotstĂŒcke den Kleinsten zuzuwerfen, aber im Nu stĂŒrzt sich der große Schwarm darauf. Das Wasser brodelt, wenn sich hundert und mehr Vögel auf die wenigen Brocken stĂŒrzen, und hat eine der kleinen Enten ein FutterstĂŒck geschnappt, wird sie von den anderen gnadenlos gejagt, bis sie das StĂŒck verliert, oder hastig hinunter geschlungen hat

Das Stadtbild hat sich etwas belebt. Dicht vermummt eilen Menschen durch die Straßen. In den Hallen des Kurhauses wandeln die GĂ€ste mit wichtigem Gesichtsausdruck gemessenen Schrittes umher. Der Pianist hat Platz genommen und streichelt die Tasten, als denke er mit den Fingern nach. Wohl inspiriert durch den Blick durch eines der großen, mit GrĂŒnpflanzen verstellten Fenster in den nebelverhangenen Park gleitet sein Spiel immer wieder nach Moll. Auf den langen Reihen weiß lackierter RuhebĂ€nke sitzen vereinzelt Leute, Ă€ngstlich bemĂŒht, jeden Kontakt zu vermeiden, jeder verteidigt mit abweisendem Blick seine selbstgewĂ€hlte Isolation. Auf einer Bank sitzt ein PĂ€rchen, beide etwa Mitte 50. Er hat den Arm um sie gelegt, sie sehen nicht besonders glĂŒcklich aus. Sie passen nicht zueinander, wahrscheinlich eine jener Zufallsbegegnungen, die zustande kommen, wenn die Kur sich ihrem Ende zuneigt und der fĂŒr das SelbstwertgefĂŒhl so wichtige Kurschatten sich immer noch nicht eingefunden hat. Das Kurorchester beginnt zu spielen, ein langsames, getragenes StĂŒck, einige Leute stehen auf, verharren stumm.
Ich bin irritiert, dann erkenne, ich das StĂŒck und verstehe.
Es ist die Bayernhymne, traditionsbewußte Bayern erheben sich und nehmen den Hut ab. Ich bleibe sitzen und qualifiziere mich damit entweder als traditionsloser Geselle oder als verdĂ€chtiger AuslĂ€nder, wobei Ausland hinter der bayrischen Staatsgrenze beginnt. Das PĂ€rchen ist immer noch da, er redet auf sie ein, sie blickt starr geradeaus, die Kurkapelle ist zu heimatlichen Weisen ĂŒbergegangen. Die Stuhlreihen vor der BĂŒhne haben sich gefĂŒllt mit sprachlosen Menschen, jeder sorgsam darauf achtend, links und rechts einen freien Stuhl zu haben.

Mein abendlicher Gang durch den Kurpark wird von leichtem Nieselregen begleitet. Im Kurcafe nehme ich einen heißen Tee, der macht warm und beruhigt etwas die von der mageren Kost geschundenen Magennerven. Ich bestelle meinen Tee und sehe mich um. Ein rascher Rundblick zeigt mir schon, daß ich etwas deplaziert bin. Die GĂ€ste rings um mich sind festlich gekleidet, ich bin in einen Tanztee geraten. Die Paare betreten die TanzflĂ€che wie die Akteure eines großen Schauspiels die BĂŒhne. Die Herren korrekt gekleidet in Anzug mit Krawatte, die Damen im paillettenbesetzten schwarzen oder mitternachtsblauen, schulterfreien Abendkleid. Ein huldvoller Blick zum Kapellmeister (und seiner vollelektronischen Kapelle), ein weiterer beifallheischender Blick in die Richtung des (mehr oder weniger) staunenden Publikums und ab geht die Post. Drehung, Wiegeschritt, Passage, Soloteil..., der im Anzug ist nur Staffage, nötig zwar, denn allein sĂ€he es doch seltsam aus, aber ansonsten nur untergeordneter Teil der Show. Nach dem Tanz dezenter Applaus, er geleitet sie zum Tisch, rĂŒckt den Stuhl zurecht, nimmt nach ihr Platz und lauscht ergeben ihren sicher geistreichen (weiß ich nicht) und zahlreichen (kann ich verfolgen) Äußerungen. An den meisten Tischen das gleiche Bild. Dazwischen ein paar Singles, aufwendig restaurierte Damen mit Zigarettenspitze und schwarz umrandetem Augenaufschlag, grauhaarige Salonlöwen mit weißem Jakett, schwarzem Hemd und weißer Krawatte, den schweren Siegelring an der Hand und gelangweilte Überlegenheit im Blick. Verlierer unter sich. Und wenn dann die Kapelle die Kurve gekriegt hat vom Quickstep zum Blue Bayou, dann schlĂ€gt die Geburtsstunde der Kurschatten, der Beginn jener aus Langeweile und Geltungssucht, aus Torschlußpanik und manchmal echter Einsamkeit angefangener Beziehungskisten, deren Ende mit dem Ende der Kur oft nicht akzeptiert, zu den abenteuerlichsten Verwicklungen fĂŒhrt. Mein Tee ist kalt, die Rituale bleiben stets die gleichen, ich nehme das nasse Pflaster wieder unter die FĂŒĂŸe.

Der Fluß zieht mich an. Sein schweigender steter Lauf zieht die Gedanken an sich, hĂ€lt sie fest, trĂ€gt sie fort, spielt mit ihnen, spĂŒlt sie mal an dieses mal an jenes Ufer. Lautlos fallen die BlĂ€tter. Solange sie lebten waren sie gebunden an ihren Baum. Jetzt sind sie tot und frei, der Fluß nimmt sie mit auf die große Reise ohne Wiederkehr. Die BĂ€ume ziehen sich zurĂŒck in sich selbst, bereiten sich vor auf den Angriff des Winters und den langen Schlaf. Ich weiß nicht, ob BĂ€ume trĂ€umen können, und wenn ja, von was sie trĂ€umen. Ob vom vergangenen Sommer oder vom kommenden FrĂŒhling, von vergangenen Zeiten, von dem was sie gesehen, gehört und gefĂŒhlt. Von dem Wind, der sie gezaust, diesem wilden Gesellen, der ihre Namen nicht kennt, nur mit ihnen spielt, rasch eine Geschichte von fernen LĂ€ndern erzĂ€hlt und dann eilig weiterzieht. Von den Vögeln, denen sie Heimat in ihren Ästen gegeben, die sie mit ihren FrĂŒchten genĂ€hrt, denen sie Schutz und Ruheplatz zugleich waren. Von den Menschen, die in ihrem Schatten ruhten, wenn zur Sommerzeit die Sonne vom Himmel brannte. Vielleicht haben sie ein kollektives Bewußtsein, in dem sie trĂ€umend sich vereinigen. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob BĂ€ume trĂ€umen, aber ich glaube schon.
Einige von ihnen sind tausend und mehr Jahre alt. Welch ungeheure Menge von Erinnerungen und Erfahrungen, obwohl sie sich nie von der Stelle bewegt haben. Die Erinnerungen sind zu ihnen gekommen, der Wind hat sie weitergetragen, sie sind mit dem Regen gekommen und der Fluß hat sie mitgenommen bis zum Meer, von dort zu den Wolken und zurĂŒck zu den BĂ€umen mit dem silbernen Tau des Morgens. Alte BĂ€ume sind weise, sie tragen in sich die Erinnerung eines langen Lebens und das Wissen einer ganzen Art. Ich weiß nicht, ob BĂ€ume denken, aber ich glaube schon.
Die Szenerie ist bedrĂŒckend. In der Trinkhalle und der daran anschließenden Wandelhalle bewegen sich etwa 300 Menschen, schweigend, ein Glas in der Hand, gelegentlich trinkend. Das BedrĂŒckendste daran erscheint mir, daß es ĂŒberwiegend Leute im siebten oder achten Lebensjahrzehnt sind, die trotz der ungeheuren Summe an Lebenserfahrung nicht gelernt haben, miteinander zu reden. Jeder hĂ€lt sich an seinem Glas mit Gesundbrunnen fest (es schmeckt unbeschreiblich) und beĂ€ugt argwöhnisch seine Umgebung, der abweisende Gesichtsausdruck signalisiert 'laß mich bloß in Ruhe'. Jeder fĂŒr sich, und Gott gegen alle. Dabei sind sie doch alle in irgend einer Weise krank, ihre Gebrechen teils körperlicher aber möglicherweise in weit grĂ¶ĂŸerem Umfang seelischer Natur. Gerade die Letzteren brauchen Zuwendung und Zuspruch und sei es nur das Wissen, daß ihnen jemand zuhört und ihnen damit ein Minimum menschlicher Zuwendung zuteil wird. Aber dieser dringende Wunsch nach Zuwendung wird von dem noch dringenderen Wunsch nach Abgrenzung ĂŒberlagert, ein Konflikt, der kaum lösbar ist. Möglicherweise entspringt dieses Verhaltensmuster dem Urinstinkt der Tiere, die sich, den nahenden Tod fĂŒhlend, verkriechen um in Frieden zu sterben.
BĂ€ume sterben leise. Ich meine nicht den Tod eines Baumes unter dem Gekreisch von MotorsĂ€gen, deren stĂ€hlerne ZĂ€hne sich in den Stamm fressen und seinen Lebensnerv zerstören. Ich meine auch nicht den jĂ€hen Tod durch Entwurzeln im heftigen WĂŒten eines Sturmes. Ich meine diesen langen, leisen Tod, bei dem die Äste mehr und mehr verdorren, das GrĂŒn der BlĂ€tter in jedem FrĂŒhling weniger wird und der Stamm, rauh und rissig, Wunden nicht mehr verschließen kann. Es ist ein langes Sterben. Man schaut ihn an im Herbst und sagt ihn tot. Und im nĂ€chsten FrĂŒhling hat er wieder grĂŒne BlĂ€tter, weniger als im letzten Jahr, aber er zeigt, daß er immer noch lebt, viele Jahre lang. Und wenn dann nur noch wenige BlĂ€tter ĂŒbrig sind, wenn die Wurzeln die Kraft verloren haben, dann stirbt der Baum, und eines Tages wirft ihn der Wind zu Boden, er vergeht und wird zu dem, was er war. Ich weiß nicht, ob BĂ€ume leiden, aber ich glaube schon.

Ich habe mich selbst ertappt bei dem beschriebenen Verhaltensmuster der Revierabgrenzung. Im gutbesetzten Cafehaus sitze ich an einem -freien!- Tisch, trinke meinen Tee und schreibe ein paar Zeilen. Nach einer Weile setzen sich zwei alte Damen zu mir. Ich bin irritiert, zahle und gehe. Möglicherweise entsprechen die beiden nicht meinem Idealbild alter Damen, weißhaarig, gĂŒtig und weise, vielmehr sahen sie etwas zĂ€nkisch aus. Ich habe nicht versucht, diesen Eindruck zu bestĂ€tigen oder zu widerlegen, ich bin einfach gegangen. Sie haben nicht mit mir gesprochen, ihre bloße Anwesenheit hat mich gestört. Ich glaube, ich unterliege wie alle anderen dem PhĂ€nomen der Sprachlosigkeit. Dieses PhĂ€nomen ist in vielen Bereichen anzutreffen, wie ich vermute sogar bei vielen Leuten die miteinander reden, zumindest nach außen hin, in Wahrheit sagt jeder seinen Text auf, ohne dem anderen zuzuhören oder gar auf das, was er sagt, einzugehen. Die FĂ€higkeit zum GesprĂ€ch in des Wortes ureigenster Bedeutung, zum echten Austausch von Gedanken, zur Analyse des vom GegenĂŒber gesprochenen Wortes, ist nicht vorhanden oder wird durch egozentrische Mechanismen verdrĂ€ngt. Unterhaltungen verkommen immer mehr zu Monologen mit einem GegenĂŒber als Staffage. Damit tritt zweifellos auch eine Stagnation in der kulturellen Entwicklung ein, da Gedanken des Individuums nicht mehr aufgenommen und zum Nutzen eines kollektiven Bewußtseins weiterentwickelt werden. Einige wenige denken vor und hĂ€mmern ihre Sicht der Dinge mit Hilfe der modernen Kommunikationsmedien in die Hirne der sprachlosen und weitgehend kritikunfĂ€higen (im Sinne konstruktiver Kritik) Mehrheit. Was aber ist, wenn die Vordenker nicht recht haben? Was ist, wenn die Vordenker ihren furchtbaren Irrtum zu spĂ€t erkennen, wenn der blaue Planet kein Leben mehr trĂ€gt? Kein Leben? Ich verfalle dem gewohnten Denken der Menschen, Leben automatisch mit dem Leben der Spezies Homo Sapiens gleichzusetzen. Leben wird auf dem blauen Planeten weiter existieren, in anderen Formen, die in der Lage sind, den atomaren Holocoust zu ĂŒberstehen, Flechten, Moose, Insekten, vielleicht ein paar BĂ€ume. Sie werden weiterleben und die Information des Geschehens in sich tragen, sie von Generation zu Generation weitergeben. Es wird keine Kriege mehr geben, BĂ€ume sind friedlich. Und wenn sich die Staubwolken nach jenem finalen Geschehen gelegt haben, werden sich die SchĂ¶ĂŸlinge aus der Asche erheben, werden zu BĂ€umen heranwachsen und in einer friedlichen Revolution diesen Planeten in Besitz nehmen. Die StĂŒrme des atomaren Feuers werden sich legen und wieder zu Winden werden, zu jenen unsteten Gesellen, die LĂ€nder und Meere ĂŒberqueren, den BĂ€umen die Kronen zerzausen, ihnen schnell ihre unglaublichen Geschichten erzĂ€hlen und dann weitereilen. Neue Quellen werden entspringen und die vertrockneten und verdampften Flußbetten fĂŒllen und ihren Weg suchen zum Meer. Wolken werden wieder ziehen und Regen spenden fĂŒr das verbrannte und geschundene Land, damit die neuen Herren der Erde trinken und wachsen können, unbehelligt von Vordenkern und einer allzu glĂ€ubigen Mehrheit. Sicher wird es noch Spuren der Menschheit geben, Spuren von ihren Bauwerken, die fĂŒr die Ewigkeit gebaut waren, Spuren der Vernichtung von Natur und Umwelt. Aber die neuen Bewohner werden die Spuren zudecken, ĂŒber sie hinwegwachsen und nur das Wissen in sich behalten. Ich weiß nicht, ob BĂ€ume vergessen, aber ich glaube nicht.

Die Natur ist alt, sehr alt. Sie kann warten und sie kennt ihre Chance: das Programm in unserem Kopf, das zur Selbstzerstörung unserer Art angelegt ist, lĂ€uft bereits auf vollen Touren, durch nichts mehr aufzuhalten. Die Natur wird ĂŒberleben, und wenn der letzte Mensch von seinesgleichen erschossen, erschlagen, vergiftet, verbrannt ist, wird sie daran gehen, die schweren Wunden, die ihr der Mensch geschlagen hat, zu heilen. In buchstĂ€blich letzter Sekunde der Geschichte unseres Planeten ist der Mensch auf der BĂŒhne erschienen. Aber anstatt die ihm von einem leichtfertigen Schöpfer verliehene Intelligenz zum Wohl und Nutzen aller Kreatur einzusetzen ist er dem Wahn verfallen, Krone der Schöpfung zu sein, sich die Erde und die Natur untertan machen zu mĂŒssen, sie auszubeuten und sie zu zerstören. Der furchtbare Begriff des Holocoust ist besetzt, bezeichnet die versuchte Ausrottung einer Rasse, ein Geschehen, das mit menschlicher Vernunft nicht zu erfassen ist. Wie aber soll man das nennen, was augenblicklich auf der Erde ablĂ€uft, die Ausrottung vieler Arten, inclusive der des Menschen? Selbstmord ist eigentlich nicht das richtige Wort, da viele Menschen begriffen haben, wo der Weg hinfĂŒhrt, sie haben nur nicht die Macht, diesen Irrsinn aufzuhalten. Mord ist wohl die adĂ€quate Bezeichnung, da jene, die die Macht haben sie nicht nutzen, um die Menschheit zur Umkehr zu bewegen. Sie werden zu Mördern vieler Arten und letztendlich zu den Managern eines finalen Super-Holocoust. Aber auch hierin steckt ein Denkfehler, bedingt durch die zwangslĂ€ufig subjektiv-menschliche Betrachtungsweise des Problems. Das, was fĂŒr die menschliche Spezies der finale Holocoust ist, stellt fĂŒr die Natur nur eine unbedeutende Episode in ihrer Geschichte und im Kommen und Gehen der Arten dar. UnzĂ€hlige hat sie kommen und gehen sehen, allerdings hat ihr bislang keine so schwere Wunden zugefĂŒgt wie der Mensch. Sie wird uns nicht vermissen, im Gegenteil, es wird lange dauern, bis die Wunden, die wir ihr geschlagen haben, verheilt sind. Aber Zeit ist nur wichtig von der lĂ€cherlich kurzen Lebensspanne eines Menschenlebens aus betrachtet, die Erde lebt in anderen ZeitrĂ€umen. Die Natur hat vorgesorgt, sie hat das Programm zur Selbstzerstörung unauslöschlich in unseren Köpfen eingeprĂ€gt, und jetzt hat sie es zu ihrem eigenen Schutz aktiviert. Der Countdown lĂ€uft, niemand wird ihn aufhalten. Gut fĂŒr die Erde.

Das gewohnte Ritual nimmt seinen Lauf. Die Wandelhallen fĂŒllen sich, der Pianist hat Platz genommen und spielt Gershwin. Die BĂ€nke sind im gewohnten Abstand besetzt, die Ausgabe der TrinkglĂ€ser beginnt, jedes mit eigener Nummer, damit ja keine Verwechslungen vorkommen. Abgrenzung auch hier. GrĂŒppchen, die etwas lauter reden oder gar lachen werden mißbilligend beĂ€ugt, sie gefĂ€hrden offenbar den Kurerfolg. Lautes Lachen in diesen ehrwĂŒrdigen Hallen kĂ€me schon fast einem Sakrileg gleich. Ich bitte eine der Damen an der Wasserausgabe, mir die Trinksitten etwas nĂ€her zu erlĂ€utern, sie blickt mich mĂŒrrisch an und dreht mir dann den RĂŒcken zu, offensichtlich fĂŒhlt sie sich auf den Arm genommen. Ich war ehrlich interessiert. Ich nehme mir einen der Plastikbecher fĂŒr zwei Groschen und hole mir Wasser an einem anderen Brunnen. Es schmeckt noch abartiger als das von gestern. Ich leere den Rest in einen der zahlreich herumstehenden BlumenkĂŒbel und hoffe, daß die Blumen keinen Schaden nehmen.
Aus einem grauverhangenen Himmel fĂ€llt der Regen, nicht heftig, aber gleichmĂ€ĂŸig. Durch große, prachtvoll bemalte Fenster kann man in den Park sehen. Der Wind bewegt die nun schon fast kahlen Äste, fegt die letzten BlĂ€tter vom Baum, wirbelt sie spielerisch herum, bevor sie am Boden zur Ruhe kommen oder vom Fluß fortgetragen werden. Die RĂ€ume des Badehauses gleichen hohen Kirchenschiffen, mit SĂ€ulen und Rundbögen, großen Spiegeln und prachtvoll verzierten Fenstern. Im Warteraum stehen mit Schnitzereien verzierte Ohrensessel, beeindruckend, auch wenn der PlĂŒschbezug schon etwas verschlissen ist. Auch die Fenster verraten bei nĂ€herem Hinsehen, daß sie schon bessere Tage gesehen haben. Da wo eigentlich ein Kronleuchter angenehmes Licht spenden sollte sind ein paar hĂ€ĂŸliche Neonleuchten angebracht. Trotz des verblaßten Interieurs mit diversen StilbrĂŒchen fĂ€llt es mir nicht schwer, mir die Szenerie mit all ihrer Pracht zu den Zeiten vorzustellen, als hier anstelle der LVA-Patienten noch Kaiser und Könige wandelten und auf Kosten ihrer Untertanen die Folgen ihrer unmĂ€ĂŸigen Lebensweise zu kurieren versuchten, weitab von dem Volk, das so war wie sie es liebten, arbeitsam, schweigsam, gefĂŒgig, Eigenschaften, die auch heute noch den MĂ€chtigen in aller Herren LĂ€nder den Erhalt ihrer Macht sichern.


Eine Amsel sitzt in den Zweigen eines Baumes mit grĂŒnen Nadeln und roten Beeren, ich glaube es ist Wacholder. Sie lĂ€ĂŸt sich wiegen von dem Wind, der immer wieder durch die Äste fĂ€hrt, ab und zu pickt sie eine der roten Beeren, sie scheint satt zu sein und sich wohl zu fĂŒhlen. Ihr Freund, der Baum schĂŒtzt sie, nĂ€hrt sie, wiegt sie. Sie weiß nicht, daß der Baum ihr Freund ist, sie ist in ihren Instinkten programmiert, diesen Baum aufzusuchen. Der Mensch sollte eigentlich wissen, daß die BĂ€ume auch seine Freunde sind. Sie geben ihm Nahrung, Wohnung, spenden lebenserhaltenden Sauerstoff, geben Schatten und schĂŒtzen vor LĂ€rm und Staub. Doch wie schĂ€big gehen wir mit ihnen um, wir fĂ€llen sie, um Straßen zu bauen fĂŒr unsere Autos, deren Abgase unsere Freunde langsam aber sicher töten. Wir belasten sie mit Staub und Ruß und giftigen Abgasen aus Kraftwerken und Flugzeugen, wir sĂ€gen sie um, damit neue Skipisten gebaut werden können, wir brennen sie nieder, um neuen Raum fĂŒr landwirtschaftliche Nutz-flĂ€chen zu erhalten, die nur dazu da sind, die bestehende Überproduktion noch mehr zu erhöhen. Wir gehen sehr schlecht um mit unseren Freunden. Ich weiß nicht, ob die BĂ€ume uns noch lieben, ich hoffe es, aber ich glaube es nicht.


Es zieht mich wieder zum Fluß. Durch den unaufhörlichen Regen gespeist ist er schneller geworden. Seine BlĂ€tterfracht, die gestern noch gemĂ€chlich am Ufer entlangtrieb wird jetzt in die Mitte gerissen und ist schnell hinter der nĂ€chsten Biegung verschwunden. Nur vereinzelt sind Enten zu sehen, bei diesem Wetter ist niemand da, der sie fĂŒttert. Die Weiden am Ufer lassen ihre langen, vom Regen schweren Äste fast bis auf die WasseroberflĂ€che hĂ€ngen, der Wind bemĂŒht sich vergeblich, sie zu bewegen. In wenigen Tagen wird es Schnee geben, er wird die letzten Farbtupfer am Ufer zudecken, und mit dem ersten Frost beginnt die harte Zeit fĂŒr die Tiere am Fluß.

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Bleiben wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche (CHE)
http://www.h-kaltwasser.de

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